mini|Women of the Wall bei der Toravorlesung Die Rolle der Frau im Judentum wird durch die Hebräische Bibel, die rabbinische Literatur, das Gewohnheitsrecht und nicht-religiöse kulturelle Einflussgrößen bestimmt. Obwohl die Bibel und die rabbinische Literatur verschiedene weibliche Rollenmodelle beschreiben, auch solche, nach denen Frauen Männern gleichgestellt oder sogar überlegen sind, werden Frauen nach dem religiös begründeten Recht in bestimmten Situationen grundsätzlich anders behandelt als Männer.

Das Geschlecht hat Einfluss auf die Verwandtschaftslinie: Im traditionellen Judentum wird die Zugehörigkeit zum Judentum über die jüdische Mutter an die folgenden Generationen weitergegeben, auch wenn der Name des Vaters in der Tora gebraucht wird, um Söhne und Töchter zu benennen, beispielsweise „Dinah, Tochter Jacobs“.John Bowker: World Religions. The Great Faiths Explored & Explained. Dorling Kindersley Limited, London 1997, ISBN 0-7894-1439-2, S. 121, 131.

Im 20. Jahrhundert und besonders seit den 1970er Jahren begannen Frauen zunächst in liberalen Gemeinden, später auch im konservativen und orthodoxen Umfeld, vermehrt Aufgaben in der Öffentlichkeit zu übernehmen.

Geschichte Die Rolle der Frau im Judentum war durch die Hebräische Bibel, die rabbinische Literatur, das Gewohnheitsrecht und nicht-religiöse kulturelle Einflussgrößen bestimmt. Obwohl die Bibel und die rabbinische Literatur verschiedene weibliche Rollenmodelle beschreiben, auch solche, nach denen Frauen Männern gleichgestellt oder sogar überlegen sind, wurden Frauen durch orthodoxe Rabbiner nach dem religiös begründeten Recht manchmal grundsätzlich anders behandelt als Männer.

Im traditionellen Judentum kann die Zugehörigkeit zum Judentum nur von Frauen durch Geburt an ihre Kinder weitergegeben werden. Demnach werden ausschließlich die Nachkommen jüdischer Frauen bereits als Juden geboren. Nachkommen eines jüdischen Mannes und einer nichtjüdischen Frau müssen hingegen zum Judentum konvertieren, wenn sie als Juden von traditionellen Gemeinden anerkannt werden wollen.

Gleichwohl der Status der Väter bezüglich der Aussage „Wer jüdisch ist“ völlig unberücksichtigt bleibt, wird die Zugehörigkeit zum Stamm der Leviten und auch der Kohanim wiederum ausschließlich über den Vater weitergegeben.

Und auch bei der noch heute verbreiteten Nennung der Herkunftsfamilie im Anschluss an den eigenen Namens, wird lediglich der Vater erwähnt. Dies in der Form „Dinah Bat Jacob“ oder „David Ben Moshe“, wobei im Hebräischen Ben „Sohn“ und Bat „Tochter“ bedeutet. Eine Systematik, wie sie schon in den Texten der Tora vorherrscht und auch heute noch bei der Einreise nach Israel angegeben werden muss.John Bowker: World Religions. The Great Faiths Explored & Explained. Dorling Kindersley Limited, London 1997, ISBN 0-7894-1439-2, S. 121 und 131.

Im 20. Jahrhundert und besonders seit den 1970er Jahren begannen Frauen zunächst in liberalen Gemeinden, später auch im konservativen und orthodoxen Umfeld, vermehrt Aufgaben in der Öffentlichkeit zu übernehmen.

Biblische Zeit mini|Julius Schnorr von Carolsfeld: Ruth bei der Nachlese im Feld des Boas, 1828 mini|hochkant|Gustave Doré: Michal lässt David durchs Fenster entkommen, 1865 In der Bibel werden nur wenige Frauen mit Namen und sozialer Rolle erwähnt. Dies weist darauf hin, dass sie kaum im Vordergrund des öffentlichen Lebens standen. Es gibt Ausnahmen von dieser Regel, zu denen die Erzmütter Sara, Rebekka, Rachel und Leah gehören, weiterhin die Prophetinnen Mirjam und Huldah, die Richterin Deborah, Abigail, die David heiratete, Rahab und Königin Ester. Nach der Darstellung der Bibel trafen die relativ wenigen öffentlichen Auftritte dieser Frauen nicht auf Widerstand.

Nach jüdischer Tradition wurde am Berg Sinai ein Bund zwischen dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs und den Israeliten geschlossen. Die Tora teilt mit, dass dabei Männer und Frauen anwesend waren. Der Bund war aber so formuliert, dass er die Männer darauf verpflichtete und von ihnen forderte, seine Beachtung und Einhaltung durch die Haushaltsmitglieder, also Frauen, Kinder und Sklaven, sicherzustellen. In diesem Sinne bezog der Bund auch die Frauen ein, wenngleich indirekt.Judith Hauptman: Women. In: David L. Lieber (Hrsg.): Etz Hayim: Torah and Commentary. The Jewish Publication Society, 2001, S. 1356–1359.

Ehe- und Familienrecht bevorzugten in den biblischen Zeiten den Mann. Ein Ehemann konnte sich beispielsweise von seiner Frau scheiden lassen, wenn er wollte, aber eine Frau konnte dies umgekehrt nicht ohne seine Zustimmung tun. Die Praxis der Leviratsehe galt für Witwen von Ehemännern, die ohne Nachkommen verstorben waren, nicht aber für Witwer von kinderlos verstorbenen Ehefrauen; wenn jedoch einer von ihnen nicht zustimmte, kam es zu einer andersartigen Zeremonie, der Chalitza. Gesetze hinsichtlich des Verlusts der Jungfräulichkeit sind ohne männliches Pendant. Diese und andere Genderunterschiede der Tora lassen darauf schließen, dass Frauen den Männern untergeordnet waren. Außerdem wurden wohl Kontinuität der Familientradition, das Eigentum und die Einheit der Familie in der Gesellschaft als höherrangig angesehen. Die Tora benennt allerdings auch spezifische Verpflichtungen von Männern gegenüber ihren Ehefrauen, darunter ihre Versorgung mit Nahrungsmitteln, Kleidung und ehelicher Verkehr.Joseph Telushkin: Biblical Literacy. The Most Important People, Events, and Ideas of the Hebrew Bible. William Morrow and Company, New York 1997, S. 403.

Frauen spielten auch bei den religiösen Riten eine Rolle. Sie mussten ebenso wie Männer eine jährliche Pilgerfahrt zum Tempel in Jerusalem machen und das Pessach-Opfer darbringen. Dies geschah auch zu Anlässen wie dem toda („Dankopfer“) nach der Geburt eines Kindes. Frauen nahmen also bei vielen der wichtigen öffentlichen Ereignisse wie die nichtlevitischen Männer eine religiös bedeutsame Rolle ein, wenn auch seltener und allgemein eher in zurückhaltender Form.

Frauen waren von Männern wirtschaftlich abhängig. Sie hatten im Allgemeinen kein Eigentum, außer in dem Fall, dass sie Land von ihrem Vater erbten, wenn dieser keine Söhne hatte. Auch „in diesen Fällen war die Frau verpflichtet, innerhalb ihres Stammes zu heiraten, damit der Landbesitz des Stammes nicht verkleinert wird“. Dies geht auf die Erzählung der fünf in der Bibel namentlich erwähnten Töchter Zelofhads zurück. Nach dem Tod ihres Vaters erbitten die fünf Töchter von Mose das Recht, den Anteil des Gelobten Landes, der ihrem Vater zufallen sollte, zu erben, damit der Name ihres Vaters, obwohl keine männlichen Nachkommen existieren, erhalten bleibt. Dazu fordern sie ein Gottesurteil am Eingang des Begegnungszeltes. Dieses entscheidet zu ihren Gunsten . Die Gileaditer argumentieren gegen das Erbrecht der Frauen, da so der Landbesitz eines Stammes durch Heirat verloren gehen könnte. Es wird deshalb festgelegt, dass die Töchter Zelofhads nur innerhalb ihres Stammes heiraten dürfen . In wird ihnen tatsächlich Landbesitz zugeteilt.

Nach Darstellung des anglikanischen Theologen John Bowker beten Frauen und Männer entsprechend der Tradition getrennt. Dies geht auf die Antike zurück, als Frauen nur den zweiten Hof des Tempels betreten durften.John Bowker: World Religions. The Great Faiths Explored & Explained. Dorling Kindersley Limited, London 1997, ISBN 0-7894-1439-2, S. 119.

Zwei von fünf Megillot sind nach Frauen benannt, und ihr Vortrag gehört bis heute zur Liturgie bestimmter jüdischer Feiertage. Das Buch Esther wird an Purim vorgetragen, und das Buch Rut ist Bestandteil der Liturgie des Wochenfestes Schawuot.

Talmudische Zeit Klassische rabbinische Literatur, darunter auch die Sprüche der Väter, enthält Passagen, die Lobpreisungen oder die Herabsetzung von Frauen zum Ausdruck bringen. Der Talmud stellt fest: Rechtschaffene Frauen erhalten einen größeren Lohn als rechtschaffene Männer.Berakhot 17a (Talmud). Der Welt wurden zehn Maßeinheiten der Rede gegeben, davon nahmen die Frauen neun für sich.Kiddushin 49b (Nashim). Frauen sind „leichten Sinns bei grobem Wissen“ d. h. sie besitzen mehr Intuition.Shabbat 33b (Talmud). Ein Mann ohne Frau lebt ohne Freude, ohne Segen und ohne Güte. Ein Mann sollte eine Frau lieben wie sich selbst und höher achten als sich selbst.Yebamot 62b. Wenn Rav Yosef b. Hiyya die Schritte seiner Mutter hörte, pflegte er zu sagen: Lass mich vor der Ankunft der Gegenwart GottesKiddushin 31b (Nashim). aufstehen. Israel wurde aus Ägypten aufgrund der Tugend der rechtschaffenen Frauen errettet.Sotah 11b. Ein Mann muss darauf achten, niemals herabsetzend zu seiner Frau zu sprechen, da Frauen zu Tränen neigen und sehr empfindsam auf Fehlverhalten reagieren.Baba Metzia 59a. Frauen haben einen stärkeren Glauben als Männer.Sifre, 133. Frauen sind scharfsinniger und einsichtiger als Männer.Niddah 45b. Frauen sind besonders empfindsam und mitfühlend.Megillah 14b. Nur wenige Frauen werden in der rabbinischen Literatur namentlich genannt. Keine hat rabbinische Werke verfasst. Die genannten aber werden als Frauen dargestellt, die einen starken Einfluss auf ihre Ehemänner haben. Gelegentlich waren dies Personen des öffentlichen Lebens. Beispiele sind Bruriah, Ehefrau des Tanna Rabbi Meir; Rachel, Ehefrau von Rabbi Akiva; und Yalta, Frau von Rabbi Nachman. Rabbi Elazars Frau beriet ihren Mann, als er die Führung im Sanhedrin übernahm. Als Rabbi Elazar ben Azarya die Rolle des Nasi („Prinz“ = Präsident des Sanhedrin) übernehmen sollte, antwortete er, er müsse sich zuerst mit seiner Frau beraten, was er auch tat.Babylonischer Talmud, Brachoth 27b.

Mittelalter Weil Juden in der christlichen wie der muslimischen Welt als Bürger zweiter Klasse angesehen wurden, war es für Frauen umso schwerer, ihren Status zu sichern. Der israelische Historiker Avraham Grossman stellt in seinem Buch Pious and Rebellious: Jewish Women in Medieval Europe dar, dass drei Faktoren die Wahrnehmung der Frauen durch die sie umgebende Gesellschaft bestimmten: „das biblische und talmudische Erbe, die Situation in der nicht-jüdischen Gesellschaft, in der die Juden lebten und arbeiteten, und der wirtschaftliche Status der Juden, einschließlich der Rolle der Frau bei der Erhaltung der Familie.“Avraham Grossman: Pious and Rebellious. Jewish Women in Medieval Europe. Grossman stellt dar, dass aufgrund aller drei Faktoren der Status der Frauen in dieser Zeit erhöht wurde.Avraham Grossman: Pious and Rebellious. Jewish Women in Medieval Europe. S. 3.

Während des Mittelalters gab es einen Konflikt zwischen den hochgespannten Erwartungen des Judentums an die Frauen und der gesellschaftlichen Realität, was auch auf christliche Frauen derselben Zeit zutrifft.Judith R. Baskin: Jewish Women in the Middle Ages. Dies veranlasste das kabbalistische Werk Sefer Hakanah zu der Forderung, Frauen sollten die Mitzvot in einer den Männern gleichwertigen Weise erfüllen.H. H. Ben-Sasson: Spiritual and Social Creativity.

Religiöses Leben mini|hochkant|Anselm Feuerbach: Mirjam mini|James Tissot: Abraham rät Sarai, sich nicht als seine Frau, sondern als seine Schwester auszugeben Religiöse Entwicklungen führten im Mittelalter zu einer Abschwächung des Verbotes der Lehre der Torah durch Frauen und zur Entstehung von Gebetsgruppen der Frauen.Theodore L. Steinberg: Jews and Judaism in the Middle Ages. S. 157–158. Seit der Zerstörung des Jerusalemer Tempels im Jahre 70 wurden Synagogen zu einem Ort der öffentlichen Teilnahme an Praktiken des jüdischen Lebens. Wahrscheinlich lernten die Frauen auch die Liturgie auf Hebräisch zu lesen. Es gibt Hinweise darauf, dass im 15. Jahrhundert in einigen aschkenasischen Gemeinden die Frau des Rabbi die Zizit genau wie ihr Ehemann trug.