mini|Alte Ev. Kirche (Kapelle) Wommelshausen, 10./11. Jh., Südansicht mini|hochkant|Informationstafel vor Ort mit Grundriss Die denkmalgeschützte Alte Kirche, eine frühmittelalterliche turmlose schlichte SaalkirchenGerald Bamberger: „Laß doch die Kirche im Dorf“. Die Geschichte der Kirchen und Kapellen in der alten Pfarrei Hartenrod. Hrsg. von der Ev. Kirchengemeinde Bad Endbach, Bottenhorn mit Dernbach und Hülshof, Günterod, Hartenrod mit Schlierbach sowie Wommelshausen (Seiten 273–314), Gladenbach 1997. (Einraumkirche) in Wommelshausen im Hessischen Hinterland und soll Schätzungen zufolge zwischen 1000 und 1100 JahreHorst W. Müller: Ist die Wommelshäuser Kapelle schon 1200 Jahre alt? Ein Versuch zur zeitlichen Einordnung nach Maßverhältnissen und Konstruktionsmerkmalen. In: Hinterländer Geschichtsblätter. Nr. 3, November 1985. alt sein.

Beschreibung mini|hochkant|Romanische Pforte am östlichen Ende der Südwand mit Jakobsmuschel an der Türe, heute Hauptzugang mini|hochkant| Romanisches Westfenster in der Südwand Das rechteckige Gebäude hat ein Grundmaß von ca. 13,00 × 9,30 m bei einer mittleren Traufhöhe von 6,00 m und ist mit einem 45° Satteldach von 5,00 m Firsthöhe gedeckt. Das Dach überragt ein 10,00 m hoher schlanker achteckiger Dachreiter mit gotischem Spitzhelm, der genau über der Mitte (einschl. Chor) des Bauwerks stand.Horst W. Müller: Alte Kirche Wommelshausen, Baugeschichte und Rekonstruktion des Bauentwurfs. In: Hinterländer Geschichtsblätter. Nr. 4, Dezember 2012 und Nr. 1, April 2013, Biedenkopf Ein ursprünglich vorhandener, etwas außermittig angesetzter quer eingezogener 6,10 m × 3,50 m großer ChorFreies Institut für Bauforschung und Dokumentation e. V.: Archäologische Bodenuntersuchung – Wommelshausen, Alte Kirche. Marburg, August 1997. wurde 1720 abgebrochen.

Auf ein hohes Alter des Bauwerkes deuten typisch romanische geometrische Proportionen und stilistische Merkmale hin, wie z. B. das Verhältnis der Höhe der Traufmauern zur Breite des Baukörpers.

Reiner Bruchsteinbau, keine Werksteine, keine Eckquaderung

Der Baukörper besteht aus einem massiven Mauerwerk (Mauerstärke ca. 1,2 m bis 1,3 m), ein reiner Bruchsteinbau, keine Werksteine, keine Eckquaderung. Alle Mauern wurden als doppelschaliges verputztes Bruchsteinmauerwerk aus Grauwacke in reichlicher Mörtelbettung erstellt. Zumindest die Südseite, die Ostseite, die Westseite und die unteren Teile der Nordseite befinden sich noch im originalen Zustand der Erbauungszeit. In der Südwand befinden sich zwei hochliegende kleine rundbogige Fensteröffnungen, die außen ungewöhnlich gedrungene Spitzbögen aufweisen, was als Zeichen einer Renovierung/Umbau an der Krone der Südwand gilt.

Das Fenster in der Westwand und das Fenster in der Nordwand wurden bei früheren Renovierungen vergrößert. Beide hatten vermutlich die gleiche Größe wie die Fenster in der Südwand und lagen auf der gleichen Höhe. Der Haupteingang, ehemals Laieneingang, befindet sich auf der Nordseite, unterhalb des heutigen rechteckigen Fensters (vergrößert 1922). Die ehemalige Priesterpforte im östlichen Teil der Südwand ist eindeutig romanisch. Sie war vermauert und wurde bei der Renovierung 1996 wieder geöffnet. Heute ist sie der Zugang zur Kirche.

Das dicke Mauerwerk, die hochliegenden kleinen Fenster und die relativ schmalen, gut zu sichernden Eingänge sind Merkmale, die auf eine passive Wehrkirche (Schutzraum) hindeuten könnten, auch für Vorräte in unruhigen Zeiten.

Achsknick Die Ostwand des Gebäudes steht nicht im rechten Winkel zur Gebäudeachse, sondern im Winkel von 93°, nach Süden abgeknickt. Zwischen dem Saal-Gebäude und dem abgebrochenen Chor gab es daher einen Achsknick von ca. 3°. Die Kirchenachse wurde nach dem Sonnenaufgang am Gründungstag ausgerichtet mit der Orientierung 113° von Nord und hat einen „Achsknick“ (zweite Orientierung, nach der Sommersonnenwende). Siehe hierzuErwin Reidinger, Mittelalterliche Kirchenplanung in Stadt und Land aus der Sicht der „Bautechnischnischen Archäologie“, Lage, Orientierung und Achsknick, Sonderdruck aus Beiträge zur Mittelalterarchäologie in Österreich 21/2005

Vorgängerbauwerk? Fundamentreste unter der Westmauer und Steinlagen unter dem Fundament der Nordwest-Ecke deuten darauf hin, dass die Kirche auf den Fundamenten eines noch älteren Bauwerkes, einem Vorgänger-Bauwerk, möglicherweise aus Holz, einer Holzkirche?, die wie üblich auf einem Fundament aus Steinen errichtet wurde.Freies Institut für Bauforschung und Dokumentation e. V.: Archäologische Bodenuntersuchung – Wommelshausen, Alte Kirche. Marburg, August 1997.

Der Grundriss mit dem ausgegrabenen und nachgewiesenen ehemaligen eingezogenen querrechteckigen Chor fügt sich ganz in das Bild der Kirchen aus karolingischer Zeit (800 bis 920).

Zu groß für ein kleines Dorf? Weder Bauherr noch Bauzeit sind bekannt. Es wird vermutet, dass es eine Eigenkirche eines adligen oder geistlichen Grundherren war. Auffallend sind die relativ großzügigen Abmessungen dieser Kirche für ein kleines Dorf in einem rein ländlichen Umfeld. Hatte sie ehemals (zur Zeit ihrer Entstehung) eine bis heute unbekannte besondere Funktion?.

Bauzeit 10. bis 11. Jahrhundert Das frühmittelalterliche Bauwerk wird dem Übergang von der Vorromanik zur Romanik, der Zeit vom 10. bis 11. Jahrhundert zugerechnet, d. h. 1000 bis 1100 Jahre alt. Ein schlichter Saalbau (Saalkirche) mit Flachdecke oder ursprünglich mit offenem sichtbarem Dachgebälk, wie er sich bei einfachen Dorfkirchen noch bis ins 11. Jahrhundert gehalten hat.

mini|links|hochkant|Margarethenkirche (Krofdorf) von Nordwest Es ist möglich, dass das Bauwerk unter dem Einfluss der Wormser Bauhütte entstanden ist, da es Ähnlichkeit im Kern mit der allerdings größeren und viel älteren Magnuskirche (Worms) aufweist. In der Region hatte das Hochstift Worms des Bistums Worms einst viele Vogteirechte und umfangreichen BesitzUlrich Lennarz: Die Territorialgeschichte des hessischen Hinterlandes. Untersuchungen und Materialien zur Verfassungs- und Landesgeschichte. Hrsg. Hessisches Landesamt für geschichtliche Landeskunde, N.G.Elwert, Marburg 1973, ISBN 3-7708-0491-0., den ihm die Konradiner und Kaiser geschenkt hatten.

Die Wommelshäuser Kapelle hat außerdem große Ähnlichkeit mit der etwas größeren, 1271 erwähnten Ev. Margarethenkirche in Krofdorf.

Reparaturen und Emporen Renovierungen 1269, 1274 und 1284

In der zweiten Hälfte des 13. Jh. (1269, 1274 und 1284) wurden dendrochronologischen Untersuchungen zufolge Renovierungen bzw. Umbauten an der Mauerkrone der Südwand und den beiden Giebelwänden ausgeführt.Freies Institut für Bauforschung und Dokumentation e. V.: Bauhistorischer Untersuchungsbericht – Wommelshausen, Alte Kirche. Marburg, Juni 1995.

Emporen eingebaut Von 1485 bis 1487 wurden umfangreiche Renovierungen am Innenausbau und Dachreiter durchgeführt. Im Innenraum baute man in diesem Zusammenhang L-förmig die West- und Südempore ein (dendrochronologisch belegt). Das sind die frühesten nachgewiesenen Emporen in der näheren und weiteren Umgebung.

Reparaturen nach dem Dreißigjährigen Krieg In den Jahren 1652 bis 1660 mussten wegen starker Schäden, verursacht durch Plünderungen und Kriegseinwirkungen während des Dreißigjährigen Krieges, beide Giebel, Mauerwerk, Dach und Dachreiter repariert werden. Auch die Bänke und die sonstige Inneneinrichtung wurden erneuert, weil man sie geplündert und verbrannt hatte.

Umfangreiche Renovierung 1720/26 In den folgenden Jahrzehnten verfiel das Bauwerk sehr, weil es nicht ausreichend gottesdienstlich genutzt wurde. Auf massives Drängen (Androhung von Strafen) der vorgesetzten weltlichen und kirchlichen Behörden musste die Gemeinde als Eigentümerin des Bauwerkes in den Jahren 1720/26 umfangreiche Renovierungen/Baumaßnahmen vornehmen. Der Landgraf Ernst Ludwig von Hessen-Darmstadt bewilligte dazu eine Kollekte im „Oberfürstentum“.

In der Raummitte und hinter dem Altar wurden massive neue Deckensäulen aus Eichenholz aufgestellt, die Saaldecke erneuert und eine neue barocke Kanzel mit Pfarrstand errichtet. Die West-Empore stockte man mit einer Hochempore auf. Alle Brüstungen der Emporen wurden erneuert, die Fachwerke mit Vierkantstäben ausgefüllt und oben auf den Brüstungsbalken Platznummern eingeschnitzt (heute noch sichtbar). Auch die Sitzbänke der Frauen unterhalb der Emporen erhielten Platznummern; sie hatten, wie alle Bänke in der Kirche, keine Rückenlehnen (vermutlich wollte man dem Kirchenschlaf damit begegnen).

Chor abgebrochen und versoffen, keine wesentlichen Veränderungen am Baukörper Der baufällige querrechteckige Chor wurde im Zusammenhang mit der Renovierung abgebrochen, das Chor-Grundstück an den Nachbarn (Gastwirt) verkauft und der Erlös von den Gemeindevätern dort „versoffen“, wie im Kirchenbuch in Hartenrod vermerkt ist. Den Altar verschob man aus dem abgebrochenen Chor auf der gleichen Achse, daher etwas außermittig, in den Innenraum. Der Durchgang zum Chor und die südliche Pforte wurden vermauert, das kleine Westfenster vergrößert. Am Baukörper selbst wurden keine wesentlichen Veränderungen vorgenommen.

Schlaguhr von 1726 bis 1965 im „Dienst“ In den Dachreiter wurde 1726 eine Schlaguhr eingebaut, gefertigt von einem Schmied aus Niederweidbach, die bis 1965 ihren Dienst versah. Sie steht heute, einschließlich der zugehörigen Glocke, funktionsfähig im Heimatmuseum.

Barocke Ausmalung Der Innenraum erhielt eine barocke Ausmalung und das gesamte Holzwerk einen dunkelgrünen Anstrich u. a. mit floralen Elementen am Gebälk der Emporen und an der Kanzel. Ein Bild mit der Darstellung der Taufe Jesu brachte man an der großen Mittelsäule an. Vermutlich hat man im Verlauf dieser Renovierung die mittelalterlichen Wandmalereien (Fresken, z. B. an der Nordwand) überstrichen. An den Fußbalken der Westempore hängte man ein barockes Kruzifix (heute in der Aussegnungshalle des Friedhofs).

Weitere Reparaturen und Renovierungen Im Verlauf der Jahre mussten immer wieder Schäden am Dach, am Dachreiter und am Mauerwerk behoben und Renovierungen vorgenommen werden, so 1778 und 1785. Zur Stabilisierung der hinteren nördlichen Außenwand wurden 1851 Maueranker als Queranker eingebaut. Umfangreiche Renovierungen erfolgten in den Jahren 1892/94. Der chronisch schlechte Bauzustand konnte auch durch weitere Reparaturmaßnahmen 1918, 1922 und 1925 durch Vergrößerung des Nordfensters und Anbau eines Außenkamins für eine Ofenheizung nicht behoben werden.

Auf dem Altar stand ab Ende des 19. Jh. ein zweites Kruzifix, das der Hofdekorateur am Königshof in Dresden, Carl Müller gestiftet hatte (hängt heute im Heimatmuseum). Seine MutterPetra Burk-Wagner: Mühlen im Salzbödetal. In: Mitteilungen des Vereins für Geschichte und Volkskunde Lohra. Sonderheft 2, 1986, S. 40 u. 41, Viktoria Katharina Müller geb. Seip aus der Hintermühle, Dichterin u. a. des vertonten Gedichtes/Liedes „Drüben im Hinterland …“ stammte aus Wommelshausen aus der Hintermühle.

…„sibirisches Klima“ Wiederholt kam es zu massiven Beschwerden durch Besucher wegen des feuchten Raumklimas, auch die Bauaufsicht schaltete sich ein. Geldmangel und die Weltwirtschaftskrise Ende der 1920er Jahre verhinderten eine umfassende Sanierung. Im Jahr 1934 reiften Pläne die Kirche durch einen Neubau zu ersetzen, da sich eine Reparatur nicht mehr lohne und man „…das ahle Gelirr abreißen solle“. In einem Visitationsbericht wird vermerkt: „… in der Kirche herrsche ein sibirisches Klima, sie gleiche eher einem Stall als einem Gotteshaus“.

Umbauplan 1939 und Renovierung 1950