mini|Porträtfoto Otto Rauth, 1914 Otto Rauth (* 3. Juni 1881 in Leipzig; † 11. November 1967, ebenda) war ein deutscher Jurist, Publizist und Übersetzer. Von 1932 bis zu seinem Tod war Rauth "Kalantar"Kalantare waren vom Begründer der Mazdaznan-Bewegung, Otoman Zar-Adusht Hanish, eingesetzte Vorsteher eines Landes oder einer Sprachregion, die "darauf achten, daß diese freie und frohe Botschaft ihren Gang weiter nimmt, daß nichts hinzugesetzt und nichts abgenommen wird von dieser Botschaft". Zitiert nach: Mazdaznan - Ruf an die Welt. 3. Jg., 1954, Nr. 9/10, S. 151. der Mazdaznan-Bewegung für Deutschland, die deutschsprachigen Länder sowie für Dänemark, Schweden und Norwegen. Neben dem Mazdaznan-Gründer Otoman Zar-Adusht Hanish und dem für die Verbreitung der Mazdaznan-Botschaft in Europa zuständigen Ehepaar Frieda (1862–1955) und David Ammann (1855–1923) zählt Otto Rauth zu den wichtigsten Protagonisten dieser religiös-lebensreformerischen Bewegung.
Leben Herkunft und Ausbildung Otto Rauth wurde als Sohn des aus dem Rheinland stammenden und ab 1877 in Leipzig ansässigen Gastwirtes, Weinhändlers und späteren Großkaufmanns Carl Rauth (* 23. Mai 1847 in Ober-Ingelheim am Rhein; † 5. Juli 1917 in Leipzig) und dessen Ehefrau Elisabeth Rauth, geborene Holzammer (* 7. Mai 1850 in Mainz; † 8. März 1929 in Leipzig), geboren. Sein jüngerer Bruder war der Maler und Grafiker Leo Rauth.
Ab 1895 besuchte Otto Rauth das König-Albert-Gymnasium, welches er Ostern 1902 mit dem Reifezeugnis verließ.König Albert-Gymnasium (Hrsg.): Schüler-Album 1880-1904/05. König Albert-Gymnasium (bis 1900 Königliches Gymnasium) in Leipzig. Friedrich, Leipzig 1905, Nr. 1683. Anschließend studierte er Rechtswissenschaften an der Universität Leipzig und wurde am 26. Juni 1906 mit dem Prädikat magna cum laude promoviert.Graul, S. 70, Anm. 104: "Otto Rauth hatte ausschließlich in Leipzig studiert. Laut UAL, Quästurkartei, Rauth, Otto war er zwischen April 1902 und Juni 1905 an der Universität eingeschrieben; er wohnte in dieser Zeit bei seinen Eltern, Hospitalstraße 12 (der Herberge des 'Mazdaznan-Heims' von 1919 an)". Seine Dissertation zum Thema Der Inhalt des § 952 des Bürgerlichen GesetzbuchesGedruckt bei R. Nöske, Leipzig 1906. gewann den ersten Preis des von der Leipziger Juristenfakultät im Jahre 1904/05 ausgeschriebenen Preisthemas.
Während seines Referendariats arbeitete Rauth am Königlichen Amtsgericht in Leipzig und ließ sich anschließend ebenda als Anwalt nieder.
Tätigkeit für Mazdaznan Vor dem Ersten Weltkrieg Obgleich Rauth nach eigenem Bekunden erst „seit April 1912 dem Mazdaznan-Bund im erweiterten Vorstand als Mitglied angehörig“ war,Laut Vernehmungsprotokoll des Kriminalkommissars Carl Wilhelm Förstenberg vom 15. Februar 1914. Zitiert nach: Johannes Graul: Nonkonforme Religionen im Visier der Polizei. Eine Untersuchung am Beispiel der Mazdaznan-Religion im Kaiserreich. Ergon-Verlag, Würzburg 2013, S. 211. kam er nach Darstellung Robert EhlersRobert Ehlers (1909–1982): seit 1972 in der Nachfolge Mila Ketterers Herausgeber der Zeitschrift Mazdaznan - Ruf an die Welt. In dieser Eigenschaft setzte er die Veröffentlichung des literarischen Nachlasses Otto Rauths fort. Vgl.: Otto Meffert: Nachruf auf Robert Ehlers. In: Mazdaznan - Ruf an die Welt. 31. Jg., 1982, Nr. 1, S. 25. bereits während seiner Studienzeit mit der Mazdaznan-Lehre in Berührung. Aus der nach David Ammanns Tod von Hanish ausgefertigten Ernennungsurkunde für Frieda Ammann als Mutter Superior und Botschafterin für Europa geht hervor, dass Otto Rauth durch Frieda Ammann der Bewegung gewonnen worden sei. Frieda Ammann hielt sich bereits seit September 1905 in Leipzig auf, um ihre vier Kinder: Walter Robert (* 1883), Lucie Dora Elisabeth (1884–1926), Hedwig Charlotte (1885–1986) und Fritz Emil (* 1886) am Leipziger Konservatorium ausbilden zu lassen (Vgl.: Graul, S. 65). Dies harmoniert mit der Darstellung Rudolf Ehlers, wonach Rauth schon während seiner Studienzeit, also vor 1907, mit Mazdaznan in Berührung gekommen sei. Als der vom Mazdaznan-Begründer Otoman Zar-Adusht Hanish in der Eigenschaft eines Botschafters für Europa entsandte Schweizamerikaner David Ammann ab Sommer 1907 von Leipzig aus die Mazdaznan-Botschaft im deutschsprachigen Raum zu verbreiten begann, besuchte Otto Rauth regelmäßig dessen Vorträge und Kurse.Robert Ehlers: Dr. Otto Rauth - 100 Jahre. In: Mazdaznan - Ruf an die Welt. 30. Jg., Nr. 4, 1981, S. 103. Bereits auf der Leipziger Sommer-GahanbarDie Gahanbar: Das Wort stammt aus der Avestischen Sprache und bedeutet "sich um den (Altar-)Tisch versammeln". Damit bezeichnet die Mazdaznan-Bewegung ihre großen halbjährlichen Zusammenkünfte auf regionaler Ebene. Vgl. Graul, S. 69. 1910 führte Rauth ägyptische Atemtechniken gemäß der Mazdaznan-Lehre mit großer Könnerschaft vor."Seit 1910 kennen wir uns; zur Sommergahanbar 1910 in Leipzig haben wir beide zum erstenmal den Anwesenden die ägyptischen Atemübungen vorgeführt, und ich war beeindruckt mit welcher Grazie auch Dr. Rauth die Übungen beherrschte." Rudolf Kayser, Mittelsinn. In: Mazdaznan - Ruf an die Welt. 17. Jg., 1968, Nr. 1, S. 13.
Aufgrund seines persönlichen Eifers, seiner intellektuellen Fähigkeiten und seiner juristischen Ausbildung trat Rauth zur Familie Ammann schnell in engeren Kontakt und wurde deren persönlicher Ratgeber und Anwalt. Als solcher setzte er sich für die rechtliche Konsolidierung der jungen Bewegung in Deutschland ein. 1913 wurde sie unter der Bezeichnung Mazdaznan-Bund ins Vereinsregister des Leipziger Amtsgerichts eingetragen und damit amtlich anerkannt. Im gleichen Jahr wurde dem 1909 gegründeten Mazdaznan-Verlag die Rechtsform einer GmbH verliehen. Darüber hinaus wurden für Ammann die UrheberrechteDie Urheberrechte an den Veröffentlichungen David und Frieda Ammanns wurden durch Otto Rauth auf 70 Jahre nach deren Ableben verlängert. Sie liefen 1993 aus. Otto Rauths Urheberrechte an den von ihm herausgegebenen Werken gelten noch bis 2038. Vgl.: Mazdaznan - Ruf an die Welt. 17. Jg., 1968, Nr. 1, S. 39. an der von ihm herausgegebenen deutschsprachigen Mazdaznan-Literatur gesichert. Ab 1912 gehörte Rauth offiziell dem engeren Führungszirkel der Bewegung an. Auf dem Mazdaznan-Bundestag im Dezember 1913 wurde er zum Schriftführer des Bauausschusses für einen geplanten Mazdaznan-Tempel in Leipzig gewählt.Graul, S. 310f. Dass Rauth Ammann ebenfalls dazu riet, dem bisherigen Herausgeber der Mazdaznan-Zeitschrift, Hugo Vollrath (1877–1943), eine "überaus schillernde und äußerst umstrittene Gestalt, deren Biographie noch allerlei Fragen aufwirft" (Graul, S. 105, hier bes. Anm. 228) 1909 die Konzession zu entziehen und einen eigenen Verlag zu gründen, sowie im November 1911 einen Antrag auf Einbürgerung in das Königreich Sachsen zu stellen, ist zwar naheliegend, kann bislang jedoch noch nicht belegt werden.
Als im Frühjahr 1914 David Ammann von den sächsischen Behörden als unerwünschte Person des Landes verwiesen werden sollte,Am 14. April 1914 war die Verordnung des Ministeriums des Innern an das Polizeiamt der Stadt Leipzig ergangen. Die Familie erhielt daraufhin umgehend die Ausweisungsverfügung, in der ihr mitgeteilt wurde: „Da Sie, wenn auch nicht dem Namen nach, so doch der wirkliche Leiter des diese Lehre vertretenden 'Mazdaznan-Bundes' (Sitz Leipzig) sind und sich als solcher und als Verbreiter der Mazdaznan-Lehre lästig gemacht haben, so werden Sie, da Sie amerikanischer Staatsbürger, also Ausländer sind und als solcher kein Recht zum Aufenthalte im Königreiche Sachsen haben, wie Ihnen hiermit eröffnet wird, mit Ihrer Familie als lästige Ausländer aus dem Königreiche Sachsen ausgewiesen. Sie haben Leipzig und das Königreich Sachsen bis zum 15. Mai 1914 zu verlassen (...) Ihre Familie hat Leipzig u. das Königreich Sachsen bis zum 1. Juli 1914 zu verlassen.“ Zitiert nach: Graul, S. 240f „übernahm Rauth die Kommunikation mit den Behörden“. Er setzte alle ihm zur Verfügung stehenden juristischen Mittel ein, um die Rücknahme des Ausweisungsbescheides zu erreichen.Dazu zählten u. a. Anfang Mai die Anrufung der Königlichen Kreishauptmannschaft, die am 13. Mai 1914 abgelehnt wurde; ein Immediatgesuch zur Aufhebung der Ausweisungsverfügung beim Sächsischen König vom 8. Mai 1914 sowie eine Anfechtungsklage an das Königliche Oberverwaltungsgericht in Dresden vom 25. Mai 1914 bei gleichzeitiger Beschwerde an das Königliche Ministerium des Innern in Dresden. Vgl.: Die Ausweisung vom Rechtsstandpunkte aus. Ein Bericht des Rechtsanwalts Dr. Rauth. In: Mazdaznan. 7. Jg., 1914, Nr. 7, S. 145ff. Nachdem der von Ammann für den 6. Mai 1914 geplante öffentliche Abschiedsvortrag Die Rasse der Zukunft und Rassenhygiene vom Gesundheitsamt Leipzig untersagt und eine Klage dagegen abgewiesen worden war, forderte Rauth die Mitglieder und Sympathisanten des Mazdaznan-Bundes zu einer Erklärung auf, mittels der sie für die Unbedenklichkeit der Mazdaznan-Lehre Zeugnis ablegen und ihren Protest gegen die Ausweisung Ammanns zum Ausdruck bringen sollten. Nach Rauths Angaben wurden über 1000 sogenannter Zeugnisbereitschaftserklärungen an die Zentrale in Leipzig gesandt.Graul, S. 241, Anm. 332. Einzelne Zeugnisse wurden veröffentlicht in der Mazdaznan- Zeitschrift, 7. Jg., 1914, Nr. 7, S. 166–168. Einen Teil dieser Erklärungen verwendete Rauth für das von ihm herausgegebene Masdasnan-Weißbuch.Masdasnan-Weißbuch. Zur Aufklärung der Öffentlichkeit über Wesen und Wert der Masdasnanlehre. Herausgegeben vom Rechtsanwalt Dr. O. Rauth in Leipzig als Vorsitzenden des Deutschen Masdasnan-Bundes e. V. in Leipzig in dessen Auftrag. 1. Aufl. 1. bis 5. Tausend, 2. Aufl. 6. bis 10. Tausend, Masdasnan Verlag GmbH, Leipzig 1914 und 1916. Mit diesem Buch verfolge Rauth das Ziel, "die Öffentlichkeit über Wesen und Wert der Masdasnanlehre aufzuklären".Masdasnan-Weißbuch, Leipzig 1916, S. 3.; Vgl.: Die Ausweisung. Bericht von Rechtsanwalt Dr. Rauth in Leipzig vom 10. August 1914. In: Mazdaznan - Zeitschrift, 7. Jg. 1914, Nr. 8/9, S. 190ff. Nach Rauths Angaben hatte diese Schrift einen erneuten Mitgliederzuwachs zur Folge.Mazdaznan-Ruf an die Welt, 30. Jg., 1981, Nr. 4, S. 104. Zugleich wollte der Mazdaznan-Bund damit gegen die am 19. August 1914 erfolgte Beschlagnahme des von Otoman Zar-Adusht Hanish verfassten und von David Ammann übersetzten Buches Masdasnan-WiedergeburtslehreO. Z. Hanish: Wiedergeburtslehre. Übersetzt und herausgegeben von David Ammann. Leipzig 1913. protestieren, das die Behörden als "eine in den Deckmantel einer Sitten- und Gesundheitslehre eingehüllte unzüchtige Schrift"Masdasnan-Weißbuch, S. 12. indiziert hatten.