mini|Brokatpapier als Interimseinband (18. Jahrhundert)

Brokatpapier ist die Bezeichnung für zwei unterschiedliche Buntpapiersorten, die entweder zwischen 1690 und ca. 1835 in einem speziellen Prägedruckverfahren oder seit der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts im mit anschließender Prägung versehenen Flachdruck produziert wurden. In der zweiten Bedeutung fand sich der Begriff fast nur noch in der Ausstattungsbeschreibung antiquarischer Buchangebote, aber auch im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache.„Brokatpapier“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, abgerufen am 22. Oktober 2025. Gemeinsam ist diesen Buntpapiersorten der durch Blattmetallfolien bzw. Bronzefarben hervorgerufene, an Brokatstoffe erinnernde Glanz. Unter dem Einfluss aktueller Expertendiskussionen hat das DWDS seine Definition 2026 aktualisiert: „optisch an Brokat erinnerndes, mit Metall verziertes Papier zu dekorativen Zwecken“. Ergänzend heißt es jetzt: „In der frühen Neuzeit wurde Brokatpapier durch Prägedruck auf Bütten, später durch Flachdruck hergestellt.“DWDS abgerufen am 2. März 2026.

Zedlers Grosses vollständiges Universal-Lexicon Aller Wissenschafften und Künste führte 1735 den Begriff »Gold-Papir« auf und grenzte anhand technischer Kriterien das im Modeldruckverfahren hergestellte Bronzefirnispapier und das Brokatpapier gegeneinander ab.

Johann Karl Gottlieb Jacobssons technologisches Wörterbuch führte den Begriff Brokatpapier 1781 erstmals auf und beschrieb das damit Gemeinte als „eine Art von gedrucktem Papier“, wobei das Verfahren so erläutert wurde:

Die Allgemeine Encyclopädie der Wissenschaften und Künste publizierte 1824 folgende Angaben von Johann Heinrich Moritz von Poppe: „Brokatpapier, wird ein gefärbtes Papier mit aufgedruckten Goldfiguren genant, das ehedem zu Verzierungen von Kinderbüchern, Pappenware etc. gebraucht wurde, jetzt aber fast gar nicht mehr vorkomt.“Poppe: Art. „Brokat“. In: J. S. Ersch / J. G.- Gruber (Hrsg.): Allgemeine Encyclopädie der Wissenschaften und Künste in alphabetischer Folge von genannten Schriftstellern bearbeitet, 13. Theil, Leipzig 1824, S. 83.

Gut ein Jahrhundert später fand sich bei Paul Adam diese Beschreibung:

Brokatpapier im Manufakturzeitalter

Technik und Erkennungsmerkmale Das Prägedruckverfahren war um 1690 in Augsburg entstandenClaus W. Gerhardt: Die Erfindung des ältesten Prägedruckverfahrens in Augsburg um 1690. In: Helmut Gier, Johannes Janota (Hrsg.): Augsburger Buchdruck und Verlagswesen. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Harrassowitz, Wiesbaden 1997, S. 539–551., ab 1700 kamen dort erste Brokatpapiere in den Handel.Matthias Hageböck: Brokatpapier. In: Julia Rinck, Susanne Krause (Hrsg.): Handbuch Buntpapier. 1. Auflage. Hauswedell, Stuttgart 2021, S. 82. Ein erster technischer Hinweis findet sich 1708 bei Johann Gottfried Zeidler.Ulrike Grießmayr: farbenfroh und glanzvoll. Buntpapiere aus den Beständen der Staatsbibliothek Bamberg. Mit einem Beitrag von Julia Rinck. Hrsg. von der Staatsbibliothek Bamberg. Staatsbibliothek Bamberg, Bamberg 2023, S. 50 (Bamberger Buch-Geschichten, Nr. 3). In dessen Buchbinder-Philosophie Oder Einleitung in die Buchbinder Kunst werden die spezifischen Merkmale von Bronzefirnispapier und Brokatpapier mit knappen Beschreibungen charakterisiert.

J. J. Rembold war 1736 in seiner Publikation Das Nützliche und künstliche Papier, Oder Ausführliche Beschreibung Dessen Eigenschafften, Arten, Eintheilung, Verfertigung in- und ausserhalb Europa, Gebräuchen, Werckzeugen und Materialien unter der Überschrift Das schöne Augspurgische vergüldete Papier, wie auch Silber-Papier zu machen, ein rares Kunst-Stück auf das zugrunde liegende Verfahren eingegangen:

mini|hochkant|Kupferdruckpresse (1689) Diese Beschreibung hält in wesentlichen Teilen auch heutigen Forschungsergebnissen stand, doch ist für den Abdruck des Brokatpapiers keine Druckpresse mit Spindel zum Einsatz gekommen, wie sie im zeitgenössischen Buchdruck verwendet wurde, sondern eine Kupferdruckpresse, bei der ein Presstisch mittels Sternrad zwischen zwei übereinander angeordneten Walzen durchgezogen wird, wobei »nur auf der schmalen Berührungslinie der beiden Zylinder«Claus W. Gerhardt: Die Erfindung des ältesten Prägedruckverfahrens in Augsburg um 1690. In: Helmut Gier, Johannes Janota (Hrsg.): Augsburger Buchdruck und Verlagswesen. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Harrassowitz, Wiesbaden 1997, S. 542. starker Anpressdruck auf die gravierte Metallplatte, das zu bedruckende Papier und das Blattmetall erfolgte. So ließen sich bereits im 1. Viertel des 18. Jahrhunderts Abdrucke mit Plattengrößen bis zu 325 × 400 mm auf noch etwas größere Papierbogen erzielen.Albert Haemmerle: Verzeichnis von Brokatpapieren. In: ders.: Buntpapier. Herkommen, Geschichte, Techniken, Beziehungen zur Kunst. Unter Mitarb. von Olga Hirsch. Veränd. u. erw. Nachdruck. Callwey, München 1977, S. 206, [Nr.] 118.

Die Verwendung der Kupferdruckpresse wird durch den österreichischen Erfinder und Industriehistoriker Stephan von Keeß 1820 ausdrücklich bestätigt: „Die sogenannten Metall- und Brocatpapiere unterscheiden sich von den gewöhnlichen gedruckten Papieren dadurch, daß der Boden gefärbt, und der Dessein aus unechtem Golde oder Silber eingepreßt ist. Nachdem das Papier gefärbt worden, wird es auf eine gravirte, und mit den Metallblättern überlegte kupferne Platte gelegt, und durch eine Kupferdruckpresse gezogen. Die gravirten Desseins bleiben als tiefer liegend vom Golde oder Silber frey.“Stephan von Keeß: Darstellung des Fabriks- und Gewerbswesens in österreichischen Kaiserstaate. Vorzüglich in technischer Beziehung. 2. Theil. Beschreibungen der Fabricate. Wien 1820, S. 612.

Durch Techniken der Bucheinbanddekoration war das Verfahren zur Herstellung gravierter Prägeplatten bekannt.Claus W. Gerhardt: Die Erfindung des ältesten Prägedruckverfahrens in Augsburg um 1690. In: Helmut Gier, Johannes Janota (Hrsg.): Augsburger Buchdruck und Verlagswesen. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Harrassowitz, Wiesbaden 1997, S. 542. Es war aufwändig und teuer, deshalb wurden diese wertvollen Prägematrizen zum Teil weiterveräußert und anschließend mit neuer Firmierung versehen. Haemmerle schätzte die Zahl der insgesamt verwendeten Platten auf mutmaßlich 800 bis 1000 Exemplare.Albert Haemmerle: Die Buntpapiere. In: Heinrich Olligs (Hrsg.): Tapeten. Ihre Geschichte bis zur Gegenwart. Band I: Tapeten-Geschichte. Klinkhard & Biermann, Braunschweig 1970, S. 145–195, hier S. 166. Bedingt durch den hohen Materialwert sind fast alle eingeschmolzen worden. Für seine Veröffentlichung stand Albert Haemmerle nur eine einzige Originalkupferplatte zur Verfügung, die sich im Stadtarchiv Bochum erhalten hatte. Dieses Objekt hatte für die langjährigen Forschungen von Haemmerle entscheidende Bedeutung: „Die Technik der Brokatpapiere wurde dank der Auffindung einer alten Originalplatte klargestellt.“Albert Haemmerle: Wie das Buch ‚Buntpapier‘ entstanden ist. In: Imprimatur N.F. 3, 1961/62, S. 270–271, hier S. 270. Seine detaillierte Beschreibung lautete: „Die Platte mißt 315/389 mm, hat eine Stärke von 6 mm und ein Gewicht von 6,72 kg.“Albert Haemmerle: Buntpapier. Herkommen, Geschichte, Techniken, Beziehungen zur Kunst. Unter Mitarbeit von Olga Hirsch. Callwey, München 1961, S. 84 zu Abb. 67. „Die Zwischenräume, die beim Abdruck den Papiergrund zeigen, sind etwa 2,5-3 mm tief herausgemeißelt; sie sind in der Tiefe ungeglättet; die Ränder der erhabenen Partien sind sehr schwach abgerundet, um ein Zerschneiden des eingepreßten Papiers zu vermeiden.“Albert Haemmerle: Buntpapier. Herkommen, Geschichte, Techniken, Beziehungen zur Kunst. Unter Mitarbeit von Olga Hirsch. Callwey, München 1961, S. 202. Diese Platte ist danach mehrfach abgebildet worden, aber heute physisch nicht mehr nachweisbar. Die „Druckplatte aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gilt heute als verschollen“.Matthias Hageböck: Vielfalt durch Puzzlen – ein Rationalisierungsverfahren aus der Frühzeit der Brokatpapierherstellung. In: Adelheid Schönborn, Michael Rothe (Hrsg.): Die phantastische Welt der Brokatpapiere. Die Sammlung Adelheid Schönborn. 1. Auflage 2020. Haupt Verlag, Bern 2020, S. 157–167, hier S. 158. Die nicht druckenden Teile sind tief ausgemeißelt, während „die gestalteten Partien nicht nur als Fläche erhaben stehengeblieben, sondern zusätzlich mit einer feinen Detailgravierung versehen sind.“Claus W. Gerhardt: Die Erfindung des ältesten Prägedruckverfahrens in Augsburg um 1690. In: Helmut Gier, Johannes Janota (Hrsg.): Augsburger Buchdruck und Verlagswesen. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Harrassowitz, Wiesbaden 1997, S. 548.

Als vor dem großen Brand der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar am 2. September 2004 der Bestand der Huldigungsschriften zur konservierenden und erschließenden Arbeit den Magazinen entnommen worden war, erwies sich dies als großer Glücksfall, denn es konnte unter den 348 Brokatpapieren aus der Zeit zwischen 1700 und 1725 durch Matthias Hageböck ein spezielles, bis dahin übersehenes Verfahren zur Rationalisierung des Prägedrucks ermittelt werden. Als in der Ausstellung Vivat! Huldigungsschriften am Weimarer Hof vom 6. Februar 2010 bis 6. März 2011 wesentliche Beispiele gezeigt wurden, fasste dieser in einem Beitrag zum Ausstellungskatalog die neuartigen Erkenntnisse in formaler und in ikonografischer Hinsicht so zusammen:

Hageböck bezeichnet diese Methode nunmehr als „Puzzlen“ und grenzt den Zeitraum der aktiven Nutzung dieser Puzzletechnik auf die Jahre von 1700 bis 1725 ein.Matthias Hageböck: Neue Erkenntnisse zur frühen Herstellung von Brokatpapier. In: Einband-Forschung (9), 2001, S. 5–12. Er nennt drei Buntpapierverleger aus Augsburg (Abraham Mieser, Boas Ulrich und Georg Christoph Stoy) sowie Johann Köchel in Fürth als die einzigen bisher nachgewiesenen Anwender dieser Rationalisierungsverfahrens.Matthias Hageböck: Vielfalt durch Puzzlen – ein Rationalisierungsverfahren aus der Frühzeit der Brokatpapierherstellung. In: Adelheid Schönborn, Michael Rothe (Hrsg.): Die phantastische Welt der Brokatpapiere. Die Sammlung Adelheid Schönborn. 1. Auflage 2020. Haupt Verlag, Bern 2020, S. 157–167, hier S. 158.

Das Blattmetall wurde ähnlich wie das Blattgold der Goldschläger durch Hämmern hergestellt. Metallschläger stellten Folien aus Messing oder Zinn her.Jürgen Franzke: Die Goldschläger von Schwabach. Schwabach 2015, S. 32. „Der Gold- und Silbereffekt wurde auf Zinnfolie (Stanniol) durch einen Lacküberzug erzeugt, der für Gold gelb gefärbt und für Silber farblos war. Blattmetall aus Messing wirkt ohnehin golden. Zur Erstellung von Brokatpapieren wurde nur in ganz seltenen Fällen echtes Blattgold verwendet.“Claus W. Gerhardt: Die Erfindung des ältesten Prägedruckverfahrens in Augsburg um 1690. In: Helmut Gier, Johannes Janota (Hrsg.): Augsburger Buchdruck und Verlagswesen. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Harrassowitz, Wiesbaden 1997, S. 542. Während sich Schwabach im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts zum Zentrum der Goldschläger entwickelteJürgen Franzke: Die Goldschläger von Schwabach. Schwabach 2015, S. 32., wurden die anderen Blattmetalle hauptsächlich in Fürth hergestellt.Gilbert Krapf: Schmelzen, Schlagen, Stampfen. Blattgold, Blattmetalle und Bronzefarben aus Fürth, Teil I. In: Fürther Geschichtsblätter. 58 (2008), Heft 1, S. 3–33, onlineBlattmetall-, Bronzefarben- und Brocat-Fabriken von Bernhard Ullmann & Co. Fuerth in Bayern. Denkschrift: Die Bronzefarben- und Blattmetall-Industrie in Wort und Bild. Lion's Buch- und Kunstdruckerei, Fuerth 1893.(Online). Olga Hirsch berichtete 1958 in einem Vortrag:

Bei dieser Gelegenheit machte die Sammlerin auch Angaben zu den Farbmitteln, mit denen die Papierbogen vor dem Prägedruck flächig gefärbt oder mittels Schablonentechnik in einem oder Farbton oder in mehreren Farbtönen patroniert wurden: