Standarddeutsch, auch Standardhochdeutsch, mehrdeutig Hochdeutsch und schweizerisch SchriftdeutschHans Bickel, Christoph Landolt: Schweizerhochdeutsch. Wörterbuch der Standardsprache in der deutschen Schweiz. 2., vollständig überarbeitete und erweiterte Aufl. Hrsg. vom Schweizerischen Verein für die deutsche Sprache. Dudenverlag, Berlin 2018, ISBN 978-3-411-70418-7, S. 7.Duden: Schriftdeutsch genannt, ist das Ergebnis der Normung der deutschen Sprache.
In der Linguistik wird eine solche Standardsprache in einem System von Elementen, Sub- und Nebenelementen dargestellt, zugeordnet zu verschiedenen Ebenen. Dazu gibt es verschiedene sprachwissenschaftliche Modelle.
Im Modell der Sprachzentren ist die oberste Ebene die der Vollzentren. Dort sind die Elemente des Standarddeutschen eingeordnet, die sogenannten Standardvarietäten: Das bundesdeutsche (oder deutschländische) Hochdeutsch, das österreichische Hochdeutsch und das schweizerische Hochdeutsch. Diese unterscheiden sich in Lexik, Syntax, Morphologie und Phonetik.
Diese Standardvarietäten überdachen jeweils die in den Halb- und Viertelzentren eingeordneten, nicht standardisierten Varietäten oder Substandards wie Alltags- oder Umgangssprachen, Dialekte, Technolekte (Fachsprachen) und Soziolekte wie Jugendsprachen.Chiara Messinas: Die österreichischen Wirtschaftssprachen: Terminologie und diatopische Variation. Frank und Timme, Berlin 2015, ISBN 978-3-7329-0113-5, S. 64. Vgl. auch Ulrich Ammon.Klaus Mattheier, Peter Wiesinger: Dialektologie des Deutschen. Max Niemeyer Verlag, Tübingen 1994, ISBN 3-484-31147-9, S. 370 ff.Karina Schneider-Wiejowski, Birte Kellermeier-Rehbein, Jakob Haselhuber: Vielfalt, Variation und Stellung der deutschen Sprache. Walter de Gruyter, Berlin 2013, ISBN 978-3-11-030930-0, S. 102.Helmut Spiekermann: Sprache in Baden-Württemberg: Merkmale des regionalen Standards. Max Niemeyer Verlag, Tübingen 2008, ISBN 978-3-484-30526-7, S. 35 ff.Ludwig M. Eichinger und Werner Kallmeyer: Standardvariation: wie viel Variation verträgt die deutsche Sprache? Walter de Gruyter, Berlin 2005, ISBN 3-11-018256-4, S. 19 ff.
Das Standardisieren und das Kodifizieren der drei oben genannten Standardvarietäten des Standarddeutschen im Rahmen ihrer Normung geschieht auf unterschiedliche Weise, da es hierfür im deutschsprachigen Raum keine überregionale Einrichtung gibt, wie z. B. die Académie française für die Normung des Französischen. So findet zum einen das „Standardisieren“ jeweils von verschiedenen binnenländischen Normengremien mehr oder minder statt. Beispielsweise sind dies für Deutschland das Institut für Deutsche Sprache (IDS), in Österreich das österreichische Bildungsministerium und in der deutschen Schweiz der Schweizerische Verein für die deutsche Sprache (SVDS).
Der Duden und andere in Deutschland veröffentlichte Werke, das in der Schweiz erschienene Wörterbuch Unser Wortschatz. Das Schweizer Wörterbuch der deutschen Sprache (Ingrid Bigler) sowie das im Auftrag des Bildungsministeriums erscheinende Österreichische Wörterbuch (ÖWB) in Österreich sind dagegen Beispiele für umfassende Werke des jeweiligen binnenländischen „Kodifizierens“.
Es gibt auch eine Zusammenarbeit von Vertretern der drei Länder, die ein gemeinsames Kodifizierungswerk über Gemeinsamkeiten und Unterschiede der drei Standardvarietäten erarbeiten, das Variantenwörterbuch des Deutschen (VWB). Zur Aussprache gab es eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit der Siebs-Kommissionen. Außerdem kam es, jedoch nur hinsichtlich der Rechtschreibung, durch das zwischenstaatliche Gremium von sechs Staaten mit deutschsprachiger Bevölkerung, den Rat für deutsche Rechtschreibung, nach der Reform von 1996 zu einer amtlichen Neuregelung der, nach der Orthographischen Konferenz von 1901 standardisierten, deutschen Rechtschreibung. Sie gilt in Deutschland und anderen Staaten sowie mit Abweichungen in Österreich und der Schweiz.Chiara Messinas: Die österreichischen Wirtschaftssprachen: Terminologie und diatopische Variation. Frank und Timme, Berlin 2015, S. 19 f.Christa Dürscheid und Martin Businger: Schweizer Standarddeutsch: Beiträge zur Varietätenlinguistik. Gunter Narr Verlag, Tübingen 2006, ISBN 978-3-8233-6225-8, S. 59 f.Gerhard Helbig: Deutsch als Fremdsprache: ein internationales Handbuch. Halbband 1. In: Handbücher Sprach- und Kommunikationswissenschaft, Band 19, Walter de Gruyter, Berlin 2001, ISBN 3-11-013595-7, S. 166 f.
Begriffe Sprachvarietät und Standardvarietät Sprachvarietät
Sprachen haben vielfältige Ausprägungen und Formen. Diese bezeichnet der Sprachwissenschaftler Ulrich Ammon mit dem Fachbegriff (Fachterminus) Sprachvarietäten, für seinen Kollegen Norbert Dittmar hingegen sind Varietäten die Menge von Sprachstrukturen.
Normierung bzw. Normung Normengremien haben die Aufgabe, im Falle von Sprache Normen für diese aufzustellen. Dazu dienen die Vereinheitlichung der Sprachstrukturen, das Standardisieren sowie das Einbringen in Nachschlagewerke, das Kodifizieren.
Standardvarietät
Damit eine Sprachvarietät als kodifiziert und standardisiert gilt, soll sie (nach Alexander Issatschenko bzw. Werner Besch): allgemeinverbindlich, z. B. eine Amtssprache sein, standardisiert sein, d. h., dass eine Kodifizierung von Sprachstrukturen wie Wortschatz, Aussprache, Grammatik und Orthographie besteht, polyvalent, also sprachlich für alle wichtigen Lebensbereiche verwendbar sein und sprachstilistisch unterscheidbar sein.Hans Friebertshäuser et al.: Lexikographie der Dialekte (= Reihe germanistische Linguistik). Max Niemeyer Verlag, Tübingen 1986, ISBN 3-484-31059-6, S. 188 f.
Zuordnungen bzw. Zugehörigkeiten In der Sprachwissenschaft existieren mehrere Modelle, um Zuordnungen bzw. Zugehörigkeiten zu Sprachen darzustellen.
Standarddeutsch und plurizentrische Sprache
Standarddeutsch ist erstens eine Standardsprache, da es die Bedingung erfüllt, dass zu allen ihren untergeordneten Varietäten (z. B. zu den als Neben- bzw. Unterelemente in der Einleitung genannten) auch mindestens eine Standardvarietät vorhanden ist.Ulrich Ammon: Die Stellung der Deutschen Sprache in der Welt. Walter de Gruyter, Berlin 2015, ISBN 978-3-11-019298-8, S. 107 ff.
Zweitens gilt es als eine poly-, multi- bzw. plurizentrische Sprache, der zusätzlich zur zuvor beschriebenen Bedingung der Existenz einer Standardvarietät mehrere Standardvarietäten zugeordnet sind. Vgl. U. Ammon (2015).Ulrich Ammon: Die Stellung der Deutschen Sprache in der Welt. Walter de Gruyter, Berlin 2015, ISBN 978-3-11-019298-8, S. 113 ff.
Allerdings gibt es nicht nur eine Erklärung zu dem Thema Sprache mit mehreren Zentren. Sie entwickelte sich erst mit dem Definitionskriterium mehrere Standardvarietäten. Als Erster sprach der Soziolinguist William Alexander Stewart 1968 von einer polyzentrischen Standardsprache, das Gegenstück hieß für ihn monozentrische Standardsprache. Heinz Kloss verwendete ab 1976 den Begriff multizentrische Standardsprache, wenn drei Standardvarietäten bestehen. 1984 folgte Michael Clyne mit dem Begriff plurizentrische Standardsprache und verstand darunter das Vorhandensein mehrerer nationaler Varietäten (im clyneschen Sinne sind damit Standardvarietäten gemeint), wobei eine nationale Varietät für je Zentrum stand.Ulrich Ammon: Die deutsche Sprache in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Walter de Gruyter, Berlin 1995, ISBN 3-11-014753-X, S. 42 ff.
Die Autoren des 2004 unter der Leitung von Ulrich Ammon erarbeiteten Variantenwörterbuchs des Deutschen (VWB) fokussieren Plurizentrik nicht in der Linie Stewart/Kloss/Clyne, bei denen das Vorhandensein mehrerer Standardvarietäten als alleiniges Kriterium galt. Die VWB-Autoren erachteten andere Kriterien als notwendig: Für sie sollte die betreffende Sprache in mehr als einem Land die nationale oder regionale Amtssprache sein. Außerdem sei der amtssprachliche Status die Ursache dafür, dass sich in diesem Land bzw. dieser Region standardsprachliche Unterschiede ausprägten.Ulrich Ammon, Hans Bickel, Jakob Ebner u. a.: Variantenwörterbuch des Deutschen. Die Standardsprache in Österreich, der Schweiz und Deutschland sowie in Liechtenstein, Luxemburg, Ostbelgien und Südtirol. Walter de Gruyter, Berlin / New York 2004, ISBN 3-11-016575-9, S. XXXI.
Voll-, Halb-, Viertel- und Achtelzentren Ein weiteres Modell der Sprachwissenschaft ist die Unterteilung in Zentren. Von sogenannten Vollzentren wird gesprochen, wenn die Eigenheiten der jeweiligen einzelstaatlichen Varietät in Nachschlagewerken, insbesondere Wörterbüchern, und amtlichen Richtlinien zusammengefasst und autorisiert sind.
Auch Deutsch als plurizentrische Sprache kennt Vollzentren. Hier trifft dies für Deutschland, Österreich und die deutschsprachige Schweiz zu.
Halbzentren hingegen sind Staaten oder Regionen, wo autorisierte Nachschlagewerke für die Varietäten fehlen. Aus Sicht der deutschen Sprache sind dies Belgien (mit dem Gliedstaat Deutschsprachige Gemeinschaft), Luxemburg, Liechtenstein und Italien (mit Südtirol).Die vorangehenden Abschnitte nach Ulrich Ammon, Hans Bickel, Jakob Ebner u. a.: Variantenwörterbuch des Deutschen. Die Standardsprache in Österreich, der Schweiz und Deutschland sowie in Liechtenstein, Luxemburg, Ostbelgien und Südtirol. Walter de Gruyter, Berlin / New York 2004, ISBN 3-11-016575-9, S. XXXI ff.
Viertelzentren sind Zentren, in denen weder eine Nutzung als Amtssprache noch eine Kodifizierung geschieht. Im Hinblick auf die deutsche Sprache trifft dies etwa auf Namibia zu. Der Hintergrund zu möglichen Achtelzentren ist bisher nicht erforscht.Karina Schneider-Wiejowski, Birte Kellermeier-Rehbein, Jakob Haselhuber: Vielfalt, Variation und Stellung der deutschen Sprache. Walter de Gruyter, Berlin 2013, S. 46.
Bisher wurde die sprachliche Landschaft des Deutschen im Hinblick auf die Plurizentrik nur ungenügend abgebildet. Es ist das Ziel des 2004 herausgegebenen Variantenwörterbuchs des Deutschen, die Varianten der standardsprachlichen Besonderheiten besonders im Bereich des Wortschatzes, aber auch der Aussprache und der Wortgrammatik in einem Werk darzustellen. Ein an den Universitäten Graz, Salzburg (ursprünglich Augsburg) und Zürich angesiedeltes Projekt widmet sich seit 2011 überdies der Variantengrammatik des Standarddeutschen.Variantengrammatik des Standarddeutschen – HomepageVariantengrammatik des Standarddeutschen – Projektbeschreibung Lehrstuhl Christa Dürscheid
Normung Geschichte Bereits um 1500 flammte ein deutsch-lateinischer SprachenstreitVgl. auch Joachim Telle: Wissenschaft und Öffentlichkeit im Spiegel der deutschen Arzneibuchliteratur: Zum deutsch-lateinischen Sprachenstreit in der Medizin des 16. und 17. Jahrhunderts. In: Medizinhistorisches Journal. Band 14, 1979, S. 32–52. auf dem Gebiet der Medizin auf.Gundolf Keil: Der Hausvater als Arzt. In: Trude Ehlert (Hrsg.): Haushalt und Familie in Mittelalter und früher Neuzeit (Vorträge eines interdisziplinären Symposions vom 6.–9. Juni 1990 an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn). Mit einem Register von Ralf Nelles, Jan Thorbecke, Sigmaringen 1991, ISBN 3-7995-4156-X, S. 219–243, hier: S. 242. Martin Luthers Übersetzung des Neuen Testamentes, die er im September 1522 beendete, war ein wichtiger Schritt zu einer frühen, als Ausgleichssprache fungierenden deutschen Schriftsprache. Luther benutzte bevorzugt Lexeme ostmitteldeutscher und ostoberdeutscher Herkunft, die in geschriebener Form in vielen deutschsprachigen Gegenden gut verstanden wurden, und weniger solche aus westlicher und niederdeutscher Herkunft. Erstere weisen auch auf die Verwendung der Meißner bzw. sächsischen Kanzleisprache hin.
Normungsansätze im 17.–19. Jahrhundert