Die Madden-Kommission, offiziell Ausschuss des US-Repräsentantenhauses zur Durchführung einer Untersuchung und des Studiums der Fakten, Beweise und Umstände des Massakers im Wald von Katyn (United States House Select Committee to Conduct an Investigation and Study of the Facts, Evidence, and Circumstances on the Katyn Forest Massacre), war ein inoffiziell nach seinem Vorsitzenden Ray J. Madden benannter Untersuchungsausschuss des Repräsentantenhauses in Washington, D.C., der 1951/52 aufklären sollte, ob die Regierung von Franklin D. Roosevelt in den Jahren 1943 bis 1945 Dokumente über das Massaker von Katyn unterdrückt habe. Der Ausschuss kam zum Ergebnis, dass die Vorwürfe gegen die Administration Roosevelts gerechtfertigt seien, und stellte fest, dass der Massenmord an den kriegsgefangenen polnischen Offizieren nicht, wie zuvor vom Weißen Haus vertreten, von den Deutschen 1941, sondern von der sowjetischen Geheimpolizei NKWD 1940 begangen worden sei.
Vorgeschichte Im Februar 1943 entdeckten Soldaten der Wehrmacht in einem Wald unweit des russischen Dorfes Katyn bei Smolensk Massengräber mit den Leichen mehrerer Tausend erschossener polnischer Offiziere. Der deutsche Propagandaminister Joseph Goebbels ordnete daraufhin eine politische Kampagne an, in der die sowjetische Geheimpolizei der Täterschaft beschuldigt wurde. Sie sollte einen Keil zwischen die Westalliierten und ihre sowjetischen Verbündeten treiben.Claudia Weber: Krieg der Täter. Die Massenerschießungen von Katyń. Hamburg 2015, S. 15. Doch der Kreml beschuldigte die Deutschen des Massenmordes.John P. Fox, Der Fall Katyn und die NS-Propaganda, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 3(1982), S. 464 (PDF).
Das Weiße Haus in Washington übernahm die sowjetische Version von den deutschen Tätern. Diese Linie setzte Roosevelts Sonderbotschafter Joseph E. Davies durch, der nach eigenem Bekunden von Stalin fasziniert war und das Bündnis der USA mit der Sowjetunion nicht gefährden wollte.Dennis Dunn: Caught between Roosevelt and Stalin. America’s Ambassadors to Moscow. Lexington 1998, S. 184. Zwar erhielt die US-Regierung noch während des Krieges mehrere Expertisen, deren Verfasser eindeutige Indizien für die sowjetische und nicht die deutsche Täterschaft sahen. Zu den Verfassern gehörten Experten des Geheimdienstes CIC, Roosevelts Berater John Franklin Carter, der dazu den früheren Hitler-Vertrauten Ernst Hanfstaengl befragt hatte, Oberstleutnant Henry Szymanski, Verbindungsoffizier der US-Army zur polnischen Anders-Armee, US-Diplomaten, die in London für die polnische Exilregierung zuständig waren, der Emissär für den Balkan George H. Earle, der britische Botschafter bei der Exilregierung Owen O’Malley. Auch der frühere US-Botschafter in Moskau, Admiral William H. Standley, sowie der Diplomat George F. Kennan, ein Russland-Experte, neigten zu der Version von der sowjetischen Täterschaft.William H. Standley / Arthur A. Ageton: Admiral Ambassador to Russia. Chicago 1955, S. 401–411.George F. Kennan: Memoirs 1925–1959. Vol. I. Boston 1967, S. 200. Doch ignorierte Roosevelt all diese Expertisen, sofern sie überhaupt zu ihm gelangten.Anna M. Cienciala/Wojciech Materski/Natalia S. Lebedeva: Katyn. Crime without Punishment. New Haven 2007, S. 239.George Sanford: Katyn and the Soviet Massacre of 1940: Truth, Justice and Memory. London 2005, S. 161–162.
Auch die Öffentlichkeit erfuhr nichts von diesen Expertisen. Die Berichterstattung der amerikanischen Presse hatten die Reportagen der sowjetfreundlichen Moskau-Korrespondenten Jerome Davis, Richard Lauterbach und Edmund Stevens bestimmt; sie bekräftigten die Ergebnisse der Burdenko-Kommission, eines vom Kreml berufenen Expertengremiums, das die Deutschen der Täterschaft beschuldigte. Der Publizist William Lindsay White, der in seinem 1945 vorgelegten Buch Report on the Russians dagegen die sowjetische Version anzweifelte, sah sich zahlreichen Attacken aus prosowjetischen Kreisen in den USA und auch in Großbritannien, darunter durch den BBC-Korrespondenten Alexander Werth, ausgesetzt und galt als Vertreter einer abwegigen Mindermeinung.Jean Folkerts: Report on the Russians: The Controversy Surrounding William Lindsay White’s 1945 Account of Russia. In: American Journalism, 3 July 2015, Vol.32(3), S. 307–328.
Im Sommer 1945 fand eine von Moskau gesteuerte sowie über skandinavische Zeitungen und Sender lancierte Pressekampagne über die deutsche Täterschaft in Katyn ihren Niederschlag in den amerikanischen Zeitungen. Auch die New York Times propagierte die sowjetische Version von den deutschen Tätern in Katyn.Timothy Roy Gleason: Decade of Deceit: English-Language Press Coverage of the Katyn Massacre in the 1940s. Minneapolis 2016, S. 20.Desinformacija o Katyni v zapadnoj presse katynfiles.com, 9. Mai 2011. Zur Eröffnung des Nürnberger Prozesses gegen die Hauptkriegsverbrecher im Herbst 1945 setzte der sowjetische Hauptankläger Roman Rudenko Katyn auf die Liste der deutschen Kriegsverbrechen. Der Vorstoß Rudenkos wurde allerdings von der amerikanischen Delegation blockiert, da diese zur Überzeugung gelangt war, dass die Täter doch auf sowjetischer Seite zu suchen seien. Der Anklagepunkt wurde stillschweigend ohne Begründung fallen gelassen, um den Prozess nicht platzen zu lassen. Auch von diesen Hintergründen erfuhr die Öffentlichkeit nichts.Anna M. Ciencala/Wojciech Materski/Natalia S. Lebedeva: Katyn. Crime without Punishment. New Haven 2007, S. 232.Wie das Massaker von Katyn aus der Anklage verschwand, sueddeutsche.de, 14. Mai 2015.
1949 aber brachte der Journalist Julius Epstein das Thema wieder in die Presse. Epstein hatte während des Krieges für das Office of War Information gearbeitet und hatte dort erstmals davon erfahren.Claudia Weber: Krieg der Täter. Die Massenerschießungen von Katyń. Hamburg 2015, S. 368. Nach dem Krieg erfuhr er, dass der Oberstleutnant der US Army John H. Van Vliet mit anderen amerikanischen und britischen Kriegsgefangenen im Frühjahr 1943 von den Deutschen zu den Massengräbern nach Katyn gebracht worden war und in einem Bericht darüber über die mutmaßliche sowjetische Täterschaft geschrieben hatte. Doch war dieser Bericht Van Vliets in keinem Behördenregister erfasst. In einem Artikel für die New Yorker Herald Tribune sowie die deutsche Wochenzeitung Die Zeit warf Epstein den US-Behörden eine „Verschwörung des Schweigens“ zu Katyn vor.Murder on 10,000 Polish POWs, in: New York Herald Tribune, 3. und 4. Juli 1949.Das Geheimnis der polnischen Massengräber bei Katyn, in: Die Zeit, 9. Juni 1949, S. 3.
Gemeinsam mit dem früheren US-Botschafter Arthur Bliss Lane, der in seinem Buch Ich sah den Betrug an Polen das Schweigen des Weißen Hauses zu Katyn rügte,Arthur Bliss Lane: I saw Poland betrayed: An American Ambassador Reports to the American People. Belmont Ma. 1948, S. 255. gründete Epstein das „Amerikanische Komitee zur Untersuchung des Massakers von Katyn“ (American Committee for the Investigation of the Katyn Massacre). Dem Komitee traten auch die Journalistin Dorothy Thompson, der Schriftsteller Max Eastman, der CIA-Direktor Allen W. Dulles und der frühere Chef des Militärgeheimdienstes OSS, William J. Donovan, bei; Lane übernahm den Vorsitz.Claudia Weber: Krieg der Täter. Die Massenerschießungen von Katyń. Hamburg 2015, S. 372. Allerdings ignorierten die Behörden die Anträge des privaten Komitees auf Akteneinsicht zur Causa Katyn.Andrzej Przewoźnik, Amerykanie a Katyń, in: Rzeczpospolita, 9. April 2010, S. 14.
Dem Komitee gelang es nicht nur, einen Teil der Presse dafür zu interessieren, sondern auch in der Politik ein Echo zu finden. Der demokratische Kongressabgeordnete Ray J. Madden aus Indiana, in dessen Wahlkreis zahlreiche polnische Einwanderer lebten, brachte im September 1949 eine Resolution über die Bildung eines Katyn-Untersuchungsausschusses ein, fand aber keine Mehrheit dafür.Claudia Weber: Krieg der Täter. Die Massenerschießungen von Katyń. Hamburg 2015, S. 366. Doch im folgenden Jahr wurde Katyn in Chicago mit seiner großen Gemeinde von polnischen Einwanderern zum Thema im Wahlkampf vor den Wahlen zum 82. Kongress der Vereinigten Staaten. Der Geschäftsmann Timothy P. Sheehan, Kandidat der Republikanischen Partei, versprach den Wählern, sich im US-Kongress für einen Katyn-Untersuchungsausschuss einzusetzen. Sein Vorstoß im Repräsentantenhaus scheiterte zunächst, wurde aber wenige Monate später von Madden wiederholt, dieses Mal stimmte die Mehrheit zu.Claudia Weber: Krieg der Täter. Die Massenerschießungen von Katyń. Hamburg 2015, S. 376. Mittlerweile hatte sich auch das politische Klima geändert, der Koreakrieg bestimmte die Debatte. Die Sowjetunion war in der öffentlichen Meinung vom Verbündeten zum Kriegsgegner geworden. Der republikanische Senator Joseph McCarthy aus Wisconsin stellte sich an die Spitze der Bewegung, die das Land vor der vermeintlichen Sowjetgefahr schützen wollte.Anna M. Ciencala/Wojciech Materski/Natalia S. Lebedeva: Katyn. Crime without Punishment. New Haven 2007, S. 232.
Mitglieder Der Ausschuss, fortan von der Presse „Madden-Kommission“ (Madden Committee) genannt, zählte sieben Mitglieder: Ray J. Madden (Indiana), Demokrat, Vorsitzender George A. Dondero (Michigan), Republikaner Daniel J. Flood (Pennsylvania), Demokrat Foster Furcolo (Massachusetts), Demokrat Thaddeus M. Machrowicz (Michigan), Demokrat; er stammte aus Polen und sprach Polnisch Alvin O’Konski (Wisconsin), Republikaner; er stammte von polnischen Einwanderern ab und sprach ebenfalls PolnischWitold Wasilewski, Propaganda kłamstwa kontra „Komisja katyńska“ Izby Reprezentantów USA, in: Zeszyty Katyńskie, 23(2008), S. 104. Timothy P. Sheehan (Illinois), Republikaner
Somit verfügten die Mitglieder der Demokratischen Partei, der auch Roosevelt angehört hatte, über eine Mehrheit von vier Abgeordneten gegenüber dreien der Republikaner.
Madden bat in einem Brief die Regierung des Vereinigten Königreichs, die Befragungen britischer Staatsbürger zu unterstützen und Dokumente zur Verfügung zu stellen. Doch lehnte London dieses Ansinnen ab.George Sanford: Katyn and the Soviet Massacre of 1940: Truth, Justice and Memory. London 2005, S. 178–179. Wie aus der vom Historiker Rohan D’Olier Butler verfassten Denkschrift über die Haltung der britischen Regierung zur Causa Katyn (Butler-Memorandum) hervorgeht, wurde die Ablehnung intern damit begründet, dass selbst das State Department in Washington die Madden-Kommission nicht „sehr ernst“ (very seriously) nehme.The Butler Memorandum S. 35.
Madden schickte auch der sowjetischen Regierung nach Moskau einen Fragenkatalog zu Katyn. Dort empfahl Vizeaußenminister Andrei Gromyko, zuvor Botschafter in Washington, dem Politbüro, die Briefe des State Departments mit der Bitte um Beachtung der Madden-Kommission unbeantwortet zu lassen.Witold Wasilewski: Ludobójstwo. Kłamstwo i walka o prawdę. Sprawa Katynia 1940–2014. Łomianki 2014, S. 152–153. Doch letztlich übersandte die sowjetische Botschaft in Washington der Kommission ohne weitere Erläuterungen den Bericht der Burdenko-Kommission.Anna M. Ciencala/Wojciech Materski/Natalia S. Lebedeva: Katyn. Crime without Punishment. New Haven 2007, S. 238–239.
Die Kommission nahm in ihre Dokumentation 181 Beweisstücke auf, meist Kopien von Schriftstücken und Fotografien sowie einige Geländeskizzen. Auch wertete sie insgesamt rund 100 schriftliche Berichte von Personen aus, die zur Zeugenbefragung nicht zur Verfügung standen oder deren ausführliche Befragung als nicht erforderlich angesehen wurde.Witold Wasilewski, Propaganda kłamstwa kontra „Komisja katyńska“ Izby Reprezentantów USA, in: Zeszyty Katyńskie, 23(2008), S. 106.
Zeugenbefragungen