mini|Lage der Legionslager Vetera und der Colonia Ulpia Traiana im Verlauf des Niedergermanischen Limes

Vetera (auch: Vetera Castra; zuweilen in der älteren Literatur, auf Landkarten und umgangssprachlich auch Castra Vetera) war der Name für den Ort zweier zeitlich aufeinander folgender römischer Legionslager in der Provinz Germania inferior nahe dem heutigen Xanten am Niederrhein. Die Legionslager von Vetera gehörten zum Niedergermanischen Limes und sind seit 2021 Bestandteil des UNESCO-Weltkulturerbes.

In der Forschung und in der wissenschaftlichen Literatur wird zwischen dem älteren Kastellplatz Vetera I (13/12 v. Chr.Da von Tacitus überliefert worden ist, dass Vetera von Augustus errichtet worden sei, und dieser sich in den Jahren von 16 v. Chr. bis 13 v. Chr. in Gallien aufgehalten hatte, war man zuweilen geneigt, das früheste Lager in diese Zeit zu datieren. Das Fundmaterial, insbesondere die gefundenen Töpferstempel und Terra-Sigillata-Typen, weist jedoch in die Zeit des Beginns der Germanenoffensive oder kurz davor. Nach Michael Gechter: Die Anfänge des Niedergermanischen Limes. In: Bonner Jahrbücher. 179, 1979, S. 106–110. bis 70 n. Chr.) und dem jüngeren Kastellplatz Vetera II (71 bis mindestens ins 3. Jahrhundert) differenziert, die etwa eine römische Meile (mille passus = knapp 1500 m) auseinanderlagen. Vetera gehörte zu den bedeutendsten Garnisonen an der Nordflanke des römischen Imperiums und war in seiner Frühzeit eine wichtige Aufmarschbasis für die rechtsrheinischen Expansionsbestrebungen der Römer (Augusteische Germanenkriege). Heute liegt Vetera I auf unbebautem Gelände im Stadtgebiet Xantens, Vetera II dagegen in einer Tiefe von bis zu zehn Metern unter der Wasseroberfläche eines Baggersees.Dirk Schmitz: Das Lager Vetera II und seine Legionen. In: Martin Müller, Hans-Joachim Schalles, Norbert Zieling (Hrsg.): Colonia Ulpia Traiana. Xanten und sein Umland in römischer Zeit. Zabern, Mainz 2008, ISBN 978-3-8053-3953-7, S. 141–170.

Geographische Lage mini|Lage der Legionslager Vetera I und II sowie der Colonia Ulpia Traiana

Vetera I befand sich am Südhang des Fürstenberges, einer glazialen, in antiker Zeit von Sumpf- und Moorlandschaften umgebenen Endmoräne, gut zwei Kilometer südsüdöstlich des Zentrums von Xanten. Das heutige Bodendenkmal liegt unter weitgehend landwirtschaftlich genutzten Flächen unmittelbar nordnordwestlich des Xantener Stadtteils Birten. In antiker Zeit befand sich das Lager in einer exponierten Position gegenüber der Lippemündung, die sich damals noch nicht in Wesel, sondern etwas nördlich davon befand.

Der Rheinverlauf selbst entsprach in römischer Zeit ungefähr dem heutigen und war gegenüber diesem nur geringfügig nach Süden bzw. Westen verschoben. Von der Position auf dem Fürstenberg war so eine gute Kontrolle der Flusstäler von Rhein und Lippe (Lupia) möglich.

Vetera II wurde im Jahre 71 n. Chr. nach der Umstrukturierung des niedergermanischen Heeres infolge der Ereignisse der Jahre 69/70 etwa anderthalb Kilometer östlich von Vetera I auf einer damals hochwasserfreien Niederterrasse des Rheines errichtet. In der heutigen Topographie befindet sich das Bodendenkmal im Bereich der so genannten Bislicher Insel, im Norden vom Rhein, von Osten, Süden und Westen von einem alten Rheinarm umschlossen. In antiker Zeit lag es vermutlich unmittelbar am nördlich vorbeiziehenden Rhein. Der heute sichtbare, teilweise verlandete Rheinarm, der eine weit nach Süden ausgreifende Schleife bildet, entstand erst im Mittelalter, etwa ab dem Jahre 1200. In den folgenden Jahrhunderten verlagerte sich diese Rheinschlinge immer weiter nach Süden, wobei sie das Kastellgelände unterspülte und mit Kiesablagerungen überdeckte. Erst als in den Jahren 1788/89 durch einen künstlichen Durchstich der Rhein in den Verlauf gezwungen wurde, den er ungefähr auch heute einnimmt, wurde aus der Schleife ein toter Altrheinarm.Josef Klostermann: (PDF; 1,1 MB), In: Natur am Niederrhein. Krefeld 1986, S. 5–16.

Antike Quellen und Name des Kastellplatzes Der Name Vetera findet erstmals bei Tacitus in den Historien (Historiae) Erwähnung und wird dabei zweimal als Vetera castraHistorien 4, 21: Civilis adventu veteranarum cohortium iusti iam exercitus ductor, sed consilii ambiguus et vim Romanam reputans, cunctos qui aderant in verba Vespasiani adigit mittitque legatos ad duas legiones, quae priore acie pulsae in Vetera castra concesserant, ut idem sacramentum acciperent. Historien 5, 14: At Civilis post malam in Treviris pugnam reparato per Germaniam exercitu apud Vetera castra consedit, tutus loco, et ut memoria prosperarum illic rerum augescerent barbarorum animi. und mehrfach kurz als VeteraHistorien 4, 53, 3; 4, 57, 1; 4, 58, 1 und 4, 62, 1. Ferner als in castra quibus veterum nomen est (4, 18, 3). bezeichnet.Tacitus, Annalen und Historien in lateinischer Sprache; Tacitus, Annalen und Historien in englischer Sprache mit Übersetzungsfehler: Vetera Castra wird unkritisch als „Old Camp“, also „Altes Lager“ übersetzt.

Der Name dürfte auf eine nahe gelegene, vorrömische Siedlung der Cugerner zurückgehen, deren germanischer Name romanisiert und auf den Kastellplatz übertragen wurde.Hermann Hinz: Xanten zur Römerzeit. Gesthuysen, Xanten 1960, S. 11.Dass es sich dabei um die Cugernersiedlung im Bereich der Colonia Ulpia Traiana (die so genannte „Kernsiedlung“) handeln könnte, wird allerdings bezweifelt. Vielmehr wird mindestens eine weitere, bislang archäologisch nicht nachgewiesene Cugernersiedlung im Gebiet von Birten angenommen. Die Bedeutung des Namens Vetera ist ungewiss. Philipp Houben verwendete in seiner 1839 erschienenen PublikationPhilipp Houben: Denkmaeler von Castra Vetera und Colonia Traiana in Ph. Houben’s Antiquarium zu Xanten. Xanten/Wesel 1839. über die Xantener Altertümer in Umkehrung des von Tacitus überlieferten Namens den Begriff Castra Vetera, der seither Eingang auf Landkarten und in der Umgangssprache fand,Die Wortverdrehung Houbens und die sich hierdurch ergebende theoretische Übersetzungsmöglichkeit von Castra Vetera als „Altes Lager“ verbreitete sich auch außerhalb Deutschlands. So ist im englischsprachigen Raum, insbesondere im Web, bis heute zuweilen von Castra Vetera bzw. „The Old Camp“ die Rede. obwohl es ihn so niemals gegeben hat.Norbert Hanel: Zum antiken Namen der Legionslager auf dem Fürstenberg bei Xanten: Vetera castra. In: Xantener Berichte. Band 5, Rheinland Verlag, Köln 1994, ISBN 3-7927-1415-9, S. 263–265, hier S. 264. In der wissenschaftlichen Literatur werden aber spätestens seit Hans Lehner (1866–1938) wieder die korrekten Begriffe Vetera (mehrheitlich,Unter anderem bei Müller (2008), Obladen-Kauder (2005), Hanel (1995), Bechert (1995, 1982), Böcking (1989, 1978), Gechter (1987, 1979), Kunow (1987), Schönberger (1985, 1969), Bogaers/Rüger (1974), von Petrikovits (1971, 1959), Hinz (1960–1976) und Lehner (1936, 1930, 1926); vgl. auch die Literaturliste. mit den Differenzierungen zwischen Vetera I und Vetera II) oder Vetera Castra (vereinzeltSo bei Bechert (2003) und Hanel (1994); vgl. auch die Literaturliste.) verwendet.Norbert Hanel: Zum antiken Namen der Legionslager auf dem Fürstenberg bei Xanten: Vetera castra. In: Xantener Berichte. Band 5, Rheinland Verlag, Köln 1994, ISBN 3-7927-1415-9, S. 263–265.

Forschungsgeschichte Schon unmittelbar nach ihrer Auflassung wurden die römischen Militärlager als Steinbrüche genutzt, zunächst von den Römern selbst, die das Steinmaterial von Vetera I dazu verwendeten, um den Ausbau der benachbarten Colonia Ulpia Traiana voranzutreiben.Werner Böcking: Steinabbau, Funde und Sammlungen in vergangener Zeit. In: ders.: Die Römer am Niederrhein. Geschichte und Ausgrabungen. 5. Auflage. Klartext, Essen 2005, ISBN 3-89861-427-1, S. 73. Im Mittelalter dienten die verbliebenen Überreste dann als Steinbruch für den Bau des Klosters auf dem Fürstenberg. Vetera II hingegen verschwand um das Jahr 1200, als der Rhein eine nach Süden ausgreifende Schlinge bildete und dabei das bislang hochwasserfreie Gelände des Kastells unterspülte, so dass sich die Funde und Befunde von Vetera II heute fünf bis zehn Meter unterhalb der sichtbaren Oberfläche, unter den Kiesen und Wassern des Altrheins und der Bislicher Insel befinden.

mini|links|Stephanus Winandus Pighius, Gemälde um 1585,Historisches Museum, Deventer mini|Aufzeichnung von H. Ewich mit der Abbildung eines Weihesteins ()

Die große Menge römischer Hinterlassenschaften im Xantener Raum weckte schon früh das Interesse der Gelehrten. Stephanus Winandus Pighius (1526–1604), seit 1575 Scholaster und Kanoniker an der Stiftskirche, war der erste, der systematische Aufzeichnungen der römischen Relikte anfertigte.Stephani Vinandi Pighii Annales Romanorum. Antwerpen 1615.; Johannes Turck illustrierte 1623 bis 1633 den Anhang einer klevischen Chronik des Gert van der SchuirenHandschrift im Klever Stadtarchiv. mit Zeichnungen antiker Hinterlassenschaften.Ferdinand Schroeder (Hrsg.): Die Chronik des Johannes Turck. In: Annalen des Historischen Vereins für den Niederrhein. 58 (1894), S. 1–175. Ihm folgte der Weseler Pfarrer Hermann Ewich,Mitteilung 116. (PDF) der Historischen Vereinigung Wesel e. V., 2006. der zwischen 1628 und 1654 die Altertümer seiner Heimatregion dokumentierte,Wilhelm Diedenhofen, Bert Thissen (Hrsg.): Clivio-polis. Die Stadt Kleve im Jahr 1653. Gezeichnet von Hendrick Feltman, beschrieben von Hermann Ewich, gedruckt von Jacob van Biesen. Selbstverlag des Stadtarchivs Kleve, Kleve 2005. sowie der Theologe und Humanist Werner Teschenmacher (1590–1638). Im ausgehenden 17. und im 18. Jahrhundert widmeten sich der Vynener Pfarrer Theodor Tack und vor allem der Xantener Pfarrer Johannes SpenrathJohannes Spenrath: Altertümliche Merkwürdigkeiten in der Stadt Xanten und ihrer Umgebung. Krefeld 1837–1839. dem antiken Erbe des Xantener Raums.

Schon Pighius hatte den fortschreitenden Raubbau an den römischen Ruinen beklagt, dennoch setzte er sich ungeachtet des allmählich erwachenden Interesses sowie der Proteste einzelner Gelehrter unvermindert fort. Allein für die Jahre 1714 bis 1716 vermeldete der Pfarrer Johannes Spenrath über 5000 Tonnen Steine, die aus dem ehemaligen Legionslager Vetera I ausgebrochen wurden. Insgesamt nahmen die – in alten Quellen recht anschaulich dokumentierten – Steinausbrüche vom Mittelalter bis zur Neuzeit derartige Dimensionen an, dass die Geringfügigkeit sichtbarer Spuren heutzutage kaum verwundern kann. Auch die seit der frühen Neuzeit gezielt durchgeführten Ausgrabungen waren noch keine wissenschaftlichen Untersuchungen mit feldarchäologischen Methoden, wie wir sie heute kennen. Der Fund selbst stand im Mittelpunkt des Interesses, der Befund, der Fundzusammenhang, wurde nicht erkannt oder ignoriert. Die frühen Gelehrten waren Antikensammler, keine Archäologen. Ihre dem entsprechende Vorgehensweise bei Ausgrabungen trug ebenfalls ihren Teil zur unwiederbringlichen Zerstörung vieler Befunde bei.

mini|Philipp Houben (1767–1855)