mini|hochkant=1.5|Anfang von August Mayers Gedicht Abschied, 1812

August Mayer (* 26. Oktober 1792 in Neckarbischofsheim oder Heilbronn; † November 1812 in der Schlacht an der Beresina) war ein deutscher Dichter der Schwäbischen Romantik.

Der „für Poesie und Musik reich begabte“ junge Mann studierte in Tübingen Rechtswissenschaften und konnte einige Gedichte veröffentlichen, bevor er als „willkürlich ausgehobener Soldat“ sein junges Leben in Napoleons Russlandfeldzug verlor.#Mayer 1867, S. 112.

Leben Herkunft Georg August Hartmann Mayer wurde am 26. Oktober 1792 als viertes von acht Kindern in Neckarbischofsheim oder Heilbronn geboren. Sein Vater war der Jurist Friedrich Christoph Mayer (1762–1841).Rufnamen werden kursiv angegeben. Er trat 1785 in Neckarbischofsheim eine Stelle als Konsulent (Rechtsberater) an und heiratete im gleichen Jahr die Stuttgarterin Johanna Henriette Mayer geb. Hartmann (1762–1841). 1797 zog die Familie nach Heilbronn, 1803 nach Kochendorf und 1808 wieder nach Heilbronn.

Die Mutter gehörte der weitverzweigten Hartmannschen Familie in Stuttgart an. Sie war das älteste Kind von Johann Georg Hartmann. Er und ihr Bruder August Hartmann wirkten in Stuttgart als hohe württembergische Beamte. Sie wohnten mit ihren Familien zusammen im Hartmannschen Haus in der Fritz-Elsas-Straße 49 in Stuttgart, das als gastfreundliches Haus bekannt war und häufig prominente Persönlichkeiten des kulturellen und öffentlichen Lebens zu Gast hatte. Weitere Brüder von Henriette Mayer waren unter anderen der Industriepionier Ludwig Hartmann in Heidenheim an der Brenz, der Arzt und Paläontologe Friedrich Hartmann und der Maler Ferdinand Hartmann, der Direktor an der Dresdener Kunstakademie wurde.#Hartmannsbuch 2, S. 20–25, #Hartmannsbuch 1, S. 2, #Hartmannsbuch 3, S. 4, Wikipedia-Artikel: Friedrich Christoph Mayer, August von Hartmann (Staatsrat).

Augusts Eltern waren beide künstlerisch begabt: Sein Vater soll malerisches und zeichnerisches Talent gehabt haben,Wikipedia-Artikel: Friedrich Christoph Mayer. seine Mutter „war sehr musikalisch“ und wurde „als gute Sängerin beim Kirchengesang“ geschätzt.#Hartmannsbuch 2, S. 21. – Karl Mayer schrieb über sie: „Meine ebenso liebevolle, als verständige Mutter war in jüngeren Jahren sangeskundig, so daß sie bei Göthe’s erster Anwesenheit in Stuttgart (1779) im väterlichen Hause ihm einige seiner Lieder, sowie ein ihm damals neues Lied »auf Werthers Tod« zum Clavier singen durfte.“ (#Mayer 1864, S. 3) August Mayer hatte wohl die künstlerische „Ader“ seiner Eltern geerbt, ebenso wie seine beiden älteren Brüder, der Dichter Karl Mayer und der Maler Louis Mayer. Zu seinen Geschwistern siehe auch Friedrich Christoph Mayer, Familie.

Ausbildung mini|hochkant|Großelterliches Haus, in dem August Mayer in Stuttgart wohnte, vor 1874. mini|hochkant=1.1|Haus, in dem August Mayer während seiner Studienzeit in Tübingen wohnte (in der Mitte: Hölderlinturm), 2015.

August besuchte bis 1809 das Gymnasium illustre in Stuttgart. In dieser Zeit lebte er, wie schon zuvor sein Bruder Karl, im Haus seiner Großeltern, dem Hartmannschen Haus. Im September 1809 bezog er die Universität Tübingen, um dort Rechtswissenschaften zu studieren.#Hartmannsbuch 2, S. 54. Sein Bruder Karl Mayer hatte von 1803 bis 1807 dort gleichfalls Jura studiert und mit Dichtern des späteren Schwäbischen Romantikerkreises Freundschaft geschlossen, vor allem mit Ludwig Uhland und Justinus Kerner.

Uhland kümmerte sich im Vorfeld bereitwillig um eine passende Unterkunft für den Bruder seines Freunds.#Mayer 1867, S. 132, 134. Zu Augusts Freundeskreis gehörten in Tübingen vor allem Gustav Schwab, dann auch Ernst Osiander,Allgemeine Deutsche Biographie. Carl Wilhelm Pauli aus Lübeck, August Pauly aus Maulbronn,August Pauly (1793–1812) war der Sohn eines Maulbronner Professors und starb am 12. Juli 1812 an Nervenfieber, einige Monate bevor August Mayer in Russland sein Leben verlor (#Klüpfel 1858, S. 34). August Köstlin, Karl Hochstetter und David Assing („Assur“). Dazu gesellte sich noch der „ältere Tübinger Freundeskreis“ mit Augusts Bruder Karl Mayer, Ludwig Uhland und Justinus Kerner.#Mayer 1864, S. 10–11, #Mayer 1867, S. 229, #Hartmannsbuch 2, S. 54, #Klüpfel 1858, S. 29–35.

Hölderlin August Mayer wohnte in Tübingen direkt am Neckar in der Bursagasse 6 in einem der beiden Wohnflügel, die an den später so genannten Hölderlinturm angebaut waren. Das Haus, schrieb er im Mai 1810, „liegt einsam am Neckar und gibt mir Stoff (besonders in der jetzigen Maienzeit) zu tausend angenehmen Betrachtungen. Diese Entlegenheit und Einsamkeit die mir es so werth machen und zum Theil auch die Mühe des Eingangs machen es von Andern weniger gesucht und wohlfeil.“#Hornbogen 1999, S. 84. August Mayer stattete dem geistig verwirrten Friedrich Hölderlin, der seit 1807 im ersten Stock des Turms lebte, hin und wieder einen Besuch ab. Seinem Bruder Karl berichtete er im Januar 1811 über Hölderlin:#Mayer 1867, S. 175–176.

Einige von Hölderlins Versen, die er seinem Bruder mitteilte, befand August für „schön“ oder „rührend“, andere für „komisch“.

Almanach mini|hochkant|Titelseite des Almanachs.

Schon vor Augusts Studienantritt in Tübingen hatte Uhland Anfang 1809 einige von Augusts Gedichten kennen und schätzen gelernt. Er schrieb seinem Freund Karl Mayer:#Mayer 1867, S. 109.

August wurde von Uhland mit einbezogen in die Vorbereitungen für den von Kerner geplanten Poetischen Almanach, der zu einer Art Gründungsdokument der Schwäbischen Romantik werden sollte. Im Februar 1811 war Kerner mit der Zusammenstellung des Almanachs bereits weit fortgeschritten. Neben eigenen Gedichten sollte der Almanach Werke enthalten von Ludwig Uhland, Gustav Schwab, Karl Mayer und anderen, die sich meist von Tübingen her kannten, aber auch von einigen norddeutschen Dichtern wie August Varnhagen, Adelbert von Chamisso und Friedrich de la Motte Fouqué. Auch fünf von Augusts Gedichten sollten in den Almanach aufgenommen werden.

Im April 1811 beteiligte sich August wie sein Bruder Karl und wie Uhland an der Reinschrift der handschriftlichen Gedichtsammlung, die Kerner zusammengestellt hatte. Im Mai schrieb er an Karl: „Gestern haben wir und Uhland vollends das Almanachs-Manuscript herrlich ausgestattet mit wehenden Flaggen vom Stapel laufen lassen.“ Bei der Gelegenheit gab August eine Kostprobe seiner musikalischen Begabung und spielte Uhland seine Vertonung von dessen Gedicht Der gute Kamerad vor. Im September durfte August, der nach seiner Einberufung in Stuttgart einkaserniert war, das Erscheinen des Almanachs noch erleben, bevor er ins Feld ziehen musste.#Mayer 1867, S. 172, 173, 178-179, 190, 196.

Soldat Am 9. Juni 1811 war Augusts Großvater Georg Hartmann gestorben. Zur Beerdigung fuhren Augusts Eltern nach Stuttgart. Dort erhielten sie die Mitteilung, dass August zum 1. September 1811 zu den Soldaten einberufen worden war:#Mayer 1867, S. 185.

August wurde dem Infanterie-Regiment Nr. 2 Herzog Wilhelm zugeteilt#Briefe, Nummer 4a. und in der Stuttgarter Legionskaserne am Ende der Königstraße einkaserniert.Die Legionskaserne stand an der Stelle des heutigen Wilhelmsbaus. Als Offiziersanwärter wurde er von den Vorgesetzten gut aufgenommen. Trotz aller Widrigkeiten fand er Zeit zum Klavierspielen. Er lernte den späteren Hofkapellmeister Konradin Kreutzer kennen und konnte mit einigen Gleichgesinnten musizieren, darunter Fräulein Danzi und Emilie Zumsteeg, die Tochter von Johann Rudolf Zumsteeg, die seine selbstkomponierten Variationen „sehr artig“ spielten. Ende September konnte er sich an einem druckfrischen Exemplar des Almanachs erfreuen, das ihm sein Bruder Karl zuschickte. Zweimal, im Oktober und zu Weihnachten, erhielt er Urlaub zum Besuch seiner Familie in Heilbronn.#Mayer 1867, S. 189–191.

mini|hochkant=1.5|Übergang über die Beresina, 1866

Am 11. März 1812 begann der lange Marsch nach Russland unter dem Oberbefehl des Kronprinzen, des späteren Königs Wilhelm I.#Rümelin 1893, S. 8. Solange er in Deutschland unterwegs war, nutzte August Mayer alle Möglichkeiten, sich zu zerstreuen, er besichtigte Sehenswürdigkeiten, kam mit interessanten Personen zusammen, konnte hie und da dem Klavierspiel frönen und ein Theater oder Konzert besuchen. Aus Thüringen schrieb er seinen Eltern:#Mayer 1867, S. 227.

Über den weiteren Marsch und eventuelle Kampfeinsätze ist wenig bekannt. Inzwischen war August Mayer jedenfalls vom Unteroffizier zum Leutnant befördert worden. Sein Regiment traf mit den übrigen Truppen Napoleons im September in Moskau ein. Von dort schrieb er am 19. September den letzten Brief, der seine Eltern erreichte.#Mayer 1867, S. 255, 269, 270.

Lebensende Nachdem Napoleon im Oktober seine stark geschrumpfte Hauptarmee aus Moskau zurückzog, marschierte August mit seinem Regiment über Smolensk zur Beresina. Er fiel wahrscheinlich in der Schlacht an der Beresina, die vom 26. bis 28. November 1812 stattfand, vielleicht ist er auch erfroren oder ertrunken.#Mayer 1867, S. 272.

1892 schrieb Rudolf Krauß im Schwäbischen Merkur: „August Mayer ist nicht wiedergekehrt. Wie manches Lied ist ungesungen, wie manche Melodie unverklungen mit ihm zu Grabe gegangen! Sein Loos war schon erfüllt, als – Juni 1813 – der „Deutsche Dichterwald“ und darin sein Gedicht ‚Abschied‘ erschien – eine Art Vermächtnis des Scheidenden.“#Hartmannsbuch 2, S. 57.

August Mayer war nur 20 Jahre alt geworden, alle vielversprechenden Hoffnungen waren im Nichts zerstoben, sein Leben war wie das von 12.000 anderen Württembergern sinnlos dem Wahn des französischen Kaisers und des württembergischen Königs zum Opfer gefallen. Die Freunde und die Familie, der „nicht einmal der leidige Trost einer Benachrichtigung über die Todesart des Geliebten zu Theil“ wurde, waren von Trauer überwältigt.#Mayer 1867, S. 185.

Im Gegensatz zu Uhland, Kerner und Schwab, den Bannerträgern der Schwäbischen Romantik, war August Mayer (auch auf Grund seines nur schmalen Werks) kein dauernder Nachhall beschieden. Er teilte damit das Schicksal seines Bruders Karl, der sich zu seiner Zeit einer gewissen Bekanntheit erfreute, aber schon bald vergessen war.

Jugendliebe hochkant=1|mini|Emilie Reinbeck, Aquarell ihrer Schwester Mariette Zöppritz, undatiert.

August Mayers Cousine Emilie Hartmann (später verheiratete Emilie Reinbeck) litt seit ihrer Kindheit unter einem hartnäckigen Wechselfieber. Bis ins 19. Jahrhundert war die Krankheit, die heute nur noch in den Tropen auftritt, auch in Deutschland weit verbreitet. In der Hoffnung, dass eine Luftveränderung ihre Kränklichkeit lindern oder heilen könnte, schickte die Familie sie 1811 zu ihrer Tante Henriette Mayer in Heilbronn zur Erholung.#Reinbeck 1846, S. 13. August, der in Tübingen studierte, verbrachte seine Ferien ebenfalls im Haus seiner Eltern und traf dort Emilie, mit der er sich schon in Stuttgart befreundet hatte, als er das Gymnasium besuchte und im Haus ihres gemeinsamen Großvaters Johann Georg Hartmann wohnte, wieder. Während Emilies Aufenthalt in Heilbronn soll sich aus der Freundschaft eine Jugendliebe zwischen der 16- oder 17-jährigen Emilie und dem ein Jahr älteren August entwickelt haben.So sieht es Hertha Koenig in ihrem Roman über Emilie Reinbeck (#Koenig 2008). Die Stuttgarter Publizistin Irene Ferchl schreibt dazu:#Ferchl 2007, S. 10.

Jedenfalls kurierte Emilie in Heilbronn ihr Wechselfieber ein für allemal:#Reinbeck 1846, S. 13–14.