mini|Unterschiedliche Guslen-Typen

Die Gusle (; auch Gusla, Mehrzahl Guslen; ) ist ein aus dem Balkanraum stammendes, traditionelles Streichinstrument. Zur Gruppe der Chordophonen-Instrumente gehörend, ist sie als Schalenhalslaute, die mit einer Rosshaarsaite mit einem einfachen Bogen gestrichen wird, ein ursprünglicheres Saiteninstrument der Folklore und Volksmusik. Der birnenförmige, idealerweise aus Ahornholz gefertigte Resonanzkörper ist mit Tierhaut bespannt. Den Kopf der Gusle schmücken zumeist stilisierte Tiermotive wie Steinbock- oder Pferdekopf, in neuerer Zeit aber auch Falken, Adler oder Porträts historischer Persönlichkeiten. Ornamentik und Material der Gusle entstammen der Hirtenkultur. Sie ist eines der ältesten Solo-Musikinstrumente der Balkanhalbinsel und hat sich in ihrer ursprünglichen Form und Spielweise bis heute unverändert erhalten ().

mini|Traditionelle Guslen mit typischer Ornamentik: Steinbockkopf und Schlange Die Gusle ist das Instrument des epischen Sängers der Balkanhalbinsel in Albanien, Bosnien und der Herzegowina, Kroatien, Montenegro und Serbien, der Guslar (Guslari) respektive albanisch Lahutar genannt wird. Der Guslar singt und begleitet sich selbst auf seiner Gusle. Während die ehemals nur mündlich tradierten, klassischen Epen heute aus dem breiten verschriftlichen Kontext der Volkspoesie entstammen, so bleibt die musische Komponente im Guslenspiel der überlieferten Praxis treu, in der selbst während der heute wichtigen Wettbewerbsdarbietungen die musikalische Improvisation, vergleichbar der Praxis im Jazz, in seiner tradierten Überlieferung dominantes Prinzip geblieben ist.Danica Lajić-Mihajlović: Competitions as a form of public gusle playing performance. In: Musicology, Belgrad, 2011, 11, S. 196.

Erst mit der Niederschrift der epischen Lieder durch Vuk Stefanović Karadžić (ab 1814) begann die eigentliche Verschriftlichung der mündlichen Dichtung, deren heutiges Repertoire überwiegend diesem Korpus entstammt und die klassische Anthologie (in einem konfuzianischen Sinne) Mündlicher Literatur serbischer Sprache beinhaltet.Milne Holton, Vasa D. Mihailovic: Serbian Poetry from the Beginnings to the Present. Yale Russian and East European Publications, New Haven / Yale 1989, , S. 81. Diese Epen sind von der slawischen und albanischen Bevölkerung nicht als Medium der Kunst verfasst worden, sondern sind vielmehr ein komplexes Ausdrucksmedium, das in großer Tiefe die lange kulturelle Geschichte zusammenfasst.Svetozar Koljević: The Epic in the making. Clarendon Press, Oxford 1980, S. 1. In ihren ältesten Formen entstammen sie dem Mittelalter und tragen in sich selbst noch heidnisch-animistische Vorstellungen, die so auffällig in der Volkskultur der Südslawen hervorsticht.Svetozar Koljević: The Epic in the making. 1980, S. 106. Die Epen summieren dabei mehrere Jahrhunderte der historischen Realität und spiritueller Bedürfnisse. Die aus Ahornholz gefertigte Gusle selbst symbolisiert dabei gleichfalls die Vermittlung mit dem Ahnenkult und ist auch an sich das Emblem des Epischen Gesangs sowie in ihren Heimatländern ein Symbol der nationalen Identität.

Aus Anschauungen zur stilistischen Methodik der damals noch stark präsenten mündlich tradierten Volksepik bei illiteraten christlichen und muslimischen Guslenspielern Montenegros und Südwestserbiens entwickelten Milman Parry und Albert Bates Lord die Grundlage der Oral Poetry-Theorie im Kontext der Homerischen Frage.Miles Foley: Oral Tradition in Literature. University of Missouri Press, Columbia 1986, ISBN 0-8262-0490-2, S. 4. Dadurch wurden die patriarchalischen Regionen Jugoslawiens, in denen sich das Guslenspiel bis über die zweite Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts in seiner ursprünglichen Art erhalten hatte, als „episches Laboratorium“,Albert Bates Lord: The Singer of Tales. 1960, S. 209.Miles Foley: Oral Tradition in Literature. 1986, S. 4. Ausgangspunkt in der Untersuchung poetischer Sprache und Nutzung von substituierbaren „Formeln“ oraler Dichtung, die zu einer neuen, global rezipierten literaturwissenschaftlichen Richtung – Orale Literatur – wesentliche ImpulseKlaus von See 1978: Was ist Heldendichtung? In Klaus von See (Hrsg.): Europäische Heldendichtung. (Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt), Wege der Forschung, Band 500, ISBN 3-534-07142-5, S. 19–21. sowie eine komparative Methodik in der Untersuchung oraler Dichtung in der epischen Literatur der Antike, im byzantinischen Griechisch, Altenglisch und Altfranzösisch lieferten.Miles Foley: Oral Tradition in Literature. 1986, S. 5.

Gesang in Begleitung der Gusle ist Teil des immateriellen Kulturerbes der Menschheit.

Etymologie Das Wort Gusle stammt vom altslawischen Wort „gosl“ für Faser.Aida Arifagić: Gusle. 30 Geschichten zu Objekten aus dem Historischen Museum von Bosnien und Herzegowina; kunsthalle-berlin.org Das altslawische Stamm-Morphem gǫdsli (russisch gúsli, slowakisch husle, tschechisch housle) wird mit guditi, oder gudalo in Verbindung gebracht.gusle. In: hjp.novi-liber.hr. (kroatisch). Die genau Herkunft der Nominationen der verwandten Begriffe gusle, gadulka, gudok und gudalo, letzterer als die Bezeichnung für den Bogen der gusle könnte nach Walther Wünsch auch eine genauere Zuordnung in der Entwicklungsgeschichte der Gusle beleuchten.Walther Wünsch: Zum Igorlied. In: Die Musikforschung, April/Juni 1964, 17. Jahrgang, Heft 2, S. 156, jstor.org.

Im Sprachgebrauch der Südslawen existiert neben dem femininen Pluraletantum „gusle“, das sich als Lexem durchgesetzt hat, noch das ältere „gusli“, welches sich im Gebiet des mittleren Drinalaufs, um Arilje sowie in ganz Montenegro findet.Matija Murko 1951: Tragom srpsko-hrvatske narodne epike/1. JAZU, Buch 41, Zagreb, S. 323. Dabei findet sich die Nutzung der Morpheme /e/ und /i/ im Sprachgebrauch ein und desselben Sprechers, alternierend kann es daneben auch im Liedtext oder der Alltagssprache angewendet werden. Die singuläre Form „gusla“ findet sich nur in Ostserbien, westlich des Timok, um Niš, Ivanjica, sowie in der Gegend des Zlatibor. Auf Korčula ist nur „gusla“ in Gebrauch. In die Europäische Literatur wurde der Ausdruck „gusle“ von Alberto Fortis eingeführt.

Das albanische Lexem lahuta bezeichnet allerdings auch ein anderes Instrument, eine Art Laute mit acht Saiten, die mit Federkielen angerissen werden. Das albanische lahuta geht wie auch das deutsche Laute auf Arabisch al-’ud zu ud (Holz, Instrument aus Holz, Zither, Laute) zurück.Gabriella Schubert: Zur epischen Tradition im serbisch-montenegrinischen kulturellen Selbstverständnis. In: Österreichische Osthefte, Wien, 2005, Jg. 47, S. 511.

Die GusleGusle ist in diesen Sprachen grammatikalisch ein Femininum Pluralis, Walther Wünsch, 1934: Die Geigentechnik der Südslawischen Guslaren. Veröffentlichungen des Musikwissenschaftlichen Instituts der Deutschen Universität in Prag, Band 5, S. 1. ist im serbo-kroatischen Sprachgebrauch als Gusle dagegen ein feminines PluraletantumAndrej Fajgelj: Phraséologie et idéologie comparées dans l’art de l’épopée: Homère, chansons de geste, gouslé. L’Université de Montpellier III, 2008, S. 23 tel.archives-ouvertes.fr (PDF; 4,7 MB). (serbokroatisch Gusla / Gusle, ; bestimmt lahuta, unbestimmt lahutë).

Bauweise und Teile mini|hochkant=0.7|Aufbau, Namen nach der Muzička Enciklopedija, Leksikografski zavod FNRJ, 1958

Eine Gusle besteht aus dem Hals (Držak), dem Kopf, dem Wirbel (Rukuć oder Klin) und dem Resonanzkasten (Varnjačka).Walther Wünsch: Die Geigentechnik der südslawischen Guslaren. (Veröffentlichungen des Musikwissenschaftlichen Institutes der Deutschen Universität in Prag). Verlag Rudolf M. Rohrer, Brünn / Prag / Leipzig / Wien 1934, S. 11–13.

Die dicken Saiten der Gusle setzen sich aus bis zu 30 Rosshaaren zusammen, einem relativ ungewöhnlichen Material für die Besaitung eines Instruments. Die Rosshaare reißen leicht, so dass man das Instrument vorsichtig stimmen und spielen muss. Die Saitenlage ist bei der Gusle ähnlich wie bei der Gadulka und der Lijerica.

Die Gusle ist ähnlich zur Gadulka konstruiert, unterscheidet sich von dieser aber durch einen engeren und erheblich längeren Hals. An Stelle des hölzernen Resonanzbrettes ist bei der Gusle eine Haut gespannt.

Die Saiten der Gusle sind viel zu weit vom Hals entfernt, um sie auf den Hals herunterdrücken zu können. Der Klang der Gusle ist im Gegensatz zur Gadulka oder der Lijerica, welche einen violinenartig Klang haben, sehr orientalisch geprägt.

Der Klangkörper ist mit einer dünnen Tierhaut bespannt, was zum charakteristischen Klang der Gusle beiträgt. Die Gusle wird mit einem großen, hölzernen Rosshaarbogen gestrichen, es kann jedoch auch ein normaler Violinenbogen verwendet werden.

Deutsch Albanisch Bosnisch Kroatisch SerbischGuslelahuta gusleResonanzkastentrupivarljačavarjačaHalsqafavratvratKopfkokaglavaglavaWirbelkurrizključSaitekordastruneStegshalakonjićBogenharkulučac

Ornamentik mini|Steinbockkopf einer Gusla aus Montenegro

Sie ist wohl das am kunstvollsten verzierte balkanische Musikinstrument. Am Kopf des Steges sitzt meist ein aus Holz geschnitzter Tierkopf wie Ziegen-, Widder- oder Pferdekopf, Vögel wie Adler oder aber auch anthropomorphe Figuren. Der Steg selbst ist mit reichlichen Mustern verziert, manchmal auch von in das Holz geschnitzten Schlangen umrankt. Die einzelnen Ornamente wie der Steinbock, der als Symbol absoluter Freiheit, oder das Emblem der Schlange für die Gefahr des Bösen, sind Motive der Volkskultur, in denen heidnisch-animistische Vorstellungen ihren Ausdruck finden.

Die Rückseite des Klangkörpers trägt aufwändige Blumenmuster wie Häufig das Ornament des Baumes des Lebens sowie Rosetten und Flechtmuster. Auch die Streichbögen sind häufig ornamental gestaltet, dann zumeist in Form einer gewundenen Schlange. Neuere Guslen hatten insbesondere bis in die Zeit der Transitionsphase im Übergang von sozialistischen- zu demokratischen Gesellschaften häufig Staatsembleme als Motiv. In Montenegro wird der früher am häufigsten genutzte Typ des Steinbockkopfes mittlerweile von Adler- oder Falkensymbolen abgelöst.Al Jazeera Balkans:

Materialien mini|links|hochkant|Aus Kürbis gefertigte, einfache Lahuta aus Nordalbanien