mini|Fahne des Deutschen Judo Verband der DDR – aus Kunstseide Der Deutsche Judo-Verband (DJV) war die Sportorganisation der Judoka in der Deutschen Demokratischen Republik.
Der Deutsche Judo-Verband der DDR ging unmittelbar aus der Sektion Judo im Deutschen Sportausschuß (DS) hervor. Bei der Gründung des DJV wurden die organisatorischen Strukturen, das Führungspersonal und die auf den Wettkampfsport orientierte Ausrichtung der vormaligen Sektion Judo im DS übernommen.
Judo im Deutschen Sportausschuß Nach dem Zweiten Weltkrieg untersagtenDirektive Nr. 23 vom 17. Dezember 1945: „Beschränkung und Entmilitarisierung des Sportwesens in Deutschland“. die Besatzungsmächte deutschen Bürgern die Ausübung von Kampfsportarten. Um den systematischen Aufbau des Sports zu organisieren, wurde am 1. Oktober 1948 in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) der Deutsche Sportausschuß (DS) gegründet. In der SBZ trainierten bis dahin einige Judo- und Jiu-Jitsu-Anhänger, wahrscheinlich deutlich weniger als 900 Sportler, heimlich in sogenannten Gymnastikgruppen. Die Verbotszeit überstand Judo in der SBZ als Randsportart vor allem an Hoch- und Fachschulen bei der Sportlehrerausbildung, im Studentensport und im Rahmen des Dienstsports der Deutschen Volkspolizei.
1949–1954 Nachdem schon Ende 1948 in Sachsen und Berlin kleinere Judoturniere stattgefunden hatten, wurde 1949 unter Führung des Berliner Dan-Trägers Hans Becker die Sportart Judo in die Abteilung Schwerathletik des DS aufgenommen.Willi Gruschinski: Entwicklung des Judo in der DDR – 1948 (abgerufen aus der Internetseite des Verfassers) Von Anfang an wurde sehr großer Wert auf die Entwicklung des Judos ausschließlich als Wettkampfsport gelegt. Bezüge zum Jiu Jitsu und Nahkampfsport des früheren, NS-belasteten Fachamtes für SchwerathletikVgl. Nationalsozialistischer Reichsbund für Leibesübungen, Fachamt für Schwerathletik, Kampfsportart Jiu Jitsu und zu namhaften deutschen Protagonisten vor 1945 wie Erich Rahn oder Otto Schmelzeisen wurden beim Neubeginn des Judosports in der DDR weitestgehend vermieden. Am 24. und 25. Juni 1950 fanden in Dresden die ersten Judo-Einzelmeisterschaften in der DDR statt. Anfangs waren im DS ca. 900 Judoka organisiert. Bei den von 1950 an jährlich stattfindenden Judo-Meisterschaften wurden die Wettkampfregeln ständig verbessert und internationalen Standards angepasst.Willi Gruschinski: Entwicklung des Judo in der DDR – 1950 ff. (abgerufen aus der Internetseite des Verfassers)
Im Oktober 1950 nahm die Deutsche Hochschule für Körperkultur (DHfK) in Leipzig den Lehrbetrieb auf und berief den Judo-Vizemeister Lothar Skorning als Dozenten für Sportgeschichte und als Sportlehrer mit dem Fachschwerpunkt Judo. Die Sportart Judo wurde in die Lehrpläne des Sportlehrer-Studiums aufgenommen. Damit erhielt Judo in der DDR einen Entwicklungsimpuls, der sich in den folgenden Jahren auszahlte. Im November 1950 gründeten der westdeutsche Deutsche Athleten-Bund (DAB) und die Abteilung Schwerathletik des DS die Deutsche Athleten-Union (DAU), die für die Sportarten der Schwerathletik gesamtdeutsche Meisterschaften organisierte. Entsprechend den Vereinbarungen in der DAU nahmen einige Judoka aus der DDR bis 1954 auch in Westdeutschland an gesamtdeutschen Meisterschaften teil.
Knapp drei Jahre nachdem Gunji Koizumi in London die Europäische Judo-Union (EJU) wiederbelebt hatte, beantragten Lothar Skorning und Ernst Lassahn für die Judoka der DS-Schwerathletik im Juni 1951 beim damaligen Präsidenten der EJU, Aldo Torti, die Mitgliedschaft. Erstmals trat anlässlich der III. Weltfestspiele der Jugend und Studenten im August 1951 eine Judoauswahlmannschaft des DS gegen eine ausländische Mannschaft an, wobei die Mannschaft der französischen Arbeitersport-Föderation (FSGT-Fédération sportive et gymnique du travail) besiegt wurde. Im September 1951 fand in Görlitz der Endkampf um die erste DDR-Mannschaftsmeisterschaft statt. Gegner waren die Meistermannschaften aus Sachsen und Berlin, BSG Motor Südost Leipzig und BSG Mechanik Friedrichshain/Ost. Die Mannschaft aus Berlin siegte. Am 22. Oktober 1951 konstituierte sich in Berlin beim Präsidium der Sektion Schwerathletik im DS der Zentrale Fachausschuß Judo unter der Leitung von Hans Becker, der die Gründung einer selbstständigen Sektion Judo im DS vorbereitete.
Am 1. März 1952 formierte sich noch unter dem Dach der Schwerathletik die Sektion Judo, die dann ab dem 21. September 1952 eine eigenständige Sektion im DS bildete. Lothar Skorning wurde zum Präsidenten der Sektion Judo gewählt. Auf dem EJU-Kongress im August 1952 in Zürich wurde die Sektion Judo des DS unter Vorbehalt der weiteren organisatorischen Entwicklung des Judosports in Deutschland als provisorisches Mitglied in die EJU aufgenommen. Im Februar 1953 nahm der Judo-Trainerrat im DS an der DHfK seine Arbeit auf. Der Trainerrat trat danach in regelmäßigen Abständen zusammen, um die Ausbildung der Judotrainer zu verbessern und die theoretischen und praktischen Grundlagen dafür zu erarbeiten. Im Juni 1953 fanden mit Beteiligung westdeutscher Judoka die ersten deutschen Jugend-Meisterschaften in Magdeburg statt. Im Institut für Kampfsport an der DHfK wurde im September 1953 die Fachrichtung Judo mit den Lehrkräften Horst Wolf und Siegmund Haunschild eingerichtet. In Verbindung mit der Ausbildung der Studenten im Judo und den Erfahrungen des Trainerrates wurde Lehrmaterial erstellt und die Theorie und Methodik des Judo-Trainings weiterentwickelt. Das Lehrmaterial war auch Grundlage der späteren Judo-Lehrbücher von Horst Wolf.ebenda – 1953 ff.
Nachdem sich im August 1953 in der Bundesrepublik der Deutsche Judo-Bund (DJB) gegründet hatte, veranstalteten der DAB und der DJB voneinander getrennt Judo-Meisterschaften in Westdeutschland. Gemäß den DAU-Vereinbarungen wurden wie in den Vorjahren auch Teilnehmer aus der DDR zu den Meisterschaften des DAB eingeladen. Im Dezember 1953 gewannen in Bremerhaven der Ost-Berliner Dietrich Schnappup im Schwergewicht und der Dresdner Werner Borsdorf im Halbschwergewicht den gesamtdeutschen Judo-Meistertitel. Die Sektion Judo im DS hatte mit dem DAB für 1954 eine gesamtdeutsche Mannschaftsmeisterschaft beschlossen. Im April 1954 fanden im Dresdner Stadtteil Niedersedlitz die fünften Judo-Einzelmeisterschaften in der DDR statt, wo der gesamtdeutsche Meister Borsdorf auch den DDR-Meistertitel errang. miniatur|DDR-Mannschaftsmeister 1952–1957 (BSG Wismut Freital/SC Wismut Karl-Marx-Stadt) Für die Endrunde zur gesamtdeutschen Mannschaftsmeisterschaft qualifizierten sich die Staffeln der BSG Lokomotive Leipzig und der BSG Wismut Freital. Bei den Ausscheidungskämpfen in den westdeutschen Bundesländern setzten sich die Mannschaften vom PSV Bremerhaven und TSV München-Ost durch. Aus der gesamtdeutschen Mannschaftsmeisterschaft, die Anfang Mai 1954 in Ost-Berlin ausgetragen wurde, gingen die Freitaler vor dem TSV München-Ost als Sieger hervor.Neues Deutschland vom 10. Mai 1954. Auf Grund des Alleinvertretungsanspruchs des „Deutschen Judo-Bundes“ ruhten ab Dezember 1954 die offiziellen, innerdeutschen Sportbeziehungen der Judoka.
Die Dan-Träger der Sektion Judo im DS verständigten sich im Verlauf des Jahres 1953 wegen der aus politischen GründenMartin H. Geyer: Der Kampf um nationale Repräsentation. Deutsch-deutsche Sportbeziehungen und die „Hallstein-Doktrin“. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 1996, S. 55–86. teils feindseligen Haltung Alfred Rhodes und des Deutschen Dan-Kollegiums (DDK) darauf, in der DDR ein eigenes Dan-Kollegium zu organisieren. Am 8. Mai 1954 gründete sich in Ost-Berlin schließlich das Dan-Kollegium in der DDR, dem die ostdeutschen Dan-Träger Hans Becker, Ernst Lassahn, Ewald Schönrock, Karl Knoop und Lothar Skorning angehörten. Das Dan-Kollegiums in der DDR, unter der Leitung von Hans Becker, führte 1954 erstmals eine Dan-Prüfung in der DDR durch. Ende Mai 1954 reiste auf Einladung des Tschechoslowakischen Judoverbandes erstmals eine DDR-Judoauswahlmannschaft ins Ausland. Beim Aufeinandertreffen der beiden Auswahlmannschaften unterlag die DDR-Mannschaft am 23. Mai in Hradec Králové mit 2:10 und gestaltete das zweite Treffen am 26. Mai in Pilsen unentschieden. Herausragender Judoka der DDR war dabei Arno Frank, der alle seine Kämpfe gewann und dabei den Europameister von 1954 Zdeněk Písařík besiegte. Die letzten gesamtdeutschen Judo-Einzelmeisterschaften der Jugend wurden am 17. und 18. Juli 1954 in Leipzig ausgetragen, wobei die DDR-Judoka sechs der neun Titel errangen.
Im Dezember 1954 fand in Brüssel ein EJU-Kongress statt, bei dem die Sektion Judo zusammen mit dem Tschechoslowakischen Judoverband ohne Gegenstimmen als erste Vertreter aus Staaten des Ostblocks als Vollmitglieder in die EJU aufgenommen wurden.Neues Deutschland vom 12. Dezember 1954. Mit Datum zum 29. Dezember 1954 beendete der DAB seine Tätigkeit für den westdeutschen Judosport zu Gunsten des DJB, wodurch auf der Judo-Verbandsebene die gesamtdeutschen Sportbeziehungen der Sektion Judo unterbrochen wurden.
1955–1958 Am 21. Mai 1955 fanden die Judowettkämpfe um den Mitropa-Cup der EJU in Nürnberg statt, an denen sieben Judoka einer DS-Auswahlmannschaft teilnahmen. Während der Präsidiumstagung der Sektion Judo im Dezember 1955 wurden Lothar Skorning als Präsident bestätigt und Ewald Schönrock, Horst Wolf und Siegmund Haunschild zu Vizepräsidenten gewählt. Die DDR-Judoka kamen im internationalen Sportbetrieb durch den Alleinvertretungsanspruch der Bundesrepublik von 1956 bis 1960 nicht voran. Die führenden europäischen Judo-Nationen, Frankreich, Großbritannien und die Niederlande, sahen die deutschen Judoka vorrangig durch den DJB vertreten.Verstärkt wurde die Blockadehaltung gegenüber den DDR-Judoka auch dadurch, dass der Vorsitzende des DJB, Heinrich Frantzen, von 1956 bis 1959 gleichzeitig Präsident der EJU war. Die Judoka der Polizei-Sportvereinigungen Vorwärts und Dynamo nahmen an diversen Spartakiaden der bewaffneten Organe in den Staaten des Warschauer Pakts teil und konnten dort internationale Wettkampf-Erfahrungen sammeln. Die ursprünglich vom DS und DAB mit der DAU initiierten innerdeutschen Sportbeziehungen kamen infolge der politischen Auseinandersetzungen vollständig zum Erliegen. Nach den gesamtdeutschen Judo-Meisterschaften 1954 gab es bis zu den Ausscheidungen für die Olympischen Sommerspiele 1964 keine offiziellen innerdeutschen Judowettkämpfe. Eine Ausnahme davon war 1956 ein inoffizieller Wettkampf der DDR-Meistermannschaft des „SC Wismut Karl-Marx-Stadt“ mit dem „VfL Tegel 1891“, zu dem der VfL als westdeutscher Mannschaftsmeister die Judoka des SC Wismut nach West-Berlin eingeladen hatte und den die Westberliner Judoka gewannen. In dieser Zeit erschienen im Sportverlag Berlin in erster Auflage die Judo-LehrbücherJudo-Lehrbücher von Horst Wolf in der Deutschen Nationalbibliothek von Horst Wolf: - 1955: Judo-Kampfsport. Die Technik und Methodik der Judo-Grundschule - 1957: Judo für Fortgeschrittene - 1958: Judo-Selbstverteidigung Diese Lehrbücher waren für viele interessierte Laien und angehende Übungsleiter der Einstieg in den Judosport. Basierend auf der Kawaishi-Methode und „auf dem Gokyo-No-Kaisetsu des Kodokan wurden diese Lehrbücher die Grundlage für das Graduierungssystem und die Ausbildungspläne im DDR-Judo. Sie sind mit über 20. Auflagen erschienen und haben auch heute noch ihren Wert für die Theorie und Praxis des Judotrainings“.Hans Müller-Deck: Zur Philosophie des Dan im Judo – Erfahrungen vom Deutschen Judo-Verband der früheren DDR (Beitrag zum Dan-Träger-Treffen des DJB, Oktober 2008 in Willingen), entnommen dem „Begleitmaterial zum Dan-Prüfungsprogramm. Ein Nachschlagewerk zu verschiedenen Themen der Dan-Prüfungsordnung im Deutschen Judo Bund e. V.“, Mai 2011, S. 82 ff.