Robert Bruce ist ein Opern-Pasticcio in drei Akten, das Louis Niedermeyer mit Erlaubnis des Komponisten aus Musik von Gioachino Rossini zusammenstellte. Es war ursprünglich als französische Fassung von La donna del lago konzipiert. Das Libretto von Gustave Vaëz und Alphonse Royer basiert auf Walter Scotts The History of Scotland. Die Uraufführung erfolgte am 30. Dezember 1846 an der Opéra in Paris.

Handlung

Die Oper handelt von den Kämpfen zwischen dem schottischen König Robert Bruce und dem englischen König Édouard II. im Jahr 1314. Zu Beginn sammeln sich die Schotten nach einer verlorenen Schlacht. Der Lord Douglas-Le-Noir schwört Bruce Gefolgschaft und lädt ihn und die Soldaten in seine Burg ein, wo sie einige Tage ruhen sollen. Douglas’ Tochter Marie hat ein Liebesverhältnis zu dem englischen Offizier Arthur. Bruce entkommt den sich nahenden englischen Soldaten knapp, indem er sich als einfacher Bergbewohner verkleidet.

Im zweiten Akt befindet sich König Bruce in Douglas’ Schloss. Es wird von den Engländern eingenommen. Aus Liebe zu Marie bereitet Arthur eine Fluchtmöglichkeit für sie und ihren Vater Douglas vor. Da Douglas das Schloss bereits verlassen hat, nutzt Marie diese Gelegenheit, den König zu retten, der sich Douglas’ Mantel überzieht. Arthur entdeckt den Fluchtversuch, lässt Bruce aber entkommen, obwohl sein Untergebener Morton die Situation durchschaut. Die Ankunft der schottischen Krieger rettet die Lage vorerst.

Im dritten Akt planen die Schotten einen Überraschungsangriff auf Schloss Stirling, wo die Engländer ein Fest feiern. Dort berichtet Morton zunächst vom Verrat Arthurs. Dieser wird festgenommen und soll hingerichtet werden. Die Schotten dringen ein und überwältigen die Engländer. Édouard muss die Unabhängigkeit Schottlands anerkennen.

Erster Akt

Malerische Gegend. Felsen. Ein See. Eine strohgedeckte Hütte. In der Ferne im Hintergrund das Schloss von Douglas

Szene 1. Es ist Tagesanbruch. Die geschlagenen schottischen Soldaten und Highlander warten besorgt auf die Ankunft ihres Königs Robert Bruce. Dieser erscheint schließlich auf einem erhöhten Pfad in den Felsen. Die Schotten bejubeln ihn (Introduktion: „Robert! Robert! – mille angoisses mortelles“). Bruce macht ihnen Hoffnung.

Szene 2. Lord Douglas schwört Bruce seine Gefolgschaft. Er hat seiner Tochter Marie eine Nachricht geschickt, um sie auf die Ankunft der Soldaten vorzubereiten, die dort einige Tage ruhen wollen (Rezitativ und Chor: „À ma fille, je l’espère“). Hörnerklang kündigt das Nahen der Engländer unter König Édouard an. Bruce und Douglas suchen Zuflucht in der Hütte des Gebirgsbewohners Dickson. Die anderen verteilen sich zwischen den Felsen oder versuchen, das andere Seeufer zu erreichen.

Szene 3. Eine Gruppe englischer Ritter mit den Offizieren Arthur und Morton nähert sich. Sie befürchten, dass Robert Bruce die Schlacht überlebt haben könnte. Morton entfernt sich mit den Rittern.

Szene 4. Beim Anblick des Schlosses besingt Arthur seine unmögliche Liebe zu Marie, der Tochter seines Feindes Douglas (Barkarole: „Marie! à ce doux nom“). Ein Boot erscheint auf dem See. Es bringt Marie und Nelly, die Tochter Dicksons. Nach einem Wink Maries betritt Nelly die Hütte.

Szene 5. Marie betrachtet melancholisch den ruhigen See und denkt an ihre vergangenen glücklichen Tage.

Szene 6. Es kommt zur Begegnung des Liebespaares Marie und Arthur. Beide fürchten zunächst, dass sich die Gefühle des jeweils anderen geändert haben könnte, versichern sich aber schnell des Gegenteils (Rezitativ, Duett und Chor: „Est-ce moi qui fait naître“). Die Glocken der nahegelegenen Kapelle laden zum Gebet am Valentinstag und erinnern die beiden daran, dass Maries Vater jeden Moment kommen könnte. Er ist das größte Hindernis für ihre Liebe.

Szene 7. Douglas und der als Highlander verkleidete Bruce treten aus der Hütte. Bruce erschreckt zunächst, als er den Engländer Arthur bemerkt. Douglas beruhigt ihn damit, dass er ja nicht erkannt werde. Er teilt Arthur mit, dass er ihm zwar früher als Schwiegersohn willkommen gewesen sei, aber daraus nun nichts mehr werden könne, denn Marie werde bald einen anderen Mann heiraten. Bruce, Douglas und Marie steigen in das Boot und rudern fort. Arthur entfernt sich verzweifelt. Nelly tritt aus der Hütte und blickt dem entschwindenden Boot nach. Ein fröhliches Ritornell ist zu hören. Nelly kehrt zu ihrem Vater in die Hütte zurück.

Szene 8. Junge Leute aus dem Bergdorf kommen, um mit Nelly das Valentinsfest zu feiern (Arie und Chor: „Ce sont les clans de la montagne“). Obwohl sie Maries Leid bekümmert, stimmt Nelly ein Lied an, in dessen Refrain die anderen einstimmen (Couplets und Chor: „Alerte, fillette“). Es folgen zwei Tänze (Pas de cinq und Ecossaise).

Szene 9. Die fröhliche Stimmung kippt, als König Édouard und Arthur mit der Jagdgesellschaft eintreffen. Édouard erklärt, dass es keinen Grund für eine Unterbrechung gebe, denn er liebe das Vergnügen (Marsch, Szene und Cavatine: „Pourquoi cesser vos jeux“). Er lädt die Ritter zu einem Fest auf Schloss Stirling ein. Dickson ist zuversichtlich, dass die Zeit Schottlands noch kommen werde.

Szene 10. Morton unterbricht das Beisammensein mit der Nachricht, dass Douglas noch am Morgen hier gesehen wurde (Finale I: „Sire! Douglas le noir“). Édouard befragt die anwesenden Schotten, ob das stimme. Er gerät in Rage, bietet Gold für seine Auslieferung und droht allen mit dem Tod, die ihn zu schützen versuchen.

Zweiter Akt

Ein Saal im Schloss von Douglas. Auf einem Tisch liegen ein Mantel und ein Helm mit einem Eichenzweig

Szene 1. Nachdem König Bruce eingeschlafen ist, kommt Douglas aus einem Seitenzimmer und nähert sich seiner in Traurigkeit versunkenen Tochter Marie (Szene: „Le roi sommeille“). Er entschuldigt sich bei ihr für seine Entscheidung, kann sie aber unmöglich jemandem zur Frau geben, der für den König von England kämpft (Arie: „Que ton âme, si noble“). Er erinnert sie an seine Soldatenehre, umarmt sie und verlässt das Zimmer, um sich zu seinen Truppen zu begeben.

Szene 2. Marie versteht die Haltung ihres Vaters (Cavatine: „Oh! noble père! oui, de l’honneur c’est le langage“). Dennoch kann sie ihre Liebe zu Arthur nicht aufgeben.

Szene 3. Nelly eilt ins erschrocken ins Zimmer und berichtet, dass die Engländer dabei sind, das Schloss einzuschließen (Rezitativ: „Les Anglais! Ils cernent le château“). Ihr Vater habe bereits das andere Seeufer erreicht. Für ihre eigene Flucht ist es jedoch bereits zu spät, denn die englischen Soldaten dringen unter der Führung von Arthur in das Schloss ein.

Szene 4. Arthur teilt Marie mit, dass sie mit ihrem Vater aus dem Schloss fliehen könne. Am Ufer warte bereits ein Boot. Er werde die Augen verschließen und Morton belügen.

Szene 5. Marie beschließt, die Gelegenheit zu nutzen, um König Bruce zu retten. Sie gibt ihm den Mantel ihres Vaters, damit er unerkannt mit ihr aus dem Schloss fliehen kann (Duett: „Loyale famille! sois fier de ta fille“). Doch bevor sie sich auf den Weg machen können, erscheint Arthur.

Szene 6. Arthur stellt Marie zur Rede. Inzwischen hat er erfahren, dass ihr Vater längst fort ist. Wen also will sie retten? Er vermutet, es handele sich um einen Geliebten. Marie kann ihren König nicht verraten, will aber auch nicht der Untreue bezichtigt werden. Sie ist verzweifelt und weigert sich, zu antworten (Terzett: „Sort funestre! mon Dieu! j’appelle les dangers“). Bevor die Situation völlig eskaliert, will sich der König zu erkennen geben. Marie aber zieht einen Dolch aus Arthurs Gürtel und wirft sich vor Bruce, um ihn zu schützen. Arthur ist nun überzeugt, einen Rivalen vor sich zu haben. Dennoch wäre er aus Liebe zu Marie bereit, ihn zu verschonen. Ein Wort von ihr würde ausreichen. Tatsächlich bittet Marie ihn, den Unbekannten zu verschonen. Arthur betrachtet das als Eingeständnis ihrer Untreue. Er verflucht sie und schwört, sie nie wiedersehen zu wollen. Bruce kann die Verzweiflung der beiden nicht länger ansehen. Er gibt sich Arthur zu erkennen – bereit, sein Schicksal auf sich zu nehmen (Szene und Chor: „Restez. – Qu’allez-vous faire?“).

mini|Szenenbild von Victor Coindre

Szene 7. Morton tritt mit englischen Soldaten hinzu. Er erkennt die Situation sofort und will Bruce festnehmen. Arthur aber befiehlt, ihn gehen zu lassen. Morton beschuldigt Arthur des Verrats und weigert sich, zu gehorchen. Arthur zieht seinen Degen, um Bruce zu schützen. Auch Bruce zieht das Schwert. Bevor es zum Kampf kommt, erklingen in der Ferne Trompetenfanfaren: Douglas naht mit seinen Leuten. Morton und die Engländer schwören, dass Arthur sich vor dem König verantworten werde. Dann ziehen sie sich zurück.

Szene 8. Douglas und die schottischen Krieger treten ein. Bruce teilt ihm mit, dass er sein Leben Arthur verdanke. Douglas bittet ihn, sich ihnen anzuschließen. Dann werde er auch die Hand seiner Tochter erhalten. Aber Arthur lehnt ab. Er will seinen König Édouard nicht verraten und ist bereit, sich dem Schicksal zu stellen. Bruce überreicht ihm einen Eichenzweig von seinem Helm. Die Schotten werden ihn im bevorstehenden Kampf daran erkennen und ihn verschonen (Finale II: „La guerre sans trêve“). Arthur verabschiedet sich und geht. Douglas teilt Bruce mit, dass die schottischen Clans bereit seien, für ihren König zu sterben. Er habe eine Armee.

mini|Zweiter Akt, Szene 9

Eine Gegend in der Nähe des Schlosses von Douglas

Szenen 9. Die mit Äxten und Lanzen bewaffneten Soldaten und Highlander haben sich zwischen den Felsen verteilt. Sie tragen Wappen mit den Farben und Waffen der jeweiligen Clans. Eine weiß gekleidete Gruppe von Krieger-Barden, die mit Kettenhemden und Äxten im Gürtel gerüstet und mit Eichenzweigen und Verbenen geschmückt sind, nähert sich mit goldenen Harfen in den Händen. Sie feuern die Krieger an, im Kampf zu siegen und ihre Familien vor den Schwertern der Engländer zu schützen. Bruce, die Soldaten und ihre Frauen stimmen in die kriegerischen Gesänge ein.

Dritter Akt

Eine enge und dunkle Felsschlucht, die von dem auf einem steilen Felsen errichteten Schloss Stirling beherrscht wird. Es ist Nacht

Szene 1. Bruce sieht dem Kampf zuversichtlich entgegen. Endlich werden Schottland wieder frei und seine von den Engländern ermordeten Kinder gerächt sein (Cavatine: „Oui, demain l’Écossais, libre, essayant ses pleurs“).

Szene 2. Douglas und Dickson kommen mit einer Gruppe Zigeuner und Gaukler. Douglas zeigt Bruce einen versteckten Pfad unter den Felsen (Szene und Chor: „Cette route souterraine“). Dickson will sich unter die in das Schloss eingeladenen Gaukler mischen, um unbemerkt hineinzugelangen. Als Signal zum Angriff soll eine Eiche dienen, die Dickson um Mitternacht in Brand setzen wird. Dickson und die Zigeuner entfernen sich.

Szene 3. Bruce, Douglas, Ritter, Highlander und schottische Soldaten bereiten sich auf den Kampf vor.

Ein Festsaal im Schloss Stirling

Szene 4. König Édouard und seine Ritter trinken und feiern (Chor: „Buvons, buvons, il faut saisir, amis, les heures du plaisir“). Die Gaukler tanzen (Pas de Trois und Pas de Deux). Mit ihnen ist Dickson in das Schloss eingelassen worden.

Szene 5. Nach einem weiteren Tanz (Getanzter Chor: „Jeune fille de la montagne“) unterbricht Morton die Feier, um dem König mitzuteilen, dass die Schotten zu den Waffen gegriffen haben. Édouard will sich das Vergnügen nicht verderben lassen. Morgen sei noch genug Zeit, sie zu besiegen. Morton berichtet weiter, dass Robert Bruce beinahe in seine Hände gefallen wäre. Als Édouard nach dem Grund für sein Entkommen fragt, tritt Arthur vor und bezichtigt sich selbst. Édouard lässt ihn entwaffnen, zerbricht sein Schwert und übergibt ihn dem Scharfrichter. Während sich die Wachen nähern, bahnt sich Marie mit einem Entsetzensschrei einen Weg durch die Menge. Nelly begleitet sie.