Die Hinrich-Wilhelm-Kopf-Kaserne der Bundeswehr befand sich in Cuxhaven im Ortsteil Altenwalde. Benannt wurde die Kaserne nach dem ersten Ministerpräsidenten des Landes Niedersachsen, Hinrich Wilhelm Kopf. Der Standort wurde 2014 geschlossen und ist als Bauwerk noch heute vorhanden.

Geschichte Militärische Nutzungen 1872–1932 Die Kaiserliche Marine begann die Altenwalder Heide ab 1892 für Manöver zu nutzen. Um einen weiteren Versuchsstand zu gewinnen, wurde 1912 der Marine-Artillerie-Schießplatz Altenwalde mit der Schießbasis Altenwalde in Betrieb genommen. Es entstand eine Anlage mit einem Lager aus Unterkunftsbaracken, einer Schießschneise und Geschützständen. Sie befand sich im nordwestlichen Bereich der späteren Bundeswehrkaserne. Ab dem 23. Juli 1917 wurde hier das Paris-Geschütz erprobt. Trotz des Versailler Vertrages blieb der Marine-Schießplatz nicht nur bestehen und durch die Reichsmarine weiter genutzt, sondern durch Landerwerb das Areal sogar erweitert. Zudem bestand eine Pulververbrennungsstelle für Nitrozellulosepulver. Ab 1932 wurde die Nutzung der Schießanlage stark eingeschränkt.

Nutzungen durch den NS-Staat Die Aufrüstung der Wehrmacht, die Vorbereitungen auf den Zweiten Weltkrieg und die dadurch erforderliche Weiterentwicklung der Waffensysteme blieben nicht ohne Auswirkung auf den Marineschießplatz. Ab 1937 führte die Kriegsmarine Versuche mit Munition und Artilleriewaffen durch. Sie bildete das Marine-Abnahme-Beschuß-Kommando-Altenwalde. Gleichzeitig wurde die Anlage bis 1940 massiv erweitert. Neben betonierten Schießständen wurden Geschützschuppen, eine Portalkrananlage, Einrichtungen für Messung und Wetterbeobachtung, Munitionslagerhäuser, Labore und Werkstätten, Ver- und Entsorgungseinrichtungen, Unterkunfts-, Verwaltungs- und Wirtschaftsgebäude geschaffen. Ein Schienennetz aus Normal- und Schmalspurbahnen durchzog den Standort. Die Anlage erstreckte sich über die später für die Kaserne genutzte Fläche und darüber hinaus.

Ab 1937 erfolgten auf dem Schießplatz Altenwalde außerdem Tests von Raketen und Raketentriebwerken, etwa für die Messerschmitt Me 163.

Die Gleitbombe Blohm & Voss BV 143 wurde ab 1943 erprobt, später kam die Fieseler Fi 103 („Vergeltungswaffe 1“) hinzu. Hierfür waren 1943 eine drehbare und 1944 eine feste Walter-Schleuder als Startrampen in der Nähe des späteren Westtores der Kaserne errichtet worden.

Ende 1944 mussten Teile der Heeresversuchsanstalt Peenemünde hierher verlegen. Ab Februar 1945 erfolgte durch die Waffen-SS die Erprobung einer in der Reichweite gesteigerten Version der Fieseler Fi 103 auf einer bereits im Herbst 1944 errichteten Startrampe. Darüber hinaus bestand die Versuchsstelle aus einer Werkstatthalle, einer Garage und vier weiteren Gebäuden, die sich im Westteil der späteren Bundeswehrkaserne befanden. Das Gelände war mit einem Gleisanschluss versehen. Am 12. April 1945 wurden die Tests eingestellt und die Abschussrampen zerstört.

Die Portalkrananlage wurde am 10. Dezember 1947 durch die britischen Streitkräfte gesprengt. 1948 erfolgten weitere Demontagen. Die Beschussstände wurden zwischen 1959 und 1962 abgerissen.

Britische Besatzung Um über die Technik, den Bau und den Einsatz der V 2 („Vergeltungswaffe 2“) Informationen zu erhalten, initiierten die westlichen Alliierten 1945 die Operation Backfire. Am 22. Juni 1945 befahl Dwight D. Eisenhower eine Testreihe mit den Raketen durch die Special Projectile Operations Group der Air Defense Division. Als Versuchsgelände wurde der Marineartillerie-Schießplatz in Altenwalde festgelegt. Am 22. Juli 1945 wurden eine Gruppe von Spezialisten um Wernher von Braun aus der Haft in Garmisch-Partenkirchen nach Altenwalde gebracht. Ihnen folgten bis zu 150 weitere Wissenschaftler, die bei der Heeresversuchsanstalt in Peenemünde beschäftigt gewesen waren, sowie 100 Mann der Schießtruppen und 600 weitere Kriegsgefangene. Die deutschen Spezialisten wurden in zwei Lager geteilt: Camp A beherbergte alle für den Bau und Start der Rakete erforderlichen Personen und war im Barackenlager des Marineschießplatzes eingerichtet. Im weiter entfernten Camp C bei Brockeswalde dokumentierten Wissenschaftler ihre Kenntnisse über die V 2. Die britischen Truppen, die seit 11. August 1945 auch die Leitung der Operation übernommen hatten, trugen aus Jerxheim 18 und aus Lesse 12 unvollständige V 2-Raketen zusammen. Die Suche nach erhalten gebliebenen Raketenkomponenten wurde intensiv betrieben, so dass 250.000 Bauteile nach Altenwalde gebracht wurden. Hinzu kamen Tonnen an Flüssigsauerstoff aus Faßberg, Ethylalkohol aus Nordhausen und Wasserstoffperoxid aus Kiel. Zur Herstellung der notwendigen baulichen Anlagen in Altenwalde waren 2.000 kanadische Arbeiter und 2.500 britische Soldaten eingesetzt. Ende September 1945 standen 8 vollständige Raketen für Testzwecke zur Verfügung, von denen zwischen dem 2. und 15. Oktober 1945 drei eingesetzt wurden. Anschließend war die Operation beendet.

Bundeswehr mini|Luftaufnahme der Kaserne mit Standortschießanlage im Vordergrund Mit der Gründung und dem Aufbau der Bundeswehr ab 1955 benötigte das Bundesverteidigungsministerium Truppenunterkünfte. Dabei wurden sowohl vorhandene militärische Anlagen der Wehrmacht wieder in Nutzung genommen, als auch Standorte für neue Kasernen gesucht. Es wurde deshalb entschieden, auf dem zuvor als Schießplatz genutzten Gelände bei Altenwalde eine Kaserne zu errichten. 1956/57 wurden zunächst zweigeschossige, mit gelben Klinkern 14 Unterkunfts- und Kompaniegebäude errichtet, Anfang der 1960er Jahre kamen noch drei zweigeschossige Unteroffizier- und Feldwebelwohnheime hinzu. Ebenfalls 1956/57 entstanden jeweils ein Stabs-, ein Lehrsaal-, ein Sanitäts- und ein Wachgebäude sowie in den 1950er Jahren ein Instandsetzungsbereich, eine Sporthalle und eine Großküche.

1958Standortältester Cuxhaven: Dein Standort Cuxhaven. Informationsschrift für Gäste und Soldaten. Mönch-Verlag GmbH, Bonn 1979, S. 14 und 16 bezog ein Luftwaffenausbildungsbataillon die Kaserne. 1958/59 diente hier der spätere Brigadegeneral Hermann Hagena. Zu den stationierten Einheiten gehörten Teile des Luftwaffenausbildungsregiments 1Rolf Mädler: Deine Garnison Pinneberg. Luftwaffenausbildungsregiment 1, Mönch-Verlag GmbH, Bonn 1985, S. 15, die die neu errichteten gelben Klinkerbauten belegten. 1963 zog hier das Panzerbataillon 74 ein, während das Panzergrenadierbataillon 71 in vor 1945 geschaffene Unterkunftsbaracken einzog.

Folgende Stäbe, Verbände, Einheiten und Dienststellen der Bundeswehr folgten ab 1963 in der Kaserne:

Einheit Stationierung ab Herkunft Stationierung bis Verbleib I./Luftwaffenausbildungsregiment 2 mit 1./, 3./ bis 5./1. April 1963neu aufgestellt nach Umbenennung I./Luftwaffenausbildungsregiment 2 am Standort Delmenhorst in II./Luftwaffenausbildungsregiment 5Juni 1963verlegt nach Budel (Niederlande), Legerplaats BudelPanzergrenadierbataillon 711. August 1963verlegt nach Aufstellung am 1. April 1959 in Dörverden, Niedersachsen-Kaserne, und Zwischenstationierung ab 1. Juni 1959 in Seedorf, Kaserne30. September 1980umbenannt in Panzergrenadierbataillon 73; im Rahmen der Heeresstruktur 4 in Hamburg, Röttiger-Kaserne, als teilgekadertes Panzergrenadierbataillon 71 neu aufgestellt, von dem die 3. und 4. Kompanie in Altenwalde stationiert wurdenPanzerbataillon 7430. Juli 1963verlegt nach Aufstellung am 1. April 1959 in Seedorf, Kaserne31. Dezember 2003aufgelöstFlugabwehrraketenbataillon 37 (ohne 2./)März 1967–April 1974schrittweise verlegt nach Umgliederung am 1. Juni 1965 aus Luftwaffenflugabwehrbataillon 44 in Aurich, Blücher-Kaserne, und tlw. Zwischenstationierung in Bremerhaven, Marineschule ab 1971; 2./ ab 1971 in Bremervörde30. September 1989umbenannt in Flugabwehrraketengeschwader 37; Stellung Belum 1./FlaRakBtl 37 (), Stellung Nindorf 2./FlaRakBtl 37 (), Stellung Krempel 3./FlaRakBtl 37 (), Stellung Gudendorf 4./FlaRakBtl 37 ()Materialausstattung Sanitätsbereich 25/41. Juli 1972neu aufgestellt30. Juni 1997aufgelöstZahnstation (Terr) H 2361. Oktober 1974neu aufgestellt31. März 1981umgegliedert zur Zahnarztgruppe 205/1Panzerjägerkompanie 701. Oktober 1979umbenannt nach Entfall des Lehrauftrages und verlegt aus Munster, Hindenburg-Kaserne, nach Aufstellung am 1. April 1959 als Panzerjägerlehrkompanie 7030. September 1996aufgelöstPanzergrenadierbataillon 731. Oktober 1980aus Panzergrenadierbataillon 7131. März 1992aufgelöst; verwendet zur Aufstellung des Panzerbataillons 73 (na)3./Panzergrenadierbataillon 711. Oktober 1980neu aufgestellt30. September 1992aufgelöst4./Panzergrenadierbataillon 711. Oktober 1980neu aufgestellt30. September 1992aufgelöstZahnarztgruppe 205/11. April 1981aus Zahnstation (Terr) H 23630. Juni 2000aufgelöstKasernenfeldwebel Cuxhaven1. April 1982neu aufgestellt31. März 1999aufgelöstFahrschulgruppe Cuxhaven1985neu aufgestellt31. März 1994aufgelöstStandortfernmeldeanlage 212/703neu aufgestelltaufgelöstEvangelischer Standortpfarrer Cuxhavenneu aufgestelltaufgelöstSanitätszentrum 2051. Januar 1988neu aufgestellt31. Dezember 1997aufgelöstFlugabwehrraketengeschwader 37 (ohne 2./) mit Luftwaffensanitätsstaffel1. Oktober 1989aus Flugabwehrraketenbataillon 37; 2./ in Bremervörde31. Dezember 1992aufgelöst; 2./ umbenannt am 1. Juli 1990 zur 4./FlaRakG 39; Umbenennung am 1. Oktober 1992 der 3./ und 4./ in 1./ und 2./FlaRakG 31; 1./ wird am 1. Oktober 1992 zur 5./FlaRakG 39Panzerbataillon 73 (na)1. April 1992neu aufgestellt aus Panzergrenadierbataillon 7331. Dezember 2003aufgelöstBundeswehrdienstleistungszentrum Cuxhaven1. Januar 2007neu aufgestellt30. Juni 2014aufgelöst

In den 1960er Jahren kamen jeweils ein barackenähnliches Sanitäts- und Stabsgebäude hinzu.

Am 9. Oktober 1971 erhielt die Garnison den Namen „Hinrich-Wilhelm-Kopf-Kaserne“ verliehen.

Da das Flugabwehrbataillon unterzubringen war, entstanden Anfang der 1970er Jahre weitere 6 dreigeschossige Kompaniegebäude und ein zweigeschossiges Feldwebelwohnheim jeweils mit roten Klinkern. Hinzu kamen Mitte der 1970er Jahre ein Lehrsaalgebäude, ein Verwaltungsgebäude und ein Sanitätsgebäude. In den 1970ern wurden ein weiteres Lehrsaalgebäude, eine Sporthalle, ein Unteroffiziersheim und eine Mannschaftskantine gebaut. Ende der 1970er Jahre folgte ein zweiter Instandsetzungsbereich. Erst 1986/87 konnten 6 weitere Unterkunftsgebäude fertiggestellt werden, um das Panzergrenadierbataillon 73 anstelle der bisherigen Baracken unterzubringen. 1989 wurde noch ein Stabsgebäude ergänzt. Insgesamt sind auf der 73 Hektar großen Liegenschaft 112 Gebäude entstanden. Das Gelände umfasst damit 6 Hektar Gebäudegrundfläche, 17 Hektar befestigte Verkehrsfläche, 10 Hektar Wald sowie 39 Hektar Grünfläche. Die Kaserne verfügte ferner über einen Gleisanschluss. Dieser diente der Verladung und Verlegung von Panzern und Fahrzeugen.

Nach der 1992 erfolgten Auflösung des Panzergrenadierbataillons 73 unter Umwandlung in eine Geräteeinheit und der beiden Kompanien des Panzergrenadierbataillons 71 sowie der 2003 vollzogenen Außerdienststellung des Panzerbataillons 74 wurde die Kaserne lediglich noch für die zivilberufliche Aus- und Weiterbildung der Bundeswehr, insbesondere zu Fluggerätemechanikern, Nautikern, in kaufmännischen und logistischen Berufen, genutzt. Zudem siedelte sich das Bundeswehrdienstleistungszentrum Cuxhaven im Areal an und Soldaten benachbarter Standorte waren hier untergebracht. Damit standen jedoch bereits beginnend ab 1992 immer größere Teile der Kaserne leer. Für einzelne Gebäude, wie Sporteinrichtungen, fand eine zivile Nutzung bereits statt. Die Kaserne wurde von der Bundeswehr zum 30. Juni 2014 schließlich vollständig aufgegeben.

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