mini|Die Gedenktafel zum Mössinger Generalstreik wurde im Jahr 2003 an der Außenmauer der Langgass-Turnhalle neben dem Haupteingang angebracht.miniatur|Das Abzeichen der historischen Antifaschistischen Aktion symbolisierte die angestrebte Aktionseinheit der Arbeiterbewegung: Die Fahnen standen für die wichtigsten Arbeiterparteien SPD und KPD, der rote Ring stellte einen „Rettungsring vor dem Faschismus“ dar.

Die als Mössinger Generalstreik bezeichneten Aktionen eines großen Teils der Arbeiterschaft des seinerzeit von der Textilindustrie geprägten württembergischen Industriedorfes Mössingen gelten als der deutschlandweit einzige Versuch, die Machtübernahme Adolf Hitlers am ersten Tag nach dessen Ernennung zum Reichskanzler (30. Januar 1933) durch einen Generalstreik zu vereiteln.

Nahezu gleichzeitig mit dem Beginn der formellen Herrschaft des Nationalsozialismus hatte die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) – die vier Wochen später durch die Reichstagsbrandverordnung verboten werden sollte – in einem zur reichsweiten Verbreitung vorgesehenen Flugblatt zum „Massenstreik“ aufgerufen. Diesem Aufruf folgten nur Arbeiter in Mössingen.

Unter anderem bedingt durch die im gesamten Deutschen Reich geringe Resonanz auf den Streikaufruf sowie die rasche polizeiliche Zerschlagung dieser ersten kollektiven Widerstandsaktion gegen das NS-Regime an der Macht in der mit rund 4200 Einwohnern relativ kleinen Gemeinde, ging der Versuch, den Generalstreik umzusetzen, in der Geschichtsschreibung fast unter und blieb über mehr als fünf Jahrzehnte hinweg der öffentlichen Wahrnehmung weitgehend verborgen.

Aufruf der württembergischen KPD-Leitung zum Massenstreik Unmittelbar nachdem der letzte Reichspräsident der Weimarer Republik, Paul von Hindenburg, den „Führer“ der NSDAP, Adolf Hitler, zum Reichskanzler ernannt hatte, wurde von der württembergischen Bezirksleitung der KPD in Stuttgart ein Flugblatt verbreitet, das zum Massenstreik gegen Hitler und die bevorstehende NS-Diktatur aufrief. Verantwortlich hatte der Reichstagsabgeordnete Albert Buchmann gezeichnet.. Die Hoffnung bei dem im ganzen Reich von der KPD ergangenen Streikaufruf war, damit die Herrschaft des Nationalsozialismus noch abwenden zu können – nach dem Vorbild des Generalstreiks gegen den rechtsextremen Kapp-Putsch im Jahr 1920, der die Infrastruktur ganz Deutschlands lahmgelegt und so die noch junge pluralistische Demokratie von Weimar gerettet hatte.

Vorbereitung und Streik Erster Tag: Montag, 30. Januar 1933 mini|Die 1925 auf Initiative des Mössinger Arbeiterturnvereins errichtete Langgass-Turnhalle war Ausgangspunkt der Generalstreik-Aktionen. (Foto 2012)

Bereits am Abend des 30. Januar 1933 versammelten sich über 200 Angehörige mehrerer Mössinger Arbeitervereine in der örtlichen Langgass-Turnhalle. Diese Versammlung war vom Vorsitzenden der etwa zwanzig Parteimitglieder umfassenden Mössinger KPD-Ortsgruppe, dem Maler Martin Maier, einberufen worden, nachdem er durch einen Kurier aus dem 20 km nordöstlich von Mössingen gelegenen Reutlingen – bis heute größte Stadt in der näheren Umgebung und damals Sitz eines württembergischen Oberamts – vom Streikaufruf erfahren hatte.

Die Anwesenden beschlossen die Reaktivierung einer im Vorjahr gebildeten antifaschistischen Aktionsgruppe und riefen zu einem Folgetreffen am nächsten Tag um 12 Uhr am selben Ort auf, bei dem über weitere Maßnahmen beraten werden sollte. Den Abschluss dieser vorbereitenden Versammlung bildete eine abendliche Demonstration der antifaschistischen Aktion durch die Gemeinde, bei der Parolen wie „Hitler verrecke!“ und „Hitler bedeutet Krieg!“ skandiert wurden.

Zweiter Tag: Dienstag, 31. Januar 1933 mini|Teilansicht des Sheddach-Trakts der ehemaligen Pausa-AG, des ersten beim Mössinger Generalstreik bestreikten Betriebes (Foto 2007, der Gebäudekomplex wurde inzwischen abgerissen)

Am Vormittag des 31. Januar holte Martin Maier den Unterbezirkschef der KPD, Fritz Wandel, aus Reutlingen zur politischen Unterstützung nach Mössingen. Bei ihrer Ankunft vor der Turnhalle gegen 12.30 Uhr trafen die beiden auf etwa 100 Antifaschisten, vor allem Arbeitslose und Handwerker, die nach kurzer Diskussion beschlossen, die Belegschaften der Mössinger Betriebe für einen Generalstreik zu mobilisieren. Zunächst marschierte der noch kleine Demonstrationszug hinter einem in der Nacht vorbereiteten Spruchband mit der Aufschrift „Heraus zum Massenstreik“ zur Firma Pausa, einer Buntweberei, in der gerade eine Abstimmung über die Beteiligung am Generalstreik stattfand. Beim Eintreffen der Demonstranten um 12.45 Uhr hatte sich eine der beiden Abteilungen für die Beteiligung am Streik ausgesprochen, die andere war mehrheitlich dagegen. Um 13 Uhr sollte es eine erneute, aber dieses Mal gemeinsame Abstimmung aller Beschäftigten geben. Die verbleibende Zeit nutzte Fritz Wandel zu einer Rede, in der er sich eindringlich für den Generalstreik gegen die Nazis aussprach. Darauf stimmten die Arbeiter von Pausa mit 53 gegen 42 Stimmen für den Streik. Die Betriebseigentümer, die Brüder Artur und Felix Löwenstein, die als Juden ebenfalls ein Interesse am Sturz des NS-Regimes hatten, billigten dieses Abstimmungsergebnis und gaben der Belegschaft für den Nachmittag frei.

Der größte Teil der Pausa-Mitarbeiter schloss sich der Demonstration an, deren nächstes Ziel die Trikotwarenfabrik Merz war, der mit damals etwa 400 Beschäftigten größte Industriebetrieb Mössingens. Unterdessen hatten sich weitere Bürger Mössingens und der umliegenden Dörfer in die Demonstration eingereiht, die bis zum Eintreffen bei Merz gegen 14 Uhr auf etwa 600 Menschen angewachsen war.

Die Streikenden drangen auf das Fabrikgelände vor und besetzten die Betriebsräume. Nach einigen Wortgefechten gelang es ihnen schließlich, die Arbeiter im Websaal dazu zu bewegen, die Maschinen abzustellen. Im Nähsaal, wo fast nur Frauen arbeiteten, war das nicht so leicht zu erreichen. Nachdem immer mehr Demonstranten in den Nähsaal gelangt waren, war dort jedoch eine Weiterarbeit aufgrund des Tumults und lautstarker Auseinandersetzungen nicht mehr möglich. Die Arbeiterinnen, die ihre Arbeit nicht freiwillig einstellten, wurden von ihren Plätzen gezogen und nach draußen abgedrängt.

Inzwischen hatte der Betriebseigner Otto Merz den Mössinger Bürgermeister Karl Jaggy über die Vorkommnisse in seiner Firma telefonisch unterrichtet und ihn gebeten, auswärtige Polizeikräfte anzufordern. Dazu war Jaggy aber vorerst nicht bereit. Er war der Meinung, dass sich die Angelegenheit von selbst erledigen würde, und empfahl abzuwarten. Merz gab sich damit nicht zufrieden und forderte selbst polizeiliche Unterstützung vom Oberamt in Rottenburg an, das hierauf eine Einheit der nächstgelegenen Reutlinger Bereitschaftspolizei nach Mössingen abkommandierte. Zusätzlich alarmierte Merz die Leitung des dritten Mössinger Textilbetriebs, der Buntweberei Burkhardt, und informierte sie über die Vorgänge in seiner Firma.

Die Auseinandersetzungen bei Merz dauerten mehr als eine Stunde. Danach marschierte die Demonstration der streikenden Antifaschisten, inzwischen gut 800 Personen stark, weiter zur Firma Burkhardt. Dort hatte die Betriebsleitung, vorgewarnt durch Merz, das Fabriktor schließen lassen. Zwischen 50 und 60 Demonstranten kletterten hinüber – es kam zu verbalen Auseinandersetzungen mit dem Aufsichtspersonal –, andere versuchten das Tor gewaltsam zu öffnen. Vor den Fabrikfenstern wurden rote Fahnen geschwenkt. Nur wenige Arbeiter der Firma unterbrachen ihre Arbeit. Schließlich blies die Streikleitung den Versuch, ins Betriebsgelände einzudringen, ab und ordnete den Rückzug zur Turnhalle an.

Auf ihrem Rückzug stießen die Demonstranten gegen 16 Uhr auf die inzwischen aus Reutlingen eingetroffene 40 Mann starke, mit Pistolen und Gummiknüppeln bewaffnete Staffel des Überfallkommandos der Polizei, die ihnen den Weg versperrte. Jetzt konnten die Antifaschisten davon ausgehen, dass es in den Städten der Umgebung nicht zum Streik gegen Hitlers Machtübernahme gekommen war, da die Polizei sonst sicher andernorts bei wesentlich größeren Einsätzen gebunden gewesen wäre und kaum Kräfte für das kleine Mössingen hätte bereitstellen können. So wurde die Auflösung der Demonstration beschlossen. Der Großteil der Streikenden entzog sich der Personalienfeststellung und flüchtete über die Felder.

Der Historiker Frank Meier hebt hervor, dass die Ereignisse in Mössingen zwar „einzigartig“ gewesen seien, was den 31. Januar 1933 betreffe, nicht jedoch im Hinblick auf Widerstandsaktionen allgemein zwischen diesem Tag und dem Tag der Verabschiedung des Ermächtigungsgesetzes am 24. März 1933. Dies zeigten Aktivitäten unterhalb des Niveaus eines Generalstreiks in anderen Städten der Region wie Balingen und Mühlacker.Frank Meier: Das „rote Mössingen“ im regionalen Vergleich – Möglichkeiten und Potentiale der Regionalgeschichte. In: Siegfried Frech, Frank Meier (Hrsg.): Unterrichtsthema Staat und Gewalt. Kategoriale Zugänge und historische Beispiele. Wochenschau-Verlag. Schwalbach am Taunus 2012, S. 292–316, hier S. 305–311.

Folgen für die Streikenden Noch am selben Abend wurden die ersten Streikenden verhaftet. In den folgenden Tagen gab es weitere Festnahmen, nicht nur in Mössingen, sondern auch in umliegenden Gemeinden wie Belsen, Nehren oder Talheim. Viele der am Streik Beteiligten, insbesondere jene Arbeiter der Firma Merz, die sich der Demonstration angeschlossen hatten und sich nicht darauf berufen konnten, unfreiwillig von der Arbeit abgedrängt worden zu sein, wurden fristlos entlassen.

Am Ende kam es gegen 98 Arbeiter, die auf verschiedene württembergische Gefängnisse verteilt worden waren, zu Strafverfahren. Die meisten Anklagen lauteten auf Landfriedensbruch. Sieben Angeklagte galten als „Rädelsführer“, gegen sie wurde unter dem Vorwurf der „Vorbereitung zum Hochverrat in Tateinheit mit erschwertem Landfriedensbruch“ vor dem Strafsenat des Oberlandesgerichts in Stuttgart verhandelt: Glasermeister Jakob Stotz (1899–1975), der während seiner Lehrzeit 1922 von den Sozialdemokraten zu den Kommunisten gewechselt hatte, war ein führendes Mitglied der Mössinger KPD. Jakob Textor (1908–2010), von Beruf Maler, ein Aktivist der örtlichen Arbeiterbewegung und begeisterter Arbeitersportler, hatte schon zur Reichstagswahl im November 1932 an eine Mauer geschrieben: „Wer Hitler wählt, wählt Krieg!“ Hermann Ayen saß von 1919 bis 1933 im Mössinger Gemeinderat – zuerst für die SPD, ab 1922 für die KPD. Bis 1924 war er außerdem Vorsitzender der KPD-Ortsgruppe gewesen. Neben ihm wurden auch seine beiden Söhne Paul und Eugen angeklagt. Der Maler Martin Maier war 1933 KPD-Ortsvorsitzender in Mössingen. Dessen Namensvetter Martin Maier, der Kassierer des Mössinger Konsumvereins („Konsum-Maier“), ein gelernter Wagner, hatte dem im Zuge der Novemberrevolution nach dem Ersten Weltkrieg in Mössingen gebildeten provisorischen Arbeiter-, Bauern- und Handwerkerrat angehört und war 1919 mit vier weiteren Sozialdemokraten für die SPD in den neu gewählten Mössinger Gemeinderat eingezogen, dem er bis 1933 angehörte.