Die Hohepriesterin, manchmal auch Die Päpstin, ist eine der auch große Arkana genannten Trumpfkarten des Tarot. In der Folge der Trümpfe trägt die Karte die Nummer II.

Darstellung Ältere Decks mini|hochkant|Die Päpstin in den Pierpont-Morgan-Bergamo Tarocchi Die Päpstin erscheint bereits in den Visconti-Sforza-Trionfikarten, den ältesten erhaltenen Beispielen der Tarotkarten aus dem Italien des 15. Jahrhunderts. So wird sie im sogenannten Pierpont-Morgan als auf einem Stuhl oder Thron sitzende Nonne im braunen Habit der Franziskaner mit weißem Zingulum und weißem Schleier gezeigt, die auf dem Kopf die päpstliche Tiara trägt. In ihrer rechten Hand hält sie einen Stab oder ein Szepter und in der linken ein geschlossenes Buch, vielleicht ein Brevier. Über dem Habit trägt sie einen weiten Mantel, der über die Füße fällt, wie er bei manchen Bettelorden getragen wird.

Diese frühen Trionfi-Karten tragen zwar keine Titel, der Name La papessa erscheint jedoch in den Sermones de Ludo cum Aliis, einem italienischen Manuskript aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, das die früheste bekannte Liste mit Namen der Trümpfe des Tarot enthält. Der fromme Autor diese „Predigten über das Würfelspiel“ merkt neben dem Namen der Päpstin an: „O ihr Elenden, die ihr den christlichen Glauben verleugnet“, er kennzeichnet die Päpstin als eine besonders unchristliche Karte in dem in seinen Augen ohnehin unchristlichsten aller Spiele: „Kein Spiel auf der Welt ist Gott so ein Greuel wie das Spiel der Trümpfe.“O miseri quod negat Christiana fides und weiter oben: Non est res in hoc mundo quod pertineat ad ludum tantum Deo odibilis sicut ludus triumphorum. Zitiert nach: Robert Steele: A notice of the ludus triumphorum and some early Italian card games with some remarks on the origin of the game of cards. In: Archaeologia or Miscellaneous tracts relating to antiquity. Society of Antiquaries of London Bd. LVII = Second Series Band VII (1900), S. 185–200.

Marseille-Deck

Die Darstellung der Päpstin im Marseille-Tarot, auf das die modernen Formen des Tarot sämtlich zurückgehen, zeigt einige Änderungen gegenüber den Trionfi-Karten: Das Buch hält die Päpstin nun aufgeschlagen in ihrem Schoß. Sie hält es mit der linken Hand, manchmal auch mit beiden Händen, so etwa in dem Deck von Jean Dodal von 1701. Mantel und Habit sind nun nicht braun, sondern farbig, der Mantel meist rot, und statt des Zingulums trägt sie über die Brust gekreuzt eine häufig mit Kreuzen bestickte Stola. Die Figur wird nicht mehr frontal, sondern im Halbprofil von links sitzend gezeigt. Hinter ihr befindet sich ein Schleier oder ein Teil eines Baldachins. Diese Form der Darstellung blieb bei den traditionellen Decks bis heute im Wesentlichen unverändert. Variationen betreffen die Handhaltung und die Farben der Kleidung, für die sich keine Tradition etabliert hat, weshalb Versuche, diesen Farben eine esoterische Bedeutung zu geben, jedenfalls ohne historische Grundlage sind. Diese weitgehende Konstanz der Ikonografie ist insgesamt festzustellen, bei einzelnen Decks kann es jedoch durchaus Abweichungen geben. So wird im sogenannten Rosenwald Sheet die Päpstin ohne Schleier und dafür mit langem, fließenden Haar dargestellt, das Buch hält sie in der Rechten und in der Linken einen großen Schlüssel, wobei man an die Schlüssel Petri zu denken hat.

mini|links|hochkant|Junon im Besançon-Tarot Eine starke und verbreitete Abweichung gibt es allerdings in Tarots des sogenannten Besançon-Typs, die von 1750 bis 1850 in Südfrankreich, der Schweiz und Süddeutschland hergestellt und verbreitet wurden, in diesen Tarots wurde nämlich die Päpstin durch die römische Göttin Juno und der Papst durch den Gott Jupiter ersetzt. Vermutlich geschah das aus religiösen Rücksichten, denn die Darstellung eines Papstes und gar einer Päpstin in einem Kartenspiel galt als besonders frevelhaft, wie man oben gesehen hat. Aus noch weiter gehender Rücksichtnahme wurden in Italien im Bologneser Tarot die anrüchigen Karten der sogenannten Papi (Päpstin, Papst, Kaiserin und Kaiser) eliminiert und durch neutrale Bilder ersetzt.

Court de Gébelin mini|links|hochkant|Die Hohepriesterin mit angedeuteten Hörnern bei Court de Gébelin (1781) mini|Isis mit ihrem Gefolge erscheint der schwangeren Telethusa (französische Ovid-Illustration von 1732) mini|hochkant|Im Tempel der Natur (hier mit Isis identifiziert) wird der Schleier gelüftet (1803). Einen Wendepunkt in der Geschichte des Tarot bildete ein Aufsatz von Antoine Court de Gébelin in dessen Le Monde primitif analysé et comparé avec le monde moderne von 1781,Antoine Court de Gébelin: Du Jeu des Tarots. In: Ders.: Le Monde primitif analysé et comparé avec le monde moderne. Band VIII. Paris 1781, S. 365–394. in dem er die These eines ägyptischen Ursprungs des Tarot formulierte und die traditionellen Bilder der Trümpfe aufgrund dieser These neu interpretierte. Dieser Aufsatz markiert den Beginn der Entwicklung hin zum modernen esoterischen Tarot. Zu den Trümpfen II und V schreibt Court de Gébelin:

Wie man sieht, bleibt Court de Gébelin im Wesentlichen bei der traditionellen Ikonografie, die Papstkrone ist allerdings keine Papstkrone mehr, sondern eine hörnergeschmückte Krone der Isis, wobei eher an den Kopfschmuck der Hathor zu denken sein wird. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Vorstellungen vom Kopfschmuck ägyptischer Gottheiten im Frankreich des Jahres 1781 eher verschwommen waren, wie man an zeitgenössischen Stichen ablesen kann.

Court de Gébelin erwähnt hier auch den in der Vorstellung des 18. Jahrhunderts eng mit Isis verknüpften Schleier, eine Verbindung, die auf antike Berichte über ein Bildnis der Isis im Tempel von Sais zurückgeht. Plutarch schreibt, das dortige Bildnis der Isis, die er mit Athene identifiziert, trüge die Inschrift: „Ich bin alles, was ist, was gewesen ist und was sein wird. Kein sterblicher Mensch hat meinen Schleier aufgehoben.“Plutarch De Iside et Osiride 9 (354c). So wird der Text jedenfalls von Schiller wiedergegeben.Friedrich Schiller: Vom Erhabenen. In: Gerhard Fricke, Herbert G. Göpfert, Herbert Stubenrauch (Hrsg.): Friedrich Schiller. Sämtliche Werke. Band 5. Hanser, München 1962, S. 508. Tatsächlich ist an der Stelle von einem Peplos, also einem traditionellen griechischen Frauengewand die Rede. Die Deutung als Schleier stammt aus dem 17. Jahrhundert. Der englische Philosoph und Theologe Ralph Cudworth übersetzt „I am all that Hath been, Is, and Shall be, and my Peplum or Veil, no mortal hath ever yet uncovered“ und konstruiert daraus das Konzept einer verborgenen Gottheit, ähnlich dem biblischen Jahwe, dessen Angesicht selbst Moses nicht sehen durfte.Jan Assmann: Moses the Egyptian: The Memory of Egypt in Western Monotheism (1997). Harvard University Press 1997, ISBN 0-674-58738-3, S. 86 f. In der Folge wird das Gewand völlig fallen gelassen und dafür ein Schleier gehoben, hinter dem sich eine möglicherweise nackte Wahrheit oder eine unerkennbare Weisheit verbergen mag. Das Konzept findet als Schleier der Isis Eingang in die Ikonografie des 18. Jahrhunderts und wird in allegorischen Darstellungen der den Schleier der Isis lüftenden Wissenschaft häufig verwendet, in der Literatur erscheint das verschleierte Bildnis zu Sais in Schillers gleichnamiger Ballade und auch in Novalis’ Romanfragment Die Lehrlinge zu Sais spielt es eine Rolle, im esoterischen Kontext dann später beispielsweise im Titel von Helena Petrovna Blavatskys Hauptwerk Isis Unveiled („Isis entschleiert“).

Papus links|hochkant|mini|Kartenentwurf von Papus (1909) mini|hochkant|Hathor in Meyers Lexikon (1890) Den nächsten Schritt hin zum esoterischen Tarot unternahm der französische Okkultist Papus 1909 in seinem Buch Le Tarot Divinatoire, indem er die Ikonografie der esoterischen Interpretation anpasste.Papus: Le Tarot Divinatoire. Le Livre des Mystères et les Mystères du Livre. Clef du tirage des cartes et des sorts. Avec la reconstitution complète des 78 lames du Tarot Égyptien et de la méthode d’interprétation. Les 22 arcanes majeurs et les 56 arcanes mineurs. Mit Tarotkarten-Entwürfen von Gabriel Goulinat. Libr. Hermétique, Paris 1909. Als Titel der Karte beließ er es seltsamerweise bei La Papesse („Die Päpstin“). Die Karte zeigt nun eine sitzende weibliche Gestalt in langer, die Füße bedeckender Robe. Auf ihren Knien hält sie nun kein Buch mehr, sondern eine Buchrolle. Die obere Gesichtshälfte ist von einem Schleier bedeckt, im Hintergrund sieht man einen Vorhang aufgespannt, dahinter, teilweise vom Vorhang verborgen, zwei ägyptischen Säulen, die linke blau und die rechte rot, wodurch die traditionelle Farbgebung älterer Decks aufgenommen wird. Die sitzende Gestalt ist nun explizit als Göttin gekennzeichnet, indem sie den Kopfschmuck der Hathor trägt, die christlichen Bezüge sind zu einem auf der Brust getragenen Kreuz abgeschmolzen.

Waite-Deck mini|Krone der Hohenpriesterin im Waite-Deck Von diesem Entwurf bei Papus ist es nur ein kleiner Schritt zur Darstellung der Hohenpriesterin im Waite-Deck, einem der heute meistverbreiteten Tarot-Decks, das von Arthur Edward Waite, einem englischen Okkultisten und Angehörigen der esoterischen Gemeinschaft des Golden Dawn entworfen und von der Künstlerin Pamela Colman Smith ausgeführt wurde. In diesem Deck trägt die Karte nun auch den Titel The High Priestess („Die Hohepriesterin“). Das Bild zeigt wie bei Papus eine sitzende weibliche Gestalt in langem Gewand mit einem großen weißen Kreuz auf der Brust – Waite spricht von einem „solaren Kreuz“ – vor zwei Säulen, zwischen denen ein Vorhang gespannt ist, der mit Palmen und Granatäpfeln bestickt ist. Auf ihren Knien hält sie halb verdeckt eine Buchrolle, die den Titel TORA trägt, wodurch einerseits direkt Bezug genommen wird auf die Tora, also die Fünf Bücher Mose im Judentum, andererseits durch die bekannten Anagramme TARO[T] und ROTA (lateinisch für „Rad“, vgl. die Karte Das Rad des Schicksals) auf das Tarot selbst. Auf dem Kopf (das Gesicht ist nun unverschleiert) trägt sie ein Diadem, das nicht mehr der Hathor-Krone entspricht, sondern aus einer Scheibe und zwei Mondsicheln zusammengesetzt ist. Der Mond ist traditionell mit dem Element Wasser verknüpft (man denke an die Gezeiten) und das Thema Wasser-Mond wird im Bild noch mehrfach aufgenommen. So befindet sich zu Füßen der Hohepriesterin die schmale Sichel eines zunehmenden Mondes und das über die Füße zu Boden fallende Gewand scheint sich dort in Wellengekräusel aufzulösen. Außerdem erstreckt sich hinter den Säulen eine weite Wasserfläche mit einigen Hügeln am Horizont oder flach über dem Wasser schwebenden Wolken.

So ähnlich die Darstellung der stark ägyptisierenden Interpretation von Papus zu sein scheint, so oberflächlich ist diese Ähnlichkeit. Mehrere Bilddetails signalisieren nämlich die Abkehr von einer „ägyptischen“ und die Hinwendung zu einer kabbalistischen Lesart. Da ist die schon erwähnte Torarolle, außerdem tragen die beiden Säulen die Buchstaben „B“ (links, schwarze Säule) und „J“ (rechts, weiße Säule). Die Buchstaben stehen für Jachin und Boas, die beiden bronzenen Säulen am Tempel von Jerusalem, die nach biblischer Überlieferung König Salomo von dem tyrischen Baumeister Hiram Abif hatte herstellen lassen. und . Diese beiden Säulen spielen eine bedeutende Rolle in der freimaurerischen Legende und sind ein Bestandteil des symbolischen Freimaurertempels. Die Kapitelle der beiden Säulen haben (nun wieder ägyptisierend) die Form geöffneter Lotosblüten.Ludwig Borchardt: Die ägyptische Pflanzensäule. Ein Kapitel zur Geschichte des Pflanzenornaments. Wasmuth, Berlin 1897, . Waite schreibt über das Wesen der Hohenpriesterin, die kabbalistischen Bezüge betonend:

Crowley-Deck Die Karte wird in Crowleys Book of Thoth zwar The High Priestess genannt, im Deck hat die Karte allerdings den Titel The Priestess.