Der Eisenbahnraub von Neuvic im Département Dordogne vom 26. Juli 1944 war eine Aktion der französischen Résistance. Bei diesem Überfall fielen der Widerstandsbewegung 2,280 Milliarden Francs in die Hände, die der Finanzierung des Kampfes gegen die Deutsche Besetzung Frankreichs im Zweiten Weltkrieg dienen sollten. Tatsächlich aber führte die Verwendung des Geldes nach dem Krieg zu erheblichen politischen Verwicklungen und konnte bis heute in Teilen nicht aufgeklärt werden.

Ausgangssituation Am 6. Juni 1944, dem D-Day, waren alliierte Verbände in der Normandie gelandet (Operation Overlord). In der Nacht zuvor hatte Ici Londres dringend dazu aufgerufen, die Widerstandsnetze zu mobilisieren. Als dann aber für die Alliierten die militärische Lage schwieriger als erwartet wurde, hatte die Unterstützung des Maquis erst einmal keine Priorität.

Am 10. Juni forderte General Kœnig, der Kommandeur der französischen Kräfte, der von London aus arbeitete, die Franzosen auf, sich mit Angriffen auf die Deutschen zurückzuhalten, bis mehr Waffen zur Verfügung gestellt werden könnten. Die Begeisterung, die sich im Widerstand über die Landung der Alliierten zeigte, ging in Skepsis und Verwirrung über, es wurde sogar vorgeschlagen, die neuen Rekruten wieder nach Hause zu schicken, eine Idee, die aber keinen Anklang fand.

Kœnigs Befehl hatte nicht den gewünschten Effekt, er erhöhte sogar das Durcheinander, da die Nachricht nur diejenigen erreichte, die mit Sendern und Empfängern arbeiteten, während der Aufruf zur Mobilisierung von der BBC ausgestrahlt wurde, und daher allen Franzosen bekannt war. Einige Netzwerke wussten also nichts davon, andere beschlossen, die Erklärung außer Acht zu lassen und die Angriffe gegen die Deutschen weiterzuführen. Nur Netzwerke, denen wirklich Waffen und Munition fehlten, waren gezwungen, mit dem Kampf aufzuhören.

Ideen zur Finanzierung des Widerstands Einige Zeit zuvor hatten die Anführer des Widerstands entschieden, dass es an der Zeit sei, dass das Vichy-Regime „den Krieg bezahle“. Für Robert Noireau (Deckname Colonel Georges), Chef der Francs-tireurs et partisans (FTP) im Département Lot, waren die Gründe für diese Entscheidung sowohl politisch wie praktisch: „Daher sind die Post und das Finanzamt, öffentliche Kassen als Ganzes, auch Banken unsere Finanzquellen geworden. Ich habe immer das Gefühl gehabt, dass im Falle eines nationalen Befreiungskriegs es besser war, ihn mit öffentlichen Mitteln der Vichy-Regierung zu führen, als auf Einzelpersonen zurückzugreifen.“«Ainsi donc, les postes et les perceptions, les caisses publiques dans leur ensemble, les banques également devenaient nos sources financières. J’ai toujours ou le sentiment que, s’agissant d’une guerre de libération nationale, il valait mieux la financer avec des tonds publics soustraits aux caisses du gouvernement de Vichy, que d’avoir recours à des particuliers.»

Am 9. Februar griff eine „autonome Gruppe“ einen Konvoi an, der die Niederlassung der Banque de France in der Hauptstadt des Départements Puy-de-Dôme zum Ziel hatte und raubte gut eine Milliarde Francs. Ein paar Tage später wurden dem Kommando 735 Millionen durch eine reguläre FTP-Einheit wieder abgenommen (davon wurden nach der Befreiung von der Front national der Résistance, dem Erben der FTP, 438 Millionen dem Finanzministerium zurückgeben – aber 297 Millionen für den eigenen Bedarf behalten). Nachdem die Banque de France am 30. März 1944 die Seriennummern der Geldscheine veröffentlicht hatte, fielen der Polizei weitere 104 Millionen in die Hände, so dass den Autonomen am Ende 164 Millionen blieben.

Auch die Maquisards im Département Dordogne, denen es ebenfalls an Geld mangelte, beschlossen, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. In einem Schreiben vom 1. Juli an den Maxime Roux, den am 8. Juni vom Widerstand ernannten Präfekten der Dordogne, gab André Gaucher (Deckname Martial) der Departementschef der Forces françaises de l’intérieur (FFI) in Dordogne, eine pessimistische Einschätzung der Situation. Martial befürchtet „einen vollständigen moralischen Zerfall“ seiner Männer, „gefolgt – wenn keine ernsthaften Maßnahmen ergriffen werden – von unvermeidlichen Verbrechen mit dramatischen Folgen auf die aktuelle Haltung der Zivilbevölkerung.“«…une désagrégation morale complète …suivie, si aucune mesure sérieuse n’est prise, d’une crise de banditisme inévitable, aux conséquences dramatiques étant donné l’état d’esprit actuel des populations civiles» Die Kämpfer seien „jetzt ohne Mittel und vermutlich Ziel von Zwangsmaßnahmen durch die Vichy- und ausländischen Behörden.“«…actuellement sans ressources et probablement sujets à des mesures de coercition de la part des autorités vichyssoises et étrangères…» Die Zivilisten wiederum, von deutschen Repressalien bedroht, der Beschlagnahme von Nahrung unterworfen, zeigten sich immer zurückhaltender in ihrer Unterstützung. Um sie sich nicht zu entfremden, glaubt Martial, dass „es absolut notwendig ist, dass unsere Kampfgruppen sich ehrlich verhalten und die Abwicklung ihrer Einkäufe gewährleisten können.“«…il est absolument indispensable que nos groupes de combat puissent se comporter honnêtement et assurer le règlement de leurs achats…» Er forderte für die 7.500 Männer der drei Sektoren, für die er zuständig ist, eine Summe von 8,2 Millionen Franc, alleine um den Zeitraum vom 5. Juni bis zum 5. Juli abzudecken.

Die Lösung kam dann von unerwarteter Seite. Martial diskutierte das Problem mit Jean Callard, dem am 6. Juni vom Vichy-Regime eingesetzten Präfekten des Departements und somit Leiter der lokalen Regierung und der Polizei.Nach einigen Quellen war Callard bereits im Mai, also vor dem D-Day, ernannt worden; dem widerspricht allerdings die „Liste des préfets de la Dordogne“ der französischen Wikipedia, die den 6. Juni angibt Callard leitete sofort einige Schritte ein. Der Trésorier-payeur général der Dordogne, Latapie, seit langem Mitglied des Widerstands, erhält den Auftrag, Teile der Steuereinnahmen der vom FFI besetzten Kantone in bar zur Disposition Martials zu stellen. Allerdings macht der wachsende Umfang von Martials Finanzbedarf diese Maßnahme schnell unzureichend, so dass man eine andere Lösung finden musste.

Mitte Juli erfuhr Callard, dass die Filiale der Banque de France in Périgueux in ihren Kellern acht bis zehn Milliarden Francs in Banknoten hat. Diese Geldscheine waren für die Niederlassung in Bordeaux bestimmt, wurden in Perigueux nur aus Angst vor Bombardierungen gelagert, bei Bedarf in die Hauptstadt der Gironde zurückgebracht, vor allem, um Zahlungen an die Kriegsmarine der Deutschen unter Anwendung des Waffenstillstandsabkommens zu leisten.

„Der Direktor der Banque de France von Périgueux unterstrich die Mühe, die ihm das Vorhandensein dieser Milliarden in Papier mache“, sagte Callard später, „darunter seine Angst, dass es einen Handstreich des Maquis auf seinen Keller gebe. Ich sehe dort sofort die Möglichkeit, die Gelder für Gaucher und den Präfekten des Maquis, Maxime Roux, zu beschaffen. Ich pflichtete dem Direktor der Banque de France bei, und schlug ihm vor, anlässlich der nächsten Anforderung der Banque de France in Bordeaux, einen wesentlichen Teil der Scheine aus dem Keller heraus zu schaffen.“«Le directeur de la Banque de France de Périgueux me soulignait les tracas que lui occasionnait la présence de ces milliards en papier, et notamment sa crainte qu’il avait d’un coup de main des maquis sur ses cave. Je vis immédiatement là la possibilité de procurer des tonds à Gaucher et au préfet du maquis, Maxime Roux. J’abondais dans le sens du directeur de la Banque de France, et lui suggérais, à l’occasion de la prochaine demande de la Banque de France de Bordeaux, de sortir de ses caves un chiffre important de billet.» Zu dieser Zeit war eine spürbare Neigung der leitenden Beamten des Vichy-Regimes in Richtung Widerstand nicht mehr ungewöhnlich – so auch bei Callard, der später als „vichysto-résistant“Anhänger der Regierung in Vichy, insbesondere von Marschall Pétain, die sich der Resistance zuwandten; Callard war an der Ermordung von drei Widerstandskämpfern im März beteiligt gewesen, seine Neuorientierung dürfte ihm also vor dem Hintergrund der aktuellen politischen Entwicklung lebenswichtig erschienen sein. beschrieben wurde.

Mit diesem Wissen schlug Callard Martial vor, einen Überfall auf die Eisenbahn zu organisieren, und versprach, ihn zu informieren, wann der nächste Zug Gelder nach Bordeaux transportieren werde. Er musste nicht lange warten: am 25. Juli erfuhr er, dass am nächsten Tag ein Zug, der schwer bewaffnet sein würde, 2,28 Milliarden Francs abtransportieren solle. Das Geld werde in 150 Säcken verpackt sein und sechs Tonnen wiegen.

Die Planung Martial begann sofort, den Raubüberfall zu planen, der von lokalen Maquis-Gruppen durchgeführt werden würde: A.S. Valmy, A.S. Paul-Henry und A.S. Ancel zusammen mit der Groupe Franc Roland unter der Leitung von Roland Clée. Der Bahnhof in Neuvic wurde als der beste Punkt ausgewählt, um den Zug zu stoppen. Der Bahnhof liegt am Westrand der Gemeinde und damit von der Route nationale 89 (Lyon – Bordeaux) weit entfernt, die östlich von Neuvic verläuft und zu dieser Zeit mehr und mehr von den Deutschen genutzt wurde, nachdem ihnen die kleineren Straßen zu gefährlich geworden waren. Außerdem gab es in der Nähe des Bahnhofs eine ganze Reihe von Nebenstraßen, die im Fall einer schnellen Flucht nützlich waren, und die zu kleinen Dörfern führten, die mit der Résistance sympathisierten, ebenso wie vermutlich die meisten Bahnhofsmitarbeiter.

Die Maquis-Gruppen Valmy, Ancel und Paul-Henry wurden damit beauftragt, den Bahnhof zu sichern sowie die lokale Bevölkerung fernzuhalten; die Groupe Franc Roland bekam die Aufgabe, den Bahnhof und die Passagiere im Zug zu kontrollieren sowie die Säcke umzuladen. Sie bekamen zwei Lastwagen gestellt, einen, der auf Benzin lief und einen anderen, der auf Gasbetrieb umgebaut worden war. Sie würden durch zwei von Roland Clées Männern, Gilbert Boissière und Roger Rougié, gefahren werden.Ein Foto mit Boissière, Clée und Rougié findet sich unter Le Groupe Franc Roland

Die Informationen besagten, dass der Zug das Geld in einem Wagon transportieren werde, der an eine Reihe von Personenwaggons angekoppelt sei. Er sei wahrscheinlich schwer bewacht. Die Groupe Franc Roland bekam etwa eine Woche Zeit, um den Überfall zu planen, während die Maquis-Gruppe Valmy, die in La TaillandiereNicht identifizierter Ort, aus dem Zusammenhang ergibt sich aber, dass er östlich von Vergt in den Wäldern um Cendrieux liegen muss lagerte, nur wenige Stunden vor ihrem Einsatz alarmiert werden konnte. Martial hatte Gandoin, dem Anführer von Valmy, vorgeschlagen, dass, falls die Mission erfolgreich sei, jeder Maquisard 1000 Francs erhalten würde. Gandoin wollte davon aber nichts wissen: „Wir sind Soldaten, keine Piraten!“ soll er geantwortet haben.«Nous sommes des combattants et non des pirates!»

Callard wiederum gab als Polizeichef den Befehl, den Wagon von einer Gruppe von Polizeibeamten zu begleitet, von denen nur die vertrauenswürdigsten – ein Oberkommissar und vier Inspektoren der Renseignements généraux von Périgueux – unterrichtet wurden. Der Auftrag lautete: nicht die Waffen benutzen, wenn der Zug von einer FFI-Gruppe angegriffen werde und ohne Blutvergießen die wenigen Polizisten, die nicht unterrichtet waren, unschädlich zu machen.

Der Überfall