mini|Innenhofansicht des Bebenhäuser Pfleghofs Der Bebenhäuser Pfleghof in Tübingen ist einer der Wirtschaftshöfe des Klosters Bebenhausen. Der Bau wurde 1342 errichtet. 1492 kam es zum Neubau. Am 20. Oktober 1492 weihte der Konstanzer Weihbischof und Generalvikar die im Pfleghof befindliche Kapelle. Der hier beschriebene Pfleghof ist einer von vier Pfleghöfen, die das Kloster Bebenhausen wohl seit 1320 in Tübingen besaß. Rothmund, Gabriela: Der Bebenhäuser Pfleghof in Tübingen – Festschrift zum 500jährigen Weihejubiläum seiner Marienkapelle, Tübingen 1992, S. 11. Der Pfleghof wird heute zu mehreren Zwecken genutzt. In ihm befinden sich das Musikwissenschaftliche Institut und das Museum (MUT) der Universität, ein Studentenwohnheim des Studentenwerks Tübingen-Hohenheim, eine Kindertagesstätte und der Polizeiposten Tübingen-Innenstadt.
Lage und Umgebung Der Pfleghof liegt in der historischen Altstadt und heutigem Zentrum Tübingens. Er grenzt dabei im Osten an die ehemalige Stadtmauer und liegt westlich der Stiftskirche. Er ist von mehreren historischen Gebäuden umgeben, die heute Zahlreiche Läden und Einkaufsmöglichkeiten bieten.
Architektur Konstruktion und Daten Der Ursprungsbau entstand im Jahr 1342. Köhler, Mathias: Die Bau- und Kunstgeschichte des ehemaligen Zisterzienserklosters Bebenhausen bei Tübingen – Der Klausurbereich, Stuttgart 1995, S. 376 bis 377. Beim Pfleghof handelt es sich um eine Dreiflügelanlage mit nach Südwesten ausgerichteter Schauseite. Die heutige Anlage ist mehrstöckig und besitzt ausgedehnte Hallen im Erdgeschoss. Das Bauwerk, in seinem jetzigen Zustand ist zwischen 1492 und 1501 über älteren Bebauungsresten des 11. bis 14. Jahrhunderts errichtet worden. In der südwestlichen, stumpfwinkligen Ecke ist eine Kapelle eingefügt. Diese gleicht im Grundriss einem Parallelogramm. Die Kapelle besitzt reich profilierte Maßwerkfenster und ein engmaschiges, spätgotisches Netzgewölbe mit Schlusssteinen. Diese sind plastisch ausgestaltet, sie tragen ornamental gefasste Blumen-, als auch figürliche Motive. In den Schlusssteinen sind die Symbole der vier Evangelisten gekennzeichnet. Im westlichen Schlussstein verewigte sich der Bursierer Bartholomäus Heubach in der Person seines Namenspatrons, dem Apostel Bartholomäus. Letzterer ist an seinem Attribut, einem Marterwerkzeug zu erkennen. Rothmund, Gabriela: Der Bebenhäuser Pfleghof in Tübingen – Festschrift zum 500jährigen Weihejubiläum seiner Marienkapelle, Tübingen 1992, S. 16. Auf dem östlichen Schlussstein ist Maria mit ihrem Kind abgebildet. Unter diesem Schlussstein stand früher der Altar, der nicht mehr vorhanden ist. Zwei Schlusssteine flankierten den Altar, die die Wappen der Stadt Tübingen und des Grafen von Württemberg zeigen. Ein weiterer Wappenstein trägt das Zeichen des Meistersteinmetzen. Auch die anderen Künstler haben sich mit ihren Zeichen an ihren einzelnen Arbeiten verewigt.
Entstehungsgeschichte Bauherr des 1492 begonnenen Neubaus war der Abt Bernhard von Magstadt.
Geschichte Mittelalter und Frühe Neuzeit Der beschriebene Pfleghof ist einer von vier Pfleghöfen, die das Kloster höchstwahrscheinlich seit 1320 in Tübingen besaß. Bereits im Jahr 1293 hatte der Pfalzgraf Eberhard von Tübingen, genannt der Scheerer, seinen Fronhof, welcher sich an der Stelle der heutigen Münzgasse 22 befand, dem Kloster übereignet. Zu diesem gehörten auch einige Weinberge sowie eine Kelter, Bauern, Äcker und Wiesen. Als aufgrund der Universitätsgründung im 15. Jahrhundert Unterkünfte für Professoren und Studenten sowie Räume für Vorlesungen und für die Bibliothek gebraucht wurden, trat Graf Eberhard im Bart an das Kloster mit „ernstlich bitt und begehre“ heran, damit dieses ihm den Hof in der Münzgasse zu diesem Zweck unentgeltlich überließe. Dieser Hof war zwar bis dahin der größte, den das Kloster besaß, da er aber nicht der einzige Pfleghof des Klosters in der Stadt war, willigten Abt und Konvent von Bebenhausen ein.
Bedeutung des Pfleghofs Grundsätzlich kann man sagen, dass ein Pfleghof den eigentlichen Traditionen und Gebräuchen der Zisterzienser widersprach. Denn Zisterzienserklöster, bzw. ihre Mönche verfolgten im Grunde eine abgeschiedene Lebensweise, in der man nur von dem lebte, was man selbst mit den Händen bewirtschaftete. Die Autarkie des Klosters stand also im Mittelpunkt. Dennoch konnten sich die Klöster der Verstädterung nicht entziehen, zumal ein Produktionsüberschuss und der Verkauf der Waren in der Stadt am geeignetsten war. Ebenfalls profitierten die Stadt und ihre Einwohner. Die Stadt wurde immer attraktiver für Kaufleute und die Bevölkerung konnte sich mit Lebensmitteln versorgen.
Die Marienkapelle im Pfleghof mini|Der Bebenhäuser Pfleghof mit der Eingangstüre zur Marienkapelle Eine Kapelle gehört zur Ausstattung eines jeden Kloster- oder Pfleghofes. Die Kapelle im neuen Tübinger Pfleghof war mehr als nur eine einfache Hauskapelle für die Mönche, wie sich aus ihrer Größe, Lage und Ausstattung schließen lässt. Weiterhin garantierte der Konstanzer Bischof bei ihrer Weihe jedem künftigen Besucher einen 40-tägigen Ablass, was wohl auch gegen eine einfache Hauskapelle spricht. Rothmund, Gabriela: Der Bebenhäuser Pfleghof in Tübingen – Festschrift zum 500jährigen Weihejubiläum seiner Marienkapelle, Tübingen 1992, S. 14. Als Wahrzeichen der Kapelle steht in der zum Holzmarkt gerichteten Ecke eine Marienstatue, mit ihrem Kind. Bei ihr handelt es sich um die Schutzpatronin des Zisterzienserordens. Die Marienkapelle wurde im Zuge der Reformation profaniert und wahrscheinlich als Lager verwendet. Rothmund, Gabriela: Der Bebenhäuser Pfleghof in Tübingen – Festschrift zum 500jährigen Weihejubiläum seiner Marienkapelle, Tübingen 1992, S. 22.
1881/82 funktionierte man die Kapelle zum offiziellen akademischen Musiksaal um, nachdem das Kameralamt sie im Sommer 1880 an die Universität übergab. Rothmund, Gabriela: Der Bebenhäuser Pfleghof in Tübingen – Festschrift zum 500jährigen Weihejubiläum seiner Marienkapelle, Tübingen 1992, S. 24.
Reformation Als Herzog Ulrich von Württemberg 1534 in seinem Land und in den landsässigen Klöstern die Reformation einführte, wurde das Kloster Bebenhausen aufgelöst. Rothmund, Gabriela: Der Bebenhäuser Pfleghof in Tübingen – Festschrift zum 500jährigen Weihejubiläum seiner Marienkapelle, Tübingen 1992, S. 20–22 Somit verloren auch der Pfleghof in Tübingen und seine Kapelle ihre geistliche Bedeutung. Während des Dreißigjährigen Krieges erfuhr die Kapelle noch einmal eine Wiederbelebung ihrer einstigen Funktion. Im Zuge des Resitutionsediktes von 1629 war im September 1630 wieder ein katholischer Abt in Bebenhausen eingezogen, Joachim Müller aus Pfullendorf. Es gelang ihm jedoch nicht, sich dauerhaft im Kloster zu halten. Durch die Bestimmungen des Westfälischen Friedens von 1648 war er gezwungen das Kloster an die Besitzer des Jahres 1624, also das Herzogtum Württemberg zurückzugeben. Dies war unvermeidlich. Dennoch versuchte er alles dagegen zu unternehmen. Schließlich kam es gar zur Besetzung des Pfleghofs. Im Januar 1649 reiste eine württembergische Kommission nach Tübingen und forderte die Besetzer zur Räumung des Gebäudes binnen einer Stunde auf. Um zu zeigen, wie ernst man es meinte, ließ der Schlosshauptmann Oberst Ogier Fuchs den Hof mit 14 Musketieren umstellen. Am nächsten Tag verließ Abt Joachim Müller die Stadt. Damit endete die „katholische Zeit“ des Klosters und seiner Stadthöfe endgültig. Der Pfleghof selbst blieb allerdings vorerst als Verwaltungshof bestehen. Erst im Zuge der Säkularisation von 1806, als die Klosterverwaltung aufgehoben wurde und der nun staatliche Besitz den verschiedenen Nachfolgebehörden, Ober- und Kulturämter zugeordnet wurde, kam es zu einschneidenden Veränderungen im Pfleghof.
Wirtschaftliche Nutzung Im 19. Jahrhundert war der Pfleghof eines der wichtigsten Wirtschaftsgebäude der Stadt. Rothmund, Gabriela: Der Bebenhäuser Pfleghof in Tübingen – Festschrift zum 500jährigen Weihejubiläum seiner Marienkapelle, Tübingen 1992, S. 29. Im Erdgeschoss befand sich die größte Kelter in Tübingen. Im Keller befanden sich große Lagerräume. Des Weiteren befanden sich im Dachgeschoss weitere Lagerräume, etwa für Naturalien, und die Zehntscheuer. Zwischen 1806 und 1807 wurde die selbstständige Verwaltung der Kirchengüter aufgehoben und mit dem, des Landesherren vereint. Von nun an übernahm das dafür Zuständige Kameralamt die Verwaltung. Durch Reformen mussten keine Abgaben mehr in Naturalien abgegeben werden, sondern ein festes Zehntgeld. Demzufolge fand über die nächsten 50 Jahre eine Umstrukturierung der Raumnutzung statt, die den umstrittenen Auszug der Kelter im Jahr 1859 zur Folge hatte. Neben den Lagerräumen fanden insgesamt 13 Pferde, 10 Rinder und mehrere Schweine und Hühner in Ställen Platz. Darüber hinaus hatte der Pfleghof Zugang zu einem eigenen Brunnen im Innenhof. Ab den 1820er Jahren wurden Teile des Landbesitzes verpachtet, so auch ab 1827 die Weinberge mitsamt der Kelter. Der wirtschaftliche Betrieb der Weinberge war aber – aufgrund von mehreren Abgaben und klimatischen Bedingungen – nicht rentabel für den Pächter. Rothmund, Gabriela: Der Bebenhäuser Pfleghof in Tübingen – Festschrift zum 500jährigen Weihejubiläum seiner Marienkapelle, Tübingen 1992, S. 32. Von 1848 an wurden die Räumlichkeiten des Pfleghofs mehr und mehr vermietet und bspw. als Wohnung genutzt. Ab 1852 nutzten dann mehrere Handwerker, Kaufleute und Wirte die zu ihren Zwecken umgestalteten Räumlichkeiten.
Der Fechtsaal im Pfleghof Das königliche Finanzministerium genehmigt am 27. März 1820 dem Universitätskameralamt die „Eichrichtung eines Fecht- und Voltigir Saals“ im Pfleghof Gebäude. Im gleichen Schreiben wird ein Betrag von 1407 Gulden veranschlagt, um den ehemaligen Fruchtboden im ersten Stock entsprechend ausgestalten zu können. Während des Ersten Weltkriegs bleibt der Fechtbetrieb im Pfleghof eingestellt. Der Fechtsaal ist bis 1940 in Gebrauch.
Kaserne und Landjägerkommando Aufgrund sozialer Konflikte und „vaterländischer Unruhen“ der Studenten, entsteht in Tübingen ein angespanntes Klima. Rothmund, Gabriela: Der Bebenhäuser Pfleghof in Tübingen – Festschrift zum 500jährigen Weihejubiläum seiner Marienkapelle, Tübingen 1992, S. 34. Während es von 1825 bis 1829 einer Regierungskommission mit einer zwanzigköpfigen Polizeitruppe gelingt für Ruhe zu sorgen, kommt es in der Folge der Julirevolten 1830 im Jahr 1833 erneut zu Unruhen mit Studenten und Bürgern. Dieses Mal geht der König gegen sie vor und entsendet ein eigenes 300 Mann starke Militärkommando in die Stadt. Das Kommando bezieht im Pfleghof Quartier. Den Pferdestall im Südflügel funktioniert man zu einer Soldatenküche um. Das Kommando geht gegen die Studenten vor, die verhaftet, verhört und verurteilt oder von der Universität verwiesen werden. Rothmund, Gabriela: Der Bebenhäuser Pfleghof in Tübingen – Festschrift zum 500jährigen Weihejubiläum seiner Marienkapelle, Tübingen 1992, S. 36.
1836 zieht der letzte Teil des Kommandos ab, lässt allerdings sicherheitshalber das Mobiliar da. Es wird erst 1842 herausgenommen. Vor dieser Aktion fällte der König bereits die Entscheidung dort ein Landjägerkommando zu stationieren. Im ersten Stock des Nordflügels wurde daraufhin eine Küche, eine Stube, eine Ruhekammer, eine Holzlege, eine Waschkammer, ein Wohn- und Dienstzimmer für den Kommandanten, als auch eine Schlafkammer für die vier Landjäger eingerichtet. Bis 1833 hatte das Kameralamt seine Registraturkammer und ein Vorratsmagazin in diesem Stockwerk. Noch früher befand sich dort der Heu- und Strohboden der Kamerals-Beamten.
Akademischer Pfleghof