mini|Otto H. F. Vollbehr, um 1928 Otto Heinrich Friedrich Vollbehr (* 24. April 1869Aus unbekannten Gründen gab Vollbehr selbst sein Geburtsjahr häufiger mit 1872 an; allein 1869 ist jedoch durch Dokumente belegt. in Kiel; † 18. Mai 1946 in Frankfurt-HöchstRudolf Schäfer: Höchst und die Gutenbergbibel von St. Paul. In: Höchster Kreisblatt. 9. September 1975.) war ein deutscher Chemiker und Erfinder sowie Büchersammler und Antiquar.

Von ihm zusammengetragene Inkunabel-Sammlungen wurden zwischen November 1924 und 1926 von Henry E. Huntington für seine Huntington Library und 1930 von der Library of Congress angekauft.

Ein vollständiges, auf Pergament gedrucktes dreibändiges Exemplar der Gutenberg-Bibel aus dem Stift St. Paul im Lavanttal wurde zum Spitzenobjekt von Vollbehrs Sammlung und seines Angebots, ohne dass es jemals physisch Teil seiner Sammlung war.

Leben Trotz seiner zeitweilig großen Bekanntheit ist das Leben von Otto Vollbehr in vielen Details unklar. Es ist schwierig, sein tatsächliches Leben von eigenen wie fremden Legendenbildungen zu trennen. Er galt immer schon als the mysterious Dr. Vollbehr.College and Research Libraries 1959, S. 375.Vollbehr promoted an aura of mystery about himself that still enshrouds him today. Maier (Lit.)

Otto Vollbehr war der älteste Sohn des Kieler Kaufmanns Emil Jakob Heinrich Vollbehr (1837–1913) und seiner Frau Caroline Elisabeth, geb. Beckmann (1846–1927). Zu seinen sieben Geschwistern zählt der Maler Ernst Vollbehr. Der Kunsthistoriker und Magdeburger Museumsdirektor Theodor Volbehr war sein Cousin. Nach dem Abitur studierte er nach eigener Aussage Chemie an den Universitäten Kiel, Marburg und Berlin. 1894 war er in Berlin Mitglied der Akademischen Liedertafel im Sondershäuser Verband (heute Akademisch-Musische Verbindung Berlin), deren Geschichte ihn als Student der Pharmazie bezeichnete.Geschichte der Akademischen Liedertafel zu Berlin: 1886–1905. Berlin 1906, S. 295 Nr. 537. 1897 soll er in Berlin einen Abschluss in Chemie gemacht haben. Zu seinem Abschluss schenkte ihm, so Vollbehr in einem Interview von 1931, sein Vater den Betrag von 10.000 Mark, damit er eine Weltreise machen konnte. Ab ca. 1900 soll er als Dr. phil. aufgetreten sein; eine Dissertation ist jedoch nicht nachweisbar.

Vollbehr sei über Frankreich, Ägypten, Indien, China und Japan nach Hawaii gereist, in Yokohama in Japan Gehilfe des deutschen Apothekers Josef Maria Schedel geworden und dort in finanzielle Schwierigkeiten geraten. 1897 ist er in San Francisco belegt, wo er als noted pharmacist auftrat.Otto H. Vollbehr, a noted pharmacist of Kiel, Germany, is stopping in this city for a few days en route to his home. This gentleman is making a tour of the world and is studying the pharmncal institutions of the different countries. The Pharmaceutical Era 17 (1897), S. 522; also nicht 1898 (Maier und Philobiblon) Hier will er noch kurz vor dessen Tod mit Adolph Sutro zusammengetroffen sein, dessen Tochter er in Japan kennengelernt hatte. Sutro hatte sein großes Vermögen unter anderem in den Aufbau einer Bibliothek gesteckt, deren Reste sich heute in der kalifornischen Staatsbibliothek befinden.; https://archivalia.hypotheses.org/7337 Sutro soll ihm den Rat gegeben haben, sich eine Sammlung seltener Bücher anzulegen und sich auf ein Spezialgebiet zu konzentrieren.Maier (Lit.) Von Kalifornien aus soll Vollbehr versucht haben, im Zuge des Klondike-Goldrauschs nach Alaska zu kommen. Er sei bis nach Victoria (British Columbia) gelangt, wo ihn gesundheitliche Umstände zur Umkehr bewogen, seine schwache Gesundheit habe ihn nach eigener Aussage jedoch nicht daran gehindert, per Pferd von Washington (Bundesstaat) nach Mexiko zu reisen, mit Zwischenstopps in Yosemite und im Death Valley. In Mexiko soll er ein Telegramm der Dynamit Nobel AG erhalten haben, das ihm die Vertretung des Unternehmens in Japan und China anbot. Er reiste nach Chicago, um das Angebot in der dortigen Niederlassung anzunehmen, und dann nach Berlin. Hier heiratete er am 2. Oktober 1900Nach dem Heiratseintrag, abgerufen über ancestry.com; nicht 1905 (Philobiblon) Elsbeth Louise Johanna Margarethe geb. Kurtz (* 1879), die Tochter des verstorbenen Berliner Tiergarten-Inspektors Carl Wilhelm Joseph Kurtz. Es ist nicht klar, ob und wie lange er tatsächlich danach im Fernen Osten tätig war. Nach der Rückkehr von seiner Reise arbeitete er in Berlin als unabhängiger Chemiker.Philobiblon (Lit.) Das Ehepaar Vollbehr lebte in Berlin-Halensee am westlichen Ende des Kurfürstendamms (Kurfürstendamm 130), später in der Wilmersdorfer Straße 98/99. mini|hochkant=0.8|Anteilschein der Central-Torfkohlengesellschaft mit Unterschrift Vollbehrs 1901 ist er als Geschäftsführer der Allgemeinen Torfkohlen­gesellschaft m.b.H. und 1902 der Central-Torfkohlengesellschaft auf Anteilsscheinen belegt. 1902 erhielt er ein Österreichisches Patent zur Herstellung von Kohlen aus Torf,Oesterreichische Zeitschrift für Berg- und Hüttenwesen. 50, 1902, S. 332. das er 1904 an die Allgemeine Torfkohlengesellschaft abtrat.Oesterreichisches Patentblatt 6, 1904, S. 304. 1905 erfand er eine Generalstabskartenlupe, das Mikrophotoskop, mit dem es möglich wurde, stark verkleinerte photographische Nachbildungen der Originalblätter in Form von Diapositiven zu betrachten: „Der Hauptnutzen der Erfindung wird der militärische sein.“Hammer: Das Mikrophotoskop (die Kartenlupe) von O. Vollbehr. In: Zeitschrift für Vermessungswesen. 34 (1905), S. 580, nur US-Zugriff!–582; Das Mikrophotoskop, die neue Generalstabskartenlupe. In: Technik und Wehrmacht. 8, 1905, S. 45–54 (mit 3 Abb.) Ein Patent für diese Erfindung hatte er bereits am 19. Mai 1904 in Österreich-Ungarn angemeldet und 1905 erhalten. Das US-Patent erfolgte erst 1906 (Micrographic Microscope).Patentschrift 1905 trat Vollbehr dem Berliner Exlibris-Verein bei.Ex libris: Buchkunst und angewandte Graphik 16, 1906, S. 164.

1913 wurden er und seine Ehefrau vom österreichischen Geheimdienst überwacht.Günther Kronenbitter: „Krieg im Frieden“. Die Führung der k.u.k. Armee und die Großmachtpolitik Österreich-Ungarns 1906–1914. Walter de Gruyter, Berlin 2003, S. 240. Der Grund war die völlig undurchsichtige Rolle, die Vollbehr in Bulgarien spielte, wo er sich als Vertreter einer britischen Finanzgruppe vorstellte.Wolfgang U. Friedrich: Bulgarien und die Mächte 1913–1915. Ein Beitrag Zur Weltkriegs- und Imperialismusgeschichte (= Quellen und Studien zur Geschichte des östlichen Europa 21). Steiner, Stuttgart 1985, ISBN 3-515-04050-1, S. 61f. Bis 1914 soll er Vorstandsvorsitzender eines großen chemischen Unternehmens gewesen sein bzw. als Generaldirektor in den Verwaltungsräten großer Gesellschaften gesessen haben.Philobiblon (Lit.) Seine Verwendung im Ersten Weltkrieg ist unklar. Im Mai 1915 taucht er im Tagebuch des österreichischen Diplomaten Heinrich Wildner auf. Er suchte Wildner in einer Häuteausfuhrangelegenheit auf, tatsächlich aber, um mit ihm die politische Lage auf dem Balkan zu besprechen. Er sei ein enger Freund des bulgarischen Ministerpräsidenten Wassil Radoslawow und wolle Möglichkeiten zum Sturz der Karađorđević-Dynastie in Serbien ausloten.Rudolf Agstner: 1915/1916. (= Forschungen zur Geschichte des Österreichischen Auswärtigen Dienstes 10). LIT, Münster 2014, ISBN 978-3-643-50602-3, S. 70. Offenbar spielte er in dieser Zeit eine „dubiose Rolle als unerwünschter Agent“.Wolfgang U. Friedrich: Bulgarien und die Mächte 1913–1915. Ein Beitrag Zur Weltkriegs- und Imperialismusgeschichte (= Quellen und Studien zur Geschichte des östlichen Europa 21). Steiner, Stuttgart 1985, ISBN 3-515-04050-1, S. 61.

Neben, vielleicht auch in Zusammenhang mit seinen Interessen auf dem Balkan engagierte sich Vollbehr im Umfeld der deutsch-türkischen Beziehungen. 1918 hielt er eine auch gedruckte Gedächtnisrede am Sarge des kais. türkischen Generalkonsuls Exzellenz Dr. Omer Lutfi Bey. Dieser war am 23. April 1918 während einer Operation verstorben.Barbara Flemming, Jan Schmidt (Hrsg.): The diary of Karl Süssheim (1878–1947). Orientalist between Munich and Istanbul. Steiner, Stuttgart 2002, ISBN 3-515-07573-9, S. 153. Vollbehrs Verbindung zu Lutfi liegt im Dunkeln; belegt ist, dass Vollbehr zu dieser Zeit Mitglied der Gesellschaft für Islamkunde war.Die Welt des Islams. Zeitschrift der Deutschen Gesellschaft für Islamkunde 7 (1919), S. XVIII. Aus Akten ist belegt, dass er zusammen mit Alfred Nossig die treibende Kraft hinter einem Orient-Institut Mehmet Reşat V war, das sich der Vermittlung von Büchersammlungen in die Türkei widmete und zumindest eine wertvolle Sammlung von der Firma Gysellius für 70.000 ℳ erwarb und dem Sultan zum Geschenk machte.Mustafa Gencer: Bildungspolitik, Modernisierung und kulturelle Interaktion: deutsch-türkische Beziehungen (1908–1918). (= Konfrontation und Kooperation im Vorderen Orient. 8). LIT Verlag, Münster 2002, ISBN 3-8258-6370-0, S. 214.

Einige Zeit nach dem Ende des Ersten Weltkriegs soll Vollbehr bei einem Eisenbahnunfall auf der Strecke Brüssel-Paris so schwer verletzt worden sein, dass er mehrere Monate im Krankenhaus lag und halbseitig gelähmt war. Auf ärztlichen Rat hin habe er seinen Beruf aufgegeben, um sich ganz dem Sammeln von Büchern zu widmen.Maier (Lit.); auch Philobiblon (Lit.) Vollbehr spezialisierte sich auf den Ankauf von Inkunabeln, insbesondere aus klösterlichem Besitz. Durch die Inflationszeit war der Markt für Käufer außerordentlich günstig.

Händler und Stifter In der Zeit seines Engagements auf dem Balkan um 1918 soll sich Vollbehr in Istanbul günstig eine Inkunabel-Sammlung sowie zahlreiche islamische Handschriften erworben haben; die Handschriften habe er dem Sultan (Mehmed V.?) zum Geschenk gemacht.Maier (Lit.) Vermutlich bedingt durch sein Bedürfnis nach Devisen und durch sein Wissen um den amerikanischen Markt, wurde aus dem Käufer und Sammler relativ bald ein Verkäufer. Darüber hinaus betätigte sich Vollbehr als Stifter.

Huntington mini|Huntington Library

Im Oktober 1924 reiste Otto Vollbehr nach Los Angeles, kontaktierte erstmals Henry E. Huntington und bot ihm seine Inkunabelsammlung zum Kauf an. Zwischen November 1924 und 1926 erwarb Huntington von Vollbehr insgesamt 2385 Bände für 1,2 Millionen US-Dollar. Der erste Kauf umfasste 392 Stücke, meist spanischer und portugiesischer Herkunft, zu einem Preis von 177.000 Dollar. Im Januar 1925 bot ihm Vollbehr seine komplette Sammlung von 4000 Inkunabeln an. Huntington kaufte jedoch im März nur 1740 Inkunabeln zu einem Preis von 770.000 Dollar, den er teils in bar, teils in Pacific Electric-Aktien beglich.

mini|hochkant=0.6|links|Porträt Christi, Geschenk von Vollbehr an das LACMA 1926