Hunsrückisch, auch Hunsrücker Mundart oder Hunsrücker Platt, ist ein hochdeutscher Dialekt, der im Hunsrück, durch den die Hunsrück-Schranke verläuft, gesprochen wird.

Eine Varietät auf seinem Substrat ist das noch in den drei südlichsten Bundesstaaten Brasiliens, in Paraná, Santa Catarina und in Rio Grande do Sul gesprochene Riograndenser Hunsrückisch.

Verbreitung Deutschland mini|Mundart aus Peterswald-Löffelscheid (Vorderer Hunsrück)

Der Hunsrück besitzt klare geographische Grenzen, das Hunsrückische allerdings keineswegs. Es greift einerseits über den Hunsrück hinaus, kennt aber andererseits auch eine starke innere Differenzierung.

Die Mundarten des Hunsrück werden im Rheinischen Wörterbuch von 1928–1971 dokumentiert, das heute auch digital zugängig ist.Rheinisches Wörterbuch. Im Auftrag der Preußischen Akademie der Wissenschaften, der Gesellschaft für Rheinische Geschichtskunde und des Provinzialverbandes der Rheinprovinz auf Grund der von Johannes Franck begonnenen, von allen Kreisen des Rheinischen Volkes unterstützten Sammlung bearbeitet und herausgegeben von Josef Müller, Heinrich Dittmaier, Rudolf Schützeichel und Mattias Zender. 9 Bände. Bonn/Berlin 1928–1971. Im Mittelrheinischen Sprachatlas, der von 1994 bis 2002 veröffentlicht wurde, wird Hunsrückisch ebenfalls berücksichtigt.

Das Hunsrückische ist in zahlreiche Ortsmundarten gegliedert, fast jedes Dorf hat seine eigene Varietät. Die kleinräumige Struktur der einzelnen Sprachgebiete erwuchs aus den kleinräumigen Herrschaftsstrukturen im Hunsrück, wo Grenzen oft sogar Dörfer teilten. Auch die kirchlichen Trennungen in (vorwiegend) evangelische oder katholische Gebiete unterstrichen das Trennende.

Auch im Hunsrück ist ein starker und beschleunigter Rückgang im aktiven Gebrauch der Mundart festzustellen. Die Jugend spricht teilweise keine Mundart mehr und versteht nur noch selten ihre speziellen Wörter. Heimatvereine oder Einzelpersonen versuchen mit Mitteln der modernen Kommunikation und Dokumentation, dem entgegenzuwirken.

Südamerika

Auswanderer haben diesen Dialekt in ihre neue Heimat mitgenommen. Im südlichen Brasilien gibt es auch heute noch Gemeinden, in welchen Riograndenser Hunsrückisch aktiv gesprochen wird.

Peter Joseph Rottmann, Hunsrücker Mundartdichter und Lokalpolitiker im 19. Jahrhundert, hat die Auswanderung nach Brasilien in seinem Gedicht Der Abschied drastisch thematisiert.

Charakterisierung Phonologie (Lautsystem) mini|Hunsrücker Mundartstück von Josef Peil

Die hunsrückische Phonologie teilt sich in zwei Gruppen; die erste gehört zum Rheinfränkischen und wird von der Nahe bis ungefähr kurz hinter Kastellaun gesprochen. Die zweite gehört zum Moselfränkischen und wird von Kastellaun bis zur Mosel gesprochen. Die charakteristische Unterscheidung der beiden Gruppen wird durch die dat-das-Linie gebildet. Nördlich, zum Beispiel in Idar-Oberstein, Gemünden, Kirchberg und Boppard heißt es dat. Wichtiger aber ist nach Roland MartinRoland Martin: Untersuchungen zur rhein-moselfränkischen Dialektgrenze. In: F. Wrede (Hrsg.): Deutsche Dialektgeographie. Heft XI a, Marburg 1922 (zitiert in Diener). eine von ihm Sobernheimer Linie genannte Isoglosse (Mundartgrenze), die beispielsweise östliches Herrd und westliches Heerd (Hirte), östliches Gorrjel und westliches Goorjel (Gurgel), östliches Rerre und westliches Rierer (Räder) trennt. Überdies können zur Erleichterung der Aussprache Sprossvokale eingeschoben werden: Dorf wird zu Dooref, Kirche zu Keerisch, Berg zu Beerisch.

An anderen Isoglossen nennt Georg Diener die Unterscheidung von im westlichen Hunsrück gesprochenem o und eu und östlich der Linie Mastershausen-Buch-Mannebach-Nörtershausen geltendes u und ou oder au, also etwa Bruure (Bruder), Hau (Heu). Das d/t zwischen Vokalen wird durch r ersetzt (Rhotazismus); so wohnt in Kappel de Peere Prappel (Peter); er mischd sich fri ous/us de Fäärerre (er macht sich früh aus den Federn). Auf dem Strimmiger Berg hat sich auf einer kleinen Sprachinsel jedoch der Lambdazismus erhalten, bei dem d/t durch l ersetzt wird. Hier wird beispielsweise der Bruder zum Brola, aus beten wird belle und aus baden wird bolle.Norbert J. Pies: Vom Belle, Bolle und Hure – Einige Tücken des Strimmiger Platts. In: Die Pies-Chronik Nr. 59/2015, S. 14.Norbert J. Pies: Besonderheiten im Strimmiger Platt oder warum die Strimmiger das „L“ so sehr lieben. In: Jahrbuch 2016 für den Kreis Cochem-Zell, S. 207–209.

Das g zwischen zwei Vokalen entfällt: Aue, saan (Augen, sagen). Bei dieser breiten Aussprache heißt es für „Brombeeren“ Bräämerre: Et git kä brärer Blaad as en bräd, bräd Bräämerreblaad (Es gibt kein breiteres Blatt als ein breites, breites Brombeerblatt – Spruch aus Siemerre (Simmern) nach Pfarrer R. Christmann, Simmern).Zitiert von Diemer, S. 46.

Im östlichen Teil, zur Nahe hin, wird das r als Zungenspitzen-R gesprochen,Beispiele außer wenigen Ergänzungen aus Diener. zum Beispiel in Bubach, im nahen Simmern aber nicht.

Konsonanten. Die stimmlosen Laute p, t, k werden oft als b, d, g ausgesprochen. Im Moselfränkischen fällt das n häufig nach bestimmten Regeln weg: uus „uns“, siewen Daach, siewen Auer / Aua, siewe Pund „sieben Tage, sieben Uhr, sieben Pfund“. Statt des Ich-Lauts hört man sch, statt pf hört man p: Peerd „Pferd“.Regional klingt -er eher wie -a: Haisja (Plural von Haißi) „Häuschen“.

Es existieren unterschiedliche Zahlen von Vokalen und Diphthongen, manche nur in einzelnen Dörfern, z. B. ein sehr offenes ä. Im Gegensatz zum Standarddeutschen gibt es die Vokale ö und ü nicht, an ihrer Stelle werden meist deren entrundeten Varianten e und i verwendet: Fresch „Frösche“, iwa „über“. Offenes o kann lang sein moole „malen“. Regional kann das Schwa (e wie in „sagen“) betont sein: hel efe „helfen“, allerdings mit leicht gerundeten Lippen gesprochen. Manchmal entspricht einem standarddeutschen i im Hunsrückischen ein u, etwa in imdri e, um Dor ef „umdrehen, im Dorf“, loo hunne, hai inne „da hinten, hier unten“, Umber, Kund „Himbeere, Kind (Senkung von i zu a und weitere Vokalverschiebungen kommen auch vor, vergleiche etwa die Variantik Kand, Kend, Kind und Kond)“. Die Länge der Vokale stimmt nicht immer mit der Standarddeutschen überein (rische, feerdisch „riechen, fertig“). Ohne sprachgeschichtliches Hintergrundwissen ist es nicht immer vorhersehbar, was dem standarddeutschen Diphthong ai, geschrieben „ei“, im Dialekt entspricht: sein (wie im englischen „Lady“), säin, waise, hääsche, lihne „sehen, sein, zeigen, heißen, leihen“. Diphthonge gibt es in Hout (wie im englischen „low“), Hoout (wie in „Sonne“) „Hut, Haut“. Vor l und r wird nicht unterschieden zwischen b,d,g und p,t,k: kläwe, trei, plaiwe „glauben/kleben, drei, bleiben“. Die Sprossvokale i und e können zwischen bestimmten Lauten eingefügt werden: Finef, warem, arisch, Melisch „fünf, warm, sehr, Milch“, auch zwischen Wörtern: ned esu, dad eloo „nicht so, das da“. Bestimmte betonte Vokale haben eine ansteigende und dann abfallende Tonhöhe (Tonakzent); so entsteht ein leichter „rheinischer Singsang“. Dadurch lassen sich „Weg“ und „weich“, beide wääsch gesprochen, unterscheiden.

Grammatik Die grammatikalischen Regeln des Hunsrücker Platt ähneln den Regeln des Standarddeutschen.

Genus Das Genus weicht in einigen Fällen vom Standardhochdeutschen ab. So sind der Bach und der Salat im Hunsrück weiblich: die Bach, die Salaad. Umgekehrt sind die Brille – de Brill – und die Butter – de Bodder – männlich (wie auch Butter regional männlich ist).Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS): ButterJohann Christoph Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Band 1, Leipzig 1793, S. 1282, Stichwort ButterDiener, S. 44, 46, 52.

Frauen haben meist ein sächliches Genus. So heißt es bei RottmannPeter Joseph Rottmann: Gedichte in Hunsrücker Mundart. 4., vermehrte Auflage. Voigtländer, Kreuznach 1989, S. 142. etwa:

Heint honn eich ’t alt Marie-Marlehn Mir’m scheele Suus siehn wesche gehn; Det Surelfrenz! war aag derbei; Unn’t Oorschel kimmt noch zu de drei.

Im saarländischen Teil des Hunsrücks ist etwa oft zu hören: Es hott gesaht „Meine Frau hat gesagt.“

Aber auch weibliches Genus wird gelegentlich verwendet:Horst Hohl: De verlorene Brustlappe. Steggelcher on Sprich on Lieje. Fischer, Kastellaun 1981, S. 9

De Hannes unn die Kathrin, se ware schun alt.

Die Verwendung des weiblichen Genus scheint Respekt (z. B. gegenüber älteren oder „vornehmeren“ Frauen) oder eine gewisse Distanz (z. B. gegenüber Zugezogenen) auszudrücken. So kann es vorkommen, dass eine zugezogene Frau zunächst als die Anna, nach der Integration ins Dorfleben aber als das/dat Anna bezeichnet wird.

Die Zahl „zwei“ gibt es im Moselfränkischen in drei Geschlechtern: zwien Markolwe (Eichelhäher), zwu/zwo Säächomesse (Ameisen), zwä Ääschertscher (Eichhörnchen) (vgl. älteres Hochdeutsch: zween Männer, zwo Frauen, zwey/zwei HäuserJohann Christoph Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Band 4, Leipzig 1801, S. 1785–1787, Stichwort Zwey).

Zeitformen Gegenwart: Für die Konjugation gelten weitgehend dem Hochdeutschen entsprechende Regeln. Manche Verben haben ein unregelmäßiges Präsens: sische (kurzer Vokal) „suchen“, gläwe, glooft „glauben, geglaubt“.

Vergangenheit: Im Hunsrücker Platt wird hauptsächlich das Perfekt verwendet. Die Vorsilbe ge- fällt oft weg: gang, gääß, funn, praacht „gegangen, gegessen, gefunden, gebracht“. Manche Verben bilden regional ein unregelmäßiges Perfekt: hiere – gehoort / gehuurt „hören, gehört“.Der Gebrauch des Präteritums ist auf wenige Verben beschränkt, etwa saht „sagte“, fung „fing“.

Der Konjunktiv wird mit doun „tun“ gebildet (Äisch dihd soon „Ich würde sagen“), sonst gibt es ihn fast nur bei Hilfsverben: Äisch hätt, wäer, mist, kinnt, mihscht, sollt, wesst, kihm, bräischt, gieft „gäbe“.

Das Futur mit wehre / währe wird wie im Hochdeutschen oft durch das Präsens ersetzt, bei Futur für Vermutungen steht es meistens: Dat werd schun goud gihn „Das wird schon gut gehen“.

Das Passiv wird regional mit gen „geben“ gebildet Dou ges net gefroot „Du wirst nicht gefragt“, so auch „(zu etwas) werden“: Äisch gen noch vareckt „Ich werde noch verrückt“.

Kasus Im Hunsrücker Platt gibt es wie im Hochdeutschen die Fälle Nominativ, Dativ und Akkusativ.

Der Genitiv wird hingegen nicht verwendet, außer als sogenannter partitiver Genitiv: Wivill Äppel prouchste fier dein Äppelschmeer? – Äisch hollen er immer finef. „Wie viele Äpfel brauchst du für dein Apfelmus? – Ich nehme immer fünf.“ Hier ersetzen es / er vorher erwähnte Mengenangaben, wie in anderen rheinischen Dialekten und im Niederländischen und vergleichbar dem italienischen „ne“ und dem französischen „en“. Standarddeutsch entsprechen ihm teils „welcher/welche/welches“, teils „davon“ oder eine Nullstelle: Wivill Kunner wellen se dann? Se wellen er nur trei. „Wie viele Kinder wollen sie denn? Sie wollen nur drei.“

Beispiel Dativ statt Genitiv: dämm seine Brorer „dessen Bruder“, dat Hous vom Pitt „Peters Haus“

Pluralbildung Die Pluralbildung folgt bis auf eine Ausnahme den Regeln des Hochdeutschen. Endet im Hochdeutschen die Pluralform mit -en, dann endet sie im Hunsrücker Platt mit -e.

Sprache Singular Plural Hunsrückisch die Zeidung die Zeidunge Deutsch die Zeitung die Zeitungen

Wortbeispiele Im Hunsrückischen gibt es eigenständige Wörter, die im Hochdeutschen nicht oder so nicht vorkommen. Umgekehrt existieren manche hochdeutschen Wörter im Platt nicht, etwa wird „bekommen“ durch kreie, „nehmen“ durch holle ersetzt: (zou)holle „(zu)nehmen“. „Dieser / diese / dieses“: dat Peerd eloo / hai „jenes, dieses Pferd da (hinten) / hier (beim Sprechenden)“; loo dä / loo dei / loo dat; auch dä loo, dei loo, dad eloo.

Hinkel = Huhn. Die Asterix-Übersetzer haben die Steine der Hünengräber zu Hinkelsteinen gemacht.