Der Bund der Verfolgten des Naziregimes (BVN) ist eine 1950 durch den Emigranten Peter Lütsches initiierte eher christdemokratische und dezidiert antikommunistische Abspaltung der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN). Der Einfluss des CDU-nahen Dachverbandes blieb allerdings begrenzt.Constantin Goschler: Der Umgang mit den Opfern den Nationalsozialismus in Deutschland. In: Günther Heydemann, Clemens Vollnhals (Hrsg.): Nach den Diktaturen. Der Umgang mit den Opfern in Europa (= Schriften des Hannah-Arendt-Instituts. Bd. 59). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2015, ISBN 978-3-647-36971-6, S. 30 f. Im Jahre 1954 organisierten sich einzelne Landesverbände des BVN und nicht kommunistische Kleingruppen im Zentralverband demokratischer Widerstandskämpfer- und Verfolgtenorganisationen (ZDWV).Andreas Eichmüller: Keine Generalamnestie. Die strafrechtliche Verfolgung von NS-Verbrechen in der frühen Bundesrepublik (= Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte. Bd. 93). Oldenbourg, München 2012, ISBN 978-3-486-70412-9, S. 168, Fn. 108.

Überblick Während sich die 1946 gegründete VVN als überparteiliche Solidargemeinschaft verstand, die Verfolgte und Widerstandskämpfer von Christ- über Sozialdemokraten bis hin zu Kommunisten und anderen Gruppen vereinte, sorgten die Spannungen des Kalten Krieges dafür, dass sich am 4.Bertram Wieland Archiv Düren: Flugblatt des BVN von 1950: So wurde der BVN gegründet und BVN Flugblatt von 1950: Aufruf! mit Beitrittserklärung Februar 1950 in Düsseldorf der Bund der Verfolgten des Naziregimes um vor allemJohannes Großmann: Entstehung und Konsolidierung. In: Die Internationale der Konservativen. Transnationale Elitenzirkel und private Außenpolitik in Westeuropa seit 1945 (= Studien zur internationalen Geschichte. Bd. 35). De Gruyter Oldenbourg, München 2014, ISBN 978-3-486-76507-6, S. 106, Fn. 57. Christliche Demokraten abspaltete, was sich seit 1948Regina Hennig: Entschädigung und Interessenvertretung der NS-Verfolgten in Niedersachsen, 1945–1949 (= Hannoversche Schriften zur Regional- und Lokalgeschichte. Bd. 4). Verlag für Regionalgeschichte, Bielefeld 1991, ISBN 3-927085-43-X, S. 90 f. im Ansatz abgezeichnet hatte. Zwei Jahre zuvorRichard Stöss: Antifaschismus – Probleme und Perspektive. In: Die extreme Rechte in der Bundesrepublik: Entwicklung – Ursachen – Gegenmassnahmen. Westdeutscher Verlag, Opladen 1989, ISBN 3-531-12124-3, S. 245. hatte sich bereits die Arbeitsgemeinschaft ehemals verfolgter Sozialdemokraten (AvS) gegründet. Der BVN richtete sich antikommunistisch aus – auch im Briefkopf wies sie sich als „Die antikommunistische Verfolgtenorganisation“Heiko Scharffenberg: Sieg der Sparsamkeit. Die Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts in Schleswig-Holstein (= IZRG-Schriftenreihe. Bd. 7). Verlag für Regionalgeschichte, Bielefeld 2004, S. 71. aus – und stand vor allem der CDU, aber auch der FDP nahe.Katharina Stengel: NS-Verfolgte und ihre Organisationen in der frühen Nachkriegszeit. In: Hermann Langbein: Ein Auschwitz-Überlebender in den erinnerungspolitischen Konflikten der Nachkriegszeit (= Wissenschaftliche Reihe des Fritz-Bauer-Instituts. Bd. 21). Campus-Verlag, Frankfurt am Main u. a. 2012, S. 117.

In den Bundesländern gründeten sich Landesverbände des BVN, besonders aktiv wurde er in West-BerlinBoris Spernol: Die ‚Kommunistenklausel‘. Wiedergutmachungspraxis als Instrument des Antikommunismus. In: Stefan Creuzberger, Dierk Hoffmann (Hrsg.): "Geistige Gefahr" und "Immunisierung der Gesellschaft". Antikommunismus und politische Kultur in der frühen Bundesrepublik (= Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. Sondernummer). Oldenbourg, München 2014, ISBN 978-3-486-74708-9, S. 263. – dort erschien von 1953 bis 1964 die Monatszeitschrift Die Mahnung. Zentralorgan demokratischer Widerstandskämpfer und Verfolgten-Organisationen.https://die-mahnung.de/Im Lukas Verlag wird ein Reprint verlegt: . –, aber auch in den Regionen Hamburg und Düsseldorf/Nordrhein-Westfalen. Zum Teil wurden sie anders benannt und/oder operierten unabhängigGilad Margalit: Guilt, Suffering, and Memory: Germany Remembers Its Dead of World War II. Übersetzung von Haim Watzman, Indiana University Press, Bloomington u. a. 2010, ISBN 978-0-253-35376-4, S. 128 f. wie in Hessen (Verband für Freiheit und Menschenwürde e. V. (VFM)) und in Bayern (Landesrat für Freiheit und Recht = BVN in Bayern; Nachfolgeorganisation: Bund Widerstand und Verfolgung (BWV)).

Finanzielle Unterstützung erfuhr der BVN vom CDU-geführten Bundesministerium des Innern (ca. 80.000 DM an Zuwendungen soll es 1950 von Seiten der Bundesregierung gegeben haben) und von US-amerikanischen Geheimdiensten. Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) unterstützte im Vorfeld die Spaltung und förderte Lütsches insbesondere Anfang 1950. Nach Spernol gehörte der BVN zum „informationspolitischen Beziehungsgeflecht“ der CDU-nahen Arbeitsgemeinschaft Demokratischer Kreise (ADK). In SPD-Kreisen wurde eine Regierungsnähe des Vereins kritisiert.Boris Spernol: Die ‚Kommunistenklausel‘. Wiedergutmachungspraxis als Instrument des Antikommunismus. In: Stefan Creuzberger, Dierk Hoffmann (Hrsg.): "Geistige Gefahr" und "Immunisierung der Gesellschaft". Antikommunismus und politische Kultur in der frühen Bundesrepublik (= Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. Sondernummer). Oldenbourg, München 2014, ISBN 978-3-486-74708-9, S. 257. So wurde offenbar in Broschüren für den Schuman-Plan und die damaligen Regierungsparteien geworben; außerdem brachte Lütsches die AvS im Kanzleramt als „Unterorganisation der KPD“ in Misskredit. Die Position von SPD-Funktionären wie Franz Neumann stieß auf Widerstand bei Repräsentanten der US Army.Keith R. Allen: Befragung – Überprüfung – Kontrolle. Die Aufnahme von DDR-Flüchtlingen in West-Berlin bis 1961 (= Beiträge zur Geschichte von Mauer und Flucht). Links, Berlin 2013, ISBN 978-3-86153-722-9, S. 106 f. Nach einem Auszug von verbliebenen Sozialdemokraten aus dem BVN, den dessen Führung bestritt, sprach der Parteivorstand der SPD 1953 von „bewußten Irreführungen“. Auf Vorschlag des SPD-Bundesvorstands unter Erich Ollenhauer erging nun ein Unvereinbarkeitsbeschluss.Kristina Meyer: Verfolgung, Verdrängung, Vermittlung: Die SPD und ihre NS-Verfolgten. In: Norbert Frei, José Brunner, Constantin Goschler (Hrsg.): Die Praxis der Wiedergutmachung: Geschichte, Erfahrung und Wirkung in Deutschland und Israel (= Schriftenreihe des Minerva-Instituts für Deutsche Geschichte der Universität Tel Aviv. Bd. 28). Wallstein, Göttingen 2009, ISBN 978-3-8353-0168-9, S. 171. Der Journalist Karl Marx von der Allgemeinen Wochenzeitung für Juden in Deutschland monierte die fehlende Konsultierung Lütsches mit jüdischen Vertretern.Boris Spernol: Die ‚Kommunistenklausel‘. Wiedergutmachungspraxis als Instrument des Antikommunismus. In: Stefan Creuzberger, Dierk Hoffmann (Hrsg.): "Geistige Gefahr" und "Immunisierung der Gesellschaft". Antikommunismus und politische Kultur in der frühen Bundesrepublik (= Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. Sondernummer). Oldenbourg, München 2014, ISBN 978-3-486-74708-9, S. 256. Der Aktionsrahmen des BVN hielt sich trotz erfolgreicher antikommunistischer Eingrenzung der VVN in Grenzen. Zu einer sprunghaften Zunahme der Mitglieder kam es nicht. Sowohl die VVN als auch die Gegenorganisation BVN waren Mitglied in internationalen Dachverbänden der NS-Verfolgten.

Erster Bundesvorsitzender (1950–1953) wurde der Journalist und aus dem Zentrum gekommene CDU-Politiker Peter Lütsches, der zuvor der VVN angehört hatte.Constantin Goschler: Wiedergutmachung. Westdeutschland und die Verfolgten des Nationalsozialismus 1945–1954 (= Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte. Bd. 34). Oldenbourg, München u. a. 1992, ISBN 3-486-55901-X, S. 195 f. Von den weiteren Mitgliedern und Funktionären des BVN, die zum Teil aus den ReihenPeter Monteath: Organizing Antifascism: The Obscure History of the VVN. In: European History Quarterly 29 (1999) 2, S. 289–303, hier: S. 299. der VVN stammten, sind u. a. zu nennen: Karl IbachGünter Beaugrand: Zeitzeuge am Redaktionstisch. Die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) und der Bund der Verfolgten des Naziregimes (BVN) im Spiegel ihrer Presseorgane. In: Historisch-Politische Mitteilungen 4 (1997) 1, S. 261–282, hier: S. 265, ., Karl ArnoldGünter Beaugrand: Zeitzeuge am Redaktionstisch. Die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) und der Bund der Verfolgten des Naziregimes (BVN) im Spiegel ihrer Presseorgane. In: Historisch-Politische Mitteilungen 4 (1997) 1, S. 261–282, hier: S. 268, ., Josef Gockeln, Walther Hensel, Friedrich MiddelhauveChristof Brauers: Die FDP in Hamburg 1945 bis 1953. Start als bürgerliche Linkspartei (= DemOkrit. 3). Mit einem Vorwort von Hildegard Hamm-Brücher, M-Press Meidenbauer, München 2007, ISBN 978-3-89975-569-5, S. 460., Franz GlienkeGlienke, Franz Richard Hugo. In: Hermann Weber, Andreas Herbst (Hrsg.): Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch 1918 bis 1945. 2. überarbeitete und stark erweiterte Auflage, Dietz, Berlin 2008, ISBN 978-3-320-02130-6, S. 298 f., Max KöhlerKöhler, Max. In: Hermann Weber, Andreas Herbst (Hrsg.): Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch 1918 bis 1945. 2. überarbeitete und stark erweiterte Auflage, Dietz, Berlin 2008, ISBN 978-3-320-02130-6, S. 466 f., Adolf BenscheidBenscheid, Gustav Adolf. In: Hermann Weber, Andreas Herbst (Hrsg.): Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch 1918 bis 1945. 2. überarbeitete und stark erweiterte Auflage, Dietz, Berlin 2008, ISBN 978-3-320-02130-6, S. 102., Eugen Budde, Philipp Auerbach, Wolfgang MüllerBei Margalit (2010) ist fälschlich von Werner Müller die Rede, gemeint ist aber Wolfgang Müller: Gilad Margalit: Guilt, Suffering, and Memory: Germany Remembers Its Dead of World War II. Übersetzung von Haim Watzman, Indiana University Press, Bloomington u. a. 2010, ISBN 978-0-253-35376-4, S. 128; Regina Hennig: Entschädigung und Interessenvertretung der NS-Verfolgten in Niedersachsen, 1945–1949 (= Hannoversche Schriften zur Regional- und Lokalgeschichte. Bd. 4). Verlag für Regionalgeschichte, Bielefeld 1991, ISBN 3-927085-43-X, S. 90 f., Werner Goldberg,Norbert Beleke (Hrsg.): Wer ist wer?. Das deutsche Who’s Who. 37. Ausgabe (1998/99), Schmidt-Römhild, Lübeck 1998, ISBN 3-7950-2024-7, S. 450. Josef Vienerius und Bernt Engelmann.Stefan Appelius: Pazifismus in Westdeutschland. Die Deutsche Friedensgesellschaft 1945–1968. Band 1, 2. Auflage, Mainz, Aachen 1999, ISBN 3-89653-461-0, S. 111. Der evangelische Theologe Heinrich Grüber wurde Ehrenmitglied.Gerd Kühling: Schullandheim oder Forschungsstätte?. Die Auseinandersetzung um ein Dokumentationszentrum im Haus der Wannsee-Konferenz (1966/67). In: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History 5 (2008), S. 211–235, hier: S. 222.