Die Bezeichnung Anthroposophische Gesellschaft bezieht sich auf verschiedene Gruppierungen von Anhängern der Anthroposophie beziehungsweise der anthroposophischen Bewegung.

Sie steht oder stand: für den am 16. Dezember 1911 in Berlin zur Pflege der rosenkreuzerischen Geisteswissenschaft gegründeten internationalen „Bund“. für die am 28. Dezember 1912 in Köln, beziehungsweise am 4. Februar 1913 in Berlin gegründete, international ausgerichtete Anthroposophische Gesellschaft (AG), als Kurzform für die im Februar 1923 in Stuttgart gegründete Anthroposophische Gesellschaft in Deutschland, sowie die Freie Anthroposophische Gesellschaft, für die am 28. Dezember 1923 in Dornach neugegründete Anthroposophische Gesellschaft (AG) (= Weihnachtstagungsgesellschaft (WTG), auch Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft genannt), als Kurzform für die am 8. Februar 1925 in Dornach aus der Umbenennung des Verein des Goetheanum, der freien Hochschule für Geisteswissenschaft entstandene Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft (AAG), als Kurzform für die am 12. November 1954 ins Handelsregister in Stuttgart eingetragene Anthroposophische Gesellschaft in Deutschland e.V (AGiD), als deutsche Übersetzung der Bezeichnung der nichtdeutschen anthroposophischen Landesgesellschaften (z. B. Société Anthroposophique en France „Anthroposophische Gesellschaft in Frankreich“, Anthroposophical Society in Great Britain „Anthroposophische Gesellschaft in Großbritannien“).

Die Anthroposophische Gesellschaft 1912/13 Die Anthroposophische Gesellschaft (AG) ist 1912/1913 aus einer Abspaltung einer größeren Gruppe von Mitgliedern der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft entstanden, nachdem sich Rudolf Steiner, seit 1902 deren Generalsekretär, geweigert hatte, dem von Annie Besant, der Präsidentin der Adyar-TG, verordneten Kurs, den Inder Jiddu Krishnamurti als neuen Christus zu proklamieren, zu folgen.

Trennungsgeschichte Der Weg zur Trennung der Anthroposophischen Gesellschaft (AG) von der Theosophischen Gesellschaft war eine Auseinandersetzung, in der es u. a. um institutionelle und machtpolitische Konflikte und die Entwicklung inhaltlicher, weltanschaulicher Profile ging.

Johannesbauverein versus Sternorden mini|Richtfest des ersten Goetheanums am 1. April 1914, Blick von Süden Für jährlich stattfindende Kongresse und künstlerische Darbietungen, wie die Aufführungen der Mysteriendichtungen Steiners,Aus: Das Wirken Rudolf Steiners / Novalis Verlag ISBN 3-7214-0107-7; die Gründung des Bauvereins und das Bauvorhaben in München, S. 38. versuchten die theosophischen Anhänger Steiners eigene Räume zu erwerben. Dazu wurde im Herbst 1910 ein „Theosophisch-Künstlerischer-Fonds“ gegründet, der am 9. Mai 1911 als Johannesbauverein ins Vereinsregister eingetragen wurde. Der theosophische Johannesbauverein war eine formal von der Theosophischen Vereinigung getrennte Vereinigung, analog zum strukturidentischen Sternorden.Helmut Zander: Anthroposophie in Deutschland. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2007. S. 819. Steiner gehörte dem Verein nicht als Mitglied an. Am 20. September 1913 erfolgte die Grundsteinlegung für den Johannesbau in Dornach. Ab 1918 hieß der Johannesbau Goetheanum.Helmut Zander: Anthroposophie in Deutschland. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2007. S. 927. Das erste Goetheanum brannte infolge einer Brandstiftung in der Silvesternacht 1922/23 bis auf die Grundmauern nieder.

Die finale Krise (1911–1913) 1911 waren die inhaltlichen Auseinandersetzungen zwischen Steiner und Annie Besant festgefahren und organisatorische und machtpolitische Weichenstellungen zeichneten sich immer mehr ab. Besant und Leadbeater begannen ihr „Projekt Weltenlehrer“ durchzusetzen. Dazu wurde am 11. November 1911 in Adyar der Order of the Star in the East (Sternorden) gegründet und Krishnamurti einer weiteren Einweihung unterzogen. Für Unmut in der deutschen Adyar-Sektion sorgte Besants Ernennung von Hugo Vollrath zum Sekretär des Sternordens in Deutschland, da Vollrath zuvor von Steiner aus der deutschen Sektion ausgeschlossen wurde. Besant versuchte zwar im Juli 1911 den Konflikt zu entschärfen, indem sie Wilhelm Hübbe-Schleiden zum deutschen Repräsentanten des Sternordens bestimmte, aber der Konflikt köchelte weiter. Am 10. Dezember 1911 wurden auf der Vollversammlung der deutschen Adyar-Sektion die Unstimmigkeiten bezüglich Vollrath und dem Sternorden thematisiert und offen die Trennung von Adyar erwogen. Steiner lehnte eine Abspaltung noch ab, übte jedoch Kritik an der Präsidentin Besant. Am 20. Oktober 1911 machte Steiner Besants „Esoterisches Christentum“ als Quelle ihrer Auseinandersetzungen öffentlich namhaft, indem er auf die von ihrer Version abweichenden Ergebnisse seiner hellseherischen „Forschungen“ verwies. Am 16. Dezember 1911 folgte unabhängig von der Theosophischen Gesellschaft die Gründung eines internationalen Bundes zur Pflege rosenkreuzerischer Geisteswissenschaft, dessen erste Generalversammlung am 26. August 1912 in München stattfand. Der „Bund“ sollte nach Beratungen am 30/31. August unter dem Namen „Anthroposophische Gesellschaft“ geführt werden. Diese Anthroposophische Gesellschaft hat mit der später im Dezember 1912 gegründeten Anthroposophischen Gesellschaft nichts zu tun.Alexander Lüscher: Materialien zur Gründung der Anthroposophischen Gesellschaft 1912/13. In: Archivmagazin. Beiträge zur Rudolf Steiner Gesamtausgabe. Nr. 1, Juni 2012: Zur Gründung der Anthroposophischen Gesellschaft 1912/13, Redaktion Cornelius Bohlen, Alexander Lüscher. Rudolf Steiner Verlag Basel. S. 30–32. Am 12. Juni 1912 verhärteten sich die Fronten; Steiner wies dem Buddha eine friedensstiftende Rolle auf dem Planeten Mars zu und degradierte, so polemisierend, dessen irdische Wirksamkeit. Der Vertreter der deutschen Besant-Fraktion, Hübbe-Schleiden, warf daraufhin Steiners Sektion am 19. Juni 1912 vor, sie „sei wie eine Kirche oder Sekte organisiert“. Steiner konterte einen Monat später und „wetterte“, in Anspielung auf den Krishnamurti-Rummel, gegen „Vereine und Orden für das Herannahen von künftigen Weltheilanden“.Helmut Zander: Anthroposophie in Deutschland. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2007. S. 818 ff, S. 1587.

Der Streit um den Sternorden war zugleich ein Stellvertreterkrieg, bei dem es um die zukünftige Leitung der Theosophischen Gesellschaft ging. Schließlich brachte Besant das Fass zum Überlaufen, indem sie wahrheitswidrig und ehrverletzend behauptete, Steiner sei von Jesuiten erzogen worden. Am 7. März 1913 entzog Besant Steiner die Stiftungsurkunde und schloss seine Anhänger aus der Theosophischen Gesellschaft aus. Damit war nicht nur faktisch, sondern auch de jure die Trennung vollzogen.

Daraufhin transferierte Besant, die Präsidentin der Adyar-TG, ihrem deutschen Vertrauten, Hübbe Schleiden, am 7. März 1913 die Charter und betraute ihn mit der Leitung der deutschen Adyar-Sektion, die nach der Reorganisation nur noch 218 Mitglieder in 19 Logen und einem Zentrum umfasste.Helmut Zander: Anthroposophie in Deutschland. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2007. S. 174.

Um sich von Besants östlichem Weg abzugrenzen, und diesen mit Verweis auf seine „übersinnliche“ Offenbarung quasi als Häresie zu delegitimieren, referierte Steiner ab 1. Oktober 1913 über „das Fünfte Evangelium“, als ein Ergebnis seiner Forschungen in der Akasha-Chronik. Er stilisierte sich dabei zum Verkünder eines eigenen „Evangeliums der Erkenntnis“ und behauptete, das unbekannte Leben Jesu zwischen dessen 12. und 30. Lebensjahr aufgedeckt zu haben. Steiner berichtete dabei von einem angeblichen „Geistgespräch“ zwischen Buddha und Jesus, in dem Buddha seinen Irrtum eingestanden habe.Helmut Zander: Anthroposophie in Deutschland. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2007. S. 822 f.

Die Gründung der Anthroposophischen Gesellschaft (1912/13) Die Gründung der Anthroposophischen Gesellschaft verlief in mehreren Schritten, vom Entschluss zur Gründung am 8. Dezember 1912 über die Aufnahme vieler Mitglieder am 28. Dezember 1912 in Köln, bis zur Gründungsfeier am 4. Februar 1913 in Berlin. Diese erfolgte im Rahmen der 1. Generalversammlung der Gesellschaft (3. bis 8. Februar 1913) in Berlin, ihrem zukünftigen Sitz.Alexander Lüscher: Materialien zur Gründung der Anthroposophischen Gesellschaft 1912/13. In: Cornelius Bohlen und Alexander Lüscher (Redaktion): Zur Gründung der Anthroposophischen Gesellschaft 1912/13 (= Archivmagazin, Beiträge zur Rudolf Steiner Gesamtausgabe. Hrsg.: Rudolf Steiner Nachlassverwaltung, Nr. 1, Juni 2012). Rudolf Steiner Verlag, Dornach 2012, ISBN 978-3-7274-8200-7. S. 70–72. Diese Anthroposophische Gesellschaft von 1912/13 bestand bis zu ihrer Neugründung am 28. Dezember 1923 in Dornach im Rahmen der sogenannten Weihnachtstagung (24. Dezember 1923 bis 1. Januar 1924).Cornelius Bohlen und Alexander Lüscher (Redaktion): Zur Gründung der Anthroposophischen Gesellschaft 1912/13 (= Archivmagazin, Beiträge zur Rudolf Steiner Gesamtausgabe. Hrsg.: Rudolf Steiner Nachlassverwaltung, Nr. 1, Juni 2012). Rudolf Steiner Verlag, Dornach 2012, ISBN 978-3-7274-8200-7, S. 148.

Die „Dornacher Krise“ von 1915 Zwei Jahre nach der Trennung von Besants Adyar-TG wurde die Anthroposophische Gesellschaft von Turbulenzen erschüttert, nachdem Steiner am 24. September 1914 Marie von Sievers geheiratet hatte, während viele weibliche Mitglieder ihre spirituellen Interessen auch mit erotischen und sexuellen Hoffnungen auf den Junggesellen und spirituellen Führer Steiner verknüpft hatten.Helmut Zander: Anthroposophie in Deutschland. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2007. S. 241. Im Mittelpunkt der Streitigkeiten stand die Anthroposophin Alice Sprengel (1871–1947), die sich für eine Inspiratorin Steiners hielt, und dazu auf ihre bedeutenden Inkarnationen verwies. Steiner versuchte Sprengel zu pathologisieren, aber andere Anthroposophinnen standen ihr nach einer Diskussion am 21. August 1915 bei. Der Konflikt wurde mit dem Ausschluss Spengels beendet, die sich daraufhin dem Ordo Templi Orientis (OTO) anschloss, in dem sie bis in die 1930er Jahre eine führende Rolle spielte.Helmut Zander: Anthroposophie in Deutschland. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2007. S. 240–242.

Umzug nach Stuttgart 1921 Der zunehmenden Versteinerung, dem Generationenkonflikt, den Machtkämpfen und den Spannungen zu den praxisorientierten Bewegungen versuchte man durch eine Neukonstituierung des Vorstands und der Verlegung des Sitzes der Anthroposophischen Gesellschaft (AG) von Berlin nach Stuttgart im September 1921 beizukommen. Doch der Kreis um Steiner monierte am selbstgenügsamen Stuttgarter System dessen Beharrungsvermögen und die Vereinsmeierei der AG, gegen die man zusehends als „innere Opposition“ aufzubegehren trachtete.Helmut Zander: Anthroposophie in Deutschland. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2007. S. 245.

Das „Schicksalsjahr“ 1923: Drei Neugründungen