mini|Margaret Cavendish, 1665, Gemälde von Peter Lely Margaret Cavendish, Duchess of Newcastle (geborene Lucas; * 1623; † 15. Dezember 1673), war eine (Natur-)Philosophin, Schriftstellerin, eine der ersten Science-Fiction-Autoren, Wissenschaftlerin und englische Adlige. Sie produzierte mehr als 12 originale literarische Werke, von denen viele aufgrund ihres hohen sozialen Status bekannt wurden, was es Margaret ermöglichte, mit einigen der wichtigsten und einflussreichsten Köpfe ihrer Zeit in Austausch zu treten.

Leben Sie war das jüngste Kind von Sir Thomas Lucas (1573–1625) und Elizabeth Leighton († 1647). Sie hatte vier Schwestern und drei Brüder, Sir Thomas Lucas (1598–1649), John Lucas, 1. Baron Lucas (1606–1671) und Sir Charles Lucas (1613–1648), die sich im Englischen Bürgerkrieg als Royalisten hervortaten. Margaret Cavendish erhielt keine formale Ausbildung, hatte jedoch Zugang zu wissenschaftlichen Bibliotheken und zeichnete sich als eifrige Leserin aus. Früh fing sie an, ihre eigenen Ideen auf Papier zu bringen, und trat – durch die Ungewöhnlichkeit, dass eine Frau sich mit intellektuellen Themen befasste – im Privaten mit ihrem Bruder Sir John Lucas, der bereits hoch gebildeter Jurist war, in intellektuellen Austausch.

Margaret begleitete als Hofdame der englischen Königin Henrietta Maria von Frankreich diese ins Exil nach Frankreich, wo sie einige Zeit am Hof des jungen Ludwig XIV. verbrachte. In Frankreich wurde sie 1645 zur zweiten Ehefrau von William Cavendish, 1. Marquess of Newcastle. Bis zur Stuart-Restauration blieb sie in Frankreich. Die Ehe blieb kinderlos.

In den 1640ern war Margaret Teil des von ihrem Mann gegründeten „Cavendish-Circle“, welcher als wichtige Anlaufstelle für den Austausch der intellektuellen Größen des 17. Jh. galt. Thomas Hobbes, René Descartes, Marin Mersenne, Pierre Gassendi und Digby nahmen ebenfalls an einigen der Treffen teil.

Ab 1651, dem Jahr ihrer Rückkehr nach England, wirkte Cavendish als (Natur-)Philosophin, Dichterin, Essayistin und Dramatikerin. Zu einer Zeit, in der die meisten Frauen anonym publizierten, veröffentlichte Cavendish ihre Arbeiten unter ihrem eigenen Namen. Sie galt als brillante und eindrucksvolle Schriftstellerin, weshalb es ihr möglich war, ihre literarischen Werke eigenständig zu veröffentlichen. Ihre philosophischen Werke musste sie jedoch mit der Unterstützung ihres Mannes, durch Kontakte und finanzielle Mittel, publizieren.

Ihre Veröffentlichungen befassten sich mit einer großen Anzahl von Themen, insbesondere widmete sie sich jedoch der von Männern dominierten Naturphilosophie, aber auch Geschlechter- und Machtfragen sowie Ethik. Cavendish wurde wiederholt als eine Autorin gewürdigt und kritisiert, die einen entscheidenden Einfluss auf das Werk anderer nachfolgender Frauen hatte.

Margaret Cavendish galt auch als sehr provokant und engagiert bei dem Versuch, ihre Schriften in den Diskurs einzubringen. So schickte sie Kopien an Wissenschaftler und Bibliotheken mit der Bitte um Kommentare und fortführende Korrespondenz. Diese waren jedoch überwiegend von Abweisung und Hohn geprägt.

Daher entschied sich Cavendish, eine fiktive Korrespondenz zu verfassen, da sie die Überzeugung vertrat, dass Philosophie (sowie Philosophen) nicht in Isolation, sondern im Austausch und Dialog mit anderen entwickelt wird und entsteht.

Sie stand mit ihren Auffassungen von denkender Materie, Übertragung von Bewegung und naturwissenschaftlichen Erklärungen in kritischer Auseinandersetzung mit einigen derzeitigen Theorien und, insbesondere mit dem vorherrschenden Mechanismus ihrer Zeit. Dies brachte ihr das wechselseitige Ansehen als verrückt, anmaßend, kurios, aber auch als genial ein.

1667 wurde ihr die Anerkennung zuteil, als erste Frau in die Royal Society eingeladen zu werden, und sie setzte sich dort beispielsweise mit den Naturphilosophen Thomas Hobbes, René Descartes und Robert Boyle auseinander.

Heute gilt sie als erste einer ganzen Reihe von „scientific ladies“, die im 17. und 18. Jahrhundert wissenschaftliche Beiträge leisteten. Durch ihren Roman The Blazing World, in dem eine ungenannte Erzählerin über den Nordpol in eine fremdartige Welt gelangt, gilt sie als die erste weibliche Science-Fiction-Autorin.Adam Roberts: The History of Science Fiction. Palgrave & Macmillan, Houndmills 2006, ISBN 1-4039-1196-7, S. 47 f.

Sie starb im Alter von 50 Jahren am 15. Dezember 1673 in Welbeck Abbey.

Philosophische Lehren Margaret Cavendishs Philosophie liefert eine frühe und überzeugende Version des Naturalismus, welche sich auch in der heutigen Philosophie und Wissenschaft finden lässt, und bietet Erkenntnisse zu Themen über die Natur und beschäftigte sich mit grundlegenden Fragen ihrer Zeit. Wie etwa, ob Sinneswahrnehmung durch Eindrücke vermittelt wird, ob Menschen in einem libertären oder kompatibilistischen Sinne frei sind, ob in der natürlichen Welt wahre Unordnung existiert – also ob es echtes Chaos und völlige Zufälligkeit gibt oder ob alle Phänomene einer inneren Ordnung folgen –, welche Grenzen Wissen, Ideen und Sprache haben und wie Bewegung zwischen Körpern übertragen wird. Außerdem greift Cavendish zentrale Debatten der Sozialphilosophische und politischen Philosophie auf, insbesondere in Bezug auf Handlungsmacht und Autorität. Sie untersucht, wie sehr der Wunsch eines Individuums, ein authentisches und selbstbestimmtes Leben zu führen, von seiner Umwelt unterstützt oder behindert wird.

Naturphilosophie Als Naturphilosophin lehnte Cavendish die mechanistische Philosophie des 17. Jahrhunderts ebenso ab wie die auf Aristoteles zurückzuführende herrschende Meinung in der Philosophie ihrer Zeit. Sie entwickelte ein Gegenmodell zur vorherrschenden Philosophie, nach dem die Natur ein zu komplexes System ist, als dass es sich allein durch mechanische Gesetze erklären ließe. Zu Beginn ihrer philosophischen Tätigkeit unterstützte sie noch ein atomistisches Bild nach Epikur, lehnte es in Entwicklung ihrer philosophischen Überzeugungen, zum Ende ihres Lebens jedoch ab.

Sie verfasste sechs Werke zur Naturphilosophie, in welchen sie ihre naturphilosophischen Positionen (materialistische, monistische, vitalistische und panpsychistische) ausarbeitete.

In ihren Schriften verteidigt sie die Errungenschaften der antiken Philosophie und sah diese als Grundstein für das Verständnis der Welt, während sie die moderne Vorliebe für experimentelle Wissenschaft und die Unterordnung der Vernunft gegenüber den Sinnesorganen kritisiert. Sie betonte, dass spekulative Philosophie wichtiger sei als rein mechanische oder experimentelle Ansätze, und argumentierte, dass Vernunft und theoretisches Wissen die Praxis leiten sollten – und nicht umgekehrt.

Ein wichtiger Aspekt ihrer Philosophie ist ihre Auffassung von Kunst und Natur. Cavendish legte besonderen Wert darauf, zwischen natürlichen und künstlichen Effekten zu unterscheiden. Sie argumentierte, dass künstliche Effekte immer Hermaphroditen – Mischformen – seien, die zwar auf natürlichen Strukturen basieren, diese jedoch nicht vollständig nachahmen können. Kunst (als kreative menschliche Gestaltung/Erweiterung der Natur) könne keine völlig neuen Formen oder Materie erschaffen, sondern lediglich bestehende Formen transformieren. Damit wies sie die Vorstellung zurück, dass Kunst der Natur gleichwertig sei, und betonte stattdessen die Überlegenheit der Natur gegenüber der Kunst.

Diese Sichtweise entsprach ihrer Überzeugung, dass die Natur eine harmonische Einheit bildet, in der alle Dinge, trotz ihrer Unterscheidbarkeit in rationaler und sensitiver Dimension untrennbar als Teil eines Ganzen, miteinander verbunden sind. Auch weist Cavendish die Vorstellung zurück, dass es eine einzige, grundlegende Form oder Struktur gibt, aus der alles hervorgeht, und betrachtete stattdessen die Natur als ein unendliches, sich selbst bewegendes Ganzes.

Ihr Verständnis von Natur war geprägt von der Überzeugung, dass Materie aus kleinsten, unteilbaren Teilchen bestehe, den Atomen, die durch Kontakt zueinander die Gegenstände der sinnlich wahrnehmbaren Welt bilden. Die Materie kann sich nach Cavendish immer wieder neu zusammenfügen, und so sei der Weltprozess ewig. Sie beschrieb auch die Herausbildung beseelter Materie, die aus eigener Kraft, ohne Eingreifen eines Gottes, Gegenstände formen und erschaffen könne. Doch betont Cavendish, dass Bewegung nicht unabhängig von Materie existieren könne, noch von einem Körper auf einen anderen übertragen werden. Dies stellt eine klare Ablehnung der atomistischen Sichtweise und Descartes Vorstellung einer mechanistischen Welt dar. Für Cavendish war die Natur in einem ständigen, harmonischen Fluss, ohne jedoch allmächtig. Sie betonte, dass die Natur sich aus sich selbst heraus bewegt und keine äußere Kraft benötigt, um in Gang gesetzt zu werden. Ihrer Ansicht nach ist Gott eine unbewegte und unveränderliche Essenz, die nicht direkt in die natürlichen Prozesse eingreift. Damit wandte sie sich gegen Philosophien, die Materie göttliche Eigenschaften zuschreiben, und kritisierte den menschlichen Wunsch, die Natur zu beherrschen oder vollständig zu verstehen. Ihre Philosophie bedeutet eine Zurückweisung der Schöpfungsgeschichte und brachte ihr den damals schwerwiegenden Vorwurf des Atheismus ein.Für den Absatz: www.dorner-verlag.at. Abgerufen am 15. Juli 2011.

Cavendish wies zudem auf die Grenzen menschlicher Wahrnehmung und technologischer Hilfsmittel wie des Mikroskops hin. Sie betrachtete diese als unzuverlässig, die Erkenntnisse der Mikroskopie würden die Welt verzerren, anstatt sie zu erklären, womit Cavendish die menschliche Wahrnehmung als normativ herausstellte. Schließlich betonte Cavendish, dass Formen und Materie untrennbar miteinander verbunden sind und in der Natur ewig existieren. Kunst sei stets auf natürliche Materialien und Bewegungen angewiesen und könne keine neuen Formen oder Materie erschaffen.

Cavendish hielt es für vermessen, dass der Mensch glaubte, durch Wissenschaft oder Kunst die Natur in ihrem Wesen verändern oder kontrollieren zu können. Ebenso empfand sie die Bemühung zu „beweisen, dass Materie etwas, wie Gott ist, und diesen Versuchen zu beweisen, dass der Mensch so etwas wie Gott ist“ überheblich.

Religion Ihre vitalistische und materialistische Weltsicht brachte ihr zu Lebzeiten den damals gefährlichen Vorwurf des Atheismus ein, da ihrer Theorie nach Gott nur eine Nebenrolle in der Welt spielen könnte oder gar ganz ersetzbar wäre.Für den Absatz: www.dorner-verlag.at. Abgerufen am 15. Juli 2011. Stoneham und West schreiben ihr die Möglichkeit eines deistischen Weltbildes aus heutiger Sicht zu. Sie selbst äußerte sich auf diese Vorwürfe spät in ihrem Leben ein weiteres Mal und stellte für sich persönlich klar, dass sie an Gott im christlichen Sinne glaube.

Literarisches Wirken Margaret Cavendish galt als Schriftstellerin und als eine außergewöhnliche literarische Figur des 17. Jahrhunderts, deren Werk von einer Vielzahl von Themen und Formen geprägt ist. Ihre Schriften sind sowohl poetische Werke als auch philosophische und gesellschaftliche Reflexionen, die sich durch eine bemerkenswerte Mischung aus Fantasie, Naturphilosophie und Geschlechterthemen auszeichnen. In ihren zahlreichen Werken, darunter Poems and Fancies (1653), Nature's Pictures Drawn by Fancy's Pencil to the Life (1656) und The Description of a New World, Called the Blazing World (1666), hinterließ Cavendish ein markantes literarisches Erbe, das sowohl ihrer Zeit als auch modernen Lesern weiterhin viel zu bieten hat.

Ihre Romane und Theaterstücke waren ebenfalls durchzogen von ihren philosophischen Gedanken und Überzeugungen, welche ihren wissenschaftlichen Werken zugrunde lagen. Auf diesem Wege versuchte sie, ihre Überzeugungen einem breiten Publikum (vereinfacht) zugänglich zu machen und die männliche gelehrte Elite, als einzige Rezeptionsquelle für wissenschaftliche Literatur ihrer Zeit, zu umgehen.