mini|Rudolf Aeschlimann, vermutl. 1910er Jahre Rudolf Aeschlimann (* 18. Februar 1884 in Burgdorf, Kanton Bern, Schweiz; † 13. November 1961 ebenda) war ein Schweizer Reformpädagoge und Autor. Er war Mitgründer der deutschen Landerziehungsheime Freie Schulgemeinde im Thüringer Wald und der Schule am Meer auf der ostfriesischen Nordseeinsel Juist.
Biografie Familie Rudolf Aeschlimann wuchs in Burgdorf als jüngstes von sieben Kindern von Karl Eduard Rudolf Aeschlimann (* 4. Januar 1840 in Burgdorf BE; † 15. Januar 1914 ebenda) und dessen zweiter Ehefrau Emma (19. November 1845 in Koppigen; † 10. Januar 1912 in Burgdorf BE), geborene Hess, auf. Rudolf Aeschlimann hatte zwei ältere Schwestern, Fanny (* 10. November 1869 in Burgdorf BE) und Minna (* 19. April 1873 in Burgdorf BE). Aus erster Ehe seines Vaters mit Magdalena (* 27. Juli 1834 in Heiligenschwendi; † 14. Februar 1867 in Burgdorf BE), geborene Jaggi, hatte er zwei ältere Stiefbrüder, Karl Adolf (* 23. November 1864 in Burgdorf BE) und Ernst Arthur (* 19. September 1866 in Burgdorf BE). Diese wanderten in die Vereinigten Staaten aus; der Kontakt zu ihnen ging bald verloren. Ein weiterer Stiefbruder, Hans Hermann, verstarb bereits im Alter von 25 Jahren.Walter Frey-Mauerhofer: Rudolf Aeschlimann. In: Burgdorfer Jahrbuch 1963 (PDF-Datei; 46,6 MB), S. 193–199, auf: unibe.ch
Am 2. April 1918 heiratete er in Kleingeschwenda-Witzendorf die aus Nortorf, Kreis Rendsburg, in Holstein stammende Lehrerin Helene Pahl (* 23. März 1893; † 22. Januar 1988),Heiratsurkunde Rudolf Aeschlimann und Helene Pahl, Standesamt Kleingeschwenda-Witzendorf, Nr. 1/1918, 2. April 1918Burgdorfer Jahrbuch 1989 (PDF-Datei; 59,5 MB), S. 322, auf: unibe.ch die er in der Freien Schulgemeinde kennengelernt hatte, wo sie seit 1915 unterrichtete.Lehrerverzeichnis der Freien Schulgemeinde Wickersdorf. In: Archiv der deutschen Jugendbewegung, Burg Ludwigstein, Witzenhausen, Hessen Sie war Tochter des Lehrers Johann Pahl und dessen Ehefrau, Anna Katharina, geborene Sievers.
Aus der Ehe gingen ein Sohn und eine Tochter hervor, Johann Rudolf Wolfgang (* 1. Februar 1923 in Burgdorf BE), später Chemiker, und Marianne (* 6. Dezember 1926 in Burgdorf BE).
Schule und Studium Aeschlimann besuchte das Gymnasium in Burgdorf, wo er 1902 die Maturitätsprüfung ablegte. Im Anschluss daran studierte er Französisch, Italienisch und Geschichte, drei Semester an der Universität Bern, weitere drei Semester an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin und ein Semester in Pisa. In Bern erwarb er 1904 das Sekundarlehrerpatent für den sprachlich-historischen Fächerkanon. Danach war er am Knabeninstitut Schmutz in Rolle tätig, seiner ersten praktischen Lehrtätigkeit.
Aeschlimann wird als bescheidener Mensch ohne grosse Ansprüche beschrieben. Er habe der vorherrschenden Pädagogik der damaligen Zeit nicht grundsätzlich ablehnend gegenüber gestanden. Er sei nicht von Vorurteilen geprägt, geistig beweglich und nicht dogmatisch gewesen. Die Anerkennung von Leistungen Dritter war für ihn selbstverständlich. Vor diesem Hintergrund interessierte er sich auch sehr für die Vorstellungen moderner Pädagogik, welche durch die Reformpädagogik repräsentiert wurde, die massgeblich von der Jugendbewegung (Bündische Jugend) inspiriert worden war. Für die Schwierigkeiten, die in der Entwicklung junger Menschen auftreten können, wollte er Hilfsangebote und Lösungsansätze entwickeln. Er war jedoch kein Theoretiker, sondern ein Praktiker, der durch seine Tätigkeit mit den Schülern und seinen Kollegen hinzulernte.
Er erfuhr von dem reformpädagogisch geprägten Deutschen Landerziehungsheim (D.L.E.H.) in Haubinda (Thüringen) und bewarb sich dort. 1905 konnte er nach erfolgter Zusage von seiner schweizerischen Heimat ins südliche Thüringen umziehen.
Als freiheitlich denkender Schweizer verkörperte er weder die im Deutschen Kaiserreich häufig anzutreffende Hörigkeit gegenüber der Obrigkeit noch lebte er deren offen präsentierten Militarismus. Die Jugendbewegung und die Reformpädagogik waren für ihn keine Ideologien. Die neue pädagogische Richtung erschien ihm stattdessen als ein interessantes Experiment, mit dem er sich praktisch auseinandersetzen wollte. Die deutsch-nationale und völkische Ausprägung grosser Teile der Jugendbewegung waren ihm eher fremd.
Als der Schulgründer Hermann Lietz das D.L.E.H. Haubinda nach internen Querelen wenig später ohne jegliche Abstimmung mit den Lehrkräften verpachtete, kündigten Aeschlimann und seine Kollegen Paul Geheeb, Fritz Hafner, August Halm, Martin Luserke und Gustav Wyneken vorzeitig zum 1. Juli 1906.
Noch im selben Jahr war Aeschlimann zusammen mit Geheeb, Halm, Luserke und Wyneken Mitgründer der Freien Schulgemeinde Wickersdorf. Um sich weiter zu qualifizieren, liess er sich beurlauben, studierte in Berlin und wegen seiner italienischen Sprachkenntnisse in Pisa. 1911 bestand er das Gymnasiallehrerexamen im schweizerischen Kanton Bern.
Tätigkeit in Deutschland mini|hochkant|Rudolf Aeschlimann (links) im Gespräch auf dem Gelände der Freien Schulgemeinde in Wickersdorf bei Saalfeld im Thüringer Wald mini|hochkant|Rudolf Aeschlimann, 1920er Jahre mini|hochkant|Schule am Meer im Loog auf Juist: Paul Reiner in dunklem Anzug mit Blick zum Fotografen in der Mitte der Gruppe sitzend, 3. v. links Martin Luserke, 2. v. rechts Rudolf Aeschlimann, mittig im Vordergrund mit dem Rücken zum Fotografen sitzend Eduard Zuckmayer vor dem Eingang zum Hauptgebäude Diesseits, ca. 1929 mini|hochkant|Rudolf Aeschlimann (links) mit Schülern der Schule am Meer auf der ostfriesischen Nordseeinsel Juist, um 1930 mini|hochkant|Martin Luserke und Rudolf Aeschlimann vor der 1930/31 errichteten Bühnenhalle der Schule am Meer, 1931 Danach kehrte er zur Freien Schulgemeinde zurück, wo er – von den Schülern «Aeschli» genannt – bis 1925 unterrichtete, von 1917 bis 1924 aber auch als Geschäftsführer des Internats tätig war.Alexander Priebe: Vom Schulturnen zum Schulsport: die Reform der körperlichen Ausbildung in den Deutschen Landerziehungsheimen und der Freien Schulgemeinde Wickersdorf von 1898 bis 1933. Verlag Julius Klinkhardt, Bad Heilbrunn 2007. ISBN 978-3-7815-1561-1, S. 108 Mehrere Lehrer, darunter Luserke, waren im Ersten Weltkrieg als Soldaten an der Front, fehlten daher für den Unterricht und in der Schulverwaltung. Luserke kam zudem schwerverletzt zurück; er hatte eine Kopfverletzung erlitten, die ihn zeitlebens zeichnete.Beate Uhse: Mit Lust und Liebe – Mein Leben. Ullstein Verlag, Frankfurt am Main / Berlin 1989. ISBN 3-550-06429-2, S. 53–55
Aeschlimann war in der Freien Schulgemeinde nicht der einzige Schweizer im Lehrerkollegium. Fernand Camille Petit-Pierre (1879–1972), der wie Aeschlimann Französisch lehrte, zählte jedoch im Gegensatz zu Aeschlimann ab 1915 zu Wynekens engstem Kreis pädophiler (hier: päderastischer) Gefolgsleute.Prof. Dr. Peter Dudek: „Der Ödipus vom Kurfürstendamm“. Ein Wickersdorfer Schüler und sein Muttermord 1930. Verlag Julius Klinkhardt, Bad Heilbrunn 2015. ISBN 978-3-7815-2026-4, S. 56, 57Gudrun Fiedler, Susanne Rappe-Weber, Detlef Siegfried: Sammeln – erschliessen – vernetzen: Jugendkultur und soziale Bewegungen im Archiv. Vandenhoeck & Ruprecht. Göttingen 2014. ISBN 978-3-8470-0340-3, S. 174
Mit der Novemberrevolution des Jahres 1918 flossen der Reformpädagogik auch linksradikale Einflüsse zu. Nicht wenige Lehrer zeigten dafür grosses Interesse, wie beispielsweise Paul Reiner, der ab 1919 in der Freien Schulgemeinde unterrichtete.
Erstmals Mitte Oktober 1922 und am 28. Oktober 1924 trafen sich Vertreter mehrerer Reformschulen unter der Leitung von Alfred Andreesen, dem Leiter der Stiftung Deutscher Landerziehungsheime, bei Heppenheim in der Odenwaldschule. Ziel war es, sich zu einem organisatorischen Verbund zusammenzuschliessen und das Lietzsche Erbe zu bewahren. Dabei ging es hauptsächlich um pädagogisch-konzeptionelle Parallelen und Ähnlichkeiten dieser Schulen, weniger um ökonomische oder verwaltungsrechtliche Aspekte. Der Verbund, die in Oberhambach gegründete Vereinigung der Freien Schulen – Landerziehungsheime und Freie Schulgemeinden – in Deutschland, hatte bis in das „Dritte Reich“ hinein Bestand. An den Treffen nahm Rudolf Aeschlimann zusammen mit Martin Luserke teil. Beide bekundeten Interesse an einer späteren Mitarbeit in der Vereinigung.Jens Brachmann: Reformpädagogik zwischen Re-Education, Bildungsexpansion und Missbrauchsskandal – Die Geschichte der Vereinigung Deutscher Landerziehungsheime 1947–2012. Verlag Julius Klinkhardt, Bad Heilbrunn 2015. ISBN 978-3-7815-2067-7, S. 33
Aeschlimanns Verhältnis zu dem Wickersdorfer Schulmitgründer und zeitweisen Schulleiter Wyneken, mit dem es im Kollegium über Jahre wiederholt zu schweren Differenzen und Disputen gekommen war, wurde unerträglich. Aeschlimann ging mit Wynekens pädagogischen Vorstellungen und seiner Amtsführung nicht konform. Damit stand er im Kreis seiner Kollegen und der sonstigen Mitarbeiter nicht allein. Innerhalb der Freien Schulgemeinde bildete sich eine Oppositionsbewegung gegen Wyneken. Dabei handelte es sich im Kern um das so bezeichnete Triumvirat, das sich aus den Pädagogen Martin Luserke, Paul Reiner und Aeschlimann zusammensetzte.Prof. Dr. Jörg W. Ziegenspeck: „Martin Luserke – Reformpädagoge – Schriftsteller auf dem Meer und an den Meeresküsten“. Vortrag anlässlich der Eröffnung der gleichnamigen Ausstellung im Morgenstern-Museum, Bremerhaven, 9. Oktober 1988, auf: uni-marburg.de
Basis waren Vorwürfe, Wyneken habe mit Schülern homoerotischen Kontakt und sexuellen Verkehr gehabt. Nach Ansicht des Triumvirats waren derart gestaltete Beziehungen zwischen den Lehrkräften und ihren Schülern absolut unzulässig. Da Wyneken und seine Gefolgsleute im Kollegium diese heiklen Interaktionen als Teil ihrer reformpädagogischen Überzeugungen beschrieben, gestaltete sich eine weitere Zusammenarbeit für das Triumvirat problematisch. Luserke war zudem zeitweise Schulleiter, trug also während dieser Amtsjahre die Verantwortung für das gesamte schulische Geschehen. Aeschlimann stand neben seiner pädagogischen Rolle auch als Geschäftsführer der Schule ebenso in der Verantwortung. Wynekens «Eros-Skandal» führte 1921 zu seiner gerichtlichen Verurteilung und dazu, dass viele Schüler die FSG verliessen. Dies bedeutete neben dem Verlust an Renommée in der Öffentlichkeit auch einen finanziellen Aderlass. Wyneken wurde zwar abgesetzt, blieb aber als Gründer der Schule präsent und versuchte täglich, die schulischen Belange weiter zu beeinflussen. Petit-Pierre, der teilweise Schüler gewaltsam sexuell missbraucht haben soll,Prof. Dr. Peter Dudek: Der Ödipus vom Kurfürstendamm: Ein Wickersdorfer Schüler und sein Muttermord 1930. Verlag Julius Klinkhardt, Bad Heilbrunn 2015, ISBN 978-3-7815-2026-4, S. 59 wurde durch das Triumvirat 1922 zum Verlassen der Schule gezwungen, hielt aber weiter mit Wyneken Kontakt.