mini|Der Tee der drei alten Damen in der Werkausgabe des Limmat Verlages, 1996 Der Tee der drei alten Damen ist der erste Kriminalroman des Schweizer Autors Friedrich Glauser und entstand in den Jahren 1931 bis 1934. Er spielt in Genf, wo der Autor auch einen Teil seiner Jugendjahre verbracht hatte. Das Werk kann als das «Sorgenkind» unter Glausers Romanen bezeichnet werden, da er in der Literaturkritik ausnahmslos durchfiel (Glauser selbst bezeichnete ihn als Schundroman) und ihm teilweise auch den Vorwurf des Antisemitismus einbrachte.

Romanbeginn Um zwei Uhr nachts ist die Place du Molard leer. Eine Bogenlampe bescheint das Tramhäuschen und einige Bäume, deren Blätter lackiert glänzen. Auch ist ein Polizist vorhanden, der diese Einsamkeit zu bewachen hat und sich dabei langweilt, denn er sehnt sich nach einem Glase Wein, er ist nämlich Waadtländer und der Wein für ihn der Inbegriff der Heimat. Dieser Polizist heisst Malan, er trägt einen kupferroten Schnurrbart und gähnt von Zeit zu Zeit. Plötzlich steht vor dem Tramhäuschen ein junger Mensch – und es ist rätselhaft, woher er plötzlich aufgetaucht ist.

Inhalt Ausgangslage mini|Place du Molard in Genf, Ausgangspunkt und Tatort in Der Tee der drei alten Damen In einer Juni-Sommernacht entdeckt ein Genfer Streifenpolizist auf der Place du Molard einen verwirrten Mann, der sich im Delirium die Kleider auszuziehen beginnt und danach bewusstlos zu Boden fällt. Kurz darauf taucht der stadtbekannte Professor Dominicé auf und informiert das Spital, währenddessen der Polizist die nahe gelegene Toilette untersucht; dabei wird er von einem flüchtenden Unbekannten übertölpelt. Es stellt sich heraus, dass der ohnmächtige Mann Walter Crawley heisst und Privatsekretär bei Sir Eric Bose, Diplomat eines indischen Randstaates, ist. Crawley trug eine Mappe mit wertvollen Dokumenten bei sich, welche jedoch unauffindbar bleibt. Trotz der Bemühungen der beiden Ärzte Jean Thévenoz und Wladimir Rosenstock stirbt der Sekretär am folgenden Tag an den Folgen einer Vergiftung.

Ermittlung Die Staatsanwaltschaft möchte kein Aufsehen erregen und lässt den britischen Geheimagenten Cyrill Simpson O’Key nach Genf einfliegen, damit dieser als Reporter getarnt Kommissär Pillevuit bei der Aufklärung des Falles unterstützt. Schon kurze Zeit später ereignet sich ein zweiter Giftmord nach demselben Muster: Das Opfer ist diesmal der Apotheker Eltester. Es stellt sich heraus, dass das Hinterzimmer der Apotheke vor kurzem als Kulisse für eine okkulte Messe gedient hat. Zudem ist Professor Dominicé erneut kurz vor dem Verbrechen von Zeugen am Tatort gesehen worden. Weitere Nachforschungen ergeben, dass Dominicé die zwielichtige Haushälterin Jane Pochon angestellt hat; diese hat in letzter Zeit zwei Männer, welche bei ihr Untermieter gewesen sind, in die Psychiatrische Klinik Bel-Air eingeliefert, da diese den Verstand verloren haben. Der zweite Patient, Nydecker, scheint mehr zu wissen, als er preiszugeben vermag, und stirbt während der Untersuchung des Mordfalles Crawley-Eltester ebenfalls unter mysteriösen Umständen. Als die Polizei Jane Pochon für eine Befragung vorlädt, tauchen unverhofft Insektenschwärme im Justizpalast auf. In der Zwischenzeit hat O’Key Kontakt zum russischen Agenten Baranoff aufgenommen und dabei erfahren, dass dieser an Sir Eric Boses Vertragsentwürfe für einen indischen Randstaat gelangen wollte; der Maharadscha von Jam Nagar musste dort flüchten, da die USA Ölquellen entdeckt hatten und daraufhin einen Umsturz planten. Um an die Dokumente zu gelangen, hat Baranoff Professor Dominicé erpresst, damit dieser sich an Crawley und die Verträge heranmachen soll. Der Professor wendet sich jedoch von Baranoff ab und hält kurz darauf an der Universität eine Vorlesung, an welcher er vor allen Zuhörern ein Schuldbekenntnis ablegen will. Da tauchen erneut Insektenschwärme auf und Panik erfasst den Hörsaal, währenddessen ein Giftpfeil auf Dominicé abgeschossen wird, der jedoch sein Ziel knapp verfehlt. Nach der Untersuchung der Vorfalles, stellt es sich heraus, dass die Insekten nicht real waren, sondern das Resultat einer bewusst herbeigeführten Massensuggestion. Um Professor Dominicé zu helfen, nimmt sich der Bruder des Assistenzarztes Rosenstock, Advokat Isaak Rosène, des alten Mannes an. Bei einer Versammlung im Wohnhaus des Anwaltes erscheint unverhofft der behandelnde Arzt Thévenoz und stirbt vor den Augen aller Anwesenden. Geheimagent O’Key bespricht sich daraufhin mit Staatsrat Martinet, welcher nun die Fäden in die Hand nimmt und die Auflösung des Falles ankündigt.

Auflösung Im Gewächshaus der Familie Rosenstock kommt es zum tödlichen Finale, in deren Verlauf der geheimnisvolle Meister der okkulten Sekte und auch seine drei Helferinnen, welche mit ihrem vergifteten Tee an den Verbrechen mitgeholfen haben, entlarvt werden. Die Geschichte endet mit zwei neuen Liebespaaren: Geheimagent O’Key und die ehemalige Verlobte von Thévenoz reisen ans Mittelmeer und Baranoffs Sekretärin, die russische Geheimagentin Nr. 83, darf mit dem Maharadscha in sein indisches Reich zurück.

Chaos Die Literaturwissenschaftlerin Christa Baumberger bemerkt zu Glausers erstem Kriminalroman: «Der Tee der drei alten Damen ist ein eigentlicher Agententhriller. Das Handlungsspektrum reicht von spiritistischen Séancen und parapsychologischen Phänomenen bis zu einer Spionage-Affäre in Genfer Diplomatenkreisen. An der überfrachteten Handlung und der reichlich verworrenen Erzähldramaturgie gäbe es einiges zu kritisieren.»Christa Baumberger: Friedrich Glauser. In: Quarto. Zeitschrift des Schweizerischen Literaturarchivs (SLA) / Bundesamt für Kultur, Nr. 32, Genf 2011, , ISBN 978-2-05-102169-2, S. 49. Glausers wahre Stärke lag nicht darin, einen in sich geschlossenen Plot zu ersinnen, sondern Stimmungen zu beschreiben, Atmosphäre entstehen zu lassen oder Schicksale treffend und mitfühlend zu schildern. Der Autor Erhard Jöst schreibt dazu: «Mit eindringlichen Milieustudien und packenden Schilderungen der sozialpolitischen Situation gelingt es ihm, den Leser in seinen Bann zu schlagen.»Erhard Jöst: Seelen sind zerbrechlich – Friedrich Glausers Kriminalromane beleuchten Schweizer Schattenseiten. In: Die Horen – Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik. Wirtschaftsverlag, Bremerhaven 1987, S. 75. Und der Literaturkritiker Hardy Ruoss kommt zum selben Schluss, wenn er feststellt, dass man «Glausers Kriminalromane nicht auf das kriminalistische Handlungsgerippe reduzieren kann, sondern in ihm den Sozialkritiker, den Fabulierer und Menschenzeichner, aber auch den Schilderer dichtester Atmosphären wiederentdeckt.»Hardy Ruoss: Spotten Sie nicht über Kriminalromane – Gründe und Hintergründe von Friedrich Glausers Erzählen. In: Die Horen – Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik. Wirtschaftsverlag, Bremerhaven 1987, S. 61.

mini|Glauser beim Schreiben in seinem letzten Lebensjahr. Nervi, 1938 Wenn es darum ging, einen Handlungsbogen in Romanlänge logisch zu konstruieren, scheiterte Glauser regelmässig. Dies zeigte sich bereits bei seinem ersten Roman Gourrama wie auch beim Der Tee der drei alten Damen: Glauser lässt zu viele Figuren (beinahe 30 Personen) auftreten, überfrachtet die komplizierte Handlung mitunter derart, dass die Spannung verloren geht. Zu viele Themen werden angeschnitten, einiges erscheint unlogisch und unwahrscheinlich; manches bleibt unaufgeklärt, wunderliche ‹Zufälle› führen zur Klärung von offenen Handlungssträngen und etliche Klischees lassen den Tee der drei alten Damen wie einen Kolportageroman erscheinen. Glauser war sich dessen wahrscheinlich bewusst und nahm möglichen Kritikern den Wind vorweg aus den Segeln, indem er O’Key gegen Ende des Romans Martinet fragen lässt: «Aber Herr Staatsrat, ich bitte Sie, erklären Sie mir, wie Sie indische Petroleumquellen, amerikanische Missionare als Delegierte der Standard-Oil, Geheimagenten der Sowjets, basilidianische Gnosis, Giftpflanzen, Hexenrezepte, indische Maharajas, an lebendem Material experimentierende Psychologen, verschwundene Psychiaterinnen, als irrsinnig eingelieferte harmlose Menschen, den Meister der goldenen Himmel mit dem Holzgesicht, gestohlene und wieder aufgetauchte Mappen und zum Schluss noch teetrinkende alte Damen unter einen Hut bringen wollen?»Friedrich Glauser: Der Tee der drei alten Damen. Limmat Verlag, Zürich 1996, ISBN 3-85791-245-6, S. 200.

Trotz aller Mängel ist der Tee der drei alten Damen ein wichtiger Roman im Schaffen Glausers, weshalb auch Mario Haldemann im Vorwort des Krimis schreibt: «Mit dem Tee wendet er sich nun erstmals jener literarischen Gattung zu, von der er sich bis zu seinem Tode nicht mehr würde befreien können: Dem Kriminalroman.»Mario Haldemann: Nachwort. In: Friedrich Glauser: Der Tee der drei alten Damen. Limmat Verlag, Zürich 1996, ISBN 3-85791-245-6, S. 263. Tatsächlich schuf Glauser hier eine Vorstufe für die künftigen Wachtmeister-Studer-Romane, mit denen ihm gelingen sollte, in nur vier Jahren eine Ermittlerfigur zu schaffen, welche sich im Literaturgenre etablieren sollte. Passend dazu sagt Madge Lemoyne im Tee: «Spotten Sie nicht über Kriminalromane! Sie sind heutzutage das einzige Mittel, vernünftige Ideen zu popularisieren.»Friedrich Glauser: Der Tee der drei alten Damen. Limmat Verlag, Zürich 1996, ISBN 3-85791-245-6, S. 127.

Entstehung

Vorstudie Mit ziemlicher Sicherheit schrieb Glauser die Kurzgeschichte Die Hexe von Endor,Friedrich Glauser: Das erzählerische Werk, Band 1: Mattos Puppentheater. Zürich 1992, ISBN 3-85791-203-0, S. 198. welche als Vorstudie zum Tee der drei alten Damen betrachtet werden kann und ebenfalls in Genf spielt, im Sommer 1928. Darin beschreibt er, wie der Bankangestellte Adrian Despine in den Bann seiner Vermieterin Amélie Nisiow gerät. Diese beeinflusst den Untermieter mit ihren okkulten Praktiken derart, dass Despine schlafwandlerisch 30'000.– Franken von der Bank abhebt, in die Wohnung zurückbringt und danach in eine Psychiatrische Klinik eingeliefert werden muss. Als Amélie Nisiow vor dem Untersuchungsrichter zu ihrem ehemaligen Untermieter befragt werden soll, tauchen Schwärme von Insekten auf, welche die Verhandlung stören. Den Stoff dieser Erzählung, inklusive der magischen Beigaben der Hexensalbe und einer Münze mit einem Fliegengott, hat Glauser drei Jahre später im Tee der drei alten Damen (insbesondere im Kapitel 7.1) wiederverwendet; lediglich die Namen der Personen wurden abgeändert.

Arbeit am ersten Kriminalroman «Der Tee der drei alten Damen wird als ‹Goldtee› angesetzt, auf Wunsch aufgesüsst, umgerührt, überall herumgeboten – bis Glauser ihn stehen lässt.»Gerhard Saner: Friedrich Glauser – Eine Werkgeschichte. Suhrkamp Verlag, Zürich 1981, S. 101. Dieser kurze Satz des Glauser-Biographen Gerhard Saner beschreibt die Prozesse, welche der «Tee-Roman» durchlief: Vom Mai 1931 bis zum November 1934 arbeitete Glauser immer wieder an seiner ersten grossen Kriminalgeschichte. Unterbrochen wurde der Schreibprozess allerdings regelmässig durch sein bewegtes Leben. So entstand der Tee an den Orten Winterthur, Paris, Mannheim, in den Psychiatrische Kliniken Münsingen und Waldau. Obwohl Glauser die Geschichte gemäss Redaktions-Wünschen umschrieb, wollte sie niemand drucken. Er verlor das Interesse an seinem misslungenen Erstlingwerk und begann kurz darauf mit dem ersten Studer-Roman Schlumpf Erwin Mord, mit dem ihm schliesslich der Durchbruch gelingen und er zum Buchautor avancieren sollte.