Die wissenschaftliche Debatte um Spätkapitalismus oder Industriegesellschaft war Kernthema des 16. Deutschen Soziologentages der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) vom 8. bis 11. April 1968 in Frankfurt am Main. Sie war nach den Diskussionen um die Rollentheorie und dem Positivismusstreit die dritte große und wegweisende Kontroverse in der westdeutschen Nachkriegssoziologie.Georg Kneer/Stephan Moebius (Hrsg.) Soziologische Kontroversen. Eine andere Geschichte von der Wissenschaft des Sozialen, Berlin: Suhrkamp 2010; Moebius,. Stephan. Kontroversen in der deutschsprachigen Soziologie nach 1945. In Stephan Moebius/Andrea Ploder (Hrsg.), Handbuch Geschichte der deutschsprachigen Soziologie, Bd. 1. Wiesbaden: Springer VS 2018, S. 289–314 Es ging darum, vor welchem theoretischen Hintergrund, mit welchen Methoden und mit welchem Ziel die westdeutsche und westeuropäische Gegenwartsgesellschaft zu analysieren sei. Die Kontroverse zwischen neomarxistischer Gesellschaftsanalyse (begleitet von Aktivitäten der außerparlamentarischen Opposition) und empirischer Sozialforschung polarisierte dermaßen, dass der nächste Soziologentag erst sechs Jahre später veranstaltet wurde.
Strukturelle und personelle Rahmenbedingungen Bis 1968 hatten sich in der bundesrepublikanischen Soziologie drei Hauptströmungen ausgebildet: Die Kölner Schule um René König und Erwin Scheuch, die Frankfurter Schule um Max Horkheimer und Theodor W. Adorno sowie ein überlokal wirksames Netzwerk der Philosophischen Anthropologie um so unterschiedliche Wissenschaftler wie Helmuth Plessner, Arnold Gehlen und Helmut Schelsky.Joachim Fischer, Bundesrepublikanische Soziologie 1949 bis heute. Versuch einer neuen Skizze ihrer Geschichte. In: Martin Endreß, Klaus Lichtblau, Stephan Moebius, Zyklos 2. Jahrbuch für Theorie und Geschichte der Soziologie, Springer Fachmedien Wiesbaden, Wiesbaden 2015, Elektronische Ressource, ISBN 978-3-658-09619-9, S. 73–99, hier S. 81 f. Stephan Moebius unterscheidet auch zwischen Kölner, Frankfurter Schule und einem Kreis um Schelsky, aber er zählt zu Letzterem nicht den exilierten Plessner, der von den ehemaligen NS-Sympathisanten Gehlen und Schelsky zu differenzieren ist. Insofern Moebius zählt zu den drei die Anfänge der BRD-Soziologie prägenden Gruppen nicht eine "philosophisch-anthropologische Schule", sondern die dritte Position war der Schelsky-Kreis. Siehe Stephan Moebius: Schulen, Akteure und regionale Zentren in der frühen Geschichte der bundesrepublikanischen Soziologie. In Stephan Moebius, Andrea Ploder (Hrsg.) Handbuch Geschichte der deutschsprachigen Soziologie, Bd. 1, Wiesbaden: Springer VS 2018, S. 253–287. doi:10.1007/978-3-658-07998-7_14-1 Dazu kamen jüngere aber bereits einflussreiche Fachvertreter, wie Ralf Dahrendorf und M. Rainer Lepsius, die keiner der drei Richtungen zugehörig waren.Joachim Fischer, Bundesrepublikanische Soziologie 1949 bis heute. Versuch einer neuen Skizze ihrer Geschichte. In: Martin Endreß, Klaus Lichtblau, Stephan Moebius, Zyklos 2. Jahrbuch für Theorie und Geschichte der Soziologie, Springer Fachmedien Wiesbaden, Wiesbaden 2015, Elektronische Ressource, ISBN 978-3-658-09619-9, S. 73–99, hier S. 84 (Anmerkung 2).
Theoretische Bezugspersonen der Kölner Schule waren der französische Klassiker Émile Durkheim (besonders für König) sowie die Amerikaner Talcott Parsons, Robert K. Merton und George C. Homans. Maßgeblich für den Kölner Studiengang war die Ausbildung in quantitativer Sozialforschung (besonders durch Scheuch). König war in auflagenstarken Publikationen bemüht, alle speziellen Soziologien bekannt zu machen. Die Herausgeberschaft der wichtigen Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie lag bei ihm.Joachim Fischer, Bundesrepublikanische Soziologie 1949 bis heute. Versuch einer neuen Skizze ihrer Geschichte. In: Martin Endreß, Klaus Lichtblau, Stephan Moebius, Zyklos 2. Jahrbuch für Theorie und Geschichte der Soziologie, Springer Fachmedien Wiesbaden, Wiesbaden 2015, Elektronische Ressource, ISBN 978-3-658-09619-9, S. 73–99, hier S. 82.
Der zentrale Bezugspunkt des anthropologischen Netzwerkes war Max Scheler (Die Stellung des Menschen im Kosmos), doch es betrieb auch die Öffnung zur internationalen Soziologie. Arbeiten von George Herbert Mead, Claude Lévi-Strauss, Erving Goffman und des Emigranten Norbert Elias wurden der deutschsprachigen Fachöffentlichkeit zugänglich gemacht. Zum anthropologischen Richtung zählten neben Plessner, Gehlen und Schelsky Hans Paul Bahrdt, Dieter Claessens, Heinrich Popitz, Friedrich Tenbruck.Joachim Fischer, Bundesrepublikanische Soziologie 1949 bis heute. Versuch einer neuen Skizze ihrer Geschichte. In: Martin Endreß, Klaus Lichtblau, Stephan Moebius, Zyklos 2. Jahrbuch für Theorie und Geschichte der Soziologie, Springer Fachmedien Wiesbaden, Wiesbaden 2015, Elektronische Ressource, ISBN 978-3-658-09619-9, S. 73–99, hier S. 83 f. Für diese und die Kölner Gruppe sowie auch Dahrendorf und Lepsius galten Marx und der Marxismus als unzeitgemäß und die Kapitalismusanalyse als untaugliches Instrument der Wirklichkeitserklärung. Abgesehen von der politikwissenschaftlichen Marburger Schule hielten allein Vertreter der Frankfurter Schule am Desiderat einer Verbindung von Marx und moderner Soziologie fest.Niels Beckenbach: Industriesoziologie. de Gruyter, Berlin/New York 1991, ISBN 3-11-012153-0, S. 211.
Seit der amerikanischen Emigration ihrer Hauptvertreter war die Kritische Theorie der Gesellschaft ein „Deckbegriff für eine neomarxistische Theorie, einen westlichen Marxismus, der durch empirische Sozialforschung gestützt und bestätigt die fundamentalen Widersprüche in kapitalistischen Gesellschaften aufklären wollte.“ Das war besonders für jungen Soziologen, die in der bundesrepublikanischen Gesellschaft vor allem eine Restauration sahen, attraktiv. Zu ihnen gehörten Jürgen Habermas, Oskar Negt und Claus Offe.
Der Hauptvertreter der Frankfurter Schule Theodor W. Adorno war von 1963 bis 1967 DGS-Vorsitzender gewesen, sein Nachfolger wurde Ralf Dahrendorf. Über seine Amtszeit hinaus war Adorno jedoch Vorsitzender des Vorbereitungskomitees des 16. Soziologentages geblieben. Darum war er maßgeblich für die Wahl des Rahmenthemas Spätkapitalismus oder Industriegesellschaft verantwortlich. Rolf Wiggershaus hält es für denkbar, dass der Titel der Tagung eine „Reverenz gegenüber der Studentenbewegung“ gewesen sei.Rolf Wiggershaus: Die Frankfurter Schule. Geschichte, theoretische Entwicklung, politische Bedeutung, 7. Auflage, dtv, München 2008, ISBN 3-423-04484-5, S. 695. Zum ersten Mal war es der Öffentlichkeit erlaubt, sich aktiv auch an den Diskussionen im Plenum zu beteiligen. Die fast ausschließlich studentische Öffentlichkeit stellte den radikalen Bezug der Soziologie zur politischen Situation her, der zu einer besonderen Schärfe der Diskussionen führte.Wolf Lepenies: Dilemma eines Kongresses — Dilemma der Soziologie. Über den 16. Deutschen Soziologentag in Frankfurt, Soziale Welt, 19. Jahrg., Heft 2 (1968), S. 172–182, hier S. 181.
Der amtierende DGS-Vorsitzende Dahrendorf war an der Tagungsplanung dagegen nicht beteiligt gewesen, worauf er in seiner Eröffnungsrede (laut Claus Offe „etwas spitz“) hinwies und dem „eigentlichen Veranstalter“ Adorno das Einleitungsreferat überließ.Claus Offe, Akademische Soziologie und politischer Protest: Der Frankfurter Soziologentag 1968. In: Hans-Georg Soeffner (Hrsg.), Transnationale Vergesellschaftungen. Verhandlungen des 35. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Frankfurt am Main 2010. Springer Fachmedien Wiesbaden, Wiesbaden 2012, Elektronische Ressource, ISBN 978-3-531-18971-0, S. 977–984, hier S. 979 f.Adorno war dann auch der Herausgeber der Tagungsdokumentation: Spätkapitalismus oder Industriegesellschaft? Verhandlungen des 16. Deutschen Soziologentages. Enke, Stuttgart 1969.
Dahrendorf hielt seinen Hauptvortrag erst am zweiten Tag des Kongresses (9. April 1968), und zwar nach einem Gemeinschaftsreferat der Adorno-Schüler Joachim Bergmann, Gerhardt Brandt, Klaus Körber, Ernst Theodor Mohl und Claus Offe. Er wich vollständig von seinem vorbereiteten Manuskript ab und stellte kritische Fragen zum Einleitungsvortrag Adornos und zum Gemeinschaftsreferat.Tagungsdokumentation, S. 88–99.
Am Abend des dritten Kongresstages (10. April 1968) fand außerhalb des offiziellen Tagungsprogramms eine öffentliche Podiumsdiskussion statt, an der unter anderen Dahrendorf und Scheuch sowie die Studenten Hans-Jürgen Krahl und Wolfgang Lefèvre teilnahmen. Die Diskussion fand laut Dahrendorf in einer „Atmosphäre beträchtlicher politischer Erregung statt.“Tagungsdokumentation, S. 88 (Vorbemerkung). Ihren Bericht dazu überschrieb Die Welt am 16. April 1968 mit „Dahrendorf und Scheuch in der Löwengrube“.
Am letzten Tag des Kongresses (11. April 1968) hielt dann Scheuch sein Referat über methodische Probleme gesamtgesellschaftlicher AnalysenTagungsdokumentation, S. 153–182.. Statt eines vorgesehenen Co-Referats von Habermas (der krankheitsbedingt nicht teilnehmen konnte) folgte eine Podiumsdiskussion, an der neben Scheuch, Adorno und Lepsius auch Werner Hofmann und Niklas Luhmann teilnahmen.
Nicht nur Habermas fehlte beim 16. Deutschen Soziologentag. Helmut Schelsky, René König und Arnold Gehlen blieben der Veranstaltung fern, der hessische Kultusminister Ernst Schütte, dessen Grußwort im Programm angekündigt war, ließ sich entschuldigen, der Rektor der Universität Frankfurt, Walter Rüegg, ebenfalls.Hessischer Rundfunk, hr2-kultur: Soziologie made in Frankfurt. 1968 und die Folgen, gesendet am 14. Oktober 2010, 8:30 Uhr.
Debatten des 16. Soziologentages miniatur|hochkant|Theodor W. Adorno In seinem EinführungsvortragTagungsdokumentation, S. 12–26. ging Adorno der Frage nach, ob immer noch das kapitalistische System herrsche oder die industrielle Entwicklung den Unterschied zwischen kapitalistischen und nichtkapitalistischen Staaten und damit auch die Kritik am Kapitalismus hinfällig gemacht habe. Mit anderen Worten: „ob die heute innerhalb der Soziologie so weit verbreitete These, Marx sei veraltet, zutreffe.“Tagungsdokumentation, S. 12. Er vertrat die Auffassung, dass die gegenwärtige Gesellschaft nach dem Stand ihrer Produktivkräfte durchaus als Industriegesellschaft zu bezeichnen sei, industrielle Arbeit sei überall und über alle Grenzen zum Muster der Gesellschaft geworden. Bezüglich ihrer Produktionsverhältnisse sei die Gesellschaft aber noch als Kapitalismus, als Spätkapitalismus, zu benennen. Produziert werde immer noch, wie ehedem, um des Profits willen. Alle menschlichen Bedürfnisse seien zu Funktionen des Produktionsapparates geworden. Die Menschen würden total gesteuert. Er folgerte: „Nicht die Technik ist das Verhängnis, sondern ihre Verfilzung mit den gesellschaftlichen Verhältnissen, von denen sie umklammert wird.“Tagungsdokumentation, S. 19. Der Soziologie warf er vor, sie würde das Gesamtphänomen der herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse nicht hinreichend thematisieren, sondern es mit kleinteiligeren Begriffen wie Macht und soziale Kontrolle neutralisieren. Abschließend forderte er: „Soll Soziologie, anstatt bloß Agenturen und Interessen willkommene Informationen zu liefern, etwas von dem erfüllen, um dessentwillen sie einmal konzipiert ward, so ist es an ihr, mit Mitteln, die nicht selber dem universalen Fetischcharakter erliegen, das Ihre, sei’s noch so Bescheidene, beizutragen, daß der Bann sich löse.“Tagungsdokumentation, S. 26.