Die karibische Literatur ist die Literatur Westindiens, Surinams, Guayanas und Französisch-Guayanas, die in englischer, französischer, spanischer oder niederländischer Sprache sowie in den entsprechenden kreolischen Sprachen verfasst wurde. Die spanischsprachige Literatur Kubas, die auf vielfältige Weise mit der Literatur der beiden amerikanischen Halbkontinente verbunden ist, wird meist nicht der karibischen, sondern der lateinamerikanischen Literatur zugerechnet, obwohl gerade der kubanische AfroamericanismoNicht zu verwechseln mit dem nordamerikanischen Africanismo, der den Mestizismo ignoriert. Siehe Miguel Rojas Mix: Los cien nombres de América. Universidad de Costa Rica, San José 1997, S. 321. vor allem durch die Werke Nicolás Guilléns und vor allem Alejo Carpentiers eine starke vereinheitlichende Wirkung auf die Literatur der Karibik ausübte.
Hingegen wird die Literatur des englischsprachigen Belize oft zur karibischen Literatur gezählt, weil die Umgangssprache der ehemaligen britischen Kolonie vom karibischen Kreolisch geprägt ist. In Belize, aber auch in den Nachbarländern leben außerdem über 100.000 Garifuna sprechende Garinagu, Nachkommen entflohener schwarzer Sklaven und Kariben, die ursprünglich von St. Vincent stammen.
Von den schriftlosen Kulturen der präkolumbischen Bevölkerung der Antillen existieren aufgrund der von Gewalt geprägten spanischen Eroberung keinerlei Überlieferungen mehr. Nur in Guayana und Belize gibt es noch Ureinwohner: Im (in der englischen Literatur so bezeichneten) hinterland Guayanas leben neben den Nachkommen entlaufener schwarzer Sklaven Arawak, die auch auf den Großen Antillen beheimatet waren, Wapishana, die ebenfalls zur Sprachfamilie der Arawak gehören, und andere. Versuche deutscher Missionare, das Neue Testament in die Sprache der Arawak in Guayana zu übersetzen, fanden keine Fortsetzung. Leipziger Literatur-Zeitung, März 1824, Band 1, No. 148, S. 1182. In Haiti und der Dominikanischen Republik haben sich einige mündliche Traditionen und Mythen der zu den Arawak zahlenden Taíno erhalten.
In Belize sind mindestens 11 % der Bevölkerung Nachkommen der Maya. Nur hier und in Guayana wurden indianische Mythen aufgezeichnet und flossen in die Literatur ein. Von den Kariben, die die Kleinen Antillen besiedelten, haben sich keine kulturelle Spuren erhalten.
Überblick Die Entwicklung der karibischen Literatur wurde wesentlich von der durch den Kolonialismus bestimmten Sozialstruktur geprägt. Die Lebensbedingungen waren durch die alles beherrschende Plantagenwirtschaft und Sklavenarbeit bestimmt. Verschiedene Wellen europäischer Siedler verschmolzen mit den vom 17. bis ins späte 18. Jahrhundert aus Westafrika verschleppten Sklaven zu einer rassischen und sozialen Hierarchie mit zwei Kulturmustern, zwischen denen zahlreiche Übergänge existierten: die dominante europäische Kolonialkultur, in der die „konservativen Pflanzer Gedrucktes und Geschriebenes als Träger neuer Ideen ablehnten“, und die kreolische Kultur mit Relikten der zersplitterten afrikanischen Herkunftskulturen und kolonialen Elementen.Fleischmann/Breitinger 1996, S. 1053. Die schwarzen Sklaven und ihre Nachkommen trugen ihre aus Afrika stammenden Mythen und Erzählungen mündlich weiter, während die Angehörigen der weißen Oberschicht sich mit zunehmender Bildung an der Literatur ihrer Mutterländer orientierten. Nach der Sklavenbefreiung, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten erfolgte, waren es die neu entstandenen kreolischen Mittelschichten, die (zuerst in Haiti und Kuba, später in Jamaika) eine eigenständige karibische Literatur schufen, in der beide Strömungen verschmolzen. Die kreolische Literatur wollte den ehemaligen Sklaven Bildungsmaterial liefern und griff die avantgardistischen Protestbewegungen aus Europa auf, doch ihre Träger, die sich an der europäischen Literatur orientierten, überschätzten die emanzipatorische Wirkung von Literatur bei Weitem. So blieb die Literatur für die breite Masse unerreichbar.Fleischmann/Breitinger 1996, S. 1053 f.
Erst kurz vor dem Ersten Weltkrieg entstand in Jamaika der erste Roman mit einer schwarzen Hauptfigur. Karibische Schriftsteller traten zuerst 1956 beim ersten Congrès des écrivains et artistes noirs (Congress of Negro Writers and Artists) in Paris auf, an dem sich neben afrikanischen Autoren u. a. James Baldwin und Jean-Paul Sartre beteiligten.James W. Ivy: First Negro Congress of Writers and Artists. In: The Crisis, vol. 63, no. 10, Dezember 1956, S. 593–600.
Seit den 1950er und 1960er Jahren fanden Dialekte und Kreolsprachen in größerem Umfang Eingang in die Literatur, gleichzeitig setzte die kubanische Revolution emanzipatorische Impulse. In den 1970er Jahren überwand die karibische Literatur die politischen und Sprachgrenzen der Karibik; zugleich wurde sie jedoch immer mehr zu einer Exilliteratur.Fleischmann/Breitinger 1996, S. 1057 f. Diese Entwicklung verlief in der gesamten Karibik unabhängig vom Sprachraum in vergleichbarer Form; gemeinsam sind den Literaturen der Karibik nach wie vor das ethnologische Interesse wie der Negrismo und die Sozialkritik. Daher ist es gerechtfertigt, sie in einem Beitrag zu behandeln.
Aus den genannten Gründen sind eindeutige Identitätszuschreibungen für die modernen karibischen Autoren schwierig. Das gilt z. B. für den Träger des Nobelpreises für Literatur 1992, Derek Walcott. Walcott war Sohn eines Engländers aus Barbados, der eine afroamerikanische Mutter hatte; seine eigene Mutter stammte von einem holländischen Großgrundbesitzer und einer Farbigen aus St. Maarten ab, deren Vorfahren aus Westafrika kamen. Walcott besaß während der längsten Zeit seines Lebens die britische Staatsangehörigkeit, verstand sich aber als Kolonialbewohner; er war anglophon, lebte aber auf der Insel St. Lucia, die im Laufe der Geschichte 14-mal den Besitzer wechselte. Während in den Schulen Shakespeare gelesen wird, spricht man auf der Straße zum großen Teil Antillen-Kreolisch (Kwéyòl oder Patois), das Walton ebenfalls beherrschte. Im Gegensatz zu den meist katholischen Einwohnern von St. Lucia war er Methodist; doch sind auch die traditionellen Heiler auf der Insel noch allgegenwärtig. Auch in den Werken der schon lange in den USA lebenden und in englischer Sprache schreibenden Autoren und selbst bei den Immigranten der zweiten Generation sind die karibischen Herkunft und eine besondere Sensibilität für den drohenden Sprachverlust spürbar.Bandau, Singler 2019, S. 413. Doch geht Homi K. Bhabha so weit, dass er die postkolonialen Kleinstaaten der Karibik mitsam ihrer Kultur und ihren Traditionen für „Erfindungen“ bzw. Ergebnisse der Interpellation durch die Kolonialstaaten hält.Hom Bhabha: Introduction, in: Ders. (Hrsg.): Nation and Narration. Routledge, London 1994, S. 1–7.
Anglokaribische Literatur Während die frühe anglophone karibische Literatur durch den mühsamen Versuch der Selbstbehauptung und Identitätsgewinnung gegenüber dem Mutterland bestimmt war, kam es spätestens mit der Unabhängigkeit der (zumeist) Zwergstaaten zu einer Literaturblüte, die auch international Beachtung fand, was insbesondere für jamaikanische Autoren gilt. Auf Jamaika wurde zuerst die lokale Kreolsprache (patois) in der Literatur und auf dem Theater verwendet; lange blieben hier auch orale Traditionen und religiöse Gebräuche der Aschanti lebendig. Einen wichtigen Beitrag zur anglokaribischen Literatur leisteten auch indischstämmige Autoren aus Trinidad („indokaribische Literatur“).
19. Jahrhundert Michel Maxwell Philip (1829–1888), Sohn eines weißen Plantagenbesitzers auf Trinidad und einer Afroamerikanerin und später Bürgermeister von Port of Spain, verfasste 1854 den Piratenroman Emmanuel Appadocca, or, Blighted Life: A Tale of the Boucaneers, der als erster karibischer Roman in englischer Sprache gilt. Der Lehrer und Herausgeber der Jamaica Times, Thomas MacDermot (1870–1933) gilt als wichtiger Förderer der frühen jamaikanischen Literatur. Als Journalist startete schon 1899 einen wöchentlichen Kurzgeschichtenwettbewerb in der Jamaica Times, einer literarischen Wochenzeitschrift für gebildete Mittelschichten, deren Herausgeber er fast 20 Jahre lang war. Neben eigenen Romanen und Gedichten brachte er die preiswerte Buchreihe All Jamaica Library, in der lokale Autoren publizierten.
Schon im 18. Jahrhundert gab es in Kingston feste Theatersensembles. Die Zahl der freien Schwarzen stieg im 19. Jahrhundert. Auch sie hatten Zutritt zu den Aufführungen, die zunächst jedoch meist von britischen Seeleuten und Soldaten sowie Plantagenbesitzern und ihren Familien besucht wurden. Das Repertoire richtete sich zunächst meist nach dem von London. Auch in Georgetown (Guyana), Barbados und Antigua existierte seit dem frühen 19. Jahrhundert eine Theaterkultur, doch nur in Jamaika entwickelte sie sich nach der Sklavenbefreiung weg von phantastischen und pittoresken hin zu aktuellen und sozialen Themen.Susan Valladares: “Act[ing] Riotously”: Theatre and Performance in Early Nineteenth-Century Jamaica. In: The Review of English Studies. 2021, Online Typisch für Jamaika wurde aber die Mischung aus Comedy, Musik, Folklore und Pantomime, wie sie das 1941 von Greta Fowler gegründete Little Theatre Movement (LTM) verkörperte.History of Jamaican Theatre mini|hochkant|Claude McKay
1900–1950 Eine erste Vorstellung von einer umfassenden, die Karibik einschließenden afrikanischen Identität findet sich in der anglophonen karibischen Literatur in der Lyrik des Lehrers und Katecheten Thomas R. F. Elliot (1872–1910), eines Nachkommen afrikanischer Sklaven in Guayana. Den ersten westindischen Roman (Jane’s career) mit einer schwarzen Hauptfigur schrieb 1913 der in Jamaika geborene Herbert George De Lisser (1878–1944), ein Nachkomme von Afrikanern und europäischen Juden. Aus Jamaika stammte auch der con MacDerot geförderte Dichter und Erzähler Claude McKay (1890–1948), der 1912 seinen ersten Gedichtband in Kreolsprache drucken ließ und im gleichen Jahr in die USA auswanderte, wo er zum Mitbegründer der afroamerikanischen, von sozialistischen Ideen beeinflussten Protestbewegung der 1920er Jahre wurde – der Harlem Renaissance. In den USA erschienen von ihm u. a. die Bände Harlem Shadows (1922), Banana bottom (1933) und Selected Poems (postum 1953).
1938 wurde die britische Karibik von neuen Aufständen erschüttert, was die allgemeine Politisierung vorantrieb. Von Jamaika ging in diesen Jahren eine Solidaritätsbewegung der karibischen Länder aus, die 1942 zur Gründung der literarischen Zeitschrift BIM durch Frank Appleton Collymore (1893–1980) aus Barbados führte. In dieser Zeitschrift veröffentlichte auch Derek Walcott (* 1930 in St. Lucia) seine Arbeiten. Auf Trinidad gründete der portugiesischstämmige junge Albert Gomes (1911–1978) im Jahr 1931 die Literaturzeitschrift The Beacon, die in kurzer Zeit zur Entprovinzialisierung der karibischen Literatur beitrug, bis sein Vater, der die Zeitung finanziert hatte, ihn zwang, die Schriftstellerei aufzugeben und in seiner Apotheke mitzuarbeiten. Er entwickelte sich zum Gewerkschaftler, schrieb später einen Roman und eine Autobiographie (Through a maze of colour, 1974) und war 1950–1956 erster Chief Minister des kleinen Landes. mini|200px|Derek Walcott (2012)