mini|Titel der Taschenbuchausgabe von Unterleuten (2017) Unterleuten ist ein Gesellschaftsroman von Juli Zeh aus dem Jahr 2016, der fast ausschließlich im fiktiven Dorf Unterleuten in Brandenburg angesiedelt ist und zum größten Teil im Juli/August 2010 spielt. Als eine Investorenfirma einen Windpark bauen will, gerät das soziale Gefüge des Dorfes mit 200 Einwohnern in einen Strudel: Je nach Eigeninteressen sind Alteingesessene und Zugezogene mal Verbündete, mal Gegner, wechseln die Seite, kämpfen mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln für ihre Interessen. Ein eigennütziger Finanzinvestor aus dem Westen ist ebenfalls Teil der Szenerie. Alte Rechnungen werden präsentiert, Beziehungen verändert. Der Roman führt vor, dass es nicht die Wahrheit gäbe, sondern immer nur Perspektiven.

Der Roman ist in sechs Teile eingeteilt, die wiederum in acht bis dreizehn Kapitel unterteilt sind, welche die Namen der Figur tragen, aus deren Perspektive erzählt wird. Den Lesern wird durch diesen Perspektivwechsel gezeigt, dass alle Figuren Annahmen über ihre Mitmenschen machen, die sich im Nachhinein als falsch erweisen.

Inhalt Vorgeschichte Rudolf Gombrowski stammt aus einer alteingesessenen Familie mit Grundbesitz in Unterleuten. Sein Gegenspieler seit Jugendtagen ist Kron. Dieser beteiligte sich als Jugendlicher an den Ausschreitungen gegen Gombrowskis Familie, die diese dazu trieben, den Widerstand gegen die Kollektivierung ihres Grundbesitzes aufzugeben. Nach der politischen Wende favorisierte Gombrowski die Überführung der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft in eine GmbH mit ihm als alleinigem Geschäftsführer, der über Prokura und 70 Prozent der Gesellschaftsanteile verfügen würde. Als Kron diesen Plan behinderte, lockte Gombrowski ihn in den Wald, über dem bereits ein schweres Gewitter tobte. Dort sollte sein Handlanger Schaller Kron einschüchtern. Während eines Handgemenges zwischen Kron und Schaller wurde der mit Kron gekommene Erik Kessler von einem schweren Ast erschlagen. Nachdem Schaller in der Schlägerei die Oberhand gewonnen hatte, zerschmetterte er mit einer mitgebrachten Eisenstange Krons Bein, sodass dieser seitdem hinkt. Später erlitt Schaller bei einem Motorradunfall einen Gedächtnisverlust.

Ausgangslage der Haupthandlung Das Unternehmen Vento Direct beabsichtigt, in dem brandenburgischen Dorf Unterleuten einen Windpark zu errichten. Dafür kommen zwei Areale in Frage. Das eine, ein Waldstück, gehört Kron. Vom zweiten, der Schiefen Kappe, gehört ein großes Stück Rudolf Gombrowski, dem Erzfeind Krons, ein weiteres dem Spekulanten Konrad Meiler aus Ingolstadt. Das kleine Grundstück dazwischen haben Linda Franzen und ihr Lebensgefährte Frederik zusammen mit einer alten Villa erworben, als sie kurz vor Beginn der Haupthandlung nach Unterleuten gezogen sind.

Entwicklung der Interessensgruppen Linda Franzen beabsichtigt, aus einer kürzlich gekauften Villa einen Pferdehof zu machen, um ihren geliebten Hengst Bergamotte nach Unterleuten holen zu können. Dafür braucht sie zum einen eine Baugenehmigung, gegen die die Naturschutzbehörde Einspruch erhoben hat; federführend war hier Gerhard Fließ. Zum anderen braucht sie für die Pferdekoppeln ein angrenzendes Grundstück, das Konrad Meiler gehört. Sie will, so ihr Partner Frederik Wachs, „aus dem Windmühlenstreit als der neue Gombrowski von Unterleuten hervorgehen.“S. 418.

Rudolf Gombrowski, anfangs die mächtigste Figur, ist an der Errichtung des Windparks auf der Schiefen Kappe sehr interessiert, weil er damit seinen landwirtschaftlichen Betrieb sanieren könnte. Er versucht, das ihm fehlende Stück von Linda Franzen zu kaufen. Diese lässt ihn lange in dem Glauben, sie sei dazu bereit, wenn er ihr die benötigte Baugenehmigung verschaffe. Gerhard Fließ dagegen versichert sie, sie werde nicht an Gombrowski verkaufen, und bewegt ihn dazu, den Einspruch der Vogelschutzbehörde gegen die Baugenehmigung zurückzuziehen. Danach sorgt Gombrowski durch einen Anruf bei Bürgermeister Arne Seidel für die Erteilung der Genehmigung. Als Linda Franzen hat, was sie wollte, überträgt sie das Grundstück auf der Schiefen Kappe an Konrad Meiler und erhält im Gegenzug die benötigte Pferdeweide und 50.000 Euro.S. 288. Gombrowski gegenüber begründet sie ihren Sinneswandel damit, dass sie wegen ihres Pakts mit ihm bedroht worden sei.S. 547. Dass dies nicht der Grund für ihr Handeln ist, wissen die Leser bereits.S. 471.

Konrad Meiler begreift die Windparkpläne als Möglichkeit, sich an seinen jüngsten Sohn und über ihn an seine Frau Mizzie, die bereits aus der gemeinsamen Villa ausgezogen war, wieder anzunähern. Er gibt kund, diesem den Windpark schenken zu wollen. Den Kauf der fehlenden Fläche von Linda Franzen macht er möglich, indem er das für ihre Pferdeweide gewünschte Grundstück übereignet. Doch wegen des Sinneswandels des Bürgermeisters Arne Seidel geht Meilers Plan am Ende nicht auf.

Gerhard Fließ’ Frau Jule ist auf die gemeinsame Tochter Sophie, ein sechs Monate altes Baby, fixiert. Ihr Nachbar Schaller, Gombrowskis „Mann fürs Grobe“, verbrennt auf seinem Hof Autoreifen und verpestet die Luft, ohne dass die Polizei wirksam dagegen einschreitet. Vor diesem Hintergrund positioniert sich die Familie Fließ-Weiland zunächst gegen Gombrowskis Windparkplan. Dann verschwindet Krons Enkeltochter für ein paar Stunden, und Gombrowski wird verdächtigt, sie entführt zu haben. Jule verteidigt ihn gegen die Vorwürfe. Kurz darauf berichtet sie ihrem Mann, sie habe Sophie im Garten in ihrem Kinderbettchen kurz aus den Augen gelassen und sie auf der anderen Seite des Hauses auf ihrer Decke sitzend wiedergefunden. Jule will nunmehr in der Windparkfrage neutral bleiben und wirkt entsprechend auf ihren Mann ein. Dieser sorgt dafür, dass der Naturschutz keinen Einwand mehr gegen Gombrowskis Windpark erhebt und Linda Franzen ihre Baugenehmigung erhält.

Der Bürgermeister Arne Seidel, einst von Gombrowski ins Amt gebracht, ist fast bis zum Ende des Romans dessen Marionette. Erst sehr spät durchschaut er seine Beziehung zu ihm, wendet sich von Gombrowski ab und sorgt dafür, dass Kron den Zuschlag für den Windpark bekommt.S. 596–597.

Figuren (Auswahl) FigurBeziehungAufenthaltKinderVerbleibFrederik Wachs Linda FranzenzusammenlebendUnterleuten, zugezogenzurück nach Berlin zurück nach OldenburgRudolf Gombrowski Elena GombrowskiverheiratetUnterleutenPüppi (38 Jahre)nimmt sich das Leben zieht zur Tochter nach FreiburgKron Frau KrongetrenntUnterleuten hat ihren Mann vor dreißig Jahren verlassenKathrin Kron-Hübschkeverstorben .Kathrin Kron-Hübschke Wolfi HübschkeverheiratetUnterleutenKrönchen (5 Jahre)wird Bürgermeisterin von Unterleuten .Bodo Schaller Susanna SchallergetrenntUnterleuten hat ihren Mann nach seinem Unfall verlassenMiriam (18 Jahre)Krankenhaus nach der Attacke von Fließ .Arne Seidel Barbara Seidelverwitwet

totKonrad Meiler Mizzie Meilerverheiratetleben nicht in UnterleutenFriedrich, Johannes, Philipp (alle erwachsen)Erik Kessler Hilde Kessler  verwitwetgestorben 1991  Betty Kessler (21 Jahre)Gerhard Fließ Jule Fließ-WeilandverheiratetUnterleuten, zugezogenSophie (6 Monate)wartet in Unterleuten auf seinen Prozess wg. Körperverletzung zurück nach Berlin

Lokale Gruppierung Alteingesessene mini|hochkant=2|Gombrowskis Scheitern Rudolf Gombrowski. Gombrowski wurde in Unterleuten in einer Gutsbesitzerfamilie geboren. Er ist Chef des landwirtschaftlichen Betriebes Ökologica GmbH, des größten Arbeitgebers im Dorf. Zu Zeiten der DDR war er Vorsitzender der LPG Gute Hoffnung. Zu Anfang des Romans erscheint er sehr wohlhabend und mächtig: Arne Seidel wurde auf sein Betreiben hin Bürgermeister, viele Menschen im Dorf sind von ihm abhängig oder schulden ihm einen Gefallen. Er ist mit Elena Gombrowski, geborene Niehaus, verheiratet und hat eine Tochter, genannt Püppi, die in Freiburg lebt. Hilde Kessler ist seine beste Freundin und lebt im Nachbarhaus.

Zugezogene Linda Franzen: Lindas Lebenssinn ist der Hengst Bergamotte. Ihr Lebenspartner Frederik Wachs kann nur die zweite Geige im Leben dieser „Rossfrau“ spielen. Die attraktive Equidentrainerin verfolgt mit Ehrgeiz und viel Kalkül ihren Plan, die kurz vor Beginn der Haupthandlung gekaufte alte Villa zusammen mit angrenzenden Weidegrundstücken zu einem Pferdehof umzugestalten, damit sie ihr Pferd nach Unterleuten holen kann. Ihr „geistiges Fitnessprogramm“ entnimmt sie den Büchern von Manfred Gortz.S. 33.

Gerhard Fließ: Fließ war Dozent für Soziologie in Berlin, hat seine ehemalige Studentin Jule geheiratet und mit ihr eine sechsmonatige Tochter, Sophie. Er arbeitet nun in der Vogelschutzbehörde und verhindert oder beschneidet, wenn möglich, Bauprojekte in der Umgebung.

Auswärtige Miriam Schaller: Miriam ist die Tochter von Bodo und Susanna Schaller. Sie lebt seit dem Unfall von Bodo Schaller bei ihrer Mutter in Berlin, besucht ihren Vater. Sie ist im Abiturjahr und hat bereits einen Führerschein sowie ein Auto, das ihr Vater für sie hergerichtet hat.

Weitere Gruppierungen Ein Teil der Figuren definiert sich stark über die Vergangenheit. Paradebeispiel hierfür ist Rudolf Gombrowski, der sein Leben auf einen Auftrag seines sterbenden Vaters aufgebaut hat.S. 187. Sein Denken wird bestimmt durch seine Erfahrungen während des Kalten Kriegs, seinen letztlich erfolglosen Widerstand gegen die Umwandlung landwirtschaftlichen Privatbesitzes in LPGs zu DDR-Zeiten und seine Erfolge bei der Transformation der LPG in eine GmbH nach der politischen Wende. Es besteht eine starke Bindung an das Land, an den Ort Unterleuten. Auch wichtige soziale Beziehungen sind dadurch geprägt: Die Feindschaft zu Kron geht auf dessen Verhalten in der Kollektivierungsphase der Landwirtschaft zurück:

Eine andere Figurengruppe ist im 21. Jahrhundert verwurzelt. Zu dieser gehört Frederik Wachs, der in der Firma seines Bruders an der Entwicklung von Computerspielen arbeitet. Er verbringt sehr viel Zeit an seinem Arbeitsplatz in Berlin und lebt stark in einer virtuellen Welt.

Die Ereignisse in Unterleuten sind für ihn nichts als Stofflieferanten: Als sie ihn auf die Idee bringen, ein Naturschutzgebiet als Erweiterung für ein Computerspiel zu konzipieren, ist er Feuer und Flamme für diesen Einfall.

Auf andere Weise lässt sich Linda Franzen in diese Gruppe einordnen. Zum einen lässt sich im Vergleich zur ersten Gruppe ein deutlich veränderter Stellenwert von Grundbesitz feststellen. Zwar verfolgt Linda über weite Strecken ihr Projekt, in Unterleuten einen Pferdehof zu errichten, doch speist sich dieses Vorhaben nicht aus der Bindung an Unterleuten, sondern aus ihrer Vernarrtheit in ihr Pferd. Am Ende des Romans erfährt der Leser, sie sei laut Frederik Wachs nach Oldenburg zu ihrem Hengst zurückgekehrt.S. 631. Grundbesitz verändert Lindas Lebensgefühl und wird für sie zu einem Mittel der Selbstverwirklichung: Sie kommt zu dem Glauben, dass das menschliche Schicksal am Grundbesitz hänge, dass ein Haus „das beängstigende Möglichkeitenlabyrinth der Zukunft in überschaubares Terrain“ verwandle, und sie empfindet Stolz darauf, „in ihrer heruntergekommenen Villa ein Bollwerk gegen den Zeitgeist zu errichten“S. 460. Linda unterscheidet sich von Gombrowski auch durch den Umgang mit Macht. Beide sind sie nach Lindas Anschauung „Kämpfer“.S. 468. Beide benutzen Menschen für ihre Zwecke; in Lindas Kopf gibt es einen Schalter zum Ausknipsen von Menschen, der sich automatisch umlegt, wenn ihr etwas nicht ins Konzept passt.S. 587. Emotionen mag sie nicht, „jedenfalls nicht die von anderen Leuten“.S. 262.

Linda sieht sich als „Mover“ mit der Aufgabe, „sich und andere zu bewegen“,S. 264. und das Machtgefüge im Dorf als Maschine, deren Bedienung von ihr erlernt werden kann.S. 461.

Am Ende des Romans thematisiert Arne Seidel einen Paradigmenwechsel:

Kathrin Kron-Hübschke wird Bürgermeisterin.

Zentrale Themen Wahrheit