Hörspiel und Medienkunst (seit 1. Dezember 2017 unter dem Namen Hörspiel/Dokumentation/Medienkunst) ist eine Redaktion des Bayerischen Rundfunks. Sie ist aus der Hörspielabteilung hervorgegangen.

Geschichte Anfang der 1990er-Jahre begann die Hörspielabteilung medienübergreifende Projekte umzusetzen. Hörspiele wurden nicht nur in Gestalt abgeschlossener Produktionen ausgestrahlt, sondern bimedial konzipiert und live von der Bühne oder aus dem Studio gesendet. Erste bahnbrechende Beispiele waren 1994 das Hörspiel Apocalypse live von Andreas Ammer, FM Einheit, Ulrike Haage und die partizipative Studioperformance hexenring von Hartmut Geerken mit Famoudou Don Moye. Neue Impulse sollte die Gattung Hörspiel vor allem aus der Musik schöpfen, durch die Zusammenarbeit mit Musikern der Pop- und Jazz-Avantgarde.Herbert Kapfer: Sounds like Hörspiel. Neue Impulse für eine alte Gattung. In: epd Kirche und Rundfunk. Informationsdienst für Hörfunk und Fernsehen. Nr. 74, 21. September 1991, S. 6–9. Diese Entwicklung führte zu einer Erweiterung des Redaktionsnamens: zum Hörspiel kam als wesentliches Element die Medienkunst hinzu, die elektronische, digitale, audiovisuelle und interaktive Kategorien und Prozesse umfasste.Bettina Anita Wodianka: Intermediale Spielräume im Hörspiel der Gegenwart. In: Axel Volmar, Jens Schröter (Hrsg.): Auditive Medienkulturen. Techniken des Hörens und Praktiken der Klanggestaltung. transcript Verlag, Bielefeld 2013, ISBN 978-3-8376-1686-6, S. 343. Offiziell wurde die Abteilung „Hörspiel und Medienkunst“ als Nachfolgerin der Hörspielabteilung im Rahmen einer Organisationsänderung im Januar 1996 beim Bayerischen Rundfunk etabliert. Christoph Lindenmeyer wurde in Personalunion Leiter der neu eingerichteten Hauptabteilung Radiophone Produktionen und der nun umbenannten Abteilung Hörspiel und Medienkunst. Herbert Kapfer leitete diese Abteilung von März 1996 bis November 2017. Chefdramaturgin war von 1996 bis 2006 Barbara Schäfer, seit September 2007 ist es Katarina Agathos. Zum 1. Dezember 2017 wurde Hörspiel und Medienkunst zu einer neuen trimedialen Redaktion namens Hörspiel/Dokumentation/Medienkunst erweitert. Leiterin der neuen Redaktion ist Ulrike Ebenbeck.

Programmatik Es ist eine Zielsetzung der Abteilung Hörspiel und Medienkunst, den Diskurs über das historische Genre Hörspiel zu beleben und die eigene Produktionsästhetik zu formulieren und zu begründen. Dabei verweisen der Leiter Herbert Kapfer und die Chefdramaturgin Katarina Agathos auf die öffentlich-rechtlichen Rahmenbedingungen und den organisatorischen Kontext, in dem sich dieses Gestaltungsfeld befindet – „das Hörspiel als Kunst im Massenmedium.“Katarina Agathos, Herbert Kapfer (Hrsg.): Hörspiel. Autorengespräche und Porträts. BR Radiobuch Nr. 9. Belleville Verlag, München 2009, ISBN 978-3-936298-68-0, S. 12.

Das Selbstverständnis sollte sich „von einer Hörspieldramaturgie hin zu einem interdisziplinären künstlerischen Produktionsmanagement entwickeln, das sich die Etablierung einer permanenten Laborsituation zum Ziel setzt.“Herbert Kapfer: Hörspieldramaturgie und Medienkunst. Ein Laborbericht. In: Anke Roeder, Klaus Zehelein (Hrsg.): Die Kunst der Dramaturgie. Theorie, Praxis, Ausbildung. Henschel Verlag, Leipzig 2008, ISBN 978-3-89487-655-5, S. 168. Die „konzeptionellen Äußerungen über das eigene Programm“Hans-Jürgen Krug: Kleine Geschichte des Hörspiels. UVK Verlagsgesellschaft, Konstanz 2008, 2. Auflage, ISBN 978-3-86764-076-3, S. 161. bilden eine Ausnahmeerscheinung in der deutschen Hörspielszene.

Ansätze einer ästhetischen Programmatik zeigen sich etwa, wenn die Münchner Abteilung „die Verbindung von Performance / Konzert / Aufführung und radiophonen Arbeiten deutlich hervorhebt.“Barbara Büscher: Radiophone Ereignisse. Zum Verhältnis von Live-Aufführungen und medialen Formaten. In: Hörspielsommer e. V. (Hrsg.): Hörspielplätze. Positionen zur Radiokunst. Voland & Quist, Dresden und Leipzig 2011, ISBN 978-3-938424-86-5, S. 147. In Zusammenarbeit mit der Abteilung Hörspiel und Medienkunst „schufen Autoren und (…) viele Teams aus Musikern und literarischen Autoren zahlreiche Hörstücke, die sich in jeglicher Form entgrenzten: als Live-Events, teils mit interaktiven Komponenten, als nicht mehr nur ein-, sondern mehrstündige Fassungen, als Spiel mit visuellen Formen und schließlich auch dem World Wide Web.“Jörg Albrecht: Abbrüche. Performanz und Poetik in Prosa und Hörspiel 1965–2002. Wallstein Verlag, Göttingen 2015, ISBN 978-3-8353-1361-3, S. 445.

Als Beispiele solcher Teams können Andreas Ammer/FM Einheit/Ulrike Haage, aber auch Hartmut Geerken mit dem Art Ensemble of Chicago angeführt werden oder der Schriftsteller und F.S.K.-Musiker Thomas Meinecke und der DJ Move D, deren Hörspiele und Performances sich als „besonders weitreichend hinsichtlich der Interaktion von musikalischer und literarischer Produktionsästhetik erweisen“.Markus Tillmann: Populäre Musik und Pop-Literatur. zur Intermedialität literarischer und musikalischer Produktionsästhetik in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Transkript Verlag, Bielefeld 2013, ISBN 978-3-8376-1999-7, S. 279. Einige dieser free-jazz, popmusikalisch oder elektronisch geprägten Produktionen waren in den 1990er Jahren bei dem Label Rough Trade Records und bei Leo Records erschienen, ab dem Jahr 2000 veröffentlichte die Abteilung Hörspiel und Medienkunst zahlreiche Eigenproduktionen in der von ihr herausgegebenen CD-Reihe intermedium records.

Der US-amerikanische Musik-Journalist und Dozent Greil Marcus, der früh auf einige innovative Münchner Hörspielproduktionen aufmerksam wurde, rezensierte bereits 1992 das bei Rough Trade veröffentlichte Hörstück dr. huelsenbecks mentale heilmethodePeter Blegvad, John Greaves, Herbert Kapfer, Regina Moths: dr. huelsenbecks mentale heilmethode. Produktion: BR, SR, SWF 1992. CD: Rough Trade Records, Herne 1992, RTD 197.1341.2 41 an dem die ehemaligen Henry-Cow-Mitglieder Peter Blegvad und John Greaves sowie der Ex-Can-Musiker Holger Czukay und der Schriftsteller Raymond Federman beteiligt waren.

In Zusammenhang mit der 2000 bei intermedium records erschienenen Produktion Walter Ruttmann Weekend Remix würdigte Greil Marcus die Produzenten des BR als „radio station responsable for the most ambitious and inventive radio plays being produced today“.Greil Marcus: Real Life Rock. The Complete Top Ten Columns 1986–2014. Yale University Press, New Haven und London 2015, ISBN 978-0-300-19664-1, S. 217. Zu dem Projekt waren von BR Hörspiel und Medienkunst sechs Musiker und Teams eingeladen worden, Walter Ruttmanns 1930 aus Originaltönen montiertes Hörstück Weekend zu remixen. Beteiligt waren Klaus Buhlert, Ernst Horn, DJ Spooky, Mick Harris, To Rococo Rot und John Oswald. Von der ursprünglichen „Montage von Klangelementen“ Ruttmanns, die nur aus „aufgezeichneten Originalklängen“ besteht, führt über die Remixe des „alten Klangmaterials“ eine „Entwicklungslinie der Medienavantgarde quer durch das 20. Jahrhundert.“Dieter Daniels: Kunst als Sendung. Von der Telegrafie zum Internet. C.H. Beck, München 2002, ISBN 3-406-49509-5, S. 231.

Ein weiterer Aspekt der ästhetischen Programmatik, der nach Verbindungen zur literarischen und künstlerischen Avantgarde der Moderne sucht, zeigt sich an den Hörspieladaptionen von Prosatexten, Manifesten und Selbstzeugnissen dadaistischer und expressionistischer Autoren u. a. Richard Huelsenbeck, Raoul Hausmann, Walter Serner, Carl Einstein, Salomo Friedlaender / Mynona, Franz Pfemfert, Hannah Höch, Paul Scheerbart, Kurt Schwitters und Jakob van Hoddis.

Auch Projekte der Lautpoesie mit den Autoren Carlfriedrich Claus, Ernst Jandl, Michael Lentz, Josef Anton Riedl, Valeri Scherstjanoi, Schuldt, und anthologische Dokumentationen zur Lautpoesie der DDR können in diesen programmatischen Zusammenhang und in das Genregrenzen vorsätzlich ignorierende medienkünstlerische Spielfeld der „risikoresistenten Redaktion“Franz Mon: Die Geschichte von Geschichten in den Hörspielen von Michael Lentz. In: Jürgen Egyptien (Hrsg.): Literatur in der Moderne. Jahrbuch der Walter-Hasenclever-Gesellschaft Band 8 (2012/2013). V&R unipress, Göttingen 2013, ISBN 978-3-8471-0144-4, S. 81. gestellt werden. Einen besonderen Stellenwert nimmt die kontinuierliche Zusammenarbeit mit Elfriede Jelinek und mit Alexander Kluge ein. Beide beteiligen sich zudem als Mitwirkende an vielen Hörspielproduktionen und -adaptionen eigener Werke.

Vereinfacht lassen sich die verschiedenen Ansätze auf die Formel „Intermedialität und offene Form“siehe dazu: Michael Bachmann: Hörspiel seit den 1990er-Jahren. Andreas Ammers ‚Apocalpyse Live‘. Transzendiertes Erzählen und intermediale Situation. In: Karl Nikolaus Rennger, Dagmar Hoff, Matthias Krings (Hrsg.): Medien. Erzählen. Gesellschaft. Transmediales Erzählen im Zeitalter der Medienkonvergenz. Walter de Gruyter, Berlin/Boston 2013, ISBN 978-3-11-026453-1, S. 19–36. bringen, die auch als Haupttitel für das Produktions-Gesamtverzeichnis von BR Hörspiel und Medienkunst gewählt wurde. Hörstücke, Performances, Videos, Ausstellungen, Konzerte, Webprojekte – es ist die Formen- und Formatvielfalt einer angewandten Programmatik, die als eine konsequente Fortschreibung bzw. Weiterentwicklung jener Freiräume einfordernden Position von Helmut Heißenbüttel interpretiert werden kann, wonach Hörspiel eine „offene Form“ sei: „Alles ist möglich, alles ist erlaubt.“Helmut Heißenbüttel: Horoskop des Hörspiels. In: Helmut Heißenbüttel: Zur Tradition der Moderne. Aufsätze und Anmerkungen 1964–1971. Luchterhand, Neuwied und Berlin 1972, S. 222 f. Die „Offenheit“ reicht nun über die „Form“ „Hörspiel“ hinaus und weist in Richtung neuer oder noch nicht erprobter Konzepte der Medienkunst.

Projekte intermedium-Festival 1999 initiierte der Bayerische Rundfunk das von Herbert Kapfer und der Redaktion Hörspiel und Medienkunst konzipierte Festival intermedium 1. Weitere Partner waren die Hörspielabteilungen der ARD, DeutschlandRadio und das Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe.

Das Festival fand im November 1999 in der Akademie der Künste (Berlin) statt und war mit zahlreichen Hörfunk-Sendungen verbunden. Das Thema war Leben, Kunst und Technik in der Informationsgesellschaft. Auslösende Idee für das Festival war die Zunahme ästhetischer und medialer Mischformen aus Performances, Live-Sendungen, musiktheaterinspirierten Aufführungen, Remix-Projekten, online-Präsentationen und interaktiven Versuchen. Das Festival verstand sich als Plattform, auf der intermediale Projekte der Sparten Hörspiel, Akustische Kunst, Klangkunst zur Diskussion gestellt und ausgestrahlt werden konnten.Herbert Kapfer: intermedium. Vom Sound zum Bild zum Diskurs usw. In: Andreas Stuhlmann (Hrsg.): Radio-Kultur und Hör-Kunst. Zwischen Avantgarde und Popularkultur 1923–2001. Koenigshausen & Neumann, Würzburg 2001, ISBN 3-8260-2097-9, S. 312.

intermedium 2 fand im März 2002 im Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe statt.intermedium 2. Das 100 Stunden umfassende Programm wurde in Österreich, Deutschland und der Schweiz ausgestrahlt.

intermedium records Die CD-Reihe intermedium recordsintermedium records wurde im November 1999 zeitgleich mit dem Festival intermedium angekündigt. Seit Januar 2000 veröffentlicht intermedium records neue und historische Hörspiele, Remixe, Hörstücke, Soundtracks und Videos. intermedium records, seit 2000 von Herbert Kapfer für die Redaktion Hörspiel und Medienkunst herausgegeben, wird seit 2008 von Katarina Agathos mitherausgegeben. intermedium records erscheint im belleville Verlag von Michael Farin.

Internet-Projekte Mehrere Produktionen der Abteilung Hörspiel und Medienkunst sind als Online/Internet-Projekte konzipiert. Dazu gehören: