mini|Sbek thom-Figurenplatte von Preah Ream (Rama), begleitet von Affen vor einem Palast. Sbek thom, auch lkhon sbek thom (Khmer , „Theater der großen Hautfiguren“), nang sbek (, ), nang sebek, sebek thom, nang sbek thom, lkhaon sbaik thom, ist eine zu den Schattenspielen gezählte Schauspielgattung (Khmer lkhon) mit großen Figurentafeln aus Pergament, die als eine der alten höfischen Künste der Khmer in Kambodscha gepflegt wird. Mehrere Darsteller halten jeweils eine der starren Bildplatten mit beiden Händen über den Kopf und bewegen sich tänzerisch abwechselnd vor und hinter einer weißen Leinwand, die von der dem Publikum abgewandten Seite durch ein Feuer erleuchtet wird, sodass entweder die Figuren und Tänzer direkt oder deren Schatten zu sehen sind. Das sbek thom existiert wahrscheinlich seit dem Reich der Khmer von Angkor (9. bis Anfang 15. Jahrhundert) und diente als Vorbild für das ähnliche Schauspiel nang yai in Zentralthailand. In beiden Ländern wird daneben eine gänzlich andere Schattenspieltradition mit kleinen Figuren gepflegt, die in Kambodscha sbek touch (auch nang trolung) und in Südthailand nang talung heißt. Inszeniert werden ausschließlich Episoden aus dem Reamker, der kambodschanischen Version des indischen Epos Ramayana. Im Jahr 2008 wurde das sbek thom in die UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen.Sbek Thom, Khmer shadow theatre. UNESCO Intangible Cultural Heritage, 2008.

Herkunft und Verbreitung mini|hochkant|Nang yai-Figurenplatte. Der Held Preah Ream, der in Thailand Phra Ram heißt, von Affen umgeben. Die Thai übernahmen das nang yai von den kulturell dominierenden Khmer der späten Angkor-Periode. Die übliche Klassifizierung als Schattenspiel greift der Wortbedeutung nach zu kurz. Nang heißt auf Thailändisch wie sbek auf Khmer „Haut“, „Pergament“, „Leder“; der bestimmende Zusatz thom („groß“) dient zur Abgrenzung vom Spiel mit kleinen Figuren sbek touch (oder nang tauch, „kleine Haut“), das auch nang trolung (Trolung, ein kambodschanischer Ort, an dem dieses Schattenspiel entstanden sein soll) oder ayong („Puppenspiel“) genannt wird. Robam (thailändisch rabam) steht für „Tanz“. Der Ausdruck robam nang sbek thom („Tanz der großen Hautfiguren“) verweist darauf, dass die tanzenden Darsteller mit ihren Figurenplatten eine zusammengehörige theatralische Form bilden.Jacques Brunett, 1969, S. 20 Die eine ganze Nacht dauernden Aufführungen des sbek touch sind bei der ländlichen Bevölkerung beliebt, beim Spiel mit kleinen Figuren werden aber nicht Erzählungen aus dem Reamker, sondern Volkslegenden und aktuelle Themen inszeniert. Ein dritter kambodschanischer Schattenspieltyp ist das sbek por (lkhaon sbaik poar) mit farbig bemalten, mittelgroßen Figuren und dem Reamker als Grundlage.Sam-Ang Sam: Cambodia. In: Stanley Sadie (Hrsg.): The New Grove Dictionary of Music and Musicians. Bd. 4, Oxford University Press, Oxford 2001, S. 863

Die südostasiatischen Schattenspiele werden allgemein auf einen indischen Ursprung zurückgeführt. Die großen kambodschanischen und thailändischen Schattenspielfiguren besitzen einige Ähnlichkeiten mit den mittelgroßen, unbeweglichen Figuren aus dicker, undurchsichtiger Tierhaut des Tholpavakuthu von Kerala und des Ravanacharya von Odisha sowie mit den bis Lebensgröße erreichenden, durchscheinenden und beweglichen Figuren des Tholu bommalata von Andhra Pradesh.Fan Pen Chen: Shadow Theaters of the World. In: Asian Folklore Studies, Bd. 62, Nr. 1, 2003, S. 25–64, hier S. 36

Indische Siedler brachten ihre Kultur in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten vermutlich von Südindien ausgehend nach Sumatra, Java, auf die Malaiische Halbinsel und nach Funan, das ungefähr auf dem Gebiet des heutigen Kambodscha lag. Es ist unklar, ob sich die indischen Schattenspieltraditionen über Java, wo das wayang kulit purwa die älteste Tradition darstellt, entlang der Malaiischen Halbinsel nach Norden ausbreiteten, wie E. H. S. Simmonds (1961) vermutete,E. H. S. Simmonds: New Evidence on Thai Shadow-Play Invocations. In: Bulletin of the School of Oriental and African Studies. University of London, Bd. 24, Nr. 3, 1961, S. 542–559, hier S. 557 oder ob sie zunächst in das Reich Funan gelangte. Die von Tänzern getragenen, großen Figurenplatten sind nur in der höfischen Kultur der Thai- und der Khmer-Reiche bekannt, in Indonesien kommen sie nicht vor. Das in Südthailand bei thailändischen Buddhisten populäre Schattenspiel mit kleinen Figuren, nang talung, steht mit dem von der thailändischen Minderheit in den malaysischen Bundesstaaten Kelantan und Kedah gespielten wayang kulit gedek in Verbindung. Die Muslime auf der Malaiischen Halbinsel bis in den Süden Thailands pflegen das wayang kulit Siam, dessen Name für seine Herkunft aus Siam steht, während das seltene wayang kulit Jawa in Malaysia auf das javanische wayang kulit purwa zurückgeht.Ghulam-Sarwar Yousof: Issues in Traditional Malaysian Culture. Partridge, Singapur 2013, S. 62 Sheppard (1968) erkennt einen frühen Kulturkontakt zwischen den mittelalterlichen, malaiischen Königreichen Ligor und Pattani mit dem Reich der Khmer, weil ein malaiischer Prinz 1002 von Osten her das Khmer-Reich eroberte und unter dem Königsnamen Suryavarman I. in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts von Angkor aus herrschte. Zu seiner Regierungszeit dürfte sich laut Sheppard das Schattenspiel der Khmer nach Malaysia ausgebreitet haben. Es gibt einige gemeinsame Merkmale zwischen den Figuren des sbek touch (nang trolung) und ebenfalls zu den Ramayana-Erzählungen gehörenden malaysischen Figuren; schriftliche Quellen für diese Ausbreitung sind jedoch nicht vorhanden.Dato Haji Mubin Sheppard, 1968, S. 204

Funan war der erste indisierte Herrschaftsbereich in Südostasien, der im 1. Jahrhundert n. Chr. entstand und aus dem im 6. Jahrhundert das Reich Chenla und nachfolgend das Reich der Khmer hervorging. Der erste König von Funan soll nach einer legendären Geschichte ein indischer Brahmane namens Kaundynia gewesen sein, der mit dem Schiff gekommen war und eine heimische Königin heiratete. Die Khmer waren seit ihrem Eintritt in die Geschichte Hindus, später wurde der Buddhismus zur Staatsreligion. Vermutlich führten sie das Schattenspiel zur selben Zeit wie die Formen der religiösen Verehrung aus Indien ein. Hierzu entwickelten sie einen an die indische Tempelarchitektur angelehnten, eigenen Stil der sakralen Architektur.Dato Haji Mubin Sheppard, 1968, S. 203 Obwohl an mittelalterlichen Khmer-Tempeln mehrfach Tanzszenen und Musikinstrumente abgebildet sind, fehlen Abbildungen des Schattenspiels. Dies spricht nicht gegen ein hohes Alter des sbek thom, denn es ist gut möglich, dass Abbildungen aus Angst vor der magischen Wirkung des Schattens unterblieben.Jacques Brunet, 1969, S. 20f Das Ramayana muss bereits in der Prä-Angkor-Zeit in Kambodscha bekannt gewesen sein, wofür eine in Angkor Borei gefundene Skulptur des mythischen Helden Preah Ream (Rama) aus dem 6./7. Jahrhundert spricht. Mehrere Reliefs an Tempeln im Gebiet von Angkor stellen Szenen aus dem Ramayana dar; hervorzuheben ist ein 50 Meter langes Relief auf der dritten Galerie des Angkor Wat (Anfang 12. Jahrhundert), welches die mythische Schlacht zwischen Rama und seinem Widersacher Ravana um Lanka zeigt. Die kämpfenden Affen und Dämonen sind in voller Bewegung festgehalten. Die im 16. und 17. Jahrhundert entstandenen, neuen Fassungen des Reamker belegen die durchgängig in der kambodschanischen Kulturgeschichte vorhandene Bedeutung des Ramayana-Stoffes.Vireak Kong, Chanmara Preap, 2014, S. 7, 10 Ein wesentlicher Unterschied des Reamker und der thailändischen Version Ramakian gegenüber dem indischen Epos ist die Figur des Rama, der nicht als Inkarnation des Gottes Vishnu, sondern als Held mit menschlichen Eigenschaften und Zielsetzungen auftritt.Julie B. Mehta: The Ramayana in the Arts of Thailand and Cambodia. In: Mandakranta Bose (Hrsg.): The Ramayana Revisited. Oxford University Press, Oxford 2004, S. 327

Das thailändische Schattenspiel mit großen Figuren, nang yai, taucht erstmals Mitte des 15. Jahrhunderts in einer schriftlichen Quelle auf. Als Anfang des 15. Jahrhunderts das Königreich Ayutthaya das machtlos gewordene Khmer-Reich erobert hatte, kam es zu einem engen Kulturaustausch zwischen beiden Völkern, der bis heute unter anderem in den Bereichen Musik, Tanz und Theater erkennbar ist. Das höfische thailändische Orchester pi phat hat sich aus dem bis in die Prä-Angkor-Periode zurückreichenden kambodschanischen pin peat entwickelt und das thailändische mahori entspricht weitgehend dem kambodschanischen Ensembletyp mohori, der sich während der Ayutthaya-Zeit verbreitete.

Unabhängig von den mutmaßlichen Verbreitungszentren Java und Kambodscha für die südostasiatischen Schattenspiele mit kleinen Figuren, deren Schatten nur durch einen Bildschirm zu sehen sind, bleibt die Frage nach der Herkunft der großen, von Darstellern über die Bühne getragenen Figurenplatten. Altindische Theaterformen gehören in den Bereich religiöser Rituale. Aus der altindischen Sanskrit-Literatur geht hervor, dass eine der Wurzeln des Schauspiels der pantomimische Tanz gewesen sein muss. Der Grammatiker Patanjali erwähnt offensichtlich Personen, die epische Erzählungen vortrugen und gleichzeitig dazu passende Bilder zeigten. Erzählungen zu Bildpräsentationen werden bis heute an manchen Orten in der indischen Volkstradition überliefert, auf Java gibt es mit dem sehr selten gewordenen wayang beber eine entsprechende Tradition. Daneben benennt Patanjali eine andere Gruppe von Erzählern, die zu ihren mythischen Geschichten vermutlich ein Puppenspiel oder ein Schattenspiel zeigten. Ein solcher Erzähler ist bis heute für das asiatische Schattenspiel charakteristisch. Einige Ausdrücke im Mahabharata, das zwischen dem 4. Jahrhundert v. Chr. und dem 4. Jahrhundert n. Chr. seine bekannte Form erhielt, lassen an die Existenz eines Schattenspiels denken.Paul Thieme: Das indische Theater. In: Heinz Kindermann (Hrsg.): Fernöstliches Theater. Alfred Kröner, Stuttgart 1966, S. 31f M. L. Varadpande interpretiert außerdem aus dem Mahabharata eine Entwicklung im alten Indien von maskierten menschlichen Darstellern bei magischen Ritualen hin zu Personen, die anstelle einer aufgesetzten Maske eine Puppe mit einer Hand vor das Gesicht hielten.M. L. Varadpande: History of Indian Theatre. Abhinav Publications, Neu-Delhi 1987, S. 62, 66 Die großen Hautfiguren des nang yai und des sbek thom zeigen eine funktionelle Verwandtschaft mit den in den Händen gehaltenen, altindischen Masken oder Puppen.

Das sbek thom und das königliche Ballett (robam kbach boran) stellen die höfische kambodschanische Theatertradition dar; sie gehörten mit dem klassischen Orchester pin peat und bei manchen Gelegenheiten dem Orchester mohori zu den Zeremonien und zum Unterhaltungsprogramm im Königspalast. Aufführungen von sbek thom und nang yai fanden daher früher in den Königsstädten Angkor, Bangkok, Phnom Penh, Battambang und Udong statt.Jaques Brunet, 1969, S. 21f Vor der Schreckensherrschaft der Roten Khmer zwischen 1975 und 1978 gab es noch in Phnom Penh, Siem Reap und wenigen anderen Orten Aufführungen von sbek thom. Nach der völligen Zerstörung des gesamten kulturellen Lebens in dieser Zeit wird die Tradition seit 1979 langsam wiederbelebt. Sbek thom gehört zum Unterrichtsprogramm an der Royal University of Fine Arts in Phnom Penh. Um 2000 wurde es von einer Truppe an der Universität aufgeführt, eine weitere Truppe gab in Battambang Vorstellungen.Nang Sbek. In: Beth Osnes: Acting: An International Encyclopedia of Traditional Culture. ABC-Clio, Santa Barbara 2001, S. 232 Nach Angaben von 2014 sind mehrere Truppen in Phnom Penh und in der Umgebung von Siem Reap aktiv.Vireak Kong, Chanmara Preap, UNESCO 2014, S. 43

Aufführungspraxis mini|hochkant|Dämonenkönig Krong Reap (Ravana), der Widersacher des Helden Preah Ream (Rama).