mini|1200 freiwillige Mitarbeiter vor dem Museum Rath, 1914–1918Die Internationale Zentralstelle für Kriegsgefangene (IPWA) (en. International Prisoners-of-War Agency IPWA, fr. L’Agence internationale des prisonniers de guerre AIPG) war eine Zweigstelle des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK), die im August 1914 gegründet wurde, bis 1923 bestand und 1939 wieder eröffnet wurde. Während des Ersten Weltkriegs wurde in Genf diese Zentralauskunftsstelle für Flüchtlinge eingerichtet, um Kriegsgefangene und Vertriebene aller Nationalitäten wieder zu finden, Kontakte mit ihren Familien herzustellen und ihnen Briefe und Pakete trotz den Behinderungen zwischen kriegführenden Ländern weiterleiten zu können.

Geschichte mini|Telegramm, Zentralstelle Basel im Deutsch-Französischen Krieg 1870–1871 Um das Jahr 1900 war das IKRK eine von 280 wohltätigen Organisationen in Genf. Das Komitee bestand lediglich aus einer zehnköpfigen Gruppe aus bürgerlichen Familien, die in der Freizeit administrative Aufgaben erledigten und sich mit dem Kriegsrecht und Kriegsopfern befassten. Sie spielten bei den seit der IKRK-Gründung im Jahre 1863 neu entstandenen über 50 Rotkreuz- und Rothalbmond-Gesellschaften auf der ganzen Welt eine wichtige Rolle und genossen das Vertrauen der Regierungen.

Bereits im Jahr 1870 beteiligte sich das IKRK anlässlich des Deutsch-Französischen Krieges an der Gründung der Zentralstelle für Auskünfte und Hilfeleistungen an Verwundete und Kranke in Basel und 1877 anlässlich der Balkankrise an der Zentralstelle in Triest. 1912 folgte eine Zentralstelle in Belgrad. mini|Marguerite van Berchem im Musée Rath mit Adolphe Chenevière, Emile Ador und Léopold Favre (von links)

Der Erste Weltkrieg war für das IKRK eine ungleich grössere Herausforderung, die nur dank den freiwilligen Helfern in Genf und der engen Zusammenarbeit mit den nationalen Rotkreuz-Gesellschaften bewältigt werden konnte. Die anfänglichen Kämpfe in Deutschland, Frankreich und Belgien führten innerhalb kurzer Zeit neben den Toten und Verwundeten zu hunderttausenden durch die kriegführenden Staaten festgenommenen Soldaten.IKRK: 150 Jahre humanitäre Hilfe – der Erste Weltkrieg Am 15. Oktober 1914, innert Wochen nach dem Ausbruch des Krieges, wurde vom IKRK auf Initiative seines Präsidenten Gustave Ador eine Zentralstelle für Kriegsgefangene eingerichtet. Die Mitglieder des IKRK verlangten Gefangenenlisten von allen kriegführenden Ländern und erhielten bald täglich bis zu 16.500 Briefe. Diese konnten von der Zentralstelle für Kriegsgefangene, die anfänglich von Freunden und Bekannten der IKRK-Mitglieder geführt wurde, nicht mehr bewältigt werden und sie mussten im weiteren Umfeld Unterstützung suchen. Der österreichische Schriftsteller und Pazifist Stefan Zweig schilderte die Lage am Genfer Hauptsitz des IKRK wie folgt:«Kaum daß die ersten Schlachten geschlagen sind, gellen schon die Schreie der Angst aus allen Ländern in die Schweiz hinüber. Die Tausende, denen Botschaft von ihren Gatten, Vätern und Söhnen auf den Schlachtfeldern fehlt, breiten verzweifelt die Arme ins Leere: Hunderte, Tausende, Zehntausende von Briefen und Telegrammen prasseln nieder in das kleine Haus des Roten Kreuzes in Genf, die einzige internationale Bindungsstätte der Nationen. Wie Sturmvögel kamen die ersten Anfragen nach Vermißten, dann wurde es selbst ein Sturm, ein Meer: in dicken Säcken schleppten die Boten die Tausende und Abertausende geschriebener Angstrufe herein. Und nichts war solchem Dammbruch des irdischen Elends bereitet: das Rote Kreuz hatte keine Räume, keine Organisation, kein System und vor allem keine Helfer.»Ende 1914 waren bereits 1200 Freiwillige beschäftigt, darunter als einer der ersten der französische Schriftsteller und Pazifist Romain Rolland. Als er den Nobelpreis für Literatur für 1915 erhielt, spendete er die Hälfte des Preisgeldes an die Zentralstelle. Die meisten der Freiwilligen waren indessen junge Frauen. Manche von ihnen – etwa Marguerite van Berchem, Marguerite Cramer und Suzanne Ferrière – stiegen dabei in leitende Positionen auf und trugen so mit ihrem Engagement dazu bei, der Gleichberechtigung von Frauen in einer Organisation den Weg zu ebnen, die bis dahin von Männern monopolisiert war.

Von 1916 bis 1919 war die Zentralstelle im Genfer Musée Rath untergebracht. Ihre Tätigkeit wurde nach dem Krieg weiter geführt.

Organisation und Tätigkeiten mini|Sitzung «Commission de Direction» der Zentralstelle (1914–1918). Von links nach rechts: Marguerite Cramer, Frédéric Ferrière, Georges Werner, K. de Watteville, Alfred Gautier, Frédéric Barbey, Edmond Boissier, Etienne Clouzot, Jacques Chenevière mini|Zentralstelle für Kriegsgefangene, Erster Weltkrieg: Gustave Ador, Paul des Gouttes (stehend), Frédéric Barbey, Odette Micheli und ihr Vater, 1920 In den vier Kriegsjahren des Ersten Weltkriegs erstellten die Freiwilligen rund 7 Millionen Karteikarten, die Spuren des Schicksals von zweieinhalb Millionen Kriegsgefangenen festhielten. Die Kartei war Teil eines umfassenden Referenzsystems, das entwickelt wurde, um die Flut von Informationsanfragen abwickeln zu können. Die Kartei half dem IKRK Kontakte mit Personen herstellen zu können, die durch den Krieg getrennt worden waren. Das IKRK organisierte Inspektionen der Gefangenenlager, vermittelte den Austausch von rund 200.000 Gefangenen und setzte sich für den Schutz von Kriegsopfern ein.

Im Verlauf des Krieges übermittelte die Zentralstelle rund 20 Millionen Briefe und Mitteilungen, 1,9 Millionen Pakete und Geldspenden in Höhe von 18 Millionen Schweizer Franken an Kriegsgefangene aller beteiligten Staaten.

Organisation der Zentralstelle im Ersten Weltkrieg In der im August 1914 gegründeten Zentralstelle wurden folgende Dienste eingerichtet (die statistischen Zahlen beziehen sich auf die Zeit vom 15. Oktober 1914 bis 31. Januar 1915):Comité international de la Croix-Rouge: Organisation et Fonctionnement de l’Agence internationale des Prisoniers de Guerre à Genève 1914 et 1915. Au siège du Comité international, Genève Février 1915.

Empfangsdienst: mit bis 400 Besuchern pro Tag, insgesamt wurden 26.473 Personen empfangen. Korrespondenzabteilung: erhielt (ab September 1914) 900.000 Briefe. Sektor 1: Posteingang, Briefbearbeitung deutsch, französisch, englisch, Oststaaten, Sektor 2: Briefpostspedition versandte 400.000 Briefe, 1554.000 gedruckte Formulare, 360.000 Briefpapiere mit Umschlägen und 38.000 eingeschriebene Briefe, Sektor 3: Paketpost versandte ab Genf 38.000 und als Transit 720.500 Pakete. Karteibearbeitung: Sektor 1: Allgemeine Durchsicht und Vorarbeiten, Sektor 2: Französische Dateien (800 Schachteln mit 520.000 weissen und 280.000 grünen französisch-englisch-belgischen Karteikarten), Sektor 3: Deutsche Dateien (180 Schachteln mit 95.000 weissen und 85.000 rosa Karteikarten) Telegramme (sowie per Funk übermittelte Radiogramme) und Telegraphendienst: verschickte 17.000 Telegramme. Schreibmaschinendienst Statistischer Dienst Finanzverwaltung: an Gefangene wurden 400.000 Schweizer Franken überwiesen. Zivilpersonen- und Gesundheitsabteilung: 90.000 eingegangene Briefe wurden bearbeitet und 60.000 Karteikarten angelegt sowie 104.498 Auskünfte an Familien erteilt. Sektor 1: Büro für Zivilpersonen, Sektor 2: Gesundheitsdienst.

Wiedereröffnung der Zentralstelle im Zweiten Weltkrieg mini|Arbeitsbeginn im Palais du Conseil Général, um 1940 (Foto aus dem Dokumentarfilm)Die Internationale Zentralstelle für Kriegsgefangene wurde im Abkommen über die Behandlung der Kriegsgefangenen von 1929 als eine zentrale AuskunftsstelleArt. 123 (früher Art. 79) Eine zentrale Auskunftsstelle für Kriegsgefangene soll in einem neutralen Land geschaffen werden. völkerrechtlich anerkannt und vom IKRK 1939 im Palais du Conseil Général, Musée Rath und weiteren Gebäude mit insgesamt 11.000 m² Bürofläche in Genf wiedereröffnet.1929: Etappenerfolg für das humanitäre Völkerrecht. Bundeszentrale für politische Bildung, 23. Juli 2014.

Ihre Tätigkeiten konzentrierten sich wie im Ersten Weltkrieg auf den Informationsaustausch über Gefangene und vermisste Personen, die Überwachung der Kriegsgefangenenlager und die Hilfe für die Zivilbevölkerung. Während des Kriegsverlaufes erfolgten 12.750 Besuche von Kriegsgefangenenlagern in 41 Ländern durch 179 Delegierte. In der Zentralstelle für Kriegsgefangene waren 2585 Personen, davon 1676 Freiwillige, beschäftigt. Ihre Kartei umfasste im Juni 1947 36 Millionen Karten und es wurden 120 Millionen Nachrichten vermittelt.Rapport du Comité international de la Croix-Rouge sur son activité pendant la seconde guerre mondiale (1er septembre 1939 – 30 juin 1947), Heft 2 : Zentralstelle für Kriegsgefangenemini|Service Watson: IBM-Tabelliermaschine im Oktober 1939 dem IKRK zur Verfügung gestelltDie Zentrale hatte folgende Organisationsstruktur: Kommission der Zentrale Direktion der Zentrale Allgemeine Dienste: Listen, Fotokopien, Schreibmaschinenabteilung, Vorsortierung und Abendschicht, Hilfssektionen, auswärtige Arbeiten, Besucherempfang, «Serice Watson»Internationaler Suchdienst ITS, Wörterbuch: «Watson Service», nach Thomas J. Watson, dem IBM Präsidenten benannt, der dem IKRK die Maschinen zur Verfügung stellte (IBM/Hollerith-Lochkartenmaschinen), Statistik Nationale Dienste mit jeweils folgenden Aufgaben: Postverteilung, Postversand und Archivbearbeitung, Karteibearbeitung 1 (Organisation, Instruktion, Kontrolle, Statistik), Karteibearbeitung 2 (Gruppenleiter, Arbeiten an den Karteischachteln), Karteikartensuche (Pointage), Nachrichten übermitteln, Bearbeitung von Auskünfte/Anfragen/Übereinstimmungen, Eröffnen und Mahnen von Erhebungen, Kommunikation mit Gesuchstellern, Todesnachrichten, Regimentserhebungen, Telegramme, Zivilpersonen. Spezialdienste: Gesundheitsdienst, Nachrichten Zivilpersonen, verschiedene internierte Zivilpersonen (CID), Einwanderung in Palästina (IMPA), Internierung in der Schweiz und verstreute Familien Finanzverwaltung mini|Van Berchems Brief von 1944 In den Kriegsjahren wurden folgende nationale Abteilungen eingerichtet. 1939 polnisch, französisch, britisch, deutsch, spanisch, portugiesisch, lateinamerikanisch 1940 skandinavisch, belgisch, luxemburgisch, niederländisch, Kolonialfranzösisch, italienisch, griechisch 1941 jugoslawisch, UdSSR, tschechoslowakisch, USA 1942 japanisch 1943 ungarisch, rumänisch, bulgarisch, finnisch, baltisch, Diverse, 1945 österreichisch

Marguerite van Berchem, die im Ersten Weltkrieg die deutsche Abteilung geleitet hatte, spielte bei der Gründung eines Dienstes für die Zehntausenden Kriegsgefangenen aus den französischen Kolonien die zentrale Rolle. Als im Herbst 1944 der Kontakt zu den französischen Organisationen abbrach, warb sie intern dafür, mit einer Mission nach Paris die Kontinuität der Abteilung zu gewährleisten, und argumentierte dazu, dass«die Arbeit, die in Genf für einheimische Menschen in den Kolonien unternommen wurde, einen Einfluss über den der anderen nationalen Abteilungen hinaus hatte, da sie auf Menschen ausgerichtet war, denen von Weißen viel Leid angetan wurde».1956 besass die Zentralstelle 47 Millionen Personenkarten über 15 Millionen individuelle Fälle. Im gleichen Jahr erhielt sie 75.013 Postsendungen, die rund 90.000 Fälle betrafen und versandte 88.146 Briefe.

Konkordanzverfahren und Nachforschungen mini|Service der Todesfälle: Fotokopien von Dokumenten und Radiogrammen Die Namen von den Nachforschungskarten (Gesuche) und den Auskunftskarten (eingegangene Dokumente) wurden von der Zentralstelle sowohl alphabetisch als auch phonetisch auf Karteikarten eingetragen und entsprechend in den Karteien der nationalen Abteilungen eingereiht. Damit konnten Karten, die sich auf dieselbe Person (Militär- und Zivilpersonen) bezogen, trotz unterschiedlicher Schreibweise des Namens in den Dokumenten verschiedener Sprachen mittels des sogenannten Konkordanzverfahrens in Verbindung gebracht werden.