mini|Steffen Gresch (2017) Steffen Michael Gresch (* 2. August 1965 in Quedlinburg; † 3. Oktober 2023 in Karlsruhe) war ein deutscher Vortragskünstler, Schauspieler und Autor. Er gehörte in den 1980er-Jahren zum organisierten Widerstand in der DDR, war ein Vertreter der subversiven Bürgerrechtsbewegung und Mitbegründer der Arbeitsgruppe Menschenrechte in Leipzig.

Künstlerisches und politisch-subversives Engagement in der DDR bis 1987 Während einer Schlosserlehre in den Leuna-Werken erwarb Gresch 1982/83 frühe Bühnenerfahrung und schauspielerische Grundkenntnisse bei einer Agit-Prop-Theatergruppe im Rahmen der FDJ. Aufgrund zunehmender ideologischer Differenzen kam es jedoch zur baldigen Trennung. Nach Abschluss der Lehre begann er eine krankenpflegerische Tätigkeit an der Universitätsklinik in Leipzig. mini|Steffen Gresch in Leipzig 1984

Die Kontakte zu Ost-Berliner Oppositionskreisen motivierten Gresch, politische Lieder zur Gitarre zu ersinnen, die das totalitäre SED-Regime in Frage zu stellen bestimmt waren. Diese wurden von ihm auf kirchlichen Veranstaltungen vorgetragen, so auch in der Weinbergskirche in Dresden, oft aber auch nur bei privaten subkulturellen Zusammenkünften. Am 24. November 1985 konnte Gresch als Nicht-Berliner an der Gründung der Berliner Initiative Frieden und Menschenrechte in der Wohnung von Wolfgang Templin in Berlin-Pankow teilnehmen.Zu dieser Gründung bemerkte Thomas Rudolph später trefflich: „Die Initiative ist angetreten, die SED zu stürzen, auch wenn sie es am Anfang nicht so gesagt hat.“ - Thomas Rudolph im Interview in: Hagen Findeis / Detlef Pollack / Manuel Schilling: Die Entzauberung des Politischen. Was ist aus den politisch alternativen Gruppen der DDR geworden? Interviews mit ehemals führenden Vertretern, Leipzig, Evangelische Verlagsanstalt, 1994, S. 195. 1986 wagte sich Gresch auch die Ost-Berliner Samisdat-Zeitschrift Grenzfall in Leipzig zu verbreiten.Nachdruck: Ralf Hirsch / Lew Kopelew (Hrsg.): Initiative für Frieden und Menschenrechte: GRENZFALL. Vollständiger Nachdruck aller in der DDR erschienenen Ausgaben (1986/87). Erstes unabhängiges Periodikum, Vorwort von Lew Kopelew, Berlin (West), Selbstverlag, 1988, 2. Aufl. 1989.

Während dieser Zeit verdiente er sich seinen Lebensunterhalt als Akt- und Portrait-Modell an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB). Nach Bekanntwerden des von ihm gestellten Ausreiseantrages in die Bundesrepublik Deutschland erhielt er „Modell-Verbot“. Wie ihm der derzeitige Rektor der HGB, der Maler Arno Rink, versicherte, habe es sich dabei um einen einmaligen politischen Eingriff des Ministeriums des Innern gehandelt, um ein spezifisches Berufsverbot für eine eigentlich unbedeutende Honorar-Tätigkeit. Infolge dieser Maßnahme des Ministeriums des Innern der DDR geriet Steffen Gresch jedoch in Bedrängnis: Angesichts der für Unverheiratete geltenden allgemeinen Arbeitspflicht musste er binnen zwei Monaten irgendeinen Arbeitsvertrag abschließen. Von Januar bis Juni 1987 fand Gresch eine Beschäftigung bei der Evangelisch-Lutherischen Kirche im Hausmeisterbereich der Verwaltung des Theologischen Seminars Leipzig.Werner Vogler (Hrsg.) in Verbindung mit Hans Seidel und Ulrich Kühn: Vier Jahrzehnte kirchlich-theologische Ausbildung in Leipzig. Das Theologische Seminar / Die Kirchliche Hochschule Leipzig, Leipzig, Evangelische Verlagsanstalt, 1993, ISBN 3-374-01445-3, S. 147.

Gründung der Arbeitsgruppe Menschenrechte in Leipzig 1986 mini|Plakat zur ersten öffentlichen Veranstaltung in Leipzig

Inspiriert durch die vorjährige Ost-Berliner Gründung der Initiative Frieden und Menschenrechte führte Gresch Sondierungsgespräche mit Freundinnen und Freunden im Umkreis des Theologischen Seminars Leipzig, wobei er erfuhr, dass der ihm bekannte einstige Pfarrer der Dresdner Weinbergskirche, Christoph Wonneberger, inzwischen in Leipzig an der Lukaskirche wirkte. Gresch bereitete in seiner Wohnung eine Lesung mit dem Regimekritiker Peter Grimm vor, wozu auch Christoph Wonneberger eingeladen wurde.

Im Dezember 2013 erinnert sich Steffen Gresch:

Übersiedelung nach West-Berlin

Nach misslungenem Anwerbeversuch seitens des Ministeriums für Staatssicherheit wurde Gresch plötzlich zum schnellen Verlassen der DDR gedrängt. Am 12. Juni 1987 konnte er nach West-Berlin übersiedeln, wo er am alliierten innerstädtischen Grenzkontrollpunkt Checkpoint Charlie im Januar 1988 eine mehrtägige öffentliche Mahnwache hielt, welche die Freilassung der inhaftierten Regime-Kritiker Bärbel Bohley, Freya Klier, Stephan Krawczyk, Wolfgang Templin und Ralf Hirsch in der DDR forderte. Sie waren infolge der Ostberliner Liebknecht-Luxemburg-Demonstration verhaftet worden.

Künstlerischer Werdegang seit der Einheit Deutschlands Steffen Gresch spielte in Das Tagebuch des Caspar Hauser (Buch und Regie: Jürgen Wönne) – ein Auftragswerk für die Kaspar-Hauser-Tage 1992 in Ansbach (Uraufführung am 28. November 1992 in Ansbach) – die Hauptrolle des Kaspar Hauser. Die Deutsche Welle TV begleitete die Kaspar-Hauser-Tage und die Premiere mit einer Kurzfilmproduktion, in welcher Gresch ebenfalls als Kaspar Hauser auftritt.

In der Sommertheatersaison 1995 der Cristallerie Wadgassen (Villeroy & Boch) wirkte er als Don Francisco in L. M. Cossas preisgekrönter Komödie LA NONA – Oma frisst! (Regie: Gerald Uhlig; Mitwirkende: Ingrid Braun und Christiane Heinemann) mit. Sein Stück Faust hatte 1999 im Saarbrücker Studio-Theater Premiere. Gresch schrieb Ivan Turgenevs gleichnamige Briefnovelle zu einem 75-minütigen Bühnenstück um, führte selbst Regie und spielte sämtliche Rollen. „Ein gelungener Versuch, Literatur und Theater zu verbinden,“ stand im Trottoir. Deutsches Kleinkunstmagazin. In Kooperation mit dem Saarbrücker Tenor, Pianisten und Musikprofessor Charles Robin Broad beteiligte er sich an Mozart- und Beethoven-Revuen als Autor, Narrator, Schauspieler und Sänger. Er spielte in Mozart ohne Kugeln, aber bitte mit Likör! (2006) den mutmaßlich von Antonio Salieri vergifteten Mozart. Was Sie schon immer über Beethoven wissen wollten, aber nie zu fragen wagten (2007/2008, 2011), wurde von der Saarbrücker Zeitung als „Eine Revue mit Bildungsauftrag“ kommentiert. Gresch trat als Sprecher in Jürgen Wönnes Theatercollage Strindberg und die Frauen auf. Szenische Lesungen von Klassikern und Modernen Klassikern wie Goethe, Heine, Kleist, Morgenstern und Kafka und zahlreiche literarische Märchenabende.

Von 1995 bis 2011 moderierte Gresch im Saarland den Tag der Erde (Weltweit jährlich am 22. April begangener Umwelttag). Gemeinsam mit dem Saarbrücker Kulturmäzen und Umweltaktivisten Horst Ferdinand Lühmann brachte er 2004 als leitender Redakteur die Saarländische Regional-Anthologie „Gut im Bild“ (Resonanz Verlag Saarbrücken) heraus. Er schrieb zwei Theaterstücke und lebte bis zu seinem frühen Tode in Karlsruhe.

Steffen Gresch war als Zeitzeuge am Zeitzeugenportal „20 Jahre Friedliche Revolution und Deutsche Einheit“ der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur aktiv beteiligt.Steffen Gresch aus der Arbeitsgruppe Menschenrechte Leipzig, Zeitzeugengespräch, Deutsche Gesellschaft 2013

Theaterstücke: Al Capone trifft Lolita. Kriminalkomödie (Urlesung, Saarbrücken, 2003). Das Meer schluckt auch uns Helden. Deutsch-deutsche Tragikomödie (Urlesung, Saarbrücken, 2008).

Literatur Thomas Rudolph, Oliver Kloss, Rainer Müller, Christoph Wonneberger (Hrsg. im Auftrage des IFM-Archivs e.V.): Weg in den Aufstand. Chronik zu Opposition und Widerstand in der DDR vom August 1987 bis zum Dezember 1989. Bd. 1, Leipzig, Araki Verlag, 2014, ISBN 978-3-941848-17-7, (Vorwort als Leseprobe zum Download) bes. Teil III, S. 321 ff. Frank Richter: Wir sind so frei. Die »Arbeitsgruppe Menschenrechte«, in: Pausch, Andreas Peter: Widerstehen – Pfarrer Christoph Wonneberger, Berlin, Metropol, 2014, ISBN 978-3-86331-184-1, S. 189–195. Hagen Findeis / Detlef Pollack / Manuel Schilling: Die Entzauberung des Politischen. Was ist aus den politisch alternativen Gruppen der DDR geworden? Interviews mit ehemals führenden Vertretern, Leipzig, Evangelische Verlagsanstalt, 1994, S. 194–198.

Weblinks

Steffen Gresch im zeitzeugenbuero.de der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Steffen Gresch: Erinnerungen an die Zeit 1986/ 87 in Leipzig. Als ich die „DDR“ zu verlassen beschloss und, so lange ich noch bleiben musste, mit Gleichgesinnten eine Oppositionsgruppe ins Leben rief, Dezember 2013. Arbeitsgruppe Menschenrechte: Material zur Veranstaltung „Ich bin so frei... Das Menschenrecht Meinungsfreiheit im Gespräch“ vom 24. Mai 1987. IFM-Archiv Sachsen e.V. (Hrsg.): Arbeitsgruppe Menschenrechte im Blick des MfS. Operativinformationen des MfS über die AGM. Leipzig, 2015. Steffen Gresch in Stimmen der Opposition – Zeitzeugeninterview Steffen Gresch: Volltext von Das Meer schluckt auch uns Helden. Steffen Gresch liest „Selige Sehnsucht“ aus Goethes „West-Östlichem Divan“. Steffen Gresch spielt Turgenjews Briefnovelle Faust. Rezension der „Caspar-Hauser“- Aufführung im Theaterhaus. Rezension zu „Mozart ohne Kugeln, aber mit Likör“. Rezension zu Eine Revue mit Bildungsauftrag.

Einzelnachweise

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