Günther R. W. Leitz (* 14. Oktober 1914 in Gießen, Hessen; † 1. März 1969 in Darmstadt, Hessen) war ein deutscher Unternehmer. Er war das jüngste bzw. vierte Kind von Ernst Leitz jun. (1871–1956).

Familie Die Mutter von Günther Leitz, Hedwig (1877–1937), geborene Wachsmuth, war die zweite Ehefrau von Ernst Leitz jun., dessen erste Gattin, Elsie (1877–1910), geborene Gürtler, früh verstorben war. Günther Leitz hatte drei ältere Geschwister aus der ersten Ehe seines Vaters: Elsie (1903–1985), Ernst (1906–1979) und Ludwig (1907–1992).Bayerische Akademie der Wissenschaften. Historische Kommission (Hrsg.): Neue deutsche Biographie, Teil 14: Laverrenz – Locher-Freuler. Duncker & Humblot, Berlin 1985, ISBN 3-428-00195-8. Als Günther dreiundzwanzig Jahre alt war, starb seine Mutter im Alter von sechzig Jahren. Nach seinem frühen Tod 1969 hinterließ er fünf Kinder.

Schule Der linksliberal eingestellte Vater mit evangelisch-lutherischer KonfessionLeitz, Günther. Deutsche Biographie. Bayerische Staatsbibliothek, auf: deutsche-biographie.de, abgerufen am 13. April 2016 legte bei seinen Kindern Wert auf eine angemessene Schulbildung abseits des staatlichen Bildungssystems. Günther wurde daher 1925 Schüler der renommierten Freien Schulgemeinde Wickersdorf in Wickersdorf (Thüringen), die bereits von seinen älteren Geschwistern zum Teil ab 1915 besucht worden war.Peter Dudek: Wir wollen Krieger sein im Heere des Lichts. Reformpädagogische Landerziehungsheime im hessischen Hochwaldhausen 1912–1927. Klinkhardt, Bad Heilbrunn 2013, ISBN 978-3-7815-1804-9, S. 34. Günther blieb jedoch nur wenige Monate in diesem Landerziehungsheim, weil es dort im selben Jahr zu einer Sezession kam. Auf eigenen Wunsch folgte er den Sezessionisten, die sich im Wesentlichen aus Lehrern und Schülern zusammensetzten, zu der von Martin Luserke neu gegründeten reformpädagogischen Schule am Meer auf die Nordseeinsel Juist. Dort war er Cellist im Schulorchester unter Eduard Zuckmayer (1890–1972). Aus der Produktion des väterlichen Unternehmens konnte er eine Leica-Kleinbildkamera mitnehmen, mit der er – für diese Zeit in einzigartiger Weise – den Schulalltag dokumentierte. In der Schule knüpfte Günter Leitz lebenslange Freundschaften, so mit seinem jüngeren Schulkameraden Karl Siegfried „Friedel“ Ludwig. Diesem verhalf er 1934 zu einem Ausbildungsplatz im Unternehmen seines Vaters in Wetzlar. Seinem drei Jahre jüngeren Schulfreund Oswald Graf zu Münster (1917–2003), mit dem er im Schulorchester unter Eduard Zuckmayer das Violoncello gespielt hatte, schenkte er während dessen Schulzeit in Max Bondys Landerziehungsheim Marienau zum 18. Geburtstag am 3. Februar 1935 eine gerade neu auf den Markt gebrachte Reporterkamera Leica IIIa. Dieses überwältigende Geschenk führte dazu, dass Oswald zu Münster seine Lebensphasen über sechzig Jahre lang mit Akribie fotografisch dokumentierte, durch eine Reihe von Bildbänden publiziert. In Band 1 wurden auch Fotos abgedruckt, die Günther Leitz in der Schule am Meer auf Juist angefertigt hatte, außerdem finden sich darin Jugendportraits von ihm und spätere Aufnahmen.Oswald zu Münster: Fototagebuch Band 1 – Aufenthalt in den Landschulheimen Schule am Meer auf Juist und in Marienau 1931–1937. Bei der Olympiade 1936, Berlin. FTB-Verlag, Hamburg 2015, ISBN 978-3-946144-00-7.

Unternehmerische Tätigkeit Im Jahr 1932 trat Günther Leitz eine kaufmännischen Ausbildung im Unternehmen an, in dem bereits seine beiden älteren Halbbrüder tätig waren. Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, war er in der Leitz-Niederlassung in Rumänien tätig. Nach dem Krieg widmete er sich dem Wiederaufbau und der baulichen Erweiterung der Werksanlagen; dabei konzentrierte er sich auf den Aufbau eines Forschungslabors für optisches Glas, das am 1. April 1954 eröffnet wurde. In: Wetzlarer Neue Zeitung, 15. Januar 2016 Sein Hauptaugenmerk galt aber dem 1952 auf seine Initiative hin errichteten Werk Ernst Leitz Canada in Midland, Ontario, Kanada, das er bis zu seinem frühen und unerwarteten Tod im Jahr 1969 selbst leitete.Opus. Architektur in Einzeldarstellungen / Architecture in Individual Presentations (bilingual deutsch/englisch; PDF-Datei; 1 MB). Edition Axel Menges, Stuttgart / London 2008, ISBN 978-3-932565-67-0, S. 7–8.Günther Leitz, auf: l-camera-forum.com, abgerufen am 13. April 2016 Nach dem Tod seines Vaters im Jahr 1956 ging das Unternehmen auf seine beiden Halbbrüder und ihn über, das sie in der Folge zu dritt führten. 1959 kehrte er in die Geschäftsführung der Ernst Leitz Werke nach Wetzlar zurück, wo er in seiner Verantwortung für Vertrieb und Verwaltung viele Neuerungen, die er während seiner Zeit in Nordamerika kennengelernt hatte, einführte; hierzu gehörten die Implementierung eines „Controlling“ und der ersten Marktforschung, die Umorganisation des Vertriebswesens im Inland oder die Eröffnung von firmeneigenen Verkaufsniederlassungen in Paris und Mailand.

Verbandsarbeit Er wurde 1964 Vorsitzender der Landesgruppe Hessen im Verband der Deutschen Feinmechanischen und Optischen Industrie e.V. und 1967 in den nationalen Vorstand des Verbandes der berufen. Ebenso war er als Vorsitzender im Kamera-Exportförderungsverein tätig, der sein Hauptaugenmerk der Pflege der Absatzmärkte besonders im englischen Sprachraum zuwendete.

Rettungswiderstand seines Vaters Ernst Leitz II Im Jahre 1967 wandte sich Norman Lipton, der Herausgeber des US-amerikanischen Fotografie-Magazins Popular Photography, in Wetzlar an Günther Leitz. Lipton war früher in der Werbeabteilung von Leitz Inc. in New York Citys Fifth Avenue tätig gewesen. Er war dort zwischen Mai 1938 und August 1940 zahlreichen deutschen Juden mit Leica-Cameras um den Hals begegnet, die in dem Büro erschöpft und aufgereiht an der Wand lehnten, um Hilfe zu bekommen. Es handelte sich dabei um Flüchtlinge aus dem Wetzlarer Stammwerk, die vor der nationalsozialistischen Verfolgung aus Deutschland emigriert waren, mit tatkräftiger Hilfe von Günther Leitz’ Vater Ernst, der ihnen die Visa besorgte und sie als erste Anlaufstelle in den Vereinigten Staaten an das New Yorker Büro des Unternehmens verwiesen hatte. In dieser Zeitspanne trafen alle paar Wochen, immer wenn die SS Bremen oder die SS Europa ganz in der Nähe dieses Büros an den Hudson River Piers anlegten, eine Reihe dieser Flüchtlinge ein. Das New Yorker Leitz-Büro mietete alle im nahegelegenen Great Northern Hotel in der West 57th Street ein und sorgte für deren Verpflegung, bis geeignete Arbeitsstellen gefunden wurden, entweder bei Leitz selbst oder bei anderen Unternehmen der Branche, beispielsweise in der Produktion oder Verwaltung von Kodak, im Foto-Einzelhandel oder in Fotolabors.

mini|Familiengrab in Wetzlar mit Urne Günther R. W. Leitz (2. v. links) Gut zwei Jahrzehnte später wollte Lipton darüber eine Erzählung verfassen, um sie bei Reader’s Digest zu veröffentlichen. Dazu suchte er sowohl den Kontakt zu diesen ehemaligen Flüchtlingen als auch zur Unternehmensführung von Leitz, um weitere Details zu recherchieren. Er kam dazu 1967 eigens nach Deutschland und suchte in Wetzlar Günther Leitz auf. Dieser machte überraschend deutlich, dass er zu seinen Lebzeiten nicht wünsche, dass diese Geschichte publik wird. Sein Vater habe gemacht, was in seinen Kräften stand, weil er für seine verfolgten Angestellten, deren Familien und die Mitbewohner in Wetzlar Verantwortung empfunden habe. Er sei dazu in der Lage gewesen, weil die Wehrmacht wegen der Produktion militärischer optischer Geräte in entscheidender Weise auf sein Unternehmen angewiesen gewesen sei. Niemand wisse, was andere Deutsche, die nicht in gleicher Weise wie sein Vater durch eine solche Fabrik bzw. eine als kriegswichtig deklarierte Produktion privilegiert waren, im Rahmen ihrer begrenzten Möglichkeiten für Verfolgte gemacht hätten. Daher empfinde er es als nicht korrekt, die Aktivitäten seines Vaters als etwas besonderes herauszustellen.Behind the camera – secret life of man who saved Jews from Nazis. In: The Guardian, 10. Februar 2007, auf: theguardian.com, abgerufen am 13. April 2016 Erst Ende der 1990er Jahre, fast drei Jahrzehnte nach Günther Leitz’ frühem Tod, kam die Angelegenheit dann doch unter der Bezeichnung The Leica Freedom Train an die Öffentlichkeit.Mark Honigsbaum: Leitz’ Liste. In: Süddeutsche Zeitung. Magazin. 07/2007. S. 2, auf: sueddeutsche.de, abgerufen am 13. April 2016 Frank Dabba Smith, Rabbi einer kleinen Synagoge in London, recherchierte daraufhin zusammen mit Knut Kühn-Leitz, dem Enkel von Ernst Leitz II. Gemeinsam konnten sie über 80 Fälle der geleisteten Hilfe dokumentieren, die 2007 der Öffentlichkeit bekannt gemacht wurden.

Soziale Engagements Günther Leitz förderte u. a. die österreichische Dichterin, Schriftstellerin und Malerin Paula Ludwig. Diese kannte er bereits aus seiner Schulzeit, als sie die Schule am Meer auf Juist aufsuchte, um dort ihren Sohn, seinen Schulkameraden Siegfried, genannt „Friedel“, zu treffen.

Werke Fotos vom schulischen Alltag der Schule am Meer auf Juist (1925–1934). In: Oswald zu Münster: Fototagebuch Band 1 – Aufenthalt in den Landschulheimen Schule am Meer auf Juist und in Marienau 1931–1937. Bei der Olympiade 1936, Berlin. FTB-Verlag, Hamburg 2015, ISBN 978-3-946144-00-7, S. 3–5.

Literatur Knut Kühn-Leitz: Vier Generationen Leitz in der Unternehmensführung 1869–1986, Wetzlar 2020. Ernst Leitz GmbH (Hrsg.): "In Memoriam Günther Leitz (01.03.1969)", Objektiv, Ausgabe 65, Wetzlar, Mai 1969

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