Das Corps Rhenania Tübingen ist eine Studentenverbindung im Kösener Senioren-Convents-Verband (KSCV), die aus Studenten und Alumni der Eberhard-Karls-Universität besteht.

Couleur und Wahlspruch mini|Corpshaus Die Tübinger (Tübser) Rhenanen tragen ein hellblau-weiß-rotes Band mit silberner Perkussion. Dazu wird eine hellblaue Studentenmütze getragen. Das Fuchsenband ist blau-rot mit silberner Perkussion. Das Blau der Rhenania Tübingen ist in den Bändern hell, im Tuch von Mütze und Kneipjacke etwas dunkler.Rainer Assmann: Das Blau der Rhenania zu Tübingen, in: Deutsche Corpszeitung 4/1989, S. 18; Corpszeitung der Rhenania zu Tübingen 1988, S. 63

Die Wahlsprüche lauten Omnes pro uno et unus pro omnibus! () und Concordia firmat fortes! („Einigkeit stärkt die Kräfte“). Das Corps steht von jeher zu Couleur und Mensur.

Von der Aufklärung beeinflusst und durch den Deutschen Idealismus weiterentwickelt, sind in der ersten Constitution die Ziele des Corps verankert:

„Wappen und Farben weisen das Corps Rhenania als württembergisch-schwäbisches Corps aus; in der Constitution lebt das geistige Gedankengut der 1826 aufgelösten Tübinger schwäbisch-allemanischen Corps (Landsmannschaften) aus der Frühzeit des Tübinger SC von 1808 fort. Das Corps Rhenania ist das schwäbische Landescorps auf der Universität Tübingen.“Rainer Assmann: Die Tübinger Rhenanen, 5. Auflage 2002, S. 15.

Geschichte mini|Rhenanias Stifter (1847) Das Corps Rhenania wurde noch in der Zeit der Demagogenverfolgung mit Verbot der studentischen Verbindungen am 7. Juli 1827Ernst Hans Eberhard: Handbuch des studentischen Verbindungswesens. Leipzig, 1924/25, S. 110. in der altehrwürdigen, von Wilhelm Hauff und Theodor Griesinger besungenen Kneipe „Haagei“ gegenüber der Stiftskirche (Tübingen) insgeheim gestiftet. Stifter waren der frühere Allemanne Friedrich Widmann mit fünf anderen Tübinger Studenten, darunter einem weiteren früheren Alemannen und einem früheren Freiburger Rhenanen. Die erste Constitution ist in einer Fassung des Jahres 1834 überliefert.Rainer Assmann: Constitutionen der Corps III. Einst und Jetzt, Sonderheft 1988, S. 153–158 Deren Ziele entsprechen denjenigen der Tübinger Muttercorps der Rhenania: der Allemannia I [1825–1827] (wörtlich von Widmann übernommen) und der Suevia II [1813–1826] (inhaltlich), die aus der Obersuevia, gestiftet am 17. März 1808 hervorging. Diese wiederum ging aus der Suevia I, gestiftet am 7. Januar 1807, hervor; sie nannte sich nach Stiftung der Obersuevia zur Unterscheidung Niedersuevia. Der Tübinger Rhenane Kaufmann stiftete am 1. Dezember 1829 die Suevia III zur Verstärkung des corpsstudentischen Einflusses; sie bestand bis zum 3. Juli 1830. Rhenania trägt auf einer Silhouette und auf einem Paukbild von 1839 noch rote Studentenmützen im Gegensatz zur 1831 durch Umwandlung der Commentburschenschaft gegründeten Suevia IV, die schwarze Mützen trägt.Rainer Assmann: Quellen zur Geschichte des SC Tübingen, II.: Die Constitutionen der Suevia II, Allemannia I, Rhenania, Suevia III, 1813–1850. 1981, 41 Seiten. Schriftenreihe des Archivs des Corps Rhenania zu Tübingen, Nr. 4. In der Zusammenfassung 5. Aufl. Tübinger Rhenanen 2002, S. 12 f.; zu den Farben, S. 30, 477, 480Rainer Assmann. Der SC zu Tübingen – 170 Jahre Corps an der Universität Tübingen. In: Werner Kratsch: Das Verbindungswesen in Tübingen, Eine Dokumentation im Jahre des Universitätsjubiläums 1977, 1. Aufl. 1977, [3. Aufl. 7.–10. Tausend 1978] 168 Seiten, 16 Abb., S. 120–140, Tabelle S. 130 Der Tübinger SC schloss sich 1857 dem KSCV an. Von 1854 bis 1860 war das Corps Rhenania aufgrund von Nachwuchsmangel suspendiert; nach der Wiedereröffnung 1860 benannte sich die 1859 gegründete AV Rhenania in Borussia um.Michael Doeberl u. a. (Hrsg.): Das Akademische Deutschland, Bd. 2, Berlin 1931, S. 1028, 1036.

Einigungszeit und Kaiserreich

Als Gegengewicht zum Tübinger Senioren-Convent wurde 1865 ein weiterer Senioren-Convent gegründet, in dem sich die weiteren Tübinger Verbindungen – Germania (bis 1866), Normannia, Roigel, Wingolf, Guestfalia, Schottland und Staufia (bis zu ihrer Auflösung 1868) – zur Wahrnehmung ihrer Interessen zusammenschlossen.Martin Biastoch: Tübinger Studenten im Kaiserreich. Eine sozialgeschichtliche Untersuchung. Jan Thorbecke Verlag, Sigmaringen 1996. ISBN 3-7995-3236-6. S. 143ff. Nach dessen Auflösung im Jahr 1881 gründeten Guestfalia, Normannia (bis 1889 Mitglied) und der Wingolf einen bis 1891 bestehenden Chargierten-Convent, dem zeitweise auch Schottland, Hohenstaufia und der Roigel angehörten.

1905 kam der Plan eines interkorporativen Zusammenschlusses unter Einschluss der Corps auf, wobei vor dem Hintergrund des akademischen Kulturkampfs und der Frage der Gleichberechtigung der katholischen Verbindungen von den Corps, Schottland, Ghibellinia, Ulmia, Igel, Saxonia, Stuttgardia, Virtembergia und dem VDSt ein zweiter Studentenausschuss gegründet wurde, da sie den mehrheitlich angenommenen Vorschlag der Germania ablehnten, wonach alle Verbindungen gleichberechtigt sein sollten. 1907 entstand dann mit dem „Ausschuss Vereinigter Tübinger Korporationen“ eine gemeinsame Organisation, der auch die Corps angehörten, nachdem die katholischen Verbindungen Guestfalia, Alamannia und Unitas-Cheruscia durch Beiträge in der überregionalen Presse (Schwäbischer Merkur, Germania und Kölnische Zeitung) ihre vaterländische Haltung betont und zugleich Kritik an den von der Zentrumspartei dominierten Katholikentagen geäußert hatten.Alfred Vollmar: Geschichte der akademischen Verbindung Guestfalia zu Tübingen von 1859–1909. Ulm 1909, S. 215 Über ihre Verbindungen waren etwa zwei Drittel der Studenten in dem Ausschuss vertreten.Martin Biastoch: Tübinger Studenten im Kaiserreich. Eine sozialgeschichtliche Untersuchung. Jan Thorbecke Verlag, Sigmaringen 1996, ISBN 3-7995-3236-6, S. 211.

Zwischenkriegs- und NS-Zeit Nachdem das Corps den Ersten Weltkrieg unter Verlust vieler Corpsbrüder (von 293 Militärangehörigen starben 60) überstanden hatte, reagierten die Mitglieder auf die Gleichschaltungsversuche ab 1933/34 mit der vorübergehenden Suspension des aktiven Betriebs am 10. Oktober 1935. Das Corps musste sich in der NS-Zeit lediglich äußerlich von zwei Corpsbrüdern von 1934 bis 1936 trennen.

Das aktive Corps lebte vom Wintersemester 1937 bis zum WS 1944/45 in der von Franconia gegründeten, später auch auf die früheren Corps Suevia und Rhenania ausgedehnten SC-Kameradschaft Theodor Körner auf dem Frankenhaus fort. Die Altherrenschaft bestand aus 280 Franken, 299 Rhenanen und 220 Schwaben und hatte zuletzt insgesamt 97 aktive Kameradschafts-Mitglieder. Ein Band in den Farben grün-blau-rot ist erhalten. Als die Tübinger NSDAP im Mai 1939 die Übernahme des Rhenanenhauses als Gesellschaftshaus in Betracht zog, forcierte der Altherrenverein der Rhenania die Bildung einer eigenen Kameradschaft, die den Namen Friedrich Schiller erhielt und mit Schreiben vom 28. August 1939 förmlich genehmigt wurde.Rainer Assmann: Die Suspensionszeit des Tübinger SC im Dritten Reich und während der Besatzungszeit. In: Einst und Jetzt. Jahrbuch des Vereins für corpsstudentische Geschichtsforschung 21 (1976), S. 162f. Der Kriegsausbruch verhinderte jedoch den Aufbau einer aktiven Kameradschaft, der zunächst bis Kriegsende zurückgestellt wurde. Am 31. März 1943 wurde die Altherrenschaft der Kameradschaft Friedrich Schiller auch von der Reichsstudentenführung anerkannt. Zur Bildung eines Aktivenbetriebs kam es nicht mehr.Erich Bauer: Die Kameradschaften im Bereiche des Kösener SC in den Jahren 1937–1945. In: Einst und Jetzt. Jahrbuch des Vereins für corpsstudentische Geschichtsforschung 1 (1956), S. 35.Kameradschaftsliste der Tübinger SC-Kameradschaft Theodor Körner (WS 1937 bis WS 1944/45). In Einst und Jetzt. Jahrbuch des Vereins für corpsstudentische Geschichtsforschung 21 (1976), S. 173–184.

Nachkriegszeit mini|Interessengemeinschaft zur Wiederbegründung des KSCV Am 3. Mai 1949 rekonstituierte Rhenania als erstes Tübinger Corps auf einer Wiese am Österberg. Das Corpshaus war von 1945 bis 1956 von der französischen Besatzungsmacht beschlagnahmt. Genutzt wurde es zunächst als Sitz des französischen Gouverneurs, des späteren Landeskommissars, ab Mitte/Ende 1952 als Maison de France und Gästehaus / Offizierkasino der französischen Garnison. Deshalb tagten die Corpsburschen in Tübinger Kneipen, ab dem Sommersemester 1953 in einer zweckbestimmt erbauten Baracke in der Stadt.Karl Jürgens: Geschichte des Korps Rhenania zu Tübingen, 1908F. X. Frey (1927)E. Bauer (1936)

Im Januar 1950 gehörte Rhenania Tübingen zu den 22 Corps, die sich in der Interessengemeinschaft zusammenschlossen und die Rekonstitution des KSCV vorbereiteten. 1959 war Rhenania präsidierendes Vorortcorps.Rainer Assmann (Gesamtredaktion), Ernst Napp und Ingo Nordmeyer, 5. Aufl. Tübinger Rhenanen 2002, dort S. 400 407 ein ausführliches LiteraturverzeichnisSchriftenreihe Archiv Corps Rhenania zu Tübingen, 1978 ff

Corpshaus links|mini|Aktie für den Bau eines Gesellschaftshauses der Rhenania von 1887, unterschrieben von Karl Hermann Siegeneger Rhenanenhaus (Emil Klein, 1892)|mini Das erste Korporationshaus, das in Deutschland architektonisch als solches erbaut wurde, war das 1886 fertiggestellte Haus des Corps Rhenania Tübingen. Planungen und Grundstückskauf erfolgten seit dem Wintersemester 1882/83 durch die Aktiven des Corps unter Führung des 1880 recipierten Karl Hermann Siegeneger, dessen Asche in der Westfront des Hauses beigesetzt ist. Bis dato waren Verbindungen und auch das Corps Rhenania in Gaststätten zusammengekommen und unterlagen damit dem Gutdünken der Wirte. Insofern stellt die räumliche Emanzipation ein Novum dar. Mit der Planung und Bauleitung des Hauses wurde der Stuttgarter Regierungsbaumeister Adolf Katz beauftragt. Das Rhenanenhaus liegt im Grünen über der Stadt Tübingen auf dem Österberg in der heutigen Stauffenbergstraße. Der erste Teil des Hauses wurde bereits 1886 für die Tübinger Rhenanen erbaut und erfuhr 1893 sowie 1912 Anbauten, die den steigenden Mitgliederzahlen Rechnung trugen. Diese letzten Bauabschnitte bestimmen das Gesicht des Corpshauses bis heute.Rainer Assmann: 100 Jahre Corpshaus Rhenania Tübingen. Zur auch architektonischen Planung und Durchführung der Corpshausidee. In: »Einst und Jetzt«, Bd. 29 (1984), S. 133–148Rainer Assmann: Zur Inneneinrichtung eines Corpshauses. In: »Einst und Jetzt«, Bd. 32 (1987), S. 276–279

Auswärtige Beziehungen Auf Betreiben von Ernst von Richter kam Rhenania Tübingen 1880/81 in den blauen Kreis. Mit Rhenania Freiburg, Teutonia Marburg und Rheno-Guestphalia bildet sie das sogenannte eiserne Kartell. Es war früher als „Kohlekartell“ bekannt; denn viele Mitglieder der „Rhenania Dortmund“ kamen aus dem Ruhrgebiet und strebten in den Bergbau. In Tübingen studierten sie Mineralogie, Geologie, Physik und Chemie. Als Inaktive wechselten sie an die Bergakademien und Technischen Hochschulen, um Montanwissenschaften zu studieren. Bevorzugt wurde die Bergakademie Clausthal. Heute hat das Corps noch acht solche Alte Herren.

Kartelle Corps Rhenania Freiburg Corps Teutonia Marburg Corps Rheno-Guestphalia Corps Marchia Berlin Corps Isaria München (erneut 2019)

Befreundete Corps Corps Austria Frankfurt am Main Corps Hannovera Göttingen

Bekannte Mitglieder (Auswahl) mini|Friedrich A. N. Widmann Vier Tübser Rhenanen aus Siebenbürgen (1860)Ferdinand Metz (Mühlbach), Rudolf Schmidt (Schäßburg), Samuel Theil (Mediasch), Karl Hinz (Deutsch-Kreuz) |mini mini|Göttinger Gedenktafel für Franz Wieacker am Michaelishaus

Abgeordnete und Minister Uwe Biester (* 1948), Mitglied des Niedersächsischen Landtags (1998–2013) Hermann Etter (1870–1934), Arzt, Abgeordneter im württembergischen Landtag Gerhard Gaul (1909–1982), Kommunal- und Landespolitiker in Schleswig-Holstein, Stadtpräsident der Hansestadt Lübeck Peter Hinz (* 1958), Politiker Ludwig von Köhler (1868–1953), Innenminister von Württemberg