mini|Erzählungen, Band 2 in der Werkausgabe des Limmat Verlages, 1992. Beinhaltend die Studer-Kurzgeschichte Der alte Zauberer Zwischen 1931 und 1938 schrieb der Schweizer Autor Friedrich Glauser mehrere Studer-Kurzgeschichten. Allerdings weisen nur Der alte Zauberer und Knarrende Schuhe die typischen Charakterzüge des Fahnders der Wachtmeister-Studer-Romane auf, welche den Ermittler so berühmt machen sollten. Rettung kann als Vorstudie zur Studerfigur betrachtet werden, Das uneinige Liebespaar als eine Art «Fingerübung», während Ein Weltuntergang und Sanierung keine Kriminalgeschichten sind und Studer darin lediglich einen Kurzauftritt hat.
«Rettung» RettungFriedrich Glauser: Das erzählerische Werk. Band 2: Der alte Zauberer. Limmat Verlag, Zürich 1992, ISBN 3-85791-204-9, S. 97. ist keine Studer-Geschichte, aber literaturhistorisch interessant, da Glauser in diesem kurzen Text eine Figur auftreten lässt (den Erziehungsberater), die man als «Urstuder» bezeichnen kann: Er ist massig, gemütlich, raucht Brissago und verurteilt die sozial Schwächeren der Gesellschaft nicht, sondern begegnet ihnen mit Verständnis.
Inhalt Das Mädchen Eva Schmidt, dessen Vater vor vier Jahren starb, lebt mit seiner Mutter in ärmlichen Verhältnissen. Eva ist ein sensibles und verträumtes Kind, das oft von den Erwachsenen kritisiert wird. In ihrem Leben gibt es nur drei Dinge, über die sie sich freuen kann: die Erinnerung an die schönen Sonntagsausflüge mit ihrem Vater, den Dackel, dem sie auf dem Schulweg begegnet, und eine Lehrerin, welche gut zu ihr ist.
Jeden Tag nach der Schule muss Eva bis 20 Uhr zu der reichen Familie Zobel gehen, um dort die beiden Kinder zu hüten. Der sechsjährige Knabe und das siebenjährige Mädchen traktieren ihre Betreuerin regelmässig, am liebsten mit einer eisernen Sparbüchse in der Form eines Elefanten, mit der sie lachend vor Evas Gesicht rasseln. Als die kleine Marie Zobel zum Geburtstag eine blaue Schürze und ein Fünffrankenstück bekommt, wünscht sich Eva auch so eine schöne Schürze. Kurz darauf muss sie sich den ganzen Tag um die Kinder kümmern, da die Eltern mit dem Automobil einen Ausflug unternehmen. Wiederum wird Eva von den Zobel-Kindern gequält; bei einer günstigen Gelegenheit schleicht sie sich ins Wohnzimmer, öffnet den Glasschrank, bricht das Schloss des Elefanten auf und stiehlt die Münzen.
Am nächsten Tag kauft sich Eva in der Stadt eine Schürze, eine Schokolade und Würfelzucker für den Dackel. Sie telefoniert Frau Zobel und sagt den Hütedienst mit der Erklärung ab, sie sei in der kommenden Zeit in den Ferien. Am folgenden Tag kommt Evas Mutter in die Schule und beschimpft die Kleine aufgebracht als Diebin. Die Lehrerin nimmt sich der Sache an und geht am Nachmittag mit Eva zu einem Erziehungsberater. Evas Angst weicht sehr schnell und sie fasst Vertrauen zu dem gemütlichen Mann, der vor ihr auf dem Stuhl sitzt, eine Zigarre raucht und die Tat nicht verurteilt und bestraft, sondern ihr helfen will.
Entstehung mini|Haupthaus des PZM mit Eingang. Max und Gertrud Müller wohnten zu Zeiten Glausers im dritten Stock, rechts Die neun Typoskriptseiten der Kurzgeschichte Rettung entstanden mit ziemlicher Sicherheit in den letzten Monaten des Jahres 1931, als Glauser zum fünften Mal im Psychiatriezentrum Münsingen (PZM) interniert war. 1927 führte er dort bei Max Müller eine einjährige Psychoanalyse durch. Dabei fand er auch Aufnahme in Müllers Familie, die damals im Hauptgebäude des PZM wohnte, und lernte die Gattin, Gertrud Müller, kennen.
Im Januar 1932 zog Glauser mit seiner damaligen Freundin Beatrix Gutekunst bis Ende Mai nach Paris und versuchte, als freier Journalist und Schriftsteller Fuss zu fassen. In dieser Zeit lernte er auch Georges Simenons Bücher und dessen Kommissar Maigret kennen und erlag dem Charme der Serie, was bei der Schaffung des Wachtmeister Studers von entscheidender Bedeutung sein sollte.Julian Schütt: Nachwort. In: Friedrich Glauser: Die Fieberkurve. Limmat Verlag, Zürich 1995, ISBN 3-85791-240-5, S. 228. Kurz nachdem Glauser in der französischen Hauptstadt angekommen war, schrieb er an Gertrud Müller und berichtete ihr unter anderem von der Kurzgeschichte Rettung: «Ihrem Mann werde ich schreiben, sobald ich ein wenig Sicheres weiss. Grüssen Sie ihn bitte recht herzlich. Schohaus [Willi Schohaus war Redaktor bei der Schweizer Erziehungs-Rundschau] hat mir übrigens die Klein-Mädchen-Geschichte angenommen und will mehr. Komisch, wenn nur alle Leute so wären.»Bernhard Echte, Manfred Papst (Hrsg.): Friedrich Glauser – Briefe 1. Arche Verlag, Zürich 1988, ISBN 3-7160-2075-3, S. 367. Tatsächlich wurde Rettung im März 1932 in der Schweizer Erziehungs-Rundschau Nr. 12, einem Organ für das öffentliche und private Bildungswesen in der Schweiz, publiziert.
Biografischer Hintergrund Das Mädchen Marie, das gegen gesellschaftliche Regeln verstösst (Diebstahl und Lügen) und Verständnis statt Verurteilung findet, ist ein immer wiederkehrendes Motiv in Glausers Schaffen und wurde in den Studer-Romanen, die noch folgen sollten, detaillierter ausgeführt. Bereits in seinem ersten Studer-Krimi Schlumpf Erwin Mord greift Glauser dieses Muster erneut auf: Erwin Schlumpf ist ein Gestrauchelter, der von der Justiz verurteilt wird; Wachtmeister Studer jedoch findet Verständnis für den Inhaftierten und hilft ihm. In Matto regiert ist es Pierre Pieterlen, der trotz der Tat des Säuglingsmordes nicht verurteilt wird, weil er letztlich ein Opfer der Armut war. Und auch im Chinesen gibt es einen Leidtragenden der sozial widrigen Umstände, den Verdingbub Ludwig Fahrni, den Studer sogar zu seinem Gehilfen ernennt.
Das Thema der vorschnellen Verurteilung (und der «Schuldfrage») durch die Gesellschaft war für Glauser stets autobiografisch, da er zeit seines Lebens selbst damit konfrontiert war. Durch seine Morphiumsucht geriet er immer wieder mit der Justiz in Kontakt und sah sich dabei auch als Opfer. Hardy Ruoss schrieb dazu: «Schuld ist für ihn [Glauser] – und in seinem ganzen erzählerischen Werk, besonders in den Kriminalromanen – nie etwas Eindeutiges. Deshalb soll der Mensch sich auch hüten, zum Richter über seine Mitmenschen zu werden (das Bibelwort ‹Richtet nicht …!› taucht in Glausers Werk verschiedentlich auf).»Hardy Ruoss: Spotten Sie nicht über Kriminalromane – Gründe und Hintergründe von Friedrich Glausers Erzählen. In Die Horen – Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik. Wirtschaftsverlag, Bremerhaven 1987, S. 64.
Am prägendsten war für Glauser wahrscheinlich die wiederholte Verurteilung durch seinen strengen und unnahbaren Vater. Dieser hatte Glauser bereits 1918 entmündigt und schrieb 1932 an den Mannheimer Gefängnisarzt: «Ich verlange deshalb zu meiner persönlichen Sicherheit und für das Wohl der Gesellschaft, dass F.G. lebenslänglich interniert wird.»Bernhard Echte, Manfred Papst (Hrsg.): Friedrich Glauser – Briefe 1. Arche Verlag, Zürich 1988, ISBN 3-7160-2075-3, S. 409. Als Glauser die Figur des Erziehungsberaters in Die Rettung schuf und später zum Ermittler des Wachtmeister Studers ausbaute, mag als unbewusstes Motiv die Vaterfigur, die Glauser sein Leben lang vermisst hatte, eine wichtige Rolle gespielt haben. Frank Göhre schreibt dazu: «Der Studer verurteilt nicht. Er hat Verständnis für die Gestrauchelten, die ‹armen Hunde›. Er ist der Gegenentwurf zum übermächtigen, strengen Vater Friedrich Glausers.»Frank Göhre: Zeitgenosse Glauser. Ein Porträt. Arche Verlag, Zürich 1988, ISBN 3-7160-2077-X, S. 114
«Der alte Zauberer» Zum ersten Mal hat Studer hier einen Auftritt in einem Kriminalfall. Zeigten sich in der Kurzgeschichte Rettung die ersten Charakterzüge des zukünftigen Wachtmeisters, so erscheint in Der alte ZaubererFriedrich Glauser: Das erzählerische Werk. Band 2: Der alte Zauberer. Limmat Verlag, Zürich 1992, ISBN 3-85791-204-9, S. 324. Glausers bekannter Ermittler bereits mit allen bekannten Eigenschaften, welche die Figur in den späteren Romanen so berühmt machen sollten: Er ist bei der Stadtpolizei Bern (zwar noch als Kommissär), hat eine Frau, trägt einen Schnurrbart, geht in fünf Jahren in Pension und lässt sich Zeit beim Ermitteln, indem er vor allem zuhört und den Befragten das Gefühl gibt, verstanden zu werden. Studer unterscheidet sich von der «fertigen» Figur lediglich darin, dass er rundlich statt korpulent ist, Toscani statt Brissago-Zigarren raucht und einen Sohn hat, der mit der Schriftsetzerausbildung bald fertig ist. Am meisten fällt jedoch an dieser Erzählung auf (was bei den folgenden zwei Studer-Kurzgeschichten wieder fehlt), dass Glauser hier bereits mit dem Stilmittel der Atmosphäre und vielen Details arbeitet, was seine kommenden Studer-Romane so unverwechselbar und erfolgreich machte.
Inhalt mini|«Studer stapfte weiter, ganz wenig hellte sich das Wetter auf, das heisst, der Regen hörte auf zu fliessen, dafür senkte sich ein dicker weisser Nebel über das Land. So dicht war dieser Nebel, dass Studer zuerst die Häuser gar nicht erblickte, aus denen der Weiler Waiblikon bestand.» Auf der Polizei in Bern ist ein anonymer Brief eingegangen, in dem der sechzigjährige Bauer Berthold Leuenberger aus Waiblikon bezichtigt wird, seine vier verstorbenen Ehefrauen ermordet zu haben. Kommissär Studer soll diesem Gerücht nachgehen und ist deshalb im herbstlichen Regen zu Fuss unterwegs in den abgelegenen Weiler. Gegen 10 Uhr erreicht er den Ort und geht in das einzige Gasthaus. Dort gibt er sich als Vertreter für Düngemittel aus und beginnt die Serviertochter über die Landwirte der Gegend zu befragen. Als diese auf Leuenberger zu sprechen kommt, stellt sich heraus, dass dieser den Ruf eines Menschen mit übernatürlichen Kräften hat; von fern kämen manchmal Leute zu ihm, wenn ein Arzt nichts mehr ausrichten könne. Die streng Gläubigen der Umgebung behaupteten, Leuenberger sei mit dem Teufel im Bunde. Viele Menschen hätten Angst vor dem Bauern und glaubten nicht, dass seine Frauen an Darmkatarrh gestorben seien, wie dies der Dorfarzt bescheinigte, sondern von Leuenberger ermordet wurden.
Nach Befragung weiterer Personen im Weiler gelangt Studer zum Hof von Leuenberger und wird von ihm zum Mittagessen eingeladen. Als der Kommissär die Stube betritt, beschleicht ihn eine unerklärliche Furcht vor dem Mann. Der Bauer indes scheint bemerkt zu haben, dass Studer kein Vertreter ist, als der sich dieser auch hier ausgibt, sondern von der Polizei geschickt wurde, und es beginnt ein psychologisches Duell zwischen den beiden. Leuenberger tischt Schnaps auf und Studer lässt sich auf das Spiel ein, indem er, zunehmend betrunken, auf einen Widerspruch in den Aussagen des Bauern lauert. Plötzlich holt dieser eine neue Flasche für den Kommissär, währenddessen er selbst auf weiteren Schnaps verzichtet. Studer beschlagnahmt die Schnapsflasche für den Gerichtschemiker, weil er Gift darin vermutet. Nun gesteht Leuenberger die Taten und erklärt, dass er nach dem Tod der siebten Ehefrau ewiges Leben erlangt hätte, da dies so in einem alten Buch steht, welches er Studer zeigt. Dieser führt den Bauern daraufhin ab und liefert ihn ins Bezirksgefängnis ein. Am nächsten Tag hat sich Leuenberger in der Zelle erhängt.
Entstehung