Psychologische Diagnostik (auch: Psychodiagnostik oder Assessment) ist ein Teilgebiet der Psychologie und zugleich ein wichtiger Teil der Berufstätigkeit von Psychologen. Nach Angaben der WHO ist sie der gemeinsame Nenner der meisten beruflichen psychologischen Tätigkeiten.
Psychologische Diagnostik macht in allen Gebieten des Bereiches der Angewandten Psychologie einen wichtigen Aspekt dieser „Anwendung“ aus. Psychologische Diagnostik ist immer dann gefragt, wenn rationale Entscheidungen zu finden oder zu fundieren sind. In diesem Sinne liefert sie dafür das methodische Fundament.
Begriffsbestimmung Die Wörter Diagnose und Diagnostik gehen zurück auf das griechische Verb „diagignoskein“, das unterschiedliche Aspekte eines kognitiven Vorgangs bezeichnet, vom Erkennen bis zum Beschließen. Das Verb bedeutet „gründlich kennenlernen“, „entscheiden“ und „beschließen“.Fisseni 2004, 1. Das Corpus Hippocraticum spricht (Epidemien I, 23) mit diesem Wort von der Unterscheidung einer Krankheit anhand bestimmter Symptome. Vgl. zur historischen Semantik z. B. Henry George Liddell, Robert Scott: A Greek-English Lexicon. 9. Auflage. mit Ergänzungen. Clarendon Press, Oxford 1996, s. v. διαγιγνώσκω, S. 391 (vgl. Eintrag online nach der 9. A. 1940).
Bei psychologischer Diagnostik geht es um das „gründliche Kennenlernen“ der Merkmale einer Person, Gruppe oder Organisation mittels entsprechender Methoden und Verfahren zur Informationsgewinnung (z. B. mittels Befragungen, Beobachtungen oder psychologischer Tests). Sie setzt eine Frage- oder Problemstellung voraus, die mit psychologischer Hilfe beantwortet oder gelöst werden soll. Das aufgrund der Information gewonnene Abbild ist Grundlage für diagnostische Entscheidungen in den verschiedensten Bereichen psychologischer Tätigkeit wie z. B.: Bildungsweg- und Berufswahlentscheidungen im Rahmen der psychologischen Beratung Selektionsentscheidungen (Auswahl aus einem größeren Bewerberkreis), Platzierungsentscheidungen (Auswahl der optimalen Positionen für das vorhandene Personal) bzw. Einleitung von Förder- oder Weiterbildungsmaßnahmen im Rahmen der Personalentwicklung auf dem Gebiet der Wirtschafts- und Personalpsychologie Identifikation psychischer Störungen und Analyse individueller Problembereiche und Ressourcen zur Auswahl einer Therapie
Die psychologische Diagnostik beschäftigt sich aber auch mit ganz grundlegenden, eher theoretischen Fragestellungen, wie z. B.: Soll die begrenzte Zahl von Studienplätzen in der Medizin aufgrund von Abiturnoten, Zufallsprinzip, Eignungstests oder Bewerbungsgesprächen vergeben werden? Welche Informationen gewährleisten eine rationale Entscheidung? Wie sind die Erfolgskriterien definiert, und was ergeben empirische Bewährungskontrollen (Evaluation)? Welcher Entscheidungsnutzen und welche Kosten sind festzustellen?
Definition von Jäger und Petermann Eine umfassende Definition geben Reinhold Jäger und Franz PetermannR. S. Jäger, F. Petermann (Hrsg.): Psychologische Diagnostik – ein Lehrbuch. 4. Auflage. Beltz PVU, Weinheim 1999, ISBN 3-621-27273-9., welche die Orientierung an den diagnostischen Entscheidungen betont und die Komplexität psychologischer Diagnostik berücksichtigt:
Psychodiagnostik ist das systematische Sammeln und Aufbereiten von Informationen mit dem Ziel, Entscheidungen und daraus resultierende Handlungen zu begründen, zu kontrollieren und zu optimieren. D. h., die Anwendung von Tests gehört zur Psychologischen Diagnostik, letztere ist aber nicht darauf reduzierbar. Es geht auch um das Treffen diagnostischer Entscheidungen auf der Basis dieser Informationen (z. B. über Studienzulassung, die Eignung für einen Beruf, die Fahrtauglichkeit, Bewerberselektion bei der Bewerbung um eine Stelle, Feststellung einer Erkrankung und richtige Therapieempfehlung). Neben Tests sind auch andere Informationen (Exploration, Verhaltensbeobachtung) zu berücksichtigen. Solche Entscheidungen und Handlungen basieren auf einem komplexen Informationsverarbeitungsprozess. In diesem Prozess wird auf Regeln, Anleitungen, Algorithmen usw. zurückgegriffen. Man gewinnt damit psychologisch relevante Charakteristika von Merkmalsträgern und integriert gegebene Daten zu einem Urteil (Diagnose, Prognose). D. h., die Informationen müssen verdichtet, gewertet und gewichtet werden, bis eine Diagnose zuverlässig gestellt und eine Entscheidung fundiert getroffen werden kann. Die Kenntnis dieser Regeln, Anleitungen und Prozeduren ist nicht durch die Anwendung eines Tests allein gegeben, sondern erfordert weiteres Fachwissen. Dieses Wissen gehört normativ zur Ausbildung aller Personen, die psychodiagnostisch tätig werden. Als Merkmalsträger gelten Einzelpersonen, Personengruppen, Institutionen, Situationen, Gegenstände etc. D. h., es geht nicht nur um einzelne Personen. Der Ablauf „erkennen – richtig entscheiden – verändern“ findet sich auch in einer allgemeinen diagnostischen Methodik wieder.
Psychologische Diagnostik als eigenständige Disziplin Die Zuordnung innerhalb der Teilgebiete der Psychologie ist nicht einheitlich: Psychologische Diagnostik wird verschiedentlich den Grundlagenfächern, Methodenfächern oder den Anwendungsfächern zugerechnet. Die Eigenständigkeit als Disziplin ist ebenfalls umstritten, sie wird mit Differentieller Psychologie oder Persönlichkeitspsychologie gern kombiniert. Auch eine Verbindung mit Methoden der Intervention („Diagnostik und Intervention“) ist häufig anzutreffen. Daher wird psychologische Diagnostik manchmal auch als „Integrationsfach“ bezeichnet. Anders ausgedrückt, sie ist „Brücke“ zwischen Grundlagentheorien sowie auch insbesondere umfangreichen, fundierten methodischen Wissens inklusive der entsprechenden erworbenen Methodenerfahrungen und den anwendungsorientierten Inhalten (theoretischen wie v. a. auch wieder methodischen).
Psychologische Diagnostik in der Klinischen Psychologie bezieht sich nicht nur auf das Erkennen von psychischen Erkrankungen oder Störungen, sondern bezieht die daraus abzuleitenden Entscheidungen (z. B. Therapienotwendigkeit und -motivation, Wahl der richtigen Therapieform etc.) mit ein. Deshalb wird häufig auch von „Indikationsdiagnostik“ gesprochen.
Beziehungen mit anderen Fachdisziplinen Die psychologische Diagnostik ist eng mit den anderen psychologischen Disziplinen verzahnt, sodass Fachwissen u. a. aus folgenden Bereichen notwendig ist: Kenntnisse in allen Grundlagenfächern, insbesondere biopsychologische Grundlagen, Wahrnehmung und Wahrnehmungsverzerrungen, Täuschungen, kognitive- und Gedächtnisirrtümer, Denken, Entscheidungspsychologie, Motivation, Emotion, Sozialpsychologie, Entwicklungspsychologie usw. Methodik und Statistik (wissenschaftliches Denken und Handeln, Funktionsweise der Tests und der Informationsverarbeitung vom Merkmal über die Diagnose bis zur Entscheidungsfindung, intime Kenntnisse im Umgang mit bedingten Wahrscheinlichkeiten) Anwendungsfächer wie Klinische Psychologie, Entwicklungspsychologie, Pädagogische Psychologie, Wirtschaftspsychologie u. a. (Wissen für die Entscheidungsfindung, z. B. Definition von Störungen in der Klinischen Psychologie, schulische Anforderungen für die Schulfähigkeitsdiagnostik oder Erfolgskriterien für eine bestimmte Tätigkeit in der Wirtschaftspsychologie). Persönlichkeits- und Differentielle Psychologie: Hier sind vor allem die Theorien und Systematiken der Merkmale notwendig, die zur Informationsgewinnung und Entscheidungsfundierung verwendet werden können – also die Frage, worin sich Menschen unterscheiden und wie man das feststellen kann. So wurden in der Differenziellen Psychologie schon seit William Stern und Raymond B. Cattell zahlreiche typische Diagnostikstrategien entwickelt, um die inter- und intraindividuelle Variabilität des Verhaltens unter den Perspektiven von Personen, Situationen, Variablen, Wiederholungen und Wechselwirkungen (siehe Persönlichkeitseigenschaft) zu untersuchen. Carver und Scheier (1988) haben in diesem Sinne ihr Lehrbuch der Persönlichkeitspsychologie Perspectives on personality so angelegt, dass die enge theoretische und methodische Beziehung zwischen Persönlichkeitstheorie und spezieller psychologischer Diagnostikmethoden deutlich wird, z. B.: Henry A. Murray und der Thematische Auffassungstest George A. Kelly und der Rollen-Konstrukt-Repertoire-Test Hans J. Eysenck und Persönlichkeitsfragebogen
Ausbildung im Psychologiestudium Die Ausbildung innerhalb des Psychologiestudiums findet zumeist in zwei Teilen statt: Im Grundstudium wird das allgemeine methodische Vorgehen gelehrt, in den Anwendungsfächern werden die Herangehensweisen für spezielle Fragestellungen vermittelt.
Da es sich um einen methodisch komplexen, fachspezifischen Entscheidungsprozess im Sinne eines wissenschaftlichen Vorgehens handelt, setzt Psychologische Diagnostik nicht nur anwendungsorientiertes Wissen und anwendungsbezogene (praktische) Methodik voraus, sondern bedarf v. a. zuallererst einer grundständigen, intensiven wissenschaftlichen Ausbildung. Auf europäischer Ebene ist dazu ein mindestens fünfjähriges wissenschaftliches Universitätsstudium der Psychologie sowie ein nachfolgendes mindestens einjähriges, von einem Psychologen supervidiertes und positiv evaluiertes Praxisjahr notwendig. Den Hintergrund dafür bildet der Standard: „A high and comprehensive level of education and training in scientific psychology creates the required knowledge basis for professional competence in psychological assessment, intervention and communication.“ EFPA Declaration on the European Standards of education and training in professional psychology In den USA ist hierfür in der Regel sogar ein Doktorat (Ph. D.) in wissenschaftlicher Psychologie erforderlich.Society for Personality Assessment: Standards for Education and Training in Psychological Assessment: Position of the Society for Personality Assessment. In: Journal of Personality Assessment. 87(3), 2006, S. 355–357.
Alternative Benennungen und Abgrenzungen Begriff Psychodiagnostik Ursprünglich wurde der Begriff Psychodiagnostik 1921 von Hermann Rorschach durch sein Buch „Psychodiagnostik“ geprägt, welches den Rorschach-Test in seiner Anwendung darstellte. Die Bedeutung war lange vor allem auf diese Art der Rorschach-Diagnostik bezogen. Der Begriff Psychodiagnostik hat einen Bedeutungswandel erfahren, indem er heute alle Methoden und Vorgehensweisen auf diesem Gebiet umfasst. Zunehmend und vor allem auf offizieller Ebene wird dafür heute der Begriff Psychologische Diagnostik verwendet. Dennoch erfolgt die synonyme und parallele Verwendung des Begriffes Psychodiagnostik auch heute noch.
Die Fachgruppe der Deutschen Gesellschaft für Psychologie nennt sich Differentielle Psychologie, Persönlichkeitspsychologie und Psychologische Diagnostik Die Mehrzahl der entsprechenden Lehrstühle und Fachbereiche an Universitäten führen Psychologische Diagnostik im Namen. Die entsprechenden Standard-Lehrbücher (Jäger, Fisseni, Amelang, Kubinger) führen im Titel Psychologische Diagnostik, ebenso wie das Handbuch der Psychologischen Diagnostik von 2006
Hinter dieser Begriffsveränderung steht allerdings auch ein fachpolitisches Ziel: Durch die längere Benennung wird die Beziehung zum Fach Psychologie und ihren Qualitätsmaßstäben für Psychodiagnostik deutlicher ausgedrückt, die Vorsilbe „Psycho-“ weist diesen Fachbezug weniger aus (siehe dazu die Bezeichnung Psychomarkt).
Begriff Assessment Im angloamerikanischen Raum entspricht die psychologische Diagnostik dem Begriff des Assessments (psychological assessment), welcher insbesondere in Buchtiteln und Zeitschriften der Psychologie weitaus geläufiger ist als Diagnosis.Bsp.: Society for Personality Assessment, Journal of Personality Assessment, European Journal of Psychological Assessment. Maßgeblich war lange Zeit das Lehrbuch Personality and prediction. Principles of personality assessment von Jerry S. Wiggins (1973).