mini|350px|Das Palais Lichtenau von Osten, 2013 Das Palais Lichtenau ist ein klassizistisches Gebäude in der Potsdamer Behlertstraße 31. Erbaut 1796 bis 1797 unter König Friedrich Wilhelm II. in unmittelbarer Nähe des Neuen Gartens, ist es aufgrund seiner Fassadengestaltung und der Qualität der erhaltenen Innenräume ein herausragendes Denkmal frühklassizistischer Architektur in Deutschland. Die Urheberschaft für den Bau ist zwischen Michael Philipp Boumann und Carl Gotthard Langhans umstritten. Entgegen der Überlieferung und der Namensgebung ist das Palais vermutlich nicht für die Gräfin Wilhelmine von Lichtenau erbaut und auch nicht von dieser bewohnt worden.
Entstehungsgeschichte mini|links|Unbekannter Künstler: Bildnis des Johann Friedrich Ritz, verschollen Das Grundstück des Bürgers Jury, auf dem sechs Jahre später das Palais errichtet werden sollte, wurde von König Friedrich Wilhelm II. bereits im Mai 1790 erworben. In dieser Zeit fanden mehrere Landkäufe im Zuge der Erweiterung des Neuen Gartens statt, der entlang der Westgrenze, damals zur Stadtseite hin, mit einer Mauer vollständig eingefriedet wurde. Das am Südende des Gartenareals liegende Jury’sche Grundstück blieb dabei außerhalb des Parkgeländes und grenzt heute an die im Norden verlaufende und nach Südosten abknickende Behlertstraße bis an die Kreuzung Behlert-/Kurfürstenstraße im Südosten.
In der nordöstlichen Grundstücksecke entstand ein Haus für den Pächter der Behlertbrücke, die an dieser Stelle den damals zwischen Bassinplatz und Heiligem See verlaufenden Behlertgraben überspannte.Das Haus Behlertstraße 32 wurde nach Entwürfen A. L. Krügers errichtet und 1853 von Hesse zur Turmvilla umgebaut. Von der ursprünglichen Fassade hat sich an der Behlertstraße ein Figurenrelief J. Chr. Wohlers erhalten. vgl. Bartmann-Kompa u. a. 1990, S. 76 Der westliche Teil des Grundstücks wurde dem Geheimen Kämmerer Johann Friedrich Ritz (1755–1809) und seiner Gemahlin, der späteren Gräfin Lichtenau, übertragen. Zudem kauften sie noch das westlich anschließende Grundstück des Referendars Feige hinzu. Das von 1796 bis 1797 errichtete Palais entstand auf Kosten des Königs.
Der Baubeginn erfolgte im Frühsommer 1796 unter der Leitung Michael Philipp Boumanns. Im Juni konnte das neu eingefriedete Grundstück durch den Kauf eines südlich anschließenden Wiesenstücks nochmals erweitert werden. Im September 1796 wurde der Dachstuhl fertiggestellt; die Ausstattung der Innenräume zog sich bis zum Frühjahr 1797 hin. Zum Zeitpunkt des Einweihungsfestes am 25. September 1797 stand die Scheinehe des Kämmerers Ritz mit der königlichen Mätresse kurz vor der bereits im April 1796 vom König geforderten Auflösung, die mit der Ernennung zur Gräfin verbunden war. Daher stand auch die künftige Gemahlin des Johann Friedrich Ritz, die Schauspielerin Henriette Baranius, im Zentrum der Feierlichkeiten. Ob die Gräfin Lichtenau überhaupt an dieser Einweihung teilnahm, ist nicht gesichert.Schroedter 1997, S. 459–460
Lage und Baubeschreibung mini|Ausschnitt eines Plans von Potsdam (um 1830): Das Palais Lichtenau und das Brückenpächterhaus sind rot markiert. Links unten ist ein Teil des Holländischen Viertels zu sehen, rechts oben der Heilige See. Die Spandauer Str. ist die heutige Friedrich-Ebert-Straße. Das Palais Lichtenau befand sich zur Zeit seiner Errichtung in einer nur spärlich bebauten Umgebung, in der die Nauener in die Berliner Vorstadt überging. Der ehemals weitläufige Garten im Süden des Hauses wich ab 1881 sukzessive der Umwidmung von Garten- in Bauland. Seine dem Neuen Garten zugewandte Nordfassade bildet vom etwa 750 Meter entfernten Marmorpalais aus die prospekthafte Ansicht eines vornehmen Landsitzes und erfüllt so auch die Funktion eines optischen Pendants zum vier Kilometer nördlich des Marmorpalais gelegenen Schloss auf der Pfaueninsel.
Außenbau Das Palais Lichtenau hat ein Hauptgeschoss auf hohem Sockel und wird von einem mächtigen Mansarddach bekrönt. Die vier Fassaden sind differenziert ausgebildet. Die direkt an die Behlertstraße grenzende Nordostseite bildet die Hauptansicht des Hauses für die Öffentlichkeit und vom Neuen Garten aus. Der neunachsigen Front ist ein dreiachsiger Mittelrisalit vorgelegt, den ein Dreiecksgiebel mit segmentbogigem Relief abschließt. Das Giebelrelief wurde nach einem Entwurf Johann Gottfried Schadows von den Brüdern Johann Christoph und Michael Christoph Wohler geschaffen. Es zeigt Apollo, umgeben von Herkules, Nike, Poseidon, Ceres und Proserpina.Schroedter 1997, S. 461
Alle Fenster sind ohne vermittelnde Faschen oder andere rahmende Elemente direkt in die Wandflächen eingeschnitten. Die drei Sockelgeschossfenster des Risalits sind als Halbkreisfenster in der dort gequaderten Wand ausgebildet, während die Fenster im glatten Sockel der Rücklagen eine annähernd quadratische Form aufweisen. Zwischen Sockel- und Hauptgeschoss verläuft ein breites, mit kräftigem Zahnschnittfries versehenes und mit schlichten Rosetten besetztes Gurtgesims aus Sandstein, welches das gesamte Gebäude umzieht und lediglich durch den Mittelrisalit, wo es als Kordongesims weitergeführt wird, und durch die Freitreppe auf der Gartenseite unterbrochen ist.
Im Hauptgeschoss haben die Fenster ein hochrechteckiges Format, wobei die jeweils drei Öffnungen der Rücklagen als Fenstertüren ausgebildet sind. Die glatte Wandfläche schließt zum Dach mit einem reich stuckierten Traufgesims aus Palmetten- und Rosettenmotiven im Wechsel unter stilisierten Balkenköpfen ab. Der umlaufende Stuckfries unter der Traufe wird wiederum durch den Risalit unterbrochen, dessen Wandfläche eine zarte Putzquaderung und drei aufgesetzte Fensterverdachungen auszeichnen. Der Dreiecksgiebel ist wie das Traufgesims mit stilisierten Balkenköpfen versehen. Den unteren Teil des Mansarddachs besetzen sechs axial angeordnet stehende Gauben mit geschweiftem Abschluss.
Die nordwestliche Schmalseite erscheint wegen des nicht abgewalmten Dachs zweigeschossig und hat in allen Geschossen drei Fensterachsen. In der mittleren Achse des Sockelgeschosses befindet sich ein Nebeneingang in einem kleinen Vorbau, der im Hauptgeschoss als Altan dient. Dessen Fenstertür ist mit einer profilierten Umrahmung mit Ohren und abschließendem Gesims versehen. Die Friese der Nordfassade umziehen auch hier das Gebäude, wobei das Traufgesims des Hauptgeschosses an den Schmalseiten als Gurtgesims wirkt. Den oberen Teil des Dachs mit flachem Lünettenfenster umrahmt ein mit Stuckprofilen angedeutetes Giebeldreieck.
An der Südostseite wird diese Gliederung mit Variationen aufgenommen. Hier ist über dem ebenfalls dreiachsigen Sockelgeschoss die Wand des Hauptgeschosses wegen des dahinterliegenden Festsaals fensterlos, während sich das Dachgeschoss mit vier Fensterachsen in Richtung der Behlertbrücke und des Brückenpächterhauses öffnet. In der mittleren Achse des Sockels befindet sich eine Tür, zu der einige Stufen herabführen.
Auf der dem Garten zugewandten Südwestseite erscheint die hier achtachsige Fassade zweigeschossig, da hier ein breites, vierfenstriges Zwerchhaus den größten Teil des Unterdachs einnimmt. Die mittleren vier Fensterachsen der Fassade sind leicht zurückgesetzt und wie der straßenseitige Risalit mit einer zarten Putzquaderung versehen. Alle Fensteröffnungen des Haupt- und Mansardgeschosses besitzen ebenso wie die beiden mittleren Glastüren profilierte Umrahmungen mit Ohren; im Hauptgeschoss werden sie zusätzlich von einem abschließenden Gesims als Fensterverdachung bekrönt. Das Zwerchhaus wird von einem flachen, schlichten Giebeldreieck mit Akroterien abgeschlossen. Mittig ist dem Baukörper des Palais eine geschwungene zweiläufige Freitreppe vorgelegt, unter deren Podest zwei rundbogige Glastüren in das Sockelgeschoss führen. Das Treppengeländer ist ähnlich den Brüstungen der Fenstertüren in zurückhaltenden Formen aus Metall gefertigt.
Innenräume mini|Hauptgeschossgrundriss des Palais Lichtenau: Gartensaal, Ovales Kabinett, Festsaal, Rosenholzzimmer Im Inneren des Palais Lichtenau ist die Raumeinteilung des Hauptgeschosses erhalten geblieben. Einige Innenräume besitzen noch ihre außerordentlich qualitätvollen Originalfassungen. Die beiden großen Glastüren auf der Gartenseite führen von der Freitreppe direkt in den zentralen Gartensaal, der im Norden in einen durch zwei Arkaden abgeteilten Korridor übergeht. Dieser Korridor durchzieht das Hauptgeschoss nach Westen und endet in der Fenstertür des kleinen Altans am Westgiebel, wo sich auch das im 19. Jahrhundert eingefügte HaupttreppenhausÜberreste einer ornamentierten Deckenvoute unter späteren Verkleidungen belegen die vor dem Einbau der Treppe vorhandene repräsentative Raumdekoration. befindet. Beiderseits des Flurs befinden sich zwei Räume auf der Süd- und drei auf der Nordseite.
Von dem mit einer illusionistischen Ausmalung versehenen Gartensaal aus gelangt man durch die Arkaden des Korridors, deren erhaltene Deckenfassungen jeweils ein in feinen Grau-Blau-Schattierungen gemaltes Muschelmotiv zeigen, in das straßenseitige sogenannte Rosenholzzimmer, dessen Holzvertäfelung vollständig erhalten ist. Ein Rahmenwerk aus Wurzelholzfurnier gliedert die Wandflächen und umfasst große, aus einheimischen Hölzern gefertigte Tafeln. Die Supraporten bilden geschnitzte Gefäßmotive mit Arabesken, welche der Bildhauer Johann Christian Angermann schuf und die unter anderem auch bei der zeitgenössischen Wedgwood-Keramik verwendet wurden. Zwei gemalte Friese umrahmen die in Ocker-, Grau- und Brauntönen gehaltene Kassettendecke: In der Voute des Deckenansatzes gehen Ranken in ein Greifenmotiv über, während der das Deckenfeld rahmende Fries Stäbe mit stilisiertem Blattwerk und in den Ecken Rosetten zeigt. Im Rosenholzzimmer ist ein Tonofen aus der Erbauungszeit erhalten geblieben, der mit gotisierenden Formen verziert ist.
Im sich östlich anschließenden kleineren Zimmer ist unter neuzeitlichen Tapetenresten eine Wandfassung mit rechteckigen gerahmten Feldern und gemalten Thyrsosstäben erkennbar.
Auf der Südseite liegt südöstlich des Gartensaals das ebenfalls in seiner Raumfassung vollständig bewahrte Ovale Kabinett. Es wird von vier diagonal angeordneten, nahezu raumhohen Rundbogennischen gegliedert. Die zwischen den Nischen und den Tür- und Fensteröffnungen verbleibenden Wandstreifen zeigen eine freie Variation des Thyrsosmotivs mit Dreifußständern, Figuren, Porträtmedaillons, Perlenschnüren, Akanthusblättern und bekrönenden Zapfen. Darüber erscheinen Konsolen mit eckigen Voluten und dazwischen jeweils ein Feston mit Rosette. Die auf den querovalen Supraporten dargestellten Opferszenen erinnern an antike Reliefs oder Gemmen. Ein neugotisches Kreuzblumenband schließt die Wandfläche zum leicht ausladenden Deckengesims ab. Die Decke selbst ist mit einer spiralförmigen Kassettierung bemalt. Die Farbigkeit des Raums wird aus fein abgestimmten hellen Tönen sowie braunen Wandstreifen und tiefgrünen Wänden gebildet. Der Dekorationsmaler Johann Carl Wilhelm Rosenberg (1737–1809) schuf die Wanddekorationen dieses Raums.
Der östlich an das Ovale Kabinett grenzende Festsaal nimmt die gesamte Haustiefe auf der Südostseite ein und besitzt je zwei Fenster auf der Nordost- und Südwestseite. Der gesamte Raum ist spiegelsymmetrisch gegliedert: An der westlichen Saalwand enden die garten- und straßenseitigen Enfiladen mit zweiflügligen Türen; in der Mitte dieser Wand führt eine gleichartige Tür zur bauzeitlichen Wendeltreppe in der Verlängerung des Korridors. Die gegenüberliegende Wand hinter dem Ostgiebel ist mit entsprechenden Türöffnungen versehen, die dort aber lediglich Wandschränke verbergen. Zwischen den Türen sind auf der West- und Ostseite jeweils zwei halbrunde Nischen angeordnet. In den Nischen der Südostwand stehen Nachgüsse der Skulpturen der sogenannten Lykomedestöchter, in denen der Nordwestwand befinden sich Kamine.