mini|Synagoge in Köln, Roonstraße (2006) Die Schändung der Synagoge in Köln ereignete sich an Heiligabend 1959. Zwei DRP-Mitglieder, Arnold Strunk und Franz Josef Schönen, beschmierten die erst am 20. September 1959 wiedereröffnete Synagoge Köln mit Hakenkreuzen und der Aufschrift „Deutsche fordern: Juden raus“. Es folgte eine Welle antisemitischer Schmierereien in der ganzen Bundesrepublik.Hakenkreuzschmiererein in der BRD, Deutschlandradio am 24. Dezember 2009, abgerufen am 15. Oktober 2016.
Reaktionen Werner Höfer wollte direkt an Weihnachten mit dem Innenminister von Nordrhein-Westfalen, Josef Hermann Dufhues, im Kölner Funkhaus ein Interview dazu führen. Dufhues lehnte dies zwar ab, empfing aber ein Filmteam in sein Haus in Bochum und erklärte, dass alle anständigen Deutschen angesichts dieser Tat Abscheu empfänden.
In seiner Rede zur Gedenkfeier im ehemaligen Konzentrationslager Bergen-Belsen am 2. Januar 1960 bedauerte Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) den Vorfall und versicherte, sich mit ganzer Kraft dafür einzusetzen, dass sich die nationalsozialistischen Verbrechen nicht wiederholen werden. Am 16. Januar 1960 gab Adenauer, der bis 1933 Oberbürgermeister von Köln war und die Stadt gut kannte, eine Rundfunkerklärung zu der Schändung in Köln ab, die unter dem Titel Im deutschen Volk hat der Nationalsozialismus keine Wurzel abgedruckt wurde.kas.de: 16. Januar 1960: Fernseherklärung Konrad Adenauers zur Schändung der Synagoge in Köln (Quelle: Bulletin des Presse- und Informationsamts der Bundesregierung Nr. 11, 19. Januar 1960, S. 89.) Im Frühjahr 1960 veröffentlichte die Bundesregierung unter dem Titel Die antisemitischen und nazistischen Vorfälle in der Zeit vom 25. Dezember 1959 bis zum 28. Januar 1960 ein Weißbuch, das fast 700 Anschläge dokumentiert.
Die beiden Täter vom Heiligabend 1959 wurden wegen Sachbeschädigung zu zehn bzw. 14 Monaten Haft verurteilt. Unter dem Eindruck dieser Vorfälle verabschiedete der Bundestag 1960 ein Gesetz gegen Volksverhetzung.
Die internationale antisemitische "Schmierwelle" und ihre Folgen Nur wenige Tage nach der Schändung der Kölner Synagoge wurden während der darauffolgenden zwei Monate sowohl in der Bundesrepublik als auch in zahlreichen Ländern, wie u.a. Argentinien, den USA, vielen westeuropäischen Ländern, Israel, Australien und Neuseeland, Orte jüdischen Lebens sowie öffentliche Orte mit Hakenkreuzen und antisemitischen Parolen "beschmiert".
In Großbritannien wurde über Vorfälle im Zusammenhang mit der "Schmierwelle" berichtet, die sich gegen deutsche Arbeitnehmer und deutsche Produkte richteten.
In Frankreich wurden landesweit mehrere hundert Hakenkreuze gezählt. Am 10. Januar 1960 fand vor dem Mémorial du Martyr Juif Inconnu (Denkmal für den unbekannten jüdischen Märtyrer, heute Teil des Mémorial de la Shoah) ein Marsch mit 30.000 Parisern statt. Der Aufruf zur Teilnahme war unter anderem vom MRAP, vom CRIF, von der LICA, von der CGT und von der CFTC ausgegangen. Verschiedene französische Zeitungen berichteten über die antisemitische "Schmierwelle" ("vague" de croix gammées): Le Monde deutete sie als internationales Phänomen, Le Figaro als vor allem deutsches Problem, die kommunistische L'Humanité als Ausdruck der unbewältigten NS-Vergangenheit Deutschlands und die rechtsextreme Rivarol interpretierte das Ereignis als kommunistische Verleumdungskampagne aus "dem Osten".
Literatur Michael Becker/Gottfried Oy/Christoph Schneider: Die Welle als Muster. Sechs Thesen zur anhaltenden Bedeutung der „antisemitischen Wellte“ 1959/1960, in: Sozial.Geschichte Online 28 (2020), S. 199–146. Werner Bergmann: Antisemitismus als politisches Ereignis. Die antisemitische Schmierwelle im Winter 1959/1960. In: Werner Bergmann/Rainer Erb (Hrsg.): Antisemitismus in der politischen Kultur nach 1945, Opladen 1990, S. 253–275. Simon Epstein: Cyclical Patterns in Antisemitism. The Dynamics of Anti-Jewish Violence in Western Countries since the 1950s, Jerusalem 1993 (= Acta/Analysis of Current Trends in Antisemitism 2). Philipp Grehn: 24. Dezember 1959. Hakenkreuze an Weihnachten. In: Martin Langebach (Hrsg.): Protest. Deutschland 1949–2020. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2021, S. 156–157.
Weblinks Michael Lausberg: Schändung der Kölner Synagoge vor 55 Jahren- ein kritischer Rückblick, Hagalil, 12/2014
Einzelnachweise
Kategorie:Antisemitismus in Deutschland Kategorie:Judentum in Köln Kategorie:Ereignis 1959