mini|Hans Christoph Binswanger als Gast in einer TV-Sendung (1972) Hans Christoph Binswanger (* 19. Juni 1929 in Zürich; † 18. Januar 2018 in St. Gallen) war ein Schweizer Wirtschaftswissenschaftler. Er entwickelte die Idee einer ökologischen Steuerreform und galt als profilierter nicht-marxistischer Geld- und Wachstumskritiker.
Leben mini|Hans Christoph Binswanger (links) im Gespräch mit Markus Schwaninger (2013) Hans Christoph Binswanger studierte Volkswirtschaftslehre in Zürich und Kiel. Er promovierte 1956 an der Universität Zürich; 1967 erfolgte seine Habilitation an der Handelshochschule in St. Gallen (HSG, heute Universität St. Gallen).
Er lehrte von 1969 bis zu seiner Emeritierung 1994 als ordentlicher Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität St. Gallen. Von 1967 bis 1992 war er Direktor der Forschungsgemeinschaft für Nationalökonomie (FGN-HSG), seit 1980 geschäftsführend. Von 1992 bis 1995 wirkte er als Direktor des neu gegründeten Instituts für Wirtschaft und Ökologie (IWÖ-HSG). Binswanger sass als Beirat im Forum Ökologisch-Soziale MarktwirtschaftBeiratsmitglied Prof. Dr. Binswanger verstorben, Pressemitteilung, foes.de, 23. Januar 2018. und war Gründungsmitglied der Vereinigung für Ökologische Ökonomie.Nachruf auf Hans Christoph Binswanger, voeoe.de, 24. Januar 2018. Er war der Doktorvater von Josef Ackermann, dem früheren Vorsitzenden des Vorstands der Deutschen Bank.Benedikt Fehr & Holger Steltzner: Josef Ackermann und Hans Christoph Binswanger: „Es fehlt das Geld. Nun gut, so schaff es denn!“. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 30. Juni 2009 Ackermann hielt 1994 die Laudatio anlässlich der Verleihung des Dr.-Brandenberger-Preises.
Er war der Sohn des Schriftstellers Robert Binswanger und der Malerin Margarethe Goetz sowie Vater des Wirtschaftswissenschaftlers Mathias Binswanger. Der bekannte Psychiater und Begründer der Daseinsanalyse, Ludwig Binswanger, war sein Onkel.
Seine nachgelassenen Unterlagen befinden sich im Universitätsarchiv St. Gallen (Dokumente zur beruflichen, wissenschaftlichen und politischen Tätigkeit) sowie im Familienarchiv Binswanger (Privatunterlagen).
Arbeits- und Forschungsschwerpunkte
Zu seinen Arbeits- und Forschungsschwerpunkten zählten Umwelt- und Ressourcenökonomie, Geldtheorie, Geschichte der Wirtschaftstheorie und Europäische Integration. Sein Hauptinteresse galt seit den 1960er Jahren dem Zusammenhang von Ökonomie und Ökologie – das „Spannungsfeld zwischen Natur und Geld“. In seiner Forschung hat Binswanger die Grenzen der eigenen Disziplin immer wieder überschritten. So legte er beispielsweise mit seinem Werk Geld und Magie eine geldtheoretische Deutung von Goethes Faust vor. Er gilt als profilierter Kritiker der Nationalökonomie und angesehener Umweltökonom, ist aber auch einem breiteren Publikum bekannt geworden, beispielsweise innerhalb der wachstumskritischen Bewegung.
Binswanger argumentierte, die Modelle der Wachstumstheorie würden den Produktionsfaktor Natur (bzw. Energie) übersehen, beispielsweise in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung. Da Wachstum immer Natur verbrauche, fordert er, durch Änderungen des Wirtschaftssystems das Wachstum zu bremsen. Aktiengesellschaften, die auf fortwährenden Gewinn ausgerichtet seien, seien zu reformieren bzw. durch andere Unternehmensformen zu ersetzen: Genossenschaften oder Stiftungen, die weniger Wachstumsdynamik entfalteten. Seine Idee der ökologischen Steuerreform versucht, die Natur als eigenständigen „Sozialpartner“ an der volkswirtschaftlichen Wertschöpfung sichtbar werden zu lassen.
Binswanger sieht Geld in einer Doppelfunktion: als Zahlungsmittel und Kapital. Er plädiert nicht für ein Ende des Wachstums, sondern für ein reduziertes Wachstum.„Das Wachstum muss verringert werden – aber nicht auf Null.“, Interview mit Bernd Ludermann in den welt-sichten vom September 2008. Seine Wirtschaftstheorie sei ein Gegenmodell zur neoklassischen Theorie, führt er in Die Wachstumsspirale aus, das seine Erkenntnisse zusammenfasst und den Zusammenhang zwischen Wachstumsdynamik, Geldschöpfung und Zerstörung der Naturgrundlagen beleuchtet.Ulrich Busch: Rezension der Wachstumsspirale. In: Utopie kreativ, Juni 2007, S. 571. Laut Binswanger ist die Geldschöpfung der Motor des Wachstums, aus dem allerdings ein Zwang zu weiterem Wachstum entstehe. Ein Unternehmer, der etwas herstellen wolle, brauche Kapital, um Arbeit, Maschinen und Rohstoffe kaufen zu können. Dies Geld werde ihm als Kredit von Banken zur Verfügung gestellt. Der Wachstumszwang entstehe, weil die Gewinne, die die Unternehmen heute machten, die Investitionen von gestern rechtfertigen müssten. Heute liessen sich aber für alle nur Gewinne erzielen, wenn auch genügend Kaufkraft vorhanden sei, also müsse auch heute wieder neu investiert werden in zusätzliche Arbeitskraft oder höhere Löhne. Diese Investition rechne sich erst morgen, wo dann wieder investiert werden müsse. „Wachstum verlangt weiteres Wachstum.“ Eine stationäre Wirtschaft mit Null-Wachstum sei nicht mehr möglich, sondern entweder Wachstum oder eine gefährliche Schrumpfung.Niko Paech: „Woher kommt der Wachstumszwang?.“ GAIA-Ecological Perspectives for Science and Society 16.4 (2007): 299–300.
Binswanger gibt das Wirtschaftswachstum, das weltweit notwendig sei, mit 1,8 Prozent an.Hans Christoph Binswanger: Wachstumszwang und Nachhaltigkeit. Die Feststellung des Konflikts als Voraussetzung seiner Lösung. Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung zur Postwachstumsökonomie an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg am 12. November 2008 (PDF; 235 kB)Stephan Kosch: Wirtschaftsexperte kritisiert den Wachstumszwang: „Wir müssen bremsen“. In: die tageszeitung. 4. Dezember 2009 Seine These, dass aus der Verwendung von Kreditgeld ein Zwang zu Wachstum entsteht, wird allerdings von anderen Autoren bezweifelt.Oliver Richters, Andreas Siemoneit: Consistency and Stability Analysis of Models of a Monetary Growth Imperative. Ecological Economics 136, Juni 2017, S. 114–125, . Preprint als VÖÖ Discussion Paper 1, Februar 2016.Sebastian Strunz, Bartosz Bartkowski und Harry Schindler 2017: Is there a monetary growth imperative? In: P. A. Victor und B. Dolter (Hrsg.), Handbook on growth and sustainability. Cheltenham: Edward Elgar, S. 326–355. Als Ausweg plädiert er dafür, dass nur noch die Zentralbanken Geld schöpfen dürfen, um so die Menge des Geldes zu begrenzen. Er knüpft damit an die Idee eines „Vollgeldes“ an, wie es der Soziologe Joseph Huber entwickelt hat, und verbindet sie mit seiner Intention einer Reduzierung des Wachstums.
Den Grund, warum die Neoklassik erfolgreich wurde, sieht Binswanger darin, dass sie für die Besitzenden eine angenehme Theorie sei. Er behauptet, die Neoklassik sei als radikale Abkehr von der Klassik konzipiert worden, um die Marxschen Analysen zu verdrängen, die weitgehend auf der Klassik fussten.Robert von Heusinger: IWF-Chefvolkswirt Blanchard: Das revolutionäre Papier. In: Frankfurter Rundschau. 1. März 2010, abgerufen am 27. Oktober 2012. Er regt an, über ein bedingungsloses Zusatzeinkommen nachzudenken, das als umlaufgesichertes Geld ausgezahlt wird.
Ehrungen
Binswanger konnte zahlreiche Ehrungen entgegennehmen: die Bodo-Manstein-Medaille des BUND (1980),Notizen. In: Schweizer Monatshefte 73(2), 1993, S. 175. Die Bodo-Manstein-Medaille wird dort auch als Bundesnaturschutzpreis bezeichnet. den Grossen Binding-Preis für Natur- und Umweltschutz (Liechtenstein, 1986), die Ernennung zum Ehrensenator der Wirtschaftsuniversität Wien (1994), den Preis der Stiftung Dr. J. E. Brandenberger (1994),Stiftung Dr. J. E. Brandenberger: Bisherige Preisträger, abgerufen am 10. April 2018. die Ernennung zum Ehrenvorsitzenden der Herbert-Gruhl-Gesellschaft e. V. (2003)Herbert-Gruhl-Gesellschaft: . Abgerufen am 23. August 2016. und den Adam-Smith-Preis für marktwirtschaftliche Umweltpolitik (2004).Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft: FÖS verleiht Adam-Smith-Preis an Binswanger. 2. Juli 2004 (PDF; 47 kB)
Hans-Christoph-Binswanger-Preis
Im Gedenken an Binswanger verleiht die Universität St. Gallen seit 2019 den Hans-Christoph-Binswanger-Preis, bis 2020 in Kooperation mit dem Bundesverband Deutscher Volks- und Betriebswirte. 2019: Simon Mugier für seine Dissertation zur soziologischen Bedeutung der ökonomischen Theorie Binswangers.BDVB, Universität St. Gallen: Hans Christoph Binswanger Preis 2020. Ausschreibung.Simon Mugier: Wirtschaftswachstum und soziale Frage. Zur soziologischen Bedeutung der ökonomischen Theorie von Hans Christoph Binswanger. (= Wirtschaftswissenschaftliche Nachhaltigkeitsforschung. Band 20). Metropolis, Marburg 2019, ISBN 978-3-7316-1383-1. 2020: Oliver Richters für seine kumulative Dissertation „Between bounded rationality and economic imperatives: essays on out-of-equilibrium dynamics“.Pressemitteilung des Bundesverbandes Deutscher Volks- und Betriebswirte e. V.: Muss die Wirtschaft wirklich wachsen?. 2. November 2020 (PDF; 194 kB).Oliver Richters: Between bounded rationality and economic imperatives: essays on out-of-equilibrium dynamics. Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, Fakultät Informatik, Wirtschafts- und Rechtswissenschaften, Juni 2020, hdl:10419/228534. 2023: Andreas Friedolin Lingg für seine Monographie „Die Entdeckung der Wirtschaft: der mittelalterliche Bergbau und die Vermehrung der Welt“.Hans Christoph Binswanger Preis 2023 geht an Andreas Lingg. Pressemitteilung der Universität St. Gallen, 18. September 2023.Andreas Friedolin Lingg: Die Entdeckung der Wirtschaft: der mittelalterliche Bergbau und die Vermehrung der Welt. Konstanz University Press, Konstanz 2023, ISBN 978-3-8353-9164-2.
Jurymitglieder waren Elisabeth Allgoewer, Johannes Binswanger, Mathias Binswanger, Arthur Braunschweig, Thomas Dyllick, Martin Kolmar, Marco Lehmann-Waffenschmidt, Ernst Mohr und Judith Ströhle.2020: Ausschreibung. 2023: Ausschreibung.
Veröffentlichungen Die europäische Wirtschaftsintegration durch partielle Unionen. Mit besonderer Berücksichtigung der Kohle- und Stahlindustrie. Dissertation. Keller, Winterthur 1957. Markt und internationale Währungsordnung. Ein Beitrag zur Integration von allgemeiner Gleichgewichtstheorie und monetärer Theorie. Mohr, Tübingen 1969. mit Hans Manfred Mayrzedt: Europapolitik der Rest-EFTA-Staaten. Österreich, Schweden, Schweiz, Finnland, Island, Portugal. Schulthess Polygraphischer Verlag, Zürich 1972. als Hg.: Die europäische Agrarpolitik vor neuen Alternativen. Haupt, Bern/Stuttgart 1977, ISBN 3-258-02548-7. als Hg. mit Werner Geissberger und Theo Ginsburg: Der NAWU-Report: Wege aus der Wohlstandsfalle. Strategien gegen Arbeitslosigkeit und Umweltkrise. S. Fischer, Frankfurt 1978, ISBN 3-10-006401-1; Taschenbuchausgabe: Wege aus der Wohlstandsfalle. Der NAWU-Report, Strategien gegen Arbeitslosigkeit und Umweltzerstörung. ebenda. 1979, ISBN 3-596-24030-1. Eigentum und Eigentumspolitik. Ein Beitrag zur Totalrevision der Schweizerischen Bundesverfassung. Schulthess Polygraphischer Verlag, Zürich 1978, ISBN 3-7255-1879-3. mit Holger Bonus und Manfred Timmermann: Wirtschaft und Umwelt. Möglichkeiten einer ökologieverträglichen Wirtschaftspolitik. Kohlhammer, Stuttgart [u. a.] 1981, ISBN 3-17-007353-2. Geld und Wirtschaft im Verständnis des Merkantilismus. In: Fritz Neumark (Hrsg.): Studien zur Entwicklung der ökonomischen Theorie II. Geschichte merkantilistischer Ideen und Praktiken. Duncker und Humblot, Berlin 1982, ISBN 3-428-05110-6. mit Heinz Frisch, Hans G. Nutzinger, Bertram Schefold, Gerhard Scherhorn, Udo E. Simonis und Burkhard Strümpel: Arbeit ohne Umweltzerstörung. Strategien für eine neue Wirtschaftspolitik. Eine Publikation des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland e. V. (BUND). S. Fischer, Frankfurt 1983, ISBN 3-10-006403-8; überarbeitete Fassung als Taschenbuch ebenda 1988, ISBN 3-596-24189-8.