mini|Die Schlosskapelle in Torgau Die denkmalgeschützte Torgauer Schlosskapelle auf Schloss Hartenfels in Torgau Landkreis Nordsachsen, auch bekannt als Torgauer Schlosskirche, entstand 1544 unter beratender Mitwirkung des Reformators Martin Luther und galt lange Zeit als erster an die lutherische Lehre angepasste Kirchbau. Der Baukörper der Kapelle hebt sich aus der Schlossanlage nur durch das Portal hervor, der Eindruck des Raumes ist geprägt von den liturgischen Erfordernissen mit Predigt, Gemeindegebet und Sakramentsliturgie.Baukörper Die Evangelisch-lutherische Kirchengemeinde Torgau nutzt die Kapelle.
Geschichte und Architektur mini|hochkant|Portal der Schlosskirche Torgau mit dem Residenzschloss wurde in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts zum Zentrum der Reformation. Kurfürst Johann Friedrich der Großmütige ließ 1544 einen Raum für Gottesdienste neu errichten, der in die Fassadengestaltung des Schlossflügels einbezogen war. Nur das Portal des Torgauer Bildhauers Simon Schröter lässt den Raum vom Hof her als sakralen Bau erkennen. Die Kapelle ist zwischen dem Hofstubenbau und dem mittelalterlichen Bergfried eingeschoben, sie sollte kein besonderes Haus sein, „als wäre sie besser denn andere Häuser, wo man Gottes Wort predigt“, wie Luther in seiner Predigt zur Einweihung sagte.D. Martin Luthers Werke, Weimarer Ausgabe; Kritische Gesamtausgabe Band 49, Weimar 1913, S. 588–615; hier S. 592; Doct. Martinus Luther: Einweyhung eines Newen Hauses zum Predigampt Göttlichs Worts erbawet / Im Churfürstlichen Schloss zu Torgaw. Wittenberg 1546 – Reprint zum 450. Kirchweihjubiläum der Schloßkirche im Oktober 1994; hg. Ev. Kirchengemeinde Torgau, 1994; Martin Luther: Einweihung eines neuen Hauses zum Predigtamt göttlichen Worts, erbaut im kurfürstlichen Schloss zu Torgau (1546), Notger Slenczka, Übertragung: Jan Lohrengel; in: Martin Luther: Deutsch-Deutsche Studienausgabe (DDStA), Band 2, Herausgegeben von Dietrich Korsch und Johannes Schilling; Leipzig 2015, S. 851–891. In diesem protestantischen Kirchengebäude verwirklichte Luther sein geistliches Programm der Reformation anschaulich in Kunst und Architektur.Torgauer Geschichtsverein e. V. und Evangelische Kirchengemeinde Torgau (Hg.): Die Schloßkirche zu Torgau. Beiträge zum 450jährigen Jubiläum der Einweihung durch Martin Luther am 5. Oktober 1544; Torgau 1994. Der Baumeister Nickel Grohmann setzte mit betonter Schlichtheit die Ideen um. Bis in die heutige Zeit ist der Raum als Quersaalkirche mit der Kanzel an einer Längsseite und dem Altartisch an einer Schmalseite fast unverändert erhaltenAbbildung von 1675 in: Torgauischer Catechismus / oder Fürstlicher und anderer Gottfürchtiger Kinder Hand-Buch / : Darinnen zu finden Fragen und Antwort über D. Luth. Catechismum / item Fest-Fragen / Biblische Glaubens- wie auch Christliche Reim-Sprüche und Gebet / [et]c. Erstlich A.C. 1594 ... zu Torgau gedruckt, Jetzo aber auff des ... Churfürstens zu Sachsen / Hertzog Johan[n] Georgen des II. ... Befehl / ... Auffs neue übersehen und vermehret / mit schönen Kupffern gezieret / und zum sechsten mal auffgelegt: Torgau 1675, S. 234 [Abb. XVI] (Digitalisat) – die lose Einzelbestuhlung wird meist jedoch in Altarausrichtung gestellt –, er diente vielen anderen protestantischen Gebäuden als Vorbild. Lucas Cranach der Ältere, der auch die Skizzen für die Bildmotive der Kanzel anfertigte, plante mit seiner Werkstatt die gesamte Farbgestaltung.
Luther weihte die Kirche am 5. Oktober 1544 ein.Georg Piltz: Kunstführer durch die DDR, 7. Auflage, 1976, Urania Verlag, VLN 212-475/56/76, S. 437. Die „Weihe“ geschah – Luthers liturgischen Vorstellungen folgend – ausdrücklich nicht durch das herkömmliche Zeremoniell der Konsekration (Kirchweihe, Altarweihe), die in der katholischen Kirche nur vom zuständigen Bischof oder seinem Vertreter vorgenommen wurde und wird, sondern allein durch die evangelischen Schwerpunkte Predigtwort, Lobgesang der Gemeinde und Gebet – wie Luther in der Torgauer Einweihungspredigt betont: „Es soll dies Haus dahin gerichtet sein, das nicht anderes darin geschehe, denn daß unser lieber Herr selbst mit uns rede durch sein heiliges Wort, und wir wiederum mit ihm reden durch Gebet und Lobgesang“. Aus dieser später sogenannten Torgauer Formel ergibt sich, dass Gottesdienst für Luther aus Wort und Antwort, also aus Kommunikation, besteht und ein Beziehungsgeschehen zwischen Gott und dem Menschen ist. Der „Kantor der Reformation“ Johann Walter komponierte mit der Vertonung des 119. Psalm die Musik zur Einweihung..
Die Kapelle befindet sich im elbseitigen Flügel B von Schloss Hartenfels und erstreckt sich auf einem rechteckigen Grundriss über drei Geschosse. Sie wird von einem Rippengewölbe überfangen. Die beiden Längsseiten werden gegliedert durch die umlaufenden Emporen, die sich zwischen den jeweils drei Wandpfeilern in Arkaden öffnen. Die erste Empore gegenüber dem Eingangsportal trägt die Kanzel. Der Schalldeckel im Bereich der zweiten Empore war ursprünglich wohl auch figürlich gestaltet. An der zweiten Empore der westlichen Wand befindet sich die Orgel, die eine senkrechte Achse mit dem Altar bildet. Der Altar zeigt nicht gen Osten, sondern nach Westen. An der östlichen Empore befindet sich ein Zugang zum Gemach des Kurfürsten. Die zweite Empore darüber verfügte ursprünglich über einen Durchgang zum Gemach der Kurfürstin. Heute ist in diesem Bereich nur noch die benachbarte Betnische erhalten, die im Geschoss darunter verloren ist. Die Empore wird geziert durch ein Gitter, das im 17. Jahrhundert eingebracht worden ist. Der Standpunkt auf der Empore liegt leicht über jenem des Predigers in der Kanzel und symbolisiert so erstmalig und vorbildhaft die Hierarchie des landesherrlichen Kirchenregiments.
In dem Saal zu drei Geschossen stehen zwei umlaufende Emporen aus Stein. Die Gewölbe sind Stern- und Netzgewölbe. Die Halle ist 23 Meter lang, 11 Meter breit und etwa 14 Meter hoch. Bevor die Kirche am 31. Oktober 1930 zur Luther-Gedächtniskirche gewidmet wurde, fand eine umfangreiche Renovierung statt.
Ältester lutherischer Kirchenneubau? Die Torgauer Schlosskapelle wird häufig als der erste evangelische Kirchenneubau der Welt bezeichnet, jedoch wurde die seit 1624 katholische Kirche St. Joachim und St. Anna im böhmischen Sankt Joachimsthal bereits 1534–1540 erbaut. Die bei Baubeginn und mit der Konsekration 1542 noch für den katholischen Gottesdienst geschaffene Schlosskapelle Neuburg an der Donau wurde am 25. April 1543 erstmals protestantisch genutzt. Neueste ForschungenUlrich Zimmermann: Die Predigtkirche und die Querkirche - Protestantischer Kirchenbau in Württemberg. Eine Studie zur Geschichte und Theologie des Kirchenraums und zur Entstehung zweier Kirchenbautypen; Ubstadt 2025, S. 95–108 (Die Tübinger Schlosskirche - der erste Kirchenbau nach der Reformation) - ISBN 978-3-95505-592-9 nennen mit der noch etwas ungenauen Datierung „um 1535“ die Tübinger Schlosskirche als wahrscheinlich erste und älteste protestantische Kirche überhaupt seit der Reformation. Was die Torgauer Schlosskapelle in architektonischer und reformationsgeschichtlicher Hinsicht einzigartig macht, ist die Einweihung durch Martin Luther und die damit verbundene paradigmatische Vorbildwirkung für spätere landesherrliche Schlosskapellen zunächst in Dresden, Augustusburg, Schwerin und Stettin sowie später auch in Koldinghus oder Schmalkalden. Die Torgauer Kapelle steht in der Tradition mittelalterlicher Burg- und Schlosskapellen sowie spätgotischer sächsischer Hallenkirchen, erscheint jedoch in „neuartigen Zügen, nämlich von der Renaissance geprägt“. Als paradigmatisch für die unmittelbaren Nachfolgebauten gelten der einheitliche Kirchenraum mit den Arkaden zwischen den Wandpfeilern, die umlaufenden Emporen tragen sowie die axiale Anordnung der liturgischen Prinzipalstücke Altar, Kanzel und Orgel. Die entscheidenden Neuerungen, welche die Torgauer Kapelle als lutherischen Leitbau kennzeichnen, werden im Konzept und der Struktur der Raumbildung und der Innenausstattung gesehen.
Ausstattung mini|hochkant|Der Altaraufsatz nach der Sanierung Die Bildhauer Simon Schröter und Stephan Hermsdorf schufen 1544 den ursprünglichen Altar. Vier vollplastischen Figuren, die als Engel gestaltet sind, tragen die Mensa (Tischplatte). Im 16. Jahrhundert hatte der Altar noch ein Retabel aus der Cranach-Werkstatt mit der Darstellung des Gebetes im Garten Gethsemane, der Fußwaschung sowie des letzten Abendmahles.Im 17. Jahrhundert tauschte man das Retabel gegen einen Aufsatz aus Alabaster mit reichem Figurenschmuck. Dieser wurde 1662 aus der Dresdner Schlosskapelle nach Torgau verbracht, wo er einem Umbau im Weg war. Im Mittelteil aus den Niederlanden (1554/55) zeichnen die Bilder die Heilsgeschichte Gottes mit den Menschen nach: Aufrichtung der Ehernen Schlange als Schutzzeichen, Jesu Geburt und Anbetung der Hirten, Christus am Kreuz und die Ausgießung des Heiligen Geistes. Darüber links: Sündenfall, rechts: Vertreibung aus dem Paradies. Die rahmenden Teile aus Elbsandstein sind Erweiterungen aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. In den Nischen finden sich Skulpturen-Fragmente von Johannes dem Täufer und Moses. Im Predella-Stein das Letzte Abendmahl Jesu.Der Altaraufsatz wurde 1943 zum Schutz vor Kriegsschäden abgebaut und 1945 durch Brand und Löschwasser schwer beschädigt. Auch der Tisch wurde dabei stark beschädigt, heute steht eine Kopie in der Schlosskapelle. Der Aufsatz wurde saniert und 2017, aufgrund veränderter Abmessungen des Orgelprospekts, im nördlichen Bereich der Westwand neben der Sakristei aufgestellt.AltarGeschichte des Dresdener Altares.
mini|hochkant|Die Kanzel Die Kanzel hängt gegenüber dem Portal, der Korb aus dem 16. Jahrhundert ist eine Arbeit des Bildhauers Simon Schröter. Die Reliefdarstellungen zeigen Szenen aus dem Leben Jesu: Die Vertreibung der Geldwechsler aus dem Tempel (Sola fide), Jesus und die Ehebrecherin (Sola gratia) und der zwölfjährige Jesus im Tempel (sola scriptura).Die Kanzel Das vierte „Sola“, die Illustration zu Solus Christus befand sich ursprünglich auf dem Schalldeckel. Die Darstellung der Taufe Christi ging aber früh verloren.