Die Mittelhochdeutsche Begriffsdatenbank (MHDBDB) ist eine frei zugängliche, international genutzte digitale Forschungsinfrastruktur der Paris Lodron Universität Salzburg zur Untersuchung mittelalterlicher deutscher Sprache und Literatur. Sie verbindet ein elektronisches Textkorpus mit einem Wörterbuch, semantischen Begriffssystemen und Werkzeugen zur computergestützten Textanalyse. Das Projekt geht auf Arbeiten von 1972 zurück und gehört zu den frühen Anwendungen der Digital Humanities in der germanistischen Mediävistik.Katharina Zeppezauer-Wachauer: 50 Jahre Mittelhochdeutsche Begriffsdatenbank (MHDBDB). Eine Jubiläums-Zeitreise zwischen Lochkarten, Pixel-Drachen, relationaler Datenbank und Graphdaten. In: Beiträge zur mediävistischen Erzählforschung, Themenheft 12, 2022, S. 161–186, doi:10.25619/BME20223203.Gabriel Viehhauser: Understanding the System in its Entirety? In: Infrastructures of (Non-)Knowledge. transcript, Bielefeld 2026, S. 267–291, insbesondere S. 276–288, doi:10.14361/9783839478462-267. Die aktuelle Forschungsplattform heißt MHDBDB Next.
Geschichte Die Anfänge liegen in Klaus M. Schmidts computergestützten Untersuchungen zum Wortschatz Ulrichs von Liechtenstein von 1972. Daraus entwickelte sich an der Bowling Green State University ein Begriffswörterbuch zur mittelhochdeutschen Literatur, dessen Daten zunächst auf Lochkarten erfasst wurden. 1992 wurde es mit dem Kieler Projekt zu Namen in mittelalterlichen deutschen Texten von Horst P. Pütz zur MHDBDB zusammengeführt.
Im Mai 1995 wurde die MHDBDB anlässlich des International Congress on Medieval Studies in Kalamazoo erstmals über das Internet zugänglich. 1998 erfolgte die Umstellung auf eine relationale Oracle-Datenbank. Nach Verhandlungen ab 2002 wurde das Projekt 2004 in Salzburg installiert. Seit 2016 koordiniert Katharina Zeppezauer-Wachauer die MHDBDB.Katharina Zeppezauer-Wachauer, Christian Steiner: Die Daten sind nicht weg – sie sind nur woanders. Über Verantwortung, Wartbarkeit und Langzeitdenken am Beispiel eines DH-Urgesteins. Vortrag, 2026, doi:10.5281/zenodo.19000397.
Eine weitere Systemgeneration erschloss die Daten mithilfe des Resource Description Framework (RDF) in einer Graphdatenbank. Seit 2025 wird der Datenbestand in einem eigenständig gepflegten TEI-Repositorium weiterentwickelt, das die Grundlage von MHDBDB Next bildet. Die Entwicklung von der Lochkartenerfassung bis zur statischen Webpublikation ist in Veröffentlichungen zur Projektgeschichte und zur langfristigen Erhaltung digitaler Forschungsinfrastrukturen dokumentiert.
Textbasis und semantische Erschließung Das Korpus umfasst 667 TEI-codierte Textdateien; das Wörterbuch enthält rund 44.000 Lemmata (Stand: 2026). Vertreten sind unter anderem Epik, Lyrik, geistliche Prosa, Lehrdichtung und Chroniken. Die digitalen Texte beruhen auf wissenschaftlichen Editionen. Teilweise liegen mehrere Fassungen oder Ausgaben eines Werkes vor. Der Bestand reicht vom 11. bis zum 16. Jahrhundert und umfasst damit auch Texte außerhalb der engeren sprachgeschichtlichen Grenzen des Mittelhochdeutschen.
Kennzeichnend ist die Verknüpfung einzelner Wortvorkommen mit ihrer Grundform, grammatischen Angaben und der jeweiligen Bedeutung im Kontext. Ein hierarchisches Begriffssystem erschließt den Wortschatz nach Bedeutungsfeldern. Dadurch lassen sich semantisch verwandte Ausdrücke unabhängig von ihrer konkreten Wortform untersuchen. Ergänzende Referenzdaten erfassen Personen, Werke, Gattungen, Eigennamen und Schreibvarianten. Der Umfang der Lemmatisierung und semantischen Annotation unterscheidet sich zwischen den Texten.
MHDBDB Next MHDBDB Next verbindet Volltextzugang und Wörterbuch mit Verfahren zur Untersuchung von Wortverteilungen, Kookkurrenzen, Begriffsfeldern und Textähnlichkeiten. Die Plattform wird vom Salzburger Projektteam gemeinsam mit Digital Humanities Craft (DHCraft) entwickelt. DHCraft verantwortet die technische Umsetzung und das Design. Die Weiterentwicklung der MHDBDB wird unter anderem durch CLARIAH-AT, ein österreichisches Konsortium für digitale Forschungsinfrastrukturen in den Geisteswissenschaften, gefördert.;
Die Datengrundlage bilden XML-Dateien nach den Richtlinien der Text Encoding Initiative (TEI). Die Anwendung wird als statische Website bereitgestellt: Korpussuche und integrierte Analysen verarbeiten vorberechnete Indizes direkt im Webbrowser. Ein eigener Datenbankserver ist dafür nicht erforderlich. Mit dieser Architektur verfolgt das Projekt das Ziel, den technischen Betriebsaufwand zu verringern und die Forschungsdaten langfristig unabhängig von einer bestimmten Datenbanksoftware nutzbar zu halten.
Bei der Migration kamen KI-gestützte Verfahren zur Rekonstruktion bestehender Datenstrukturen, zur Transformation und zur Validierung zum Einsatz. Auch die weitere Datenerschließung verbindet automatisierte Verfahren und Sprachmodelle mit philologischer Prüfung.
Wissenschaftliche Nutzung und Dokumentation Die MHDBDB dient der internationalen Forschung als Grundlage für sprach-, literatur- und kulturhistorische Untersuchungen. Ihre Daten werden unter anderem für historische Semantik, automatische Stilanalyse und die Untersuchung mittelalterlicher Versmetrik mit maschinellem Lernen verwendet. Entsprechende Arbeiten entstanden beispielsweise an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und der University of California, Berkeley.Simone Schultz-Balluff: Quantifizierende historische Semantik. Ein methodisches Versuchsfeld entfaltet am Beispiel des Konzeptes ›Dunkelheit‹. In: Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik. Band 55, 2025, S. 39–70, doi:10.1007/s41244-025-00374-5.Phillip Brandes, Sophie Marshall, Felix Schneider: Stilfiguren aus der Distanz gelesen. Zur automatischen Detektion von Wortstellungsfiguren und deren Nutzen für die qualitative Analyse. In: Beiträge zur mediävistischen Erzählforschung, Themenheft 12, 2022, S. 246–282, doi:10.25619/BME20223207.Christopher Hench, Alex Estes: A Metrical Analysis of Medieval German Poetry Using Supervised Learning. In: Frontiers in Digital Humanities. Band 5, 2018, Artikel 19, doi:10.3389/fdigh.2018.00019. An der Princeton University wurde die MHDBDB zudem für Untersuchungen zur lexikalischen Semantik und Phraseologie herangezogen. Gabriel Viehhauser bezeichnete die MHDBDB 2026 als „tremendously worthwhile pioneering project“ (ein außerordentlich wertvolles Pionierprojekt) und behandelte sie als Beispiel für die Bedeutung digitaler Korpora in der Erforschung mittelalterlicher Literatur.
Eine öffentlich zugängliche Zotero-Bibliografie dokumentiert die Quellenbasis und die wissenschaftliche Rezeption der MHDBDB. Die Sammlung „Erwähnende Publikationen“ umfasst 202 bibliografische Einträge zu Veröffentlichungen, die die MHDBDB behandeln, erwähnen oder ihre Daten verwenden (Stand: September 2026). Ergänzende Sammlungen verzeichnen die zugrunde liegenden Texteditionen und die Veröffentlichungen des Projekts.
Korpus, Referenzdaten, Quellcode, Verarbeitungsskripte und technische Dokumentation werden auf GitHub öffentlich bereitgestellt. Versionierte Veröffentlichungen sind zusätzlich auf Zenodo archiviert und über den übergreifenden DOI 10.5281/zenodo.20627656 erschlossen; einzelne Versionen erhalten eigene DOI. Damit können bestimmte Daten- und Softwarestände zitiert und unabhängig von der Weboberfläche weiterverwendet werden. Das veröffentlichte Datenpaket steht unter der Lizenz CC BY-NC-SA 4.0, der Quellcode unter der MIT-Lizenz.
Literatur Klaus M. Schmidt, Horst P. Pütz: Die mittelhochdeutsche Begriffsdatenbank. In: Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur. Band 130, 2001, S. 493–495. Katharina Zeppezauer-Wachauer: 50 Jahre Mittelhochdeutsche Begriffsdatenbank (MHDBDB). Eine Jubiläums-Zeitreise zwischen Lochkarten, Pixel-Drachen, relationaler Datenbank und Graphdaten. In: Beiträge zur mediävistischen Erzählforschung, Themenheft 12, 2022, S. 161–186, doi:10.25619/BME20223203. Simone Schultz-Balluff: Quantifizierende historische Semantik. Ein methodisches Versuchsfeld entfaltet am Beispiel des Konzeptes ›Dunkelheit‹. In: Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik. Band 55, 2025, S. 39–70, doi:10.1007/s41244-025-00374-5. Gabriel Viehhauser: Understanding the System in its Entirety? In: Infrastructures of (Non-)Knowledge. transcript, Bielefeld 2026, S. 267–291, doi:10.14361/9783839478462-267.
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