Der heroische Realismus ist ein Begriff, den der Jurist und nationalsozialistische Politiker Werner Best 1930 einführte, der von Ernst Jünger popularisiert wurde und eine Haltung und Weltanschauung bezeichnet. Gemeint ist eine Haltung des „Aushaltens auf verlorenem Posten“. Als solcher ist der „heroische Realismus“ eine zentrale Konzeption der „konservativen Revolution“.
Vorgeschichte des Begriffs
Gemäß dem Germanisten Walter Hof trat als Vorläufer des Wortes vom „heroischen Realismus“ 1922 in einem Aufsatz vom jungkonservativen Historiker Hans Roeseler in umgekehrter Paarung der Elemente die Bezeichnung „skeptischer Enthusiasmus“ auf,Walter Hof: Der Weg zum heroischen Realismus. Pessimismus und Nihilismus in der deutschen Literatur von Hamerling bis Benn. Bebenhausen 1974, S. 235 f. der, so Roeseler, „der Geist der wahrhaft revolutionären jungen deutschen Generation sein“ werde.Hans Roeseler: Monismus und Dualismus als metapolitische Grundanschauungen, in: Arthur Moeller van den Bruck, Heinrich von Gleichen, Max Hildebert Böhm (Hrsg.): Die Neue Front. Gebr. Paetel, Berlin 1922, S. 47–57, hier: 57. mini|hochkant|Nietzsche als Artillerist, 1868
Gemäß dem französischen Germanisten, Philosophen und Soziologen Gilbert Merlio seien Vorformen dieser Haltung schon im 19. Jahrhundert zu finden, wo die heroische Weltanschauung oft als Antwort auf die Sinn- und Identitätskrise der Moderne erschienen wäre. Zu verfolgen wäre die Entwicklung des heroischen Weltbildes vom Schillerschen Begriff des Erhabenen oder der Würde über die Genie- bzw. Heldenkonzeption der Romantik bis zum nietzscheschen Übermenschen und amor fati.Gilbert Merlio: Der sogenannte „heroische Realismus“ als Grundhaltung des Weimarer Neokonservatismus. In: Manfred Gangl/Gerard Raulet (Hg.): Intellektuellendiskurse in der Weimarer Republik. Zur politischen Kultur einer Gemengelage. Frankfurt a. M. 2007, S. 395. Laut Werner Hof vertrat der Philosoph Friedrich Nietzsche die Auffassung, dass die Welt nur ästhetisch, nicht aber ethisch zu rechtfertigen sei. Die heroische Haltung, die man noch als ethisches Moment verstehen könnte, werde nur wegen ihrer Schönheit geschätzt. Sie trage ihren Wert in sich selbst, nicht in einem Wozu.Werner Hof, Der Weg zum heroischen Realismus: Pessimismus u. Nihilismus in der deutschen Literatur von Hamerling bis Benn, Rotsch 1974, S. 240 Der heroische Realismus, so der Germanist Martin Lindner, sei im Grunde „nichts anderes als eine aktualisierte Neuauflage der Forderung Nietzsches nach ‚gefährlichem Leben‘.“Martin Lindner: Leben in der Krise. Zeitromane der neuen Sachlichkeit und die intellektuelle Mentalität der klassischen Moderne. Stuttgart 1994, S. 93.
Oswald Spengler, so der polnische Germanist Maciej Walkowiak, benutzte nicht „heroischer Realismus“ sondern sprach 1930 von „tapferem Pessimismus“ oder „tapferer Skepsis“ und berief sich dabei auf Nietzsches amor fati. Seine „Tapfere Skepsis“ korrespondiere deutlich mit dem „skeptischem Enthusiasmus“ von Arthur Moeller van den Bruck, der Skepsis und pessimistische Wertung mit gesteigerter und unmittelbarer Kraft des Handelns in Verbindung setzte.Maciej Walkowiak: Kunst, Geschichte und Standort des Intellektuellen, Gottfried Benn und die Kontroversen um die Moderne, Frankfurt a. M. 2006, S. 163 in Bezug auf „Tapferer Pessimismus“: Vortrag Oswald Spenglers in Hamburg (Deutsche Allgemeine Zeitung, 5. Februar 1930). 1931 in Der Mensch und die Technik schrieb er hierzu:
Begriffsbildung und Popularisierung Werner Best miniatur|175px|Der Sammelband Krieg und Krieger, in dem Der Krieg und das Recht 1930 erschien Die Wortschöpfung „Heroischer Realismus“ als Bezeichnung für eine „illusionslose Lebenshaltung bei anhaltender Kampfbereitschaft“ wird dem Juristen Werner Best (NSDAP-Mitglied) zugeschrieben.Christoph Schweer, Nietzsche und der Heroische Realismus der Konservativen Revolution, In: v. Kaufmann, Sebastian / Sommer, Andreas Urs, Nietzsche und die Konservative Revolution, Walter de Gruyter 2018, S. 87 Unter Berufung auf Jünger und auf die Nietzsche-Kompilation Der Wille zur Macht formulierte Best 1930 in seinem Essay Der Krieg und das Recht in dem von Ernst Jünger herausgegebenen Sammelband Krieg und Krieger seinen „heroischen Realismus“ gegen eine „utopistisch-rationalistische“ und „moralistisch-idealistische“ Ideenwelt.Steffen Martus: Ernst Jünger. Metzler, Stuttgart und Weimar 2001, S. 64. Darin beschrieb er den Nationalismus als eine „innere Haltung“, die „die friedlose, von Kampf und Spannung erfüllte Wirklichkeit“ der Welt bejahe.Ronald Smelser, Die braune Elite, Band 1, Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1994, S. 14 Bests Essay kommentierte der Kommunist Hilarius Berg in einer zeitgenössischen Analyse 1930: „Der das Leben regierende Instinkt könne nur einen Sinn haben: Kampf. Es ist der ewige Krieg: ‚Denn diese ‚Wirklichkeit‘ heißt Krieg, heißt Spannung, heißt Unzulänglichkeit jeder Regelung und Ordnung‘. Ziel wäre schon zu viel gesagt, da der Krieg eine biologische Selbstverständlichkeit ist. Nicht einmal auf den Erfolg des Kampfes kommt es an:“Hilarius Berg: Die ideologischen Grundlagen der rechtsradikalen Bewegung, in: Sozialistische Bildung (Dietz 1930), S. 200f.
Gemäß Berg bedinge der Selbstzweck des Krieges seltsamerweise auf der einen Seite das heroische Denken, auf der anderen die heroische Sittlichkeit: „Während nämlich Friedrich Georg Jünger die These aufstellt, daß die Reinheit des heroischen Denkens sich daran abmessen lasse, in welchem Grade es vermeidet, den Krieg als sittliches Phänomen darzustellen, sieht Best in der Bejahung des Kampfes auf verlorenem Posten für eine verlorene Sache die heroische Sittlichkeit.“ Diese Einstellung bezeichnete Best als „heroisch-realistische“. Der „heroische Realismus“ unterscheide den Neuen Nationalismus von allen utopischen oder idealistischen Positionen, die gegenüber den bestehenden Verhältnissen eine kritische Position einnehmen. Aus Bests Aufsatz, so der Germanist Helmuth Kiesel, spreche der Jurist und Aktivist, der sich durch präzise juristische Argumente rechtliche Freiräume für sein zukünftiges Handeln schaffen wolle.Helmuth Kiesel, Ernst Jünger. Die Biographie. Siedler, München 2007, S. 340.
Nach Auffassung des Historikers Hans-Ulrich Thamer hat der spätere SS-Obergruppenführer Werner Best bereits 1930 in deutlicher Anlehnung an Ernst Jüngers Menschenbild „die Handlungsnormen des Nationalsozialismus und damit vor allem der SS“ definiert.Hans-Ulrich Thamer: Nationalsozialistischer Kult und Vernichtungspolitik. Heinrich Himmler auf der Wewelsburg und die Planungen des »Unternehmens Barbarossa«, in: Westfälische Zeitschrift Bd. 153 (2003), S. 327–338, hier: 332. Der niederländische Germanist Jan Ipema vertrat die Meinung: „Trotz Bests nationalsozialistischer Prägung muss dies doch als Auffassung gewertet werden, die mit den parvenüartigen Zielen des Nationalsozialismus nicht vereinbar war.“ Best müsse dort, wo er sich als Schüler Jüngers zu erkennen gebe, „als Eigenbrötler unter seinen Kameraden“ betrachtet werden.Jan Ipema: Ernst Jünger in den Niederlanden, in: Leopold R. G. Decloedt: Der oft steinige Weg zum Erfolg: Literatur aus Deutschland im niederländischen Sprachraum 1900-2000. Amsterdam: Rodopi 2004, 89-113, hier: 93. Zwar glaubte Werner Best 1930 an den „guten Kampf“ und an eine „heroische Sittlichkeit“, so der Historiker Hans-Jürgen Eitner, „der heroische SS-Kämpfer aber wird Befehle erhalten, die auch Verbrechen aus angeblicher staatspolitischer Notwendigkeit nur als Objekte menschlich-technischer Leistungskraft deutet. Denn der SS-Mann hat sein Gewissen dem Führer Hitler zu dessen Verwendung übergeben“.Hans-Jürgen Eitner: Hitlers Deutsche. Das Ende eines Tabus, Gernsbach, Casimir Katz 1991, S. 367. Der Historiker Hans Buchheim zog als Fazit: „Wem es nicht darauf ankommt, wofür, sondern nur, wie er kämpft, der ist in einzigartiger Weise dafür disponiert, sich unter Umständen auch für verbrecherische Ziele heroisch einzusetzen. Während der heroische Kämpfer wähnt, allein auf sich selbst gestellt zu sein, wird er mitsamt dieser fragwürdigen Basis seiner Existenz in den Dienst des totalitären Verfügungsanspruches genommen – und merkt es entweder gar nicht oder zu spät.“Hans Buchheim: Die SS - das Herrschaftsinstrument: Befehl und Gehorsam. In: Buchheim/Broszat/Jacobsen/Krausnick (Hrsg.): Anatomie des SS-Staates. Bd. 1. München, DTV, 1994, S. 240.
Ernst Jünger „Der Kampf als inneres Erlebnis“
Der von Jünger popularisierte Begriff „Heroischer Realismus“ ist, gemäß Gilbert Merlio, „eine nachträgliche theoretische bzw. ideologische Verarbeitung des Kriegserlebnisses“. Wie viele seiner Zeitgenossen erwartete Jünger vom Ersten Weltkrieg zunächst einen neuen Aufbruch, eine Erneuerung der Kultur. In den Materialschlachten und Stellungskämpfen wich jedoch diese anfängliche romantische Kriegsbegeisterung bald zugunsten einer anderen Erfahrung, der des „heroischen Realismus“. Im kriegerischen „Stahlgewitter“, so Merlio, „weiß der Frontkämpfer auch nicht mehr, für welche Werte er kämpft und leidet“.Gilbert Merlio: Der sogenannte „heroische Realismus“ als Grundhaltung des Weimarer Neokonservatismus. In: Manfred Gangl/Gerard Raulet (Hg.): Intellektuellendiskurse in der Weimarer Republik. Zur politischen Kultur einer Gemengelage. Frankfurt a. M. 2007, S. 400. Rolf Peter Sieferle schreibt darüber: „Es ist dies die Haltung des Kämpfers in der Materialschlacht, der standhält, ohne den Feind zu erkennen.“Rolf Peter Sieferle: „Ernst Jüngers Versuch einer heroischen Überwindung der Technikkritik“, in: Günter Figal und Rolf-Peter Sieferle, Selbstverständnisse der Moderne, Stuttgart 1991, S. 133–174. So schreibt Jünger 1922 in Der Kampf als inneres Erlebnis: mini|Gefallene deutsche Soldaten bei Guillemont, 1916
Der Medienwissenschaftler Harro Segeberg beschrieb dies als eine „Mischung aus Entsetzen und Faszination,“ mit der der Sturmtruppführer Ernst Jünger „das Massensterben der Materialschlachten in die sakrale Ästhetik einer heroisch-tragischen Jahrhundert-Neuschöpfung transformiert“ habe.Harro Segeberg: „Wir irren vorwärts“. Zur Funktion des Utopischen im Werk Ernst Jüngers. In: Lutz Hagestedt (Hrsg.): Ernst Jünger. Politik - Mythos - Kunst. Berlin, New York: Walter de Gruyter 2004, S. 406. Für den Historiker Daniel Morat zeigt sich die „Kombination von 'Apokalyptik und Gewaltbereitschaft', die als Kennzeichen der Konservativen Revolution bereits mehrfach angesprochen wurde (...) in der weiteren Ausformung jener Haltung des aktivistischen Einverständnisses mit der als schicksalhaft empfundenen Moderne, die Jünger in seinen nationalistischen Artikeln entwickelte und die nun den Namen eines 'heroischen Realismus' erhielt.“Daniel Morat: Von der Tat zur Gelassenheit. Göttingen 2007, S. 80.
„Der heroische Realismus“
Während Ludwig Klages dem modernen Menschen, der mit Hilfe des „Mord Werkzeuges Technik“ die ganze Erde verwüstet, den naturnahen Urmenschen als eine Art Vorbild gegenüberstelle, so der Philosoph Michael Großheim, lasse Jünger keinerlei Auswege gelten. Er plädiere für einen „heroischen Realismus“, der auf sentimentale Illusionen verzichten und sich der Wucht und Geschwindigkeit der Prozesse gewachsen zeigen würde.Michael Großheim: Ernst Jünger und die Moderne. Adnoten zum „Arbeiter“. In: Günther Figal und Heimo Schwilk (Hg.): Magie der Heiterkeit. Ernst Jünger zum Hundertsten, Stuttgart 1995, S. 147–168, hier: S. 149. Laut Daniel Morat bestand Jüngers Antwort auf die Abhängigkeit von der Technik 1927 darin, sie als schicksalhafte Gegebenheit zu akzeptieren und zu behaupten:
Gleichzeitig betonte Jünger die heroische Dimension dieser Selbstpreisgabe: