İoanna Kuçuradi (* 4. Oktober 1936 in Istanbul) ist eine türkische Philosophin und Menschenrechtstheoretikerin. Sie ist Präsidentin der Philosophischen Gesellschaft der Türkei und Professorin an der Maltepe-Universität, an der sie außerdem das Menschenrechtszentrum und den Fachbereich Menschenrechte leitet. Im Zentrum ihrer Arbeit stehen der Mensch als werteschaffendes Wesen sowie Ethik und Menschenrechte.

Leben und akademische Laufbahn Kuçuradi stammt aus der griechischen Minderheit der Türkei; ihre Mutter wurde in Çorum und ihr Vater in Istanbul geboren, während die väterliche Familie von der Insel Chios kam. Die griechisch-orthodoxen Einwohner Istanbuls gehörten zu jenen Bevölkerungsgruppen, die von dem 1923 zwischen Griechenland und der Türkei vereinbarten Bevölkerungsaustausch ausgenommen waren.

Am griechischen Mädchengymnasium Zappeion, türkisch Zapyon, las Kuçuradi Platons Kriton und Apologie; nach dem Abitur im Jahr 1954 studierte sie an der Universität Istanbul Philosophie und schloss das Studium 1959 ab. Anschließend arbeitete sie dort zunächst als Assistentin Takiyettin Mengüşoğlus und wurde 1965 promoviert; von 1965 bis 1968 lehrte sie an der Atatürk-Universität in Erzurum. Im Jahr 1968 wechselte sie an die Hacettepe-Universität, gründete dort 1969 den Fachbereich Philosophie und leitete ihn bis 2003; 1970 wurde sie außerordentliche Professorin und 1978 Professorin. Von 1997 bis 2005 leitete sie das von ihr gegründete Zentrum für Erforschung und Anwendung der Philosophie der Menschenrechte der Universität.

Im Jahr 2006 nahm Kuçuradi ihre Lehrtätigkeit an der Maltepe-Universität auf; seit 2007 leitet sie dort das Zentrum für die Erforschung und Anwendung der Menschenrechte und den Fachbereich Menschenrechte. Seit 1998 ist sie Inhaberin eines UNESCO-Lehrstuhls für Philosophie und Menschenrechte.

Institutionelles Wirken 1974 gründete Kuçuradi gemeinsam mit weiteren türkischen Philosophen die Philosophische Gesellschaft der Türkei, um Philosophie auch außerhalb der Universitäten zu vermitteln; seit 1980 ist sie deren Präsidentin. In der Internationalen Föderation Philosophischer Gesellschaften war sie von 1988 bis 1998 Generalsekretärin und von 1998 bis 2003 Präsidentin; seit 2008 ist sie Ehrenpräsidentin. Als Präsidentin des 21. Weltkongresses der Philosophie organisierte sie 2003 dessen Austragung in Istanbul.

Von 1975 bis 1997 gehörte Kuçuradi dem Ausschuss für Humanwissenschaften der Türkischen UNESCO-Kommission an, von 2010 bis 2014 deren Fachausschüssen für Philosophie und Menschenrechte. Von 1998 bis 2005 leitete sie überdies das türkische Nationalkomitee der UN-Dekade für Menschenrechtsbildung; seit 2022 gehört sie dem Vorstand der Türkischen UNESCO-Kommission an und steht deren Fachausschuss für Philosophie vor.

Philosophisches Wirken Kuçuradi zufolge besitzt der Mensch als Schöpfer von Wissenschaft, Philosophie, Kunst, Technik und Recht einen besonderen Wert, ohne dessen Anerkennung weder Ethik noch Menschenrechte begründbar sind. Ihre Werttheorie fragt, wie derselbe Gegenstand widersprüchlich bewertet werden kann, obgleich alle Urteilenden Richtigkeit beanspruchen. Sie unterscheidet subjektive Wertzuschreibung, übernommene kulturelle Werturteile und sachgerechte Bewertung auf der Grundlage von Wertwissen. Letztere verlangt Verstehen, das Bestimmen der Stellung eines Gegenstands unter vergleichbaren Gegenständen und erst danach ein Urteil über seinen Wert oder seine Richtigkeit; guter Wille allein gewährleistet kein wertvolles Handeln.

Menschenwürde bestimmt Kuçuradi als Bewusstsein vom Wert des Menschseins, welches durch das eigene Handeln gegenüber anderen gewahrt oder verletzt werde. Menschenrechte sind für sie daher keine bloßen Rechtsnormen, sondern ethische Handlungsprinzipien, aus denen Recht und rechtliche Begründungen abzuleiten seien.

Philosophie soll zudem politisch folgenreich vermischte Begriffe klären, besonders das zum Sammelbegriff gewordene Wort „Wert“. Bildung soll neben Erkenntnisfähigkeiten auch ethische Fähigkeiten, eigenständiges Denken und das Erkennen von Zusammenhängen entwickeln. Dies setzte sie durch Philosophieangebote für Kinder, Philosophieolympiaden und Lehrprogramme zur menschenrechtlichen Fundierung des Rechts um.

Veröffentlichungen als Autorin, Herausgeberin und Übersetzerin (Auswahl) Schopenhauer ve İnsan. Yankı Yayınları, Istanbul 1968 İnsan ve Değerleri. Yankı Yayınları, Istanbul 1971 Sanata Felsefeyle Bakmak. Şiir-Tiyatro Yayınları, Ankara 1979 als Herausgeberin: The Idea and the Documents of Human Rights. (= Ideas Underlying World Problems, Band 3). Philosophical Society of Turkey für die International Federation of Philosophical Societies, Ankara 1995 Immanuel Kant: Ahlâk Metafiziğinin Temellendirilmesi. Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. Übersetzung von İoanna Kuçuradi. Türkiye Felsefe Kurumu, Ankara 1995, 2. Auflage Çağın Olayları Arasında. Ayraç Yayınevi, Ankara 1997 als Herausgeberin: Yüzyılımızda İnsan Felsefesi: Takiyettin Mengüşoğlu'nun Anısına. Türkiye Felsefe Kurumu, Ankara 1997 mit Nermin Yavlal-Gedik als Herausgeberinnen: Ethics of the Professions: Medicine, Business, Media, Law. Springer, Berlin/Heidelberg 1999 als Herausgeberin: Human Rights in Turkey and the World in the Light of Fifty-year Experience. Hacettepe Üniversitesi Yayınları, Ankara 2002 Human Rights: Concepts and Problems. LIT, Zürich 2013

Auszeichnungen 1996: Goethe-Medaille 1996: Ehrendoktorin der Universität Kreta 1996: Preis der Türkischen Akademie der Wissenschaften 2000: Ehrendoktorin der Universität Ricardo Palma in Lima 2000: Preis für Pressefreiheit des Journalistenverbandes der Türkei 2001: Großes Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland 2003: Mustafa-N.-Parlar-Preis für wissenschaftliche Leistungen 2003: Aristoteles-Medaille der UNESCO 2024: Aydın-Doğan-Preis

Weblinks Website der Philosophischen Gesellschaft der Türkei

Einzelnachweise

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