Die Great Central Main Line (GCML), auch als London Extension bekannt, ist eine ehemalige Eisenbahnstrecke in Großbritannien. Sie wurde 1899 eröffnet und führte von Sheffield über Nottingham und Leicester zum Bahnhof Marylebone in London. Die GCML war die Stammstrecke der Great Central Railway (GCR) und die letzte in der viktorianischen Ära erbaute Hauptbahn. Sie geht auf eine Idee von Edward Watkin zurück, der das Streckennetz der Manchester, Sheffield and Lincolnshire Railway mit London verbinden wollte.
Watkin strebte eine Verbindung mit der ebenfalls von ihm kontrollierten Metropolitan Railway und der South Eastern Railway an, die zu einem Tunnel unter dem Ärmelkanal hätte führen sollen. Dadurch wäre im Endausbau ein zusammenhängendes Bahnnetz zwischen den Midlands und Paris entstanden. Diese Pläne zerschlugen sich rasch; doch auch die GCML war zunächst kein Erfolg und die Ertragslage verbesserte sich nur allmählich. Obwohl die GCML vorwiegend für die Bedürfnisse von Langdistanz-Schnellzügen gebaut worden war, entwickelte sich der Güterverkehr (insbesondere Kohlenlieferungen) zur wichtigsten Einnahmequelle.
Der größte Teil der Strecke fiel zwischen 1966 und 1969 der so genannten Beeching-Axt zum Opfer und wurde stillgelegt. Ein kurzer Abschnitt zwischen Leicester und Loughborough wird von einer Museumsbahn befahren.
Strecke mini|links|Güterzug beim Bahnhof Braunston and Willoughby (1958) Die GCML entstand aus geschäftsstrategischen Überlegungen heraus. Im Gegensatz zur Midland Main Line sollte sie nicht zahlreiche große Bevölkerungszentren miteinander verbinden, sondern das in den Midlands gelegene Streckennetz der MS&LR auf direktem Wege, mit möglichst hoher Geschwindigkeit sowie einem Minimum an Zwischenhalten und Anschlüssen mit London verbinden. Aus diesem Grund verlief die Strecke durch relativ dünn besiedelte ländliche Gebiete.
Der nördliche Endpunkt der GCML lag in Annesley in der Grafschaft Nottinghamshire. Sie führte anschließend auf einer Länge von 148 km direkt südwärts via Nottingham, Loughborough und Leicester. Vorbei an Wigston bediente sie Lutterworth, die einzige Stadt, die nicht bereits zuvor von einer anderen Bahnstrecke erschlossen worden war. In Rugby querte sie die West Coast Main Line der London and North Western Railway, war aber nicht mit ihr verbunden.
Bei Woodford Halse bestand eine Verbindung zur East and West Junction Railway (später in der Stratford-upon-Avon and Midland Junction Railway aufgegangen), etwas südlich davon mit einer GCR-Zweigstrecke zur Great Western Railway bei Banbury. Von Woodford Halse führte die Strecke in südöstlicher Richtung über Brackley nach Quainton Road, wo die Strecke auf die Metropolitan Railway nach Aylesbury und London traf (Betrieb durch das Gemeinschaftsunternehmen Metropolitan and Great Central Joint Railway).
Aufgrund von Meinungsverschiedenheiten mit der Metropolitan Railway über die Mitbenutzung ihrer Gleise am südlichen Ende der GCML baute die GCR im Jahr 1906 die Great Western and Great Central Joint Railway von Grendon Underwood nach Ashendon, sodass das Streckennetz der Metropolitan Railway zum größten Teil vermieden werden konnte. Ferner bestand zwischen Nottingham und Loughborough eine Zweigstrecke für den Güterverkehr nach Gotham.
Nördlich von Sheffield nutzten Schnellzüge der GCR die bestehende Hauptlinie der Manchester, Sheffield and Lincolnshire Railway(MS&LR) durch die Pennines, die Woodhead Line (heute ebenfalls stillgelegt), um Zugang nach Manchester London Road (heute Manchester Piccadilly) zu erlangen.
Geschichte
Gründe für den Bau 1864 übernahm Edward Watkin den Vorsitz der Manchester, Sheffield and Lincolnshire Railway (MS&LR). Er verfolgte große Pläne und wollte dieses mittelständische Unternehmen zu einer Bahngesellschaft von nationaler Bedeutung ausbauen. Watkin wollte nicht länger hinnehmen, dass die MS&LR den lukrativen Fernverkehr nach London der Konkurrenz überlassen musste. Nach mehreren erfolglosen Versuchen in den 1870er-Jahren, zusammen mit anderen Gesellschaften eine Strecke nach London zu bauen, kam er zum Schluss, dass die MS&LR dies alleine tun müsse. Der Bau der GCML sollte es Watkins Unternehmen erlauben, eigene direkte Schnellzüge nach London anzubieten, unabhängig von und in Konkurrenz zu rivalisierenden Gesellschaften.Healey: Echoes of the Great Central. S. 24–25. Damals beurteilten viele das Projekt skeptisch, da alle bedeutenden Ballungsräume entlang der Strecke bereits von anderen Bahngesellschaften erschlossen wurden. Watkin argumentierte, dass das Verkehrswachstum den Bau der Strecke rechtfertigen würde.Healey: Echoes of the Great Central. S. 27.
Watkin wollte nicht einfach nur eine unabhängige Hauptbahn nach London betreiben. Er strebte sogar danach, das von ihm kontrollierte Streckennetz mit Frankreich zu verbinden. Zu diesem Zweck hatte er 1872 die Submarine Railway Company gegründet, die einen Tunnel unter dem Ärmelkanal bauen wollte und ab 1881 Probebohrungen in Dover und Sangatte durchführte. Das Vorhaben musste im Mai aufgrund großen politischen Drucks aufgegeben werden. Insbesondere General Garnet Wolseley sah in dem Tunnel eine mögliche Invasionsroute für französische Truppen und betrachtete ihn somit als Gefährdung der nationalen Sicherheit. Obwohl von vielen Autoren immer wieder behauptet, wurde die GCML nicht im Lichtraumprofil des europäischen Festlandes erbaut, sondern im üblichen Lichtraumprofil der GCR, welches teilweise sogar noch etwas kleiner als das übliche in Großbritannien ist. Keinesfalls stimmt die Fahrzeugbegrenzungslinie der GCR mit den anderen europäischen Eisenbahnen überein, deren einheitliche Fahrzeugbegrenzungslinie im Berner Abkommen erst 1912 festgelegt wurde.
Bauarbeiten Am 28. März 1893 erhielt die MS&LR die Genehmigung des britischen Parlaments zum Bau der Strecke. Das dazu notwendige Gesetz kam beinahe nicht zustande, aufgrund der Opposition des Marylebone Cricket Club in London. Schließlich einigte man sich darauf, dessen Gelände in einem Tunnel zu unterqueren. Im November 1894 begannen die Bauarbeiten. Die Strecke wurde am 15. März 1899 für den Personenverkehr eröffnet, am 11. April 1899 auch für den Güterverkehr. Kurz vor der Eröffnung änderte die MS&LR ihren Namen in das pompöser klingende Great Central Railway, um ihre nationalen Ambitionen zu unterstreichen.Healey: Echoes of the Great Central. S. 54–55.
Die London Extension war die letzte Hauptbahn, die in Großbritannien entstand, bis zur Eröffnung der ersten Sektion von High Speed 1 im Jahr 2003. Die neue, 148 km lange Strecke führte von Annesley in Nottinghamshire bis Quainton Road in Buckinghamshire. Von dort aus nutzten die Züge die bereits bestehenden Gleise der Metropolitan Railway bis nach Harrow und anschließend wieder die eigenen Gleise bis zum Bahnhof Marylebone.
mini|links|Bahnhof Belgrave and Birstall mit dem typischen Mittelbahnsteig Außer der Strecke selbst entstanden drei große Stadtbahnhöfe (Nottingham Victoria, Leicester Central und Marylebone) sowie mehrere kleinere Bahnhöfe. Notwendig war der Bau zahlreicher Viadukte, darunter der Brackley-Viadukt mit 21 Bögen, einer über dem River Soar, zwei über dem Swithland-Reservoir in Leicestershire und einer über den River Trent nahe Nottingham. Mehrere Tunnel mussten gegraben werden, der längste von ihnen war der Catesby-Tunnel mit 2722 Metern. Ein großer Teil der Strecke war auf Dämmen oder in Einschnitten verlegt worden. Die Baukosten waren ursprünglich auf 3,1 Millionen Pfund veranschlagt worden, betrugen aber am Ende 11,5 Millionen, also fast das Vierfache.Healey: Echoes of the Great Central. S. 24–53.
Die Strecke hatte einen hohen Ausbaustandard: maximale Neigung von 5,7 ‰, minimaler Radius von einer Meile (außer in innenstädtischen Gebieten), nur ein einziger höhengleicher Bahnübergang. Die Bahnhöfe wurden nach einem einheitlichen Schema errichtet und besaßen fast alle einen Inselbahnsteig zwischen beiden Gleisen.
Verkehr auf der GCML mini|links|Schnellzug London–Manchester im Bahnhof Marylebone (Mai 1956) Hauptkonkurrentin der GCR war die Midland Railway, die seit den 1860er-Jahren den Korridor zwischen London, den East Midlands und Sheffield mit der Midland Main Line erschloss. Die Verkehrsströme änderten sich nur langsam, besonders beim Personenverkehr. Fahrgäste von den etablierten Linien nach London wegzulocken erwies sich als schwieriger, als die GCR gehofft hatte. Allerdings hatte sie gewissen Erfolg damit, Geschäftsreisende mit luxuriös ausgestatteten Hochgeschwindigkeitszügen anzusprechen. Die GCR bot auch Ost-West-Querverbindungen an und profitierte dabei von Anschlüssen an querende Strecken.Healey: Echoes of the Great Central. S. 78–86.
In den 1930er-Jahren, der Blütezeit der Langdistanz-Dampfzüge, gab es täglich sechs Expresszüge zwischen Marylebone und Sheffield (mit Halt in Leicester und Nottingham), die anschließend nach Manchester weiterfuhren. 1939 betrug die kürzeste Fahrtzeit London–Sheffield 3 Stunden 6 Minuten, womit die GCR mit den Zügen der rivalisierenden Midland (von St Pancras aus) konkurrenzfähig war.Cook’’s Continental Timetable, August 1939, S. 90, 108.
Der Güterverkehr wuchs beständig und entwickelte sich zur Haupteinnahmequelle der Strecke. Befördert wurden vor allem Kohle, Eisenerz, Stahl, Fisch und Früchte. Die Verbindung mit der Stratford-upon-Avon and Midland Junction Railway bei Woodford Halse erwies sich für den Güterverkehr als strategisch bedeutend. Ein weiterer Schwerpunkt des Güterverkehrs war Annesley.Healey: Echoes of the Great Central. S. 90–105.
Niedergang und Stilllegung Der Erste Weltkrieg und das daraufhin folgende angespannte politische Klima in Europa machten jegliche Möglichkeit zum Bau eines Ärmelkanaltunnels zunichte. Zaghafte Versuche, Watkins Vision wiederzubeleben, fanden in den 1920er-Jahren ein rasches Ende. Mit dem Inkrafttreten des Railways Act 1921 im Jahr 1923 ging die GCR in der London and North Eastern Railway auf, die ihrerseits 1948 verstaatlicht wurde. Die GCML blühte in den ersten Jahren nach der Verstaatlichung. Doch ab den späten 1950er-Jahren begann der Güterverkehr, auf den sich die Strecke hauptsächlich stützte, abzunehmen und der Unterhalt wurde zunehmend vernachlässigt, da andere Strecken als wichtiger eingestuft wurden.
mini|links|Der Überrest des früheren Bahnhofs Rugby Central im Jahr 2005 Im Januar 1960 stellte British Rail den Schnellzugverkehr von London nach Sheffield und Manchester ein, womit nur noch drei Eilzüge täglich zwischen London und Nottingham übrigblieben. Im Mai 1963 wurde der Regionalverkehr auf großen Teilen der Strecke eingestellt und zahlreiche ländliche Bahnhöfe geschlossen. Es bestand aber noch die Hoffnung, dass die Strecke durch vermehrten Post- und Güterverkehr aufgewertet werden könnte.The Great Central. In: Trains Illustrated, Februar 1960, S. 68.
Im Rahmen seiner Untersuchungen zur Rationalisierung der britischen Eisenbahnen hielt Richard Beeching die GCML für eine weitgehend überflüssige Alternative zu anderen Strecken, die dieselben Städte erschlossen, insbesondere die Midland Main Line und zu einem geringeren Grad die West Coast Main Line. Die Streckenabschnitte zwischen Rugby und Aylesbury sowie zwischen Nottingham und Sheffield wurden 1966 stillgelegt. Somit verblieb nur noch ein nicht verbundener Rest zwischen Rugby und Nottingham, mit einem minimalen Pendelzugangebot. Dieser Abschnitt fiel im Mai 1969 ebenfalls der so genannten Beeching-Axt zum Opfer.
Eine im Jahr 1991 gegründete Bahngesellschaft namens Central Railway schlug vor, die GCML nach der Inbetriebnahme des Eurotunnels für den Güterverkehr wiederzueröffnen. Dieser Vorschlag hatte mit finanziellen, ökologischen und sozialen Schwierigkeiten zu kämpfen und wurde vom Parlament zweimal zurückgewiesen.
Erhaltene Infrastruktur