mini|Hermann-Wolf-Denkmal in Freital-Niederhäslich Hermann Wolf (* 13. Mai 1861 in Großwaltersdorf; † 29. Januar 1939 in Freital) war von 1890 bis 1928 ein Pionier der deutschen Arbeiternaturheilbewegung. Von 1880 bis 1890 war Wolf Volksschullehrer. Er übte den Beruf eines Naturheilkundigen selbst 32 Jahre lang aus. 23 Jahre lang war er Vorsitzender des örtlichen Arbeiternaturheilvereins in Döhlen und Freital. Er war Vorsitzender des Dachverbandes der deutschen Arbeiternaturheilbewegung und 20 Jahre lang Redakteur der Verbandszeitschrift Die Volksgesundheit.
Familie Karl Hermann Wolf wurde am 19. Mai 1861 in Großwaltersdorf geboren. Er war das neunte Kind seiner Eltern Johann Gottlieb Wolf und Christiane Conkordia Wolf geb. Buschmann. Sein Vater war Besitzer eines Gutes in Großwaltersdorf, bestehend aus Wohnhaus, Stallungen und Altenteil. Er war Mitglied des Schulvorstands in Eppendorf. Seine Mutter kümmerte sich um die Kinder des nahegelegenen Armenhauses und entlauste sie im Stall. Er besuchte die Volksschule in Eppendorf. 1872 wechselte er auf die Selekta nach Oederan, eine gehobene Volksschule. Von 1875 bis 1880 besuchte Hermann Wolf das evangelisch-lutherische Lehrerseminar in Annaberg. Am 3. März 1880 bestand er die Schulamtskandidatenprüfung, die ihn zur Annahme einer Hilfslehrerstelle berechtigte. Am 6. März 1884 heiratete er in Oederan Lina Selma Uhlig, * 6. März 1884 in Oederan. Aus der Ehe ging ein lebendes Kind hervor, Selma Frieda Wolf (verh. Fuchs) * 11. Januar 1884 in Döhlen. Lina Selma Wolf verstarb am 21. August 1891 nach der Geburt ihre dritten Kindes in Döhlen. In zweiter Ehe heiratete er am 3. September 1892 Ida Maria Neumann, * 29. Dezember 1864 in Deuben, † 16. Juli 1946. Aus der Ehe gingen zwei Söhne hervor: Hermann Johannes (Hans) Wolf, * 4. Januar 1894 in Neuschweinsdorf, später Deuben, später praktischer Arzt und Geburtshelfer, † 22. April 1945, und Hermann Friedrich (Fritz) Wolf, * 27. Juni 1895 in Dresden, später Stadtarzt in Freital, † 1956.
Berufsjahre als Volksschullehrer Seine erste Stelle als Hilfslehrer erhielt er im Februar 1880 in Niederlauterstein im mittleren Erzgebirge. Dort begann er sich erstmals mit Naturheilkunde zu beschäftigen, was nach 1890 zu seinem Lebensinhalt werden sollte. Er entschloss sich als Lehrer, alle seine erkrankten Schüler zu besuchen und erlebte dort Not und Elend. 1883 bestand er die Wahlfähigkeitsprüfung, ein Staatsexamen, das ihn zur Annahme einer vollen Lehrstelle berechtigte. Im gleichen Jahr erhielt er in Döhlen, ab 1921 Freital eine besser dotierte volle Lehrerstelle, die er 1890 aufgab.
Die sächsische Volksschule am Ende des 19. Jahrhunderts Nach sieben Berufsjahren in Döhlen entschloss sich Wolf, seinen künftigen Lebensunterhalt als Inhaber einer Naturheilpraxis zu verdienen.Hermann Wolf: Warum ich nicht mehr Volksschullehrer bin. 2. Auflage. Schweinsdorf bei Deuben, Bez. Dresden, 1892, S. 5. Motiv war, dass nach Wolfs Überzeugung der Unterricht in der Volksschule mit zeitgenössischen wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht in Einklang zu bringen war.Hermann Wolf: Warum ich nicht mehr Volksschullehrer bin. 2. Auflage. Schweinsdorf bei Deuben, Bez. Dresden, 1892, S. 4. In einer 24-seitigen, von ihm selbst verlegten und 1892 erschienenen Schrift „Warum ich nicht mehr Volksschullehrer bin“ beschrieb Wolf die die Situation in den Volksschulen, wie er sie von 1880 bis 1890 erlebt hatte und benannte die Ursachen dafür.
Unterfinanzierung der Volksschule Pro Volksschüler wendete das Königreich Sachsen jährlich nur 18,81 Mark auf, für einen Realschüler 153,48 Mark und für einen Gymnasiasten 193,92 Mark.Hermann Wolf: Warum ich nicht mehr Volksschullehrer bin. 2. Auflage. Schweinsdorf bei Deuben, Bez. Dresden, 1892, S. 19 f. Auf einen Lehrer an Gymnasien kämen 14 Schüler, 15 Schüler an hohen gewerblichen Schulen und auf einen Volksschullehrer kämen 84 Schüler,Hermann Wolf: Warum ich nicht mehr Volksschullehrer bin. 2. Auflage. Schweinsdorf bei Deuben, Bez. Dresden, 1892, S. 20. in schlechten Fällen sogar 120 und 150 Schüler.Hermann Wolf: Warum ich nicht mehr Volksschullehrer bin. 2. Auflage. Schweinsdorf bei Deuben, Bez. Dresden, 1892, S. 21. Dies führte zu übergroßen Klassen.
Lehrerausbildung Die Lehrerausbildung sei einseitig. Im Lehrerseminar in Annaberg, das Wolf von 1875 bis 1880 besuchte, sei verlangt worden, dass die künftigen Lehrer 100 Choräle auswendig auf der Violine spielen konnten.Hermann Wolf: Lebenserinnerungen, S. 2. Mit der zeitgenössischen pädagogischen Literatur seien sie aber nicht vertraut gemacht worden. Sie hätten nichts erfahren über die Werke der Pädagogen Johann Amos Comenius, Johann Heinrich Pestalozzi, Johann Michael Herbart, Jean-Jacques Rousseau und Adolph DiesterwegHermann Wolf: Warum ich nicht mehr Volksschullehrer bin. 2. Auflage. Schweinsdorf bei Deuben, Bez. Dresden, 1892, S. 23. und auch nichts von Charles Darwin.Hermann Wolf: Warum ich nicht mehr Volksschullehrer bin. 2. Auflage. Schweinsdorf bei Deuben, Bez. Dresden, 1892, S. 14.
Falsche und überflüssige Lerninhalte Neben Lesen, Schreiben und Rechnen werde ein Hauptgewicht auf Religion gelegt.Hermann Wolf: Warum ich nicht mehr Volksschullehrer bin. 2. Auflage. Schweinsdorf bei Deuben, Bez. Dresden, 1892, S. 17 f. Dabei werde den Kindern beigebracht, dass Glaubenssätze göttlichen Ursprungs seien. Verschwiegen werde dabei, dass es sich dabei um Beschlüsse von Konzilien handelt. Nicht erwähnt werde, dass auf dem Konzil von Nicäa 325 beschlossen wurde, dass Christus Gottes Sohn ist, und auf dem Konzil von Konstantinopel 381, dass auch der heilige Geist göttlich ist.Hermann Wolf: Warum ich nicht mehr Volksschullehrer bin. 2. Auflage. Schweinsdorf bei Deuben, Bez. Dresden, 1892, S. 5. Die Kinder müssten lernen, wie viele Kamele, Esel und Schafe die Ahnväter der Israeliten, Abraham, Isaak und Jacob gehabt hätten. Später im Leben könnten sie dieses Wissen aber nicht gebrauchen.Hermann Wolf: Warum ich nicht mehr Volksschullehrer bin. 2. Auflage. Schweinsdorf bei Deuben, Bez. Dresden, 1892, S. 14. Außerdem müssten die Kinder eine Masse von Liederversen, Bibelsprüchen und biblischen Geschichten auswendig lernen. Weil sie in einer veralteten Sprache gehalten seien, verrenke man sich mangels Gewöhnung im Alltag die Zunge bei derartigen Texten. Dies sei eine Kinderquälerei.Hermann Wolf: Warum ich nicht mehr Volksschullehrer bin. 2. Auflage. Schweinsdorf bei Deuben, Bez. Dresden, 1892, S. 7. Der Eindruck Heinrich Heines, wonach es der Religionsunterricht sei, in dem es die meisten Prügel setzt, habe sich auch in der sächsischen Volksschule bestätigt.Hermann Wolf: Warum ich nicht mehr Volksschullehrer bin. 2. Auflage. Schweinsdorf bei Deuben, Bez. Dresden, 1892, S. 8.
Vernachlässigte Lerninhalte
Vernachlässigt werde die Gesetzeskunde, auch über die Wahrnehmung ihrer eigenen Interessen wüssten die Kinder nichts. Über Volkswirtschaft werde ebenfalls nichts gelehrt, obwohl diese zu den brennendsten Fragen des ausgehenden 19. Jahrhunderts gehöre.Hermann Wolf: Warum ich nicht mehr Volksschullehrer bin. 2. Auflage. Schweinsdorf bei Deuben, Bez. Dresden, 1892, S. 14.
Schlecht vermittelte Lerninhalte
Lesen und Schreiben Lesen und Schreiben setzt ein bestimmtes Maß an Sach- und Sprachkenntnis voraus. Die Vermittlung solcher Kenntnisse finde in der Volksschule nicht statt.Hermann Wolf: Warum ich nicht mehr Volksschullehrer bin. 2. Auflage. Schweinsdorf bei Deuben, Bez. Dresden, 1892, S. 7. Der Lese- und Schreibunterricht finde auch nicht nebeneinander statt.Hermann Wolf: Warum ich nicht mehr Volksschullehrer bin. 2. Auflage. Schweinsdorf bei Deuben, Bez. Dresden, 1892, S. 22. Deshalb müssten die Kinder zunächst Buchstaben nachmalen, ohne sie zu verstehen und Lauten zuordnen zu können.Hermann Wolf: Warum ich nicht mehr Volksschullehrer bin. 2. Auflage. Schweinsdorf bei Deuben, Bez. Dresden, 1892, S. 7.
Didaktik in der Volksschule Die Volksschule lege großes Gewicht auf Namen, Zahlen, Tatsachen und einzelne Erscheinungen. Vernachlässigt würden Zusammenhänge, Ursachen und die Verknüpfung der Tatsachen. Dadurch werde die Volksschule nicht zur Denkschule, sondern bleibe eine Einpauk- und Dressuranstalt. Selbst den Religionsunterricht hätte man in den Dienst der Vermittlung von Zusammenhängen stellen können: Man könnte zeigen, wie sich die menschliche Gottesvorstellung vom Fetischdienst über die Vielgötterei zum Monotheismus entwickelt habe.Hermann Wolf: Warum ich nicht mehr Volksschullehrer bin. 2. Auflage. Schweinsdorf bei Deuben, Bez. Dresden, 1892, S. 8.
Geschichtsunterricht Geschichtsunterricht und Naturkundeunterricht seien nur widerwillig eingeführt worden.Hermann Wolf: Warum ich nicht mehr Volksschullehrer bin. 2. Auflage. Schweinsdorf bei Deuben, Bez. Dresden, 1892, S. 17. Der Geschichtsunterricht erschöpfe sich im Einprägen von Namen, Jahreszahlen, Tatsachen und Schlachtenverläufen. Beispielsweise werde aber versäumt zu erklären, dass die deutsche Einigung 1867/1871 kein solitärer Einfall Bismarcks war, sondern eine von der Bevölkerung für dringlich gehaltene Notwendigkeit. Die Wirtschaft habe mehr und größere Absatzgebiete gebraucht, die die Kleinstaaten nicht hätten bieten können.Hermann Wolf: Warum ich nicht mehr Volksschullehrer bin. 2. Auflage. Schweinsdorf bei Deuben, Bez. Dresden, 1892, S. 9.
Naturwissenschaftlicher Unterricht In der Pflanzenkunde, Tierkunde und Anthropologie beschränke man sich auf Beschreibungen. In der Pflanzenkunde mussten sich die Kinder merken, ob Blätter gezähnt, gesägt, gelappt, gekerbt, linealisch oder lanzettlich seien. Nach einem Jahr sei dies alles vergessen. Naturbeschreibungen seien noch keine Naturwissenschaft. Besser wäre es, Kinder auf Erscheinungen hinzuweisen, die für ein Naturgesetz charakteristisch seien. Unberücksichtigt bleibe die Erkenntnis Alexander von Humboldts, dass der Reichtum der Naturwissenschaften nicht in der Fülle der Tatsachen bestehe, sondern in ihrer Verkettung.Hermann Wolf: Warum ich nicht mehr Volksschullehrer bin. 2. Auflage. Schweinsdorf bei Deuben, Bez. Dresden, 1892, S. 11. Naturwissenschaftlicher Unterricht müsse auch in der Natur stattfinden, Es sei aber nicht möglich, eine Klasse von 60 bis 70 Schülern außerhalb des Klassenzimmers zu unterrichten.Hermann Wolf: Warum ich nicht mehr Volksschullehrer bin. 2. Auflage. Schweinsdorf bei Deuben, Bez. Dresden, 1892, S. 12.
Klassengrößen Größtes Hindernis für Lernerfolge seien die Klassengrößen mit bis zu 75 Kindern in einer Klasse. Der Lehrer behelfe sich dort mit körperlicher Züchtigung der Schüler in Form von Prügeln. In einer Klasse von 50 bis 60 Kindern sei ohne Stock nicht auszukommen. Die Schuld liege nicht nur beim Lehrer, wenn er die Grenzen seines Züchtigungsrechts überschreitet. Sie liege auch darin, dass zu wenig Geld für die Anstellung von Lehrern für die Volksschulen vorgesehen werde.Hermann Wolf: Warum ich nicht mehr Volksschullehrer bin. 2. Auflage. Schweinsdorf bei Deuben, Bez. Dresden, 1892, S. 13. Ideal wäre eine Klassenstärke von zehn bis zwölf Schülern pro Klasse. Wegen der hohen Schülerzahlen würden bei den Lehrern die Nerven- und Lungenkrankheiten zunehmen. Es sei nicht möglich, einem Klassenzimmer Frischluft für 60 Personen zuzuführen.Hermann Wolf: Warum ich nicht mehr Volksschullehrer bin. 2. Auflage. Schweinsdorf bei Deuben, Bez. Dresden, 1892, S. 13. Ein weiteres Hindernis für den Lernerfolg sei, dass die Kinder häufig zu wenig zu essen hätten. Ein voller Bauch studiere nicht gern, und ein leerer noch viel weniger.Hermann Wolf: Warum ich nicht mehr Volksschullehrer bin. 2. Auflage. Schweinsdorf bei Deuben, Bez. Dresden, 1892, S. 21.
Ursachen der schlechten Ausstattung der Volksschulen