mini|hochkant|Jüdischer Arzt, um 1568

Die Medizin in der jüdischen Kultur ist seit der Frühen Neuzeit Gegenstand kultur- und medizingeschichtlicher Forschung. Es existiert eine eigenständige Überlieferung heilkundlichen Wissens innerhalb der jüdischen sakralen Literatur, vor allem in der Tora und im Talmud. Jüdische Ärzte, Wissenschaftler und Übersetzer leisteten darüber hinaus einen bedeutenden Beitrag zur Überlieferung medizinischen Wissens des Altertums, besonders der Werke der griechischen und römischen Ärzte in die Medizin in der mittelalterlichen islamischen Welt. In der mittelalterlichen europäischen Medizin spielten jüdische Ärzte ebenfalls eine wichtige Rolle und deren Namen galten – wie auch die ihnen zugeschriebenen Medikamente (beispielsweise das seit dem Ende des 14. Jahrhunderts, etwa in südwestdeutschen RezeptarenIngrid Rohland: Das ‚Buch von alten Schäden‘, Teil II: Kommentar und Wörterverzeichnis. Medizinische Dissertation Würzburg. (= Würzburger medizinhistorische Forschungen. Band 23). Königshausen & Neumann, Würzburg 1982, ISBN 3-921456-34-7, S. 141.Vgl. auch Gundolf Keil: Die „Cirurgia“ Peters von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes (= Forschungen zur Geschichte der Stadt Ulm. Band 2). Stadtarchiv, Ulm 1961 (zugleich Philosophische Dissertation Heidelberg 1960: Peter von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes), S. 406 („ein iudenpflaster von Yerusalem“). sehr populäre Arzneimittel „Judenpflaster“,Ingrid Rohland, Gundolf Keil: Das „Judenpflaster von Jerusalem“. Anmerkungen zu einem galenischen Kurztraktat. In: Christian De Backer, Paul Nijs (Hrsg.): Recente Bijdragen tot de Geschiedenis van de Farmacie. Liber amicorum Leo Jules Vandewiele. Brüssel 1981, S. 139–142.Eva Shenia Shemyakova: ‘Des Juden buch von kreuczenach’. Untersuchung und Edition des Rezeptteils des Heidelberger Cpg 786. In: Fachprosaforschung – Grenzüberschreitungen. Band 8/9, 2012/13, S. 207–265, hier: S. 222 (Das Judenpflaster).) – als werbewirksame Referenz,Gundolf Keil: Die deutsche Isaak-Judäus-Rezeption vom 13. bis zum 15. Jahrhundert. (= Europäische Wissenschaftsbeziehungen. Supplement 2). Shaker, Aachen 2015, ISBN 978-3-8440-3933-7, S. 18–21, 29 und 81 f. vor allem in der spätmittelalterlichen Medizin und Pharmazie.

Im kulturellen Wandel insbesondere des deutschen Judentums infolge der Haskala (genannt auch „jüdische Aufklärung“) hatte die Ausübung der Wissenschaften, vor allem des Arztberufs, hohe Bedeutung für die Akkulturation der Juden in die christlich-bürgerliche Gesellschaft. Von Rabbinern, von denen einige die Heilkunde beruflich betrieben,Michael E. Graf v. Matuschka: Hesse, der Jude von Salms (Solmes): Arzt und Schriftgelehrter. Ein vorwiegend namenkundlicher Exkurs. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 8, 1990, S. 207–219, hier: S. 208. wurde ein Teil der Debatten um die Modernisierung des Judentums und seine Integration in die christlich-bürgerliche Gesellschaft auf medizinischem Fachgebiet geführt. Auch in der Moderne setzt sich die medizinische Tradition im Judentum fort: 28 % der Träger des Nobelpreises für Medizin sind Juden oder jüdischer Abstammung. Im Gegensatz zu anderen medizinischen Traditionen des Altertums, findet sich in der alten jüdischen Medizin, abgesehen von präzisen Hygienevorschriften, keine Systematik wie etwa bei den Ägyptern oder Griechen.Carl Hans Sasse: Geschichte der Augenheilkunde in kurzer Zusammenfassung mit mehreren Abbildung und einer Geschichtstabelle (= Bücherei des Augenarztes. Heft 18). Ferdinand Enke, Stuttgart 1947, S. 14 f. Die korrekte Definition einer „jüdischen Medizin“ ist auch in der aktuellen Forschung umstritten, da sich spezifisch religiöse und allgemein-gesellschaftliche und politische Aspekte nicht methodisch eindeutig trennen lassen.

Forschungsgeschichte und aktuelle Schwerpunkte der Forschung Die ersten systematischen Untersuchungen der jüdischen MedizinZur Problematik des Begriffs vgl. Eberhard Wolff: Jüdische Medizin (Begriffsproblematik). In: Enzyklopädie Medizingeschichte. 2005, S. 706 f. bzw. der von etwa 1220 v. Chr. bis 70 n. Chr. datierten altjüdischen MedizinPaul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 3. erschienen im frühen 17. Jahrhundert, befassten sich aber mit Ausnahme der Dissertation Benjamin Gintzburgers (1743) meist nur mit dem Alten und Neuen Testament der Bibel. Erst im 19. Jahrhundert wurden auch der Talmud und andere antike hebräische Schriften in die Forschung mit einbezogen. Von besonderer Bedeutung für die Forschungsgeschichte sind die Arbeiten von Julius Preuss zur biblisch-talmudischen Medizin.

In der Vergangenheit konzentrierte sich die Forschung zumeist auf die Beschreibung der Verdienste jüdischer Ärzte um die medizinische Wissenschaft oder auf antijüdische Verhaltensweisen der nichtjüdischen Umwelt. In jüngster Zeit richtet sich das Forschungsinteresse vermehrt auf die Frage, inwieweit der jüdische kulturelle Hintergrund einen Einfluss auf die medizinische Praxis oder wissenschaftliche Arbeit jüdischer Ärzte hatte. Diese Frage kann zwar gelegentlich im Hinblick auf die Biografie einzelner Ärzte beantwortet werden, eine allgemein gültige und methodisch klare Antwort wurde bislang trotz zahlreicher Versuche nicht gefunden, da kaum präzise zwischen spezifisch „jüdischen“ und eher allgemeinen sozialen und politischen Umständen der jeweiligen Zeit unterschieden werden kann.Wolff, 2014, S. 22.

Ein weiteres aktuelles Thema ist die Erforschung von historischen oder gegenwärtigen Aussagen zum häufigeren oder selteneren Vorkommen bestimmter Krankheiten bei Menschen jüdischer Herkunft, verbunden hiermit Aussagen zur Selbst- oder Fremdwahrnehmung des Körpers. Dies wurde sowohl von Juden als auch Nichtjuden von der frühen Neuzeit bis in die GegenwartZusammenfassung in immer wieder diskutiert. Hierbei wurden einerseits gesellschaftliche oder sozialstatistische Ansätze verfolgt, im Zuge des zunehmenden Antisemitismus seit Ende des 19. Jahrhunderts auch rassistische Stereotype mit dem Ziel der Ausgrenzung, welche als solche ebenfalls Gegenstand der Forschung sind.

Ein drittes Forschungsgebiet umfasst religiös-rituelle Praktiken in Verbindung mit (monotheistisch-theurgischer bzw. volksmedizinischerVgl. Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 1960, S. 3.) Heilkunde. Hier konzentrierten sich historische Diskussionen ab dem 18. Jahrhundert auf Riten wie die Brit Mila, die Beschneidung der männlichen Säuglinge am achten Tag nach der Geburt, die schnelle Beerdigung der Toten vor Sonnenuntergang, das rituelle Bad (Mikwe) und die Speisevorschriften. Diese innerjüdischen Debatten waren zentral in der Frage der Modernisierung jüdischer Identität (Haskala), insbesondere in der Debatte um das Selbstverständnis als Volk, Nation oder Religion.

Medizinische Überlieferungen in der Tora und im Talmud Aus der Frühzeit der altjüdischen Medizin (ab etwa 1220 v. Chr.)Vgl. Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 1960, S. 3. sind keine medizinischen Abhandlungen erhalten. Unser Wissen über die Medizin dieser Zeit stammt aus den heiligen Schriften und den Geschichts- oder Gesetzbüchern bzw. Gesetzerläuterungen, welche die Tradition bis etwa 600 n. Chr.Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 1960, S. 3. fortsetzen. Die Informationen sind spärlich und ihre Bedeutung ist oft unklar. Erst mit der Abfassung des Talmud im 5. Jahrhundert wird die Überlieferung deutlicher.

Im Laufe ihrer langen Geschichte waren die Juden in engen Kontakt mit verschiedensten Völkern gekommen. Die Annahme, dass das medizinische Wissen der Juden sich von den Ägyptern herleite, wurde 1911 durch die Forschungen von Preuss widerlegt. Assyrisch-babylonische (darunter dämonistische) und griechisch-alexandrinische Einflüsse spielten dagegen eine wichtige Rolle; deutlich wird dies an der Verwendung griechischer Begriffe für Krankheiten im von der griechisch-römischen Antike beeinflusstenVgl. auch Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 1960, S. 3. Talmud. Im Gegensatz zur hochspezialisierten ägyptischen Medizin war der jüdische Arzt im Allgemeinen praktischer Arzt und Chirurg in einer Person. Im Buch der Psalmen ist Gott der Heiler, „der die heilt, die gebrochenen Herzens sind, und ihre Wunden verbindet“. Das hebräische Wort für Arzt ist רופא „rophe“, abgeleitet von „lindern“, „erträglich machen“. Innerhalb der Ärzteschaft waren „erprobte“ oder „erfahrene“, also möglicherweise „lizenzierte“ Ärzte bekannt, und es wurde gelehrt, dass nur kompetente Ärzte Patienten behandeln dürfen, damit „der Heiler nicht der Mörder wird“. Der biblische Satz in , dass eine Verletzung gesühnt und derjenige, der einen anderen verletzt habe, für die vollständige Genesung des Verletzten zu sorgen habe, machte ärztliche Versorgung zur Pflicht. Die Lehren des Talmud betrachteten die Gesundheitsfürsorge und die Heilung von Krankheiten als besonders wichtige Pflicht und gestatten sogar die Verletzung anderer Gebote, beispielsweise der Sabbatruhe, wenn es um das Wohl eines Kranken ging. Neben Ärzten gab es noch Spezialisten für Aderlässe, Hebammen und Beschneider (Mohel). Rabbiner waren keine Ärzte, sie hatten in Bezug auf die Lepra aber eine offizielle Aufsichtsrolle. Das hebräische Wort ẓaraʿat () wurde ins Griechische in der Septuaginta als Lepra übersetzt, wobei es jedoch im Hebräischen neben den Hauterscheinungen der „Fleckenlepra“ und den Symptomen des „Knollenausatzes“ (Elephantia) auch verschiedene andere Hauterkrankungen wie die SchuppenflechteOtto Betz: Der Aussatz in der Bibel. In: Jörn Henning Wolf (Hrsg.): Aussatz, Lepra, Hansen-Krankheit. Ein Menschheitsproblem im Wandel: Teil II: Aufsätze. Würzburg 1987 (= Kataloge des Deutschen medizinhistorischen Museums, Beiheft 1), S. 45–62.Benedikt Ignatzek: Aus der Geschichte der Dermatologie. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 23, 2004, S. 524–527, hier: S. 524. bezeichnete.Leprosy. In: Encyclopedia Judaica. Abgerufen am 21. Mai 2016. Es wurde vermutet, dass einige der biblischen Propheten (Elisha, Jesaja) medizinische Kenntnisse besaßen, aber keiner von ihnen wurde als Arzt bezeichnet. Es gab auch Regelungen im Fall eines Irrtums oder Kunstfehlers.

Im Alten Testament genoss der Arzt hohes Ansehen. Dies zeigt sich in Jesus Sirach, Kapitel 38:

Die Bibel zeigt auch die Existenz unheilbarer Krankheiten auf:

Ebenso konnte man sich nicht sicher sein, ob die Behandlungsmethoden wirklich hilfreich waren oder nicht eher schadeten, was im Mischnatraktat Qidduschin wie folgt ausgedrückt wurde:

Anatomie Das anatomische Wissen wurde aus der körperlichen Untersuchung des unversehrten Körpers gewonnen sowie aus dem Studium der Organe von Schlachttieren, ebenso aus der Untersuchung von verletzten Personen. Obduktionen wurden nicht durchgeführt, weil dies als Respektlosigkeit dem Toten gegenüber angesehen wurde. Es gibt aber einen Bericht, nach dem Studenten von Rabbi Jischmael „eine Leiche kochten, um die Knochen zu untersuchen und zu zählen.“

Der Talmud berichtet über den Arzt Schulim Abi Todos, einen Vorläufer eines Rechtsmediziners, auf dessen Expertise sich die talmudischen Weisen stützten. Es begab sich, dass man ein Behältnis mit Knochen in ein Bethaus brachte. Todos untersuchte zusammen mit weiteren Ärzten die Gebeine und stellte fest, dass es menschliche Überreste waren, die allerdings nicht von einer einzigen Leiche sein konnten, sondern von mehreren Toten stammen mussten (Nasir 52a).

Brit Mila