mini|Gezeichnete Gesamtansicht des Landerziehungsheims Schule am Meer im Loog auf Juist aus dem Sommer 1928, Vogelperspektive aus dem Wattenmeer in nördliche Richtung mini|Luftaufnahme der Schule am Meer im Loog auf Juist, 1929 Die Schule am Meer, englisch School by the Sea, hebräisch בית ספר ליד הים, auch als S.a.M. bzw. SaM bezeichnet, war ein privates, ganzheitlich orientiertes und als Internat geführtes reformpädagogisches Landerziehungsheim auf der ostfriesischen Insel Juist im Freistaat Preußen.
Sie gilt als erste reguläre deutsche Freiluftschule,Margarita Schweitzer: Andrés Manjón – ein spanischer und christlicher Reformpädagoge. Königshausen & Neumann, Würzburg 1987, ISBN 3-88479-310-1, S. 76 die bis zum Reifezeugnis führte, und wurde daher von Eltern teils auch für gesundheitlich beeinträchtigte Kinder und Jugendliche ausgewählt. Sie war die einzige deutsche Schule, die eine eigene freistehende Theaterhalle errichtete, die auch der Ausbildung von Laienspiel-Pädagogen für ganz Deutschland dienen sollte.Herbert Giffei: Martin Luserke – Reformpädagoge, Dichter, Theatermann – Gründer und Leiter der Schule am Meer auf der Nordseeinsel Juist (1925–1934). K. Neubauer, Lüneburg 1990, ISBN 3-88456-072-7, S. 75Martin Luserke: Zum Abschluss – An die Mitglieder unserer Außengemeinde, 15. Oktober 1934. In: Blätter der Außengemeinde der Schule am Meer Juist (Nordsee), o. Jg., o. Nr., November 1934, S. 1–3 Im Gegensatz zu den meisten staatlichen Schulen legte sie einen besonderen Schwerpunkt auf eine musische, physische und handwerkliche Ausbildung ihrer Schüler,Hans Peter Schöniger: Die Bildung des ganzen Menschen – Zur Geschichte eines reformpädagogischen Ideals. Schneider-Verlag Hohengehren, Baltmannsweiler 2004, ISBN 978-3-89676-796-7, S. 420ff. betrachtete wissenschaftliche, künstlerische und sportliche Fächer als gleichwertig.Ulrich Schwerdt: Martin Luserke (1880–1968). Reformpädagogik im Spannungsfeld von pädagogischer Innovation und kulturkritischer Ideologie – Eine biographische Rekonstruktion. Dissertation Universität Paderborn 1992; Peter Lang Internationaler Verlag der Wissenschaften, Frankfurt am Main u. a. 1993, ISBN 3-631-46119-4, S. 378–385 Sie wollte ihren Schülern ein angeleitetes Eigenleben ermöglichen, betrachtete die Jugendphase als Wert und eigenständigen Typus.
Das Internat bestand von Anfang Mai 1925 bis Ende März 1934 und erarbeitete sich rasch einen überregionalen Ruf.Martin Luserke, auf: deutsche-biographie.de Es wurde vor dem Hintergrund der NS-„Gleichschaltung“ und des staatlichen Antisemitismus geschlossen., auf: juist.de
Gründungsphase Vorgeschichte Erstmals Mitte Oktober 1922 und am 28. Oktober 1924 trafen sich Vertreter mehrerer Reformschulen unter der Leitung von Alfred Andreesen, dem Leiter der Stiftung Deutsche Landerziehungsheime, bei Heppenheim (Bergstraße) in der Odenwaldschule. Ziel war es, sich zu einem organisatorischen Verbund zusammenzuschließen und das Erbe von Hermann Lietz, dem Begründer der Landerziehungsheime in Deutschland, zu bewahren. Dabei ging es hauptsächlich um pädagogisch-konzeptionelle Parallelen und Ähnlichkeiten dieser Schulen, weniger um ökonomische oder verwaltungsrechtliche Aspekte. Der Verbund, die in Ober-Hambach gegründete Vereinigung der Freien Schulen – Landerziehungsheime und Freie Schulgemeinden – in Deutschland, hatte bis in den NS-Staat hinein Bestand. An den Treffen nahmen mit Martin Luserke und Rudolf Aeschlimann auch Vertreter der 1924 noch vor der Gründung befindlichen Schule am Meer teil. Sie bekundeten Interesse an einer späteren Mitarbeit in der Vereinigung.Jens Brachmann: Reformpädagogik zwischen Re-Education, Bildungsexpansion und Missbrauchsskandal – Die Geschichte der Vereinigung Deutscher Landerziehungsheime 1947–2012. Verlag Julius Klinkhardt, Bad Heilbrunn 2015, ISBN 978-3-7815-2067-7, S. 33
Martin Luserke verließ im Jahr 1925 mit gleichgesinnten Kollegen die Freie Schulgemeinde in Wickersdorf bei Saalfeld im Thüringer Wald, in der er seit 1906 als Lehrer und auch als Schulleiter tätig gewesen war. Um die Verhältnisse in der Wickersdorfer Freien Schulgemeinde nicht zu destabilisieren, hatte Luserke im Februar 1924 vertraulich zunächst Rudolf Aeschlimann in seine Pläne, eine neue Reformschule zu gründen, eingeweiht. In den folgenden Wochen informierte er auch die anderen Mitglieder der späteren Sezession. Vor der Schulgründung sollten zunächst programmatische Schriften veröffentlicht werden, um dem Projekt einen fundierten Hintergrund zu geben.Martin Luserke: Logbuch der Schule am Meer, Band 1. Eintrag vom 28. April 1925
Für die Neugründung einer Schule, die von der Sexta (VI) bis zum Abschluss (Reifezeugnis) der Oberprima (OI) führen sollte, setzte Luserke auf ein selbst erarbeitetes Konzept. Dieses kombinierte Elemente
der Landschulheimbewegung von Hermann Lietz, der Kunsterziehungsbewegung von Alfred Lichtwark,Ulrich Schwerdt: Martin Luserke (1880–1968). Reformpädagogik im Spannungsfeld von pädagogischer Innovation und kulturkritischer Ideologie. Eine biographische Rekonstruktion. Peter Lang Internationaler Verlag der Wissenschaften, Frankfurt am Main u. a. 1993, ISBN 3-631-46119-4.Cornelia Susanne Anna Godde: Das Laienspiel als reformpädagogisches Element – Die Bedeutung Martin Luserkes für das heutige Bildungswesen. Verlag M. Wehle, Witterschlick/Bonn 1990, ISBN 3-925267-38-7. der Jugendmusikbewegung, der Lebensreformbewegung nach Karl Wilhelm Diefenbach, der Anthroposophie von Rudolf SteinerKlaus Prange: Erziehung zur Anthroposophie – Darstellung und Kritik der Waldorfpädagogik. Verlag Julius Klinkhardt, Bad Heilbrunn 2000, ISBN 3-7815-1089-1, S. 125–126 und der heutigen Erlebnispädagogik.Jörg Ziegenspeck (Hrsg.): Martin Luserke. Reformpädagoge – Dichter – Theatermann; Gründer und Leiter der Schule am Meer auf der Nordseeinsel Juist (1925–1934). (Wegbereiter der modernen Erlebnispädagogik). Verlag Klaus Neubauer, Lüneburg 1990, ISBN 3-929058-07-3Herbert Giffei: Martin Luserke – Ein Wegbereiter der modernen Erlebnispädagogik? In: Wegbereiter der modernen Erlebnispädagogik, Heft 5, Lüneburg 1987Klaus Prange: Erziehung zur Anthroposophie – Darstellung und Kritik der Waldorfpädagogik. Verlag Julius Klinkhardt, Bad Heilbrunn 2000, ISBN 3-7815-1089-1, S. 125–126
Die Insel Juist wurde allgemein als geeignet für das Schulprojekt angesehen.
Außendarstellung mini|Bildmarke der Schule am Meer mini|4-seitiges Faltblatt der Schule am Meer Die Bezeichnung Schule am Meer war primär ein Mittel des Marketings. Mit den geeigneten Schlagworten wurde mit Zeitungsannoncen sowohl in Deutschland als auch in den USA um Schüler geworben.Herbert Connor: Schule am Meer Juist. In: Berliner Börsen-Zeitung, Nr. 457 (30. September 1925/Morgenausgabe), 481 (14. Oktober 1925/Morgenausgabe), 503 (27. Oktober 1925/Morgenausgabe), 507 (29. Oktober 1925/Morgenausgabe)
Bei der Printwerbung verwendete man graphische Elemente des Jugendstils, wie beispielsweise im Logo und dem Schriftzug der Schule, die im Laufe der Zeit in unterschiedlichen Varianten ausgeführt wurden. Ab Juli 1929 wurden die Blätter der Außengemeinde der Schule am Meer Juist publiziert.Paul Reiner (Hrsg.): Blätter der Außengemeinde der Schule am Meer Juist, 1. Rundbrief, Schule am Meer, Juist, Ostfriesland, Juli 1929
Realisation mini|Grundstückserwerb (chronologisch) für das Areal der Schule am Meer, 1929 mini|Situationsplan des Areals der Schule am Meer, 1928 mini|S.a.M.-Gebäude innerhalb des Kernbereiches inkl. früherer und heutiger Nutzung mini|S.a.M.-Gebäude außerhalb des Kernbereiches inkl. früherer und heutiger Nutzung mini|Hauptgebäude Diesseits mit östlichem Anbau des Speise-/Proben- und Aufführungssaals, um 1929 mini|Teilansicht der spiegelbildlich L-förmigen Arche (rechts) und des Schulhauptgebäudes Diesseits (links) mit Anbauten nach Süden und Osten aus nordwestlicher Richtung, dazwischen die Westfalenhalle (Mitte) im Hintergrund (hell mit hohem Schornstein), ca. 1928 mini|Ansicht des Wohngebäudes Arche (Primaner) aus östlicher Richtung, noch ohne Sitzbänke, ca. 1928 mini|S.a.M.-Wohnbaracke Jenseits (Jungen der Mittelstufe), Stall Olymp und Bootshaus am Watt, ca. 1928 mini|do (Vorgängerbau: Logierhaus Doyen) mit Lehrerwohnungen Hafner, Luserke und S.a.M.-Krankenstation, um 1929 mini|Die nördlich und westlich an do angebauten Baracken re (links) und mi (Mitte), ca. 1929 Das Gründerteam hatte im Herbst 1924 im Loog ein ehemaliges Gasthaus mit Grundstück erworben, das in den Folgemonaten ausgebaut und modernisiert wurde.Thomas Aititsch: Eine Schule am Meer… In: Schule, Ausgabe 225, Landesschulrat für Steiermark (Hrsg.), Graz, November 2010, S. 6–7. Es wurde zum Hauptgebäude der neuen Schule. Im Anbau befand sich ein Mehrzwecksaal, der sowohl als Mensa als auch für Theaterspiele und Chor- und Orchesterproben genutzt wurde.Jochen Büsing: Im Loog… Die wechselvolle Geschichte des anderen Juister Ortsteils. Burchana Verlag, Borkum 2010, S. 60,
Am 29. Januar 1925 erteilte das Preußische Staatsministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung für das kommende Schuljahr die Genehmigung zur Aufnahme des Schulbetriebs. Mit seinen Kollegen Helene und Rudolf Aeschlimann, Christfriede und Fritz Hafner, Anna Sara und Paul Reiner und weiteren Mitarbeitern verließ Luserke am 30. März 1925 die Schule in Wickersdorf.Martin Luserke: Schule am Meer (Juist, Nordsee). Leitsätze. Die Gestalt einer Schule deutscher Art. Angelsachsen Verlag, Bremen 1924, S. 21Neue Deutsche Biographie, Band 15. Bayerische Akademie der Wissenschaften, Historische Kommission (Hrsg.). Duncker & Humblot, Berlin 1987, ISBN 3-428-00196-6, S. 533Hans Kolde: Lernen am Rand der bewohnbaren Welt. In: Ostfriesland Magazin, Ausgabe 9/2000. SKN, Norden 2000 Siebzehn Schüler aus Wickersdorf wechselten ebenfalls nach Juist.Peter Dudek: „Versuchsacker für eine neue Jugend“ – Die Freie Schulgemeinde Wickersdorf 1906–1945. Verlag Julius Klinkhardt, Bad Heilbrunn 2009, ISBN 978-3-7815-1681-6, S. 296Vorgeschichte der Schule am Meer. In: Logbuch der Schule am Meer, S. A3. In: Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek Kiel, Handschriftenabteilung, Nachlass Luserke, Martin, Signatur Cb 37 – Die Vorgeschichte der Schule am Meer verzeichnet nur 16 Schüler, die anfangs von Wickersdorf nach Juist gewechselt sind; ausweislich des Schülerbuches waren es jedoch 17, Walter Georg Kühne wurde in der Auflistung der Vorgeschichte vergessen. Sämtliche mit dem Umzug verbundenen Kosten der Lehrkräfte hatte die Freie Schulgemeinde in Wickersdorf zu tragen, was diese in stärkerem Umfang belastete.August Halm: Rundschreiben an die auswärtigen Mitglieder und Freunde der FSG, Freie Schulgemeinde, Wickersdorf 1925
Aufgenommen als Schüler wurden Mädchen und Jungen ab 10 Jahre alt, im Regelfall jedoch nicht älter als 16 Jahre. Nur ausnahmsweise sollten Neuzugänge zur Obersekunda (Jahrgangsstufe 11) zugelassen werden,Der Nachmittag gehörte der Körperbildung und Kunst. In: Ostfriesischer Kurier, Nr. 101, 3. Mai 1990, S. 31.