mini|hochkant|Kaiser Joseph II. im Inkognito als Comte de Falckenstein (Kupferstich aus dem Jahr 1777)

Das Inkognito stellte bei Reisen europäischer Monarchen und ihrer Angehörigen in der Zeit vom 16. Jahrhundert bis nach dem Ersten Weltkrieg eine besondere Form des höfischen Zeremoniells dar. Es diente nicht der Herstellung echter Anonymität, sondern der Vermeidung von ansonsten formell erforderlichen aufwändigen Zeremonien und eventueller Rangstreitigkeiten bei Herrschertreffen. Zunehmend gewann es auch Bedeutung, um Herrschern und ihren Familien bei Reisen eine gewisse Privatsphäre zu ermöglichen. Gelegentlich wurde das Inkognito auch von bürgerlichen Reisenden angewandt, etwa von Goethe während seiner Italienischen Reise.

Seine Hochphase erlebte das Inkognito im 18. und 19. Jahrhundert, vor allem bei Auslandsreisen, aber auch bei Fahrten innerhalb des eigenen Territoriums. Ein wichtiges Anwendungsfeld war zudem die für Fürstensöhne im 17. und 18. Jahrhundert übliche Grand Tour. Die Verwendung des Inkognitos, meist auch unter Nennung des jeweiligen Pseudonyms, wurde bei Herrscherreisen in der Regel über die jeweiligen Zeitungen bekanntgegeben. Die meisten Fürsten verwendeten für ihr Inkognito einen nachrangigen Titel ihrer Herrschertitulatur oder einen in anderer Form auf ihr Herrschaftsgebiet hinweisenden Namen. Beispielsweise verwendeten mehrere preußische Könige, darunter Friedrich der Große, für Reisen unter Inkognito den Titel eines Grafen von Ruppin, nach der seit 1524 den Hohenzollern gehörenden Grafschaft Ruppin. Der dänische König Friedrich VIII. reiste als Graf Kronborg, was bei seinem plötzlichen Tod 1912 in Hamburg zunächst für Komplikationen sorgte. Bekannt ist auch das von Kaiser Joseph II. oft verwendete Pseudonym Graf von Falkenstein (auf Französisch Comte de Falckenstein), nach der Grafschaft Falkenstein, einer kleinen linksrheinischen, dem Haus Habsburg gehörenden Herrschaft.

Geschichte Vorläufer Das Wort „inkognito“ kommt aus dem Italienischen (incognito) und wiederum vom lateinischen incognitus (unbekannt, von cognoscere kennen, wissen).inkognito. In: Duden. Abgerufen am 14. Januar 2021. Erste Formen des Inkognitos, bei dem Reisende und Besucher bewusst auf die Offenlegung ihrer Person verzichteten, sind bereits für die Zeit des Mittelalters bekannt. So vermied es beispielsweise Bernhard von Clairvaux bei seinen Reisen, seinen Namen zu nennen, um Neugierigen zu entgehen.Volker Barth: Inkognito: Geschichte eines Zeremoniells, München 2013, S. 35. Herrschertreffen fanden in dieser Zeit selten statt und wurden zur Vermeidung von Rangstreitigkeiten gerne auf neutralem Boden durchgeführt. Zunehmend wurde dabei versucht, auch sonstige Anlässe für Rangprobleme zu vermeiden. Der englische König Richard II. und sein französischer Amtskollege Karl VI. trafen sich 1396 zur Unterzeichnung eines Friedensvertrags während des Hundertjährigen Kriegs nicht nur auf neutralem Boden in der Nähe von Calais, sie vereinbarten zudem das Anlegen möglichst einfacher Kleider.Volker Barth: Inkognito: Geschichte eines Zeremoniells, München 2013, S. 37.

Zu den Vorläufern des im 18. und 19. Jahrhunderts zu seiner ausgefeilten Form entwickelten Inkognitos zählt die sogenannte „Aufwartung“ bei der Eheschließung im Hochadel. Meist erfolgte die Aufwartung, bei der sich die Ehepartner in den damals üblichen nach dynastischen Gesichtspunkten arrangierten Ehen erstmals kennenlernten, sehr formell. Manche Herrscher und andere Adlige im späten Mittelalter warfen jedoch in Verkleidung vorab einen Blick auf ihre künftige Ehefrau, um damit ihre Liebe zu verdeutlichen und diese nach außen den dynastischen Aspekten voranzustellen. Erstmals machte dies der französische König Karl VI. vor seiner Hochzeit mit Isabeau de Bavière 1389, als er in Verkleidung den Einzug seiner künftigen Ehefrau in Paris beobachtete. Er erhielt jedoch nach eigener Aussage von den ihn nicht erkennenden Wächtern des Hochzeitszuges Prügel, als er sich seiner Zukünftigen nähern wollte. Dadurch, dass er dies freimütig am Abend der Hochzeit erzählte, verdeutlichte er gegenüber seinen Gästen den Vorrang der Liebe vor den dynastischen Aspekten dieser seit langem geplanten Ehe und beförderte seine Volkstümlichkeit.Volker Barth: Inkognito: Geschichte eines Zeremoniells, München 2013, S. 71. Zu den Herrschern, die sich ebenfalls inkognito über ihre künftigen Frauen informierten, zählten beispielsweise der englische König Heinrich VIII. bei Anna von Kleve, der französische König Ludwig XIII. bei Anna von Österreich sowie dessen Sohn Ludwig XIV. vor seiner Heirat mit Maria Teresa von Spanien.Volker Barth: Inkognito: Geschichte eines Zeremoniells, München 2013, S. 72.Volker Barth: Inkognito: Geschichte eines Zeremoniells, München 2013, S. 104. Schließlich sind die verschiedenen Legenden über Herrscher, die sich verkleidet unter ihr Volk mischten, um dessen Probleme und Wünsche kennenzulernen, zu nennen, die ebenfalls Vorläufer des formellen Inkognito sind.

Im 16. und 17. Jahrhundert etablierte sich an den meisten europäischen Höfen ein ausgefeiltes Zeremoniell, dokumentiert in Hofordnungen und Zeremonienbüchern. Vorbild war zunächst das spanische Hofzeremoniell, ehe unter Ludwig XIV. der französische Hof maßgebend für die weitere Entwicklung des Zeremoniells wurde. Dieses deckte den ganzen Tagesablauf des Herrschers ab, vom morgendlichen Aufstehen, dem Lever, bis zum abendlicher Coucher, und ließ kaum mehr Platz für private Interessen und Erholung von den Pflichten des Herrschers.Volker Barth: Inkognito: Geschichte eines Zeremoniells, München 2013, S. 101. Während bei Hofe durch Maskeraden und Feste eine Entlastung vom strengen formellen Zeremoniell möglich war, entwickelte sich das Inkognito vor allem als Form des Reisezeremoniells.Volker Barth: Inkognito: Geschichte eines Zeremoniells, München 2013, S. 103. Es war jedoch dezidiert nicht als unerkanntes Reisen gedacht, sondern sollte vielmehr Reisen und Herrschertreffen ohne formelles Zeremoniell ermöglichen, das inzwischen bei Reisen von Kaisern und Königen mehrere hundert Begleitpersonen, von Wachen über Reitknechte und Küchenpersonal bis hin zu Kammerherren und sonstigen Hofchargen, erforderte.Volker Barth: Inkognito: Geschichte eines Zeremoniells, München 2013, S. 106. Die wahre Identität des Inkognito-Reisenden durfte und sollte durchaus bekannt werden, sie ermöglichte jedoch den Verzicht auf die umfangreiche Begleitung sowie aufwändige Empfangszeremonien.

Peter der Große als Präzedenzfall mini|Peter der Große in einfacher Kleidung während der Großen Gesandtschaft Die endgültige Form des Inkognito wurde schließlich, auch wenn es bereits zuvor explizit Anwendung bei fürstlichen Reisen gefunden hatte, maßgeblich durch Zar Peter den Großen und seine Große Gesandtschaft beeinflusst.Volker Barth: Inkognito: Geschichte eines Zeremoniells, München 2013, S. 110. Der Zar begleitete bei dieser in den Jahren 1697 und 1698 durchgeführten Reise seine Gesandten inkognito als einfacher Unteroffizier Petr Michailow. Den übrigen Gesandtschaftsmitgliedern war es verboten, ihn als Zar anzusprechen, dennoch legte Peter großen Wert darauf, dass ihm mit dem gebotenen Respekt gegenübergetreten wurde. Diese trotz aller Vorläufer neue Form des Herrscherauftritts führte während der Reise des Zaren wiederholt zu Komplikationen, vor allem dann, wenn er tatsächlich nicht erkannt wurde oder wenn seine Gegenüber unsicher waren, wie sie mit ihm umzugehen hatten. So kam es beispielsweise zu Komplikationen, als der Zar die Festungsanlagen des damals zu Schweden gehörenden Riga besichtigte und die Wachmannschaften ihm deutlich machten, dass dies ohne Erlaubnis verboten war. Der Zwischenfall wurde drei Jahre später noch zur propagandistischen Begründung des Großen Nordischen Krieges herangezogen.Volker Barth: Inkognito: Geschichte eines Zeremoniells, München 2013, S. 113.

Peter der Große wechselte flexibel zwischen dem Inkognito und seiner Herrscherrolle, je nach Bedarf gab er sich während der ganzen Reise zu erkennen. Auch während seiner Lehrmonate auf einer Amsterdamer Werft war allen klar, wer Petr Michailow tatsächlich war und wiederholt fanden ihm zu Ehren besondere Veranstaltungen statt. Die europäischen Zeitungen, die sich in dieser Zeit zunehmend entwickelten, berichteten ebenfalls umfangreich über den Zaren und sein Inkognito, trotz einiger Verbote.Volker Barth: Inkognito: Geschichte eines Zeremoniells, München 2013, S. 116. Seine Gesprächspartner unter den europäischen Monarchen achteten das Inkognito ebenfalls. So fuhr beispielsweise der englische König Wilhelm III. nicht in einer seiner eigenen Kutschen, sondern in der Kutsche von Lord Romney, einem hochrangigen Militär und Diplomaten – also kurzzeitig ebenfalls inkognito – zur Unterkunft Peters während dessen Besuch in London.Volker Barth: Inkognito: Geschichte eines Zeremoniells, München 2013, S. 119. Auch der Besuch bei Kaiser Leopold I. in Wien blieb im Inkognito und ermöglichte es, dass sich beide Monarchen gleichrangig begegnen konnten, obwohl der russische Zarentitel damals noch nicht allgemein als Äquivalent zum römisch-deutschen Kaisertitel anerkannt worden war.Volker Barth: Inkognito: Geschichte eines Zeremoniells, München 2013, S. 123. Auf die Spitze getrieben wurde das Inkognito, als Leopold I. während einer zu Ehren des Besuchers veranstalteten Maskerade in Form einer Dorfwirtschaft in seiner Rolle als Wirt seinen als friesischen Bauern verkleideten russischen Gast aufforderte, auf die Gesundheit des Kaisers und des Zaren zu trinken.Volker Barth: Inkognito: Geschichte eines Zeremoniells, München 2013, S. 126. Nicht alle in der Folgezeit etablierten Regeln des Inkognito wurden von Peter dem Großen während seiner Reise beachtet, er etablierte es jedoch als Präzedenzfall in der Diplomatie und gab seiner Anwendung einen wesentlichen Rahmen.

Das Inkognito als etabliertes Zeremoniell Zu Beginn des 18. Jahrhunderts war das Inkognito bereits fester Bestandteil des höfischen Zeremoniells. Peter der Große hatte zwar mit seiner Reise wesentliche Maßstäbe gesetzt, dennoch gab es zunächst noch Unterschiede und Unklarheiten in der Anwendung. Sehr früh wurden daher bei gegenseitigen Besuchen von Souveränen und Monarchen vorab die Einzelheiten und Formen des Inkognitos abgestimmt und festgelegt.Volker Barth: Inkognito: Geschichte eines Zeremoniells, München 2013, S. 135. Daraus entwickelten sich bald feste Regeln, die in den damals herausgegebenen Werken der Zeremonialliteratur meist aufgeführt wurden. So ging Julius Bernhard von Rohr in seinem 1733 erschienenen Werk Ceremoniel-Wissenschafft Der großen Herren ausführlich auf das Inkognito ein, das er vor allem für Reisen und zur Vermeidung von Rangstreitigkeiten als wichtig erachtete.Volker Barth: Inkognito: Geschichte eines Zeremoniells, München 2013, S. 138. Friedrich Karl von Moser behandelte das Inkognito in seinem umfangreichen, 1754/55 erschienenen Werk Teutsches Hof-Recht ebenfalls und versuchte sich erstmals an einer Definition. Er benannte als wesentliche Merkmale:

Als Merkmale der Person benannte Moser: Der angenommene Titel muss niedriger als der eigentliche Herrschertitel sein Es wird als Name eine Stadt oder ein Territorium im Herrschaftsgebiet verwendet Kurfürsten und Fürsten reisen als Graf oder Edelmann Bei Verwendung des eigentlichen Titels kann das Inkognito auch durch bewusste Nennung des Wunsches, „al incognito“ zu sein, erzeugt werden.