Hassan Israilow (/Israil Kʼant Hasan (Israils Sohn Hasan), , auch Hassan Terlojew; * 1903 oder 1907 oder 1910 im Aul Nikaroj bei Naschhoj, Rajon Galantschosch (Südwest-Tschetschenien)Perović, S. 460.; † 15. Dezember 1944) war ein tschetschenischer Dichter, Journalist, Jurist, KP-Funktionär und Anführer eines Guerilla-Aufstandes 1940–44 gegen die sowjetische Herrschaft, Gründer der sog. Besonderen Partei Kaukasischer Brüder.Alternative Namen waren Vereinigte Partei Kaukasischer Brüder oder „in den Quellen“ auch Nationalsozialistische Partei Kaukasischer Brüder, vgl. Perović, S. 457-58 (Fußnote 32). Israilow führte einen Aufstand gegen die Sowjetunion mit dem Ziel, einen unabhängigen tschetschenischen Nationalstaat, oder aber einen übernationalen kaukasischen StaatPerović, S. 472. zu errichten. Ob Israilow als Kollaborateur der Wehrmacht zu werten ist, wird kontrovers, manchmal politisch aufgeladen diskutiert. Aufgrund der wenigen direkten Kontakte beider Seiten im kurzen Zeitraum von August bis Dezember 1942, bei denen Israilow aber wohl wenig Distanz hielt, ist diese Frage über längere Zeiten des Aufstandes, in denen keine Möglichkeit zur Kollaboration existierte, von geringer praktischer Relevanz.
Leben Frühes Leben IsrailowSofern nicht anders angegeben biographische Daten aus dem Geschichtsmagazin „Chronos“, die größtenteils aus den Angaben seines Freundes Avtorkhanov stammen. wurde 1903 oder 1907 oder 1910 im Dorf Nikaroj geboren. In seiner Familie war er wohl der Jüngste von sechs Söhnen.Es gibt verschiedene Angaben des Geburtsjahres. Während Avtorkhanov schreibt, dass er der jüngste Bruder war, steht im Tagebuch, Heft 1, dass sein Bruder Hussein jünger war. Perović, S. 460, 463. Nach Besuch der Korangrundschule und nach einer Angabe vielleicht einer sowjetischen Schule soll er 1925–27 während der ersten Alphabetisierungen als Lehrer in seinem Dorf gearbeitet haben, sich aber nach dem Raub von Vieh der Familie in eine eskalierende Fehde ziehen lassen, was ihm später Intrigen einbrachte, weil auch seine Feinde Karriere in der KP machten.So behauptet es Heft 1 der „Tagebücher“, Perović, S. 460–465. Israilow wurde 1925, 1927, 1931, 1935 und 1939 verhaftet, 1931 und 1935 auch verurteilt, aber wieder rehabilitiert. Während sein Freund Avtorkhanov und Heft 4 der „Tagebücher“ nur politische Anklagen beschreiben, gibt Heft 1 nur für die Verhaftung 1931 den allein politischen Grund von Protesten und Widerstand gegen die Kollektivierung an, in den anderen sollen hinter den formalen Anklagen persönliche Intrigen, 1939 auch eigene Verstöße gegen das Strafrecht gestanden haben. In den Jahren 1927–30 besuchte Israilow die Mittelschule und juristische Studien in Rostow am Don und trat um 1929 der Kommunistischen Partei bei, zuvor war er Mitglied des Komsomol gewesen.Die Angaben über den Parteieintritt und was er genau in Rostow gelernt hat, differieren zwischen den Quellen. Danach widmete sich Israilow hauptsächlich der Literatur, arbeitete bis 1931 aber auch als Volksrichter für zwei Stadtbezirke von Grosny. Später wurde er Korrespondent der Moskauer Bauernzeitung und behandelte in Artikeln die Plünderung des tschetschenischen Volkes durch sowjetische Politiker. Im Frühling 1931 wurde Israilow wegen „konterrevolutionärer Verleumdung“ und „Kontakt zu Banden“ zu 10 Jahren Gefängnis verurteilt, 1933 wurde er freigelassen, rehabilitiert und durfte wieder der Partei beitreten.Perović, S. 466. Danach studierte er an der Kommunistischen Universität für die Arbeiter des Ostens in Moskau, wo er Kontakt zu einigen jungen tschetschenischen Intellektuellen und Funktionären, darunter seinem engsten Vertrauten Avtorkhanov bekam. In dieser Zeit wurden zwei seiner Bücher veröffentlicht, die er im Gefängnis geschrieben hatte. In Moskau soll Israilow einen Antrag an die sowjetische Regierung mit der These gerichtet haben, dass eine Fortsetzung der gegenwärtigen Politik zu einem Volksaufstand führen würde. Aus diesem Grund soll er die Absetzung des Generalsekretärs des tschetschenisch-inguschetischen Kommunistischen Partei und des regionalen Volkskommissars für innere Angelegenheiten (NKWD) gefordert haben. Als Folge wird Israilow, zusammen mit seinen Mitstreiter, zu fünf Jahren Arbeitslager verurteilt. Das „Tagebuch“ Heft 1 stellt die Verhaftung dagegen als Ergebnis eines Konflikts mit dem stellvertretenden Parteisekretär Chasi Wachajew dar.Perović, S. 467. 1937 wurde er rehabilitiert und kehrte aus Sibirien zurück. Heft 1 der „Tagebücher“ behauptet, dass er danach KP-Sekretär seines Heimatrajons Galantschosch war, von diesem Posten aber wegen Gesetzesüberschreitungen abgesetzt, als Journalist und Anwalt in Grosny arbeitete.Perović, S. 468.
Aufstand Parallel zum Winterkrieg, der militärische Schwächen der Sowjetunion erkennen ließ, verstärkte sich die Unruhe in Diskussionsrunden in Israilows Umfeld und Israilow ging auf Werbetour für einen Aufstand durch die Dörfer des Berglandes. Über den Beginn des Aufstandes werden verschiedene Zeitpunkte zwischen Januar 1940 und Januar 1941 angegeben.Perović S. 451, 461, 469, Während des Zweiten Weltkrieges unterhielten die tschetschenischen Rebellen Kontakte zur Wehrmacht. Zwischen dem 25. August und 10. Dezember 1942 wurde das Unternehmen Schamil durchgeführt, bei der Angehörige der Spezialeinheit „Brandenburg“ eine Kommandoaktion hinter der Frontlinie gegen die Sowjetmacht durchführte. Dabei erklärten sich zwei der tschetschenischen Widerstandsgruppen bereit, mit den Deutschen gegen die Rote Armee zu kämpfen. Allerdings scheiterte dies an der mangelhaften Organisation des notwendigen Waffennachschubs durch die zuständigen Dienststellen der Wehrmacht, die über den Einsatz nicht informiert waren. abgerufen auf bundesarchiv.de am 28. März 2016. Nachdem die Wehrmacht nicht nach Tschetschenien vordringen konnte, wurde der Aufstand nach anfänglichen Erfolgen niedergeschlagen. Israilow selbst wurde am 15. Dezember 1944 von feindlichen Tschetschenen getötet und der Leichnam am 29. Dezember dem NKWD übergeben.Perović, S. 373, „Chronos“ behauptet, er sei am 29. 12. vom NKWD getötet.
Traditionell wird davon ausgegangen, dass der Aufstand Israilows die Ursache der vollständigen Deportation der Tschetschenen und Inguschen nach Kasachstan und Mittelasien durch NKWD-Einheiten war, bei der hunderttausende Menschen deportiert wurden und einige zehntausend umkamen.
Historische und öffentliche Einschätzung Kontroverse Beurteilung In Literatur sowjetischer Zeit wurde die tschetschenisch-nationalistische, separatistische Aufstandsbewegung Israilows nicht thematisiert, weil ihre Erforschung dem offiziellen Ziel der Völkerfreundschaft entgegenstand, eine Linie, die in den letzten Jahren in Russland unter Präsident Wladimir Putin wieder zu beobachten ist.Perović, S. 449 und 452. In der westlichen Geschichtswissenschaft dominierte bis in die 1990er Jahre ein Bild von Israilow, das auf seinen engsten Vertrauten, den Historiker Abdurakhman Avtorkhanov (1908–1997) zurückgeht, welchem es gelang, über die Frontlinie zu entkommen und der in der Zeit des Kalten Krieges als anerkannter Historiker für kaukasische und russische Geschichte in München lebte. Avtorkhanov leugnet nicht, dass es während des Unternehmens Schamil zu Kontakten mit der Wehrmacht kam, die dann aber bald einschliefen, und schildert den Israilow-Aufstand als primär antistalinistisch und tschetschenisch-nationalistisch motiviert. Als Hauptargument dient ihm, dass der Aufstand schon im Winter 1940/41 begann, als der deutsche Überfall auf die Sowjetunion noch nicht abzusehen war. Diese Perspektive übernahmen einige Historiker ab den 1990er Jahren.Perović, S. 449, Avtorkhanov führt diese Sichtweise in seinen Memoiren und in „The Chechens and the Ingushs.“ aus, in Tschetschenien wird diese Deutung von Dschabrail Gakajew (gest. 2005) vertreten.
In der tschetschenischen und russischen Öffentlichkeit und Geschichtswissenschaft begann die Auseinandersetzung mit Israilow in der Zerfallszeit der Sowjetunion, wobei sich sehr gegensätzliche Wertungen bildeten. In der tschetschenischen und inguschischen Öffentlichkeit wird oft herausgestellt, dass der Israilow-Aufstand keine große Bewegung war (max. 5000 Bewaffnete, aber immer nur einige hundert gleichzeitig aktiv, bei damals über 600.000 Tschetschenen und Inguschen) und betont – um die Unrechtmäßigkeit der folgenden Deportation aller Tschetschenen und Inguschen nach Zentralasien herauszustellen – dass wesentlich mehr Tschetschenen und Inguschen in der Roten Armee dienten, als unter den Aufständischen. In der tschetschenischen und inguschischen Öffentlichkeit wurde Israilow nie zum Nationalhelden. „Im Pantheon der tschetschenischen Erinnerungskultur ist er noch immer weit weniger präsent als etwa Imam Mansur, Bajsungur oder Zelimchan. Über ihn sind keine Epen verfasst worden und er wird in keinen Volksliedern besungen.“Perović, S. 450–451. Eine Strömung tschetschenischer Historiker verweist auf innere Widersprüche in den vom NKWD erbeuteten „Tagebüchern“ Israilows und beurteilt diese als „Kompromat“, das heißt „kompromittierendes Material“ des NKWDPerović, S. 454. oder hält Israilow sogar für einen Agenten des NKWD, der den Vorwand für die Deportation liefern sollte.Perović, S. 452, zu dieser extremen Auslegung gelangen Wachid Akajew oder auch die Historiker Chatujew und Ibragimow und etwas gemäßigter Musajew und Mankiew. In der russischen Öffentlichkeit ist Israilow teilweise unbekannt, oder man übernimmt die Einschätzung, dass sein Aufstand nicht bedeutend war. Parallel zu den Tschetschenienkriegen bildete sich eine dritte konservativ-russische extreme Deutung „zwar eher dem populärwissenschaftlichen Genre zuzuordnen, erfreut sich aber gegenwärtig der größten Verbreitung…“, nach der Israilow ein überzeugter NS-Kollaborateur war, was mit einigen Passagen aus den „Tagebüchern“ begründet wird. Sie ordnen den Israilow-Aufstand in eine lange Tradition tschetschenischer Aufstände gegen Russland ein. Perović, S. 453, stellvertretend werden die Autoren Sergej Tschujew und Pychalow genannt.
Die „Tagebücher“ Um den Fragen näher zu kommen, ob der Israilow-Aufstand eine wenig bedeutende Bewegung war und ob Israilow primär antistalinistisch und tschetschenisch-national motiviert war, ein Zuarbeiter des NKWD oder ein bereitwilliger NS-Kollaborateur, hat der Züricher Osteuropa-Historiker Jeronim Perović versucht, die Tagebücher Israilows noch einmal zu betrachten. Diese „Tagebücher“, eigentlich eher nachträglich verfasste Lebensbeschreibungen in fünf Heften mit insgesamt 680 Seiten, sollen im August 1943 von einer NKWD-Einheit der Georgischen SSR unter Grigori Karanadse erbeutet worden sein. Leider sind die Original-Tagebücher verschwunden, Perović vermutet, dass sie beim Brand des georgischen KGB-Archivs in Tiflis mit allen anderen Akten zu Israilow im Bürgerkrieg zwischen Swiad Gamsachurdia und seinen Gegnern (1991/92) vernichtet wurden, weshalb endgültige Untersuchungen ihrer Authentizität durch Handschriftenvergleich u. ä. Methoden heute nicht mehr möglich sind. Perović konnte aber einen ausführlichen Bericht Karanadses an Lawrenti Beria vom September 1943 in Moskau auswerten, der auch Abschriften großer Teile der Tagebuch-Hefte 1, 2 und 4 mit Kommentaren Karanadses enthält.Perović, S. 454–455. Diese Akten wurden vor 2009 aus dem Russischen Staatsarchiv entfernt.Perović, S. 455. Nach einer Aktennotiz wurden sie in das geheime Archiv des FSB verlegt, auf Anfragen Perovićs leugnete der FSB, diese zu besitzen, vgl. Fußnote 23. Perović hält es für unwahrscheinlich, dass es sich bei den sehr ausführlichen Tagebüchern mit genauer Kenntnis tschetschenischer Verhältnisse und Persönlichkeiten um Fälschungen des NKWD handelt, weil sie offenbar in kurzer Zeit entstanden (falls nicht länger daran gearbeitet wurde) und besonders, weil Karanadse vielen Angaben der Tagebücher widerspricht,Perović, S. 455–56. endgültige Klärung ist aber nicht möglich.