mini|Junge befreite jüdische Kinder, die aus den Fenstern eines Zuges lehnen, der vom Konzentrationslager Buchenwald kommt. Der Zug mit der Aufschrift „Hitler kapout“ transportierte die Kinder zu einem OSE-Heim in Écouis, Frankreich.
Die gemeinnützige Organisation Œuvre de secours aux enfants (OSE) wurde am 7. August 1912 in Sankt Petersburg von Ärzten zum Schutz kranker jüdischer Kinder gegründetThe YIVO Encyclopedia of Jews in Eastern Europe – OZE. und hatte bald in vielen europäischen Ländern Niederlassungen. Im Jahr 1921 wurde sie in Russland verboten, da sie sich einer staatlichen jüdischen Dachorganisation nicht unterordnen wollte und deshalb aus ihr ausgetreten war.S. 63. Börries Kuzmany, Die Sowjetmacht und die Konstruktion einer weltlichen jüdischen Nation 1917–1922, Magisterarbeit Universität Wien 2003 Im Jahr 1923 hatte die Organisation ihren Sitz in Berlin unter dem Ehrenvorsitz von Albert Einstein. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 wurde ihr Sitz nach Paris verlegt.
Nach der deutschen Besetzung Nordfrankreichs wurde der Sitz im Jahr 1940 nach Vichy-Frankreich verlegt, 1943 dann nach Genf in die Schweiz. Seit 1950 befindet sich der Hauptsitz wieder in Paris.
Schwesterorganisationen der OSE sind die im Jahr 1880 in St. Petersburg gegründete jüdische Gesellschaft für handwerkliche und landwirtschaftliche Arbeit Organisation, Reconstruction, Travail (ORT)Ziel der ORT war die Bereitstellung von gewerblichen und technischen Berufsausbildungen und -schulen, um verarmten Juden Startchancen zu geben. sowie die bedeutende US-amerikanische Hilfsorganisation American Jewish Joint Distribution Committee, kurz Joint.
Name Die Organisation wurde ursprünglich mit dem Namen "Obshchestvo okhraneniia zdorov’ia evreiskogo naseleniia" (russ.)Gesellschaft zur Förderung der Gesundheit der jüdischen Bevölkerung gegründet und bald umbenannt in "Obščestvo Zdravoochranenija Evreev" („OZE“ – Organisation für den Schutz der Gesundheit der Juden).
Die heutige Abkürzung des Namens leitet sich aus der Beschreibung der Tätigkeit der Organisation Œuvre de secours aux enfants (etwa: „Kinderhilfswerk“ oder „Kinderhilfe-Gesellschaft“) ab. Gleichzeitig bildet „OSE“ ein Akronym, da die Organisation die Aussprache der Abkürzung „OSE“ wie bei „osé“ (franz.: „oser“ – wagen, sich zutrauen) vornimmt.Gérard Foussier, Versteckte Kinder in Dokumente/Documents, Zeitschrift für den deutsch-französischen Dialog, 1/2016, S. 37.
Aufgaben vor dem und während des Zweiten Weltkriegs mini|UGIF (L’Union générale des israélites de France), 1942. Der französische Zweig der OSE gliederte sich nach der deutschen Besetzung Frankreichs in die "Union générale des israélites de France" ein. Er wurde zur dritten Gesundheitsorganisation der UGIF. Sie wurde damit die wichtigste Organisation zur Rettung jüdischer Kinder in Frankreich.Kurzporträt, auf ZDF info, 10. Mai 2017.
Bis zum Jahr 1933 führte der deutsche Zweig der OZE ein relativ normales Vereinsleben, z. B. gab es am 12. Februar 1927 im Logenhaus Berlin einen Wohltätigkeitsball zugunsten seiner Aktivitäten; angeboten wurden Vorträge in russischer Sprache (z. B. Der Kampf gegen die Tuberkulose oder Das OZE und die Aufgaben der jüdischen Gesundheitsvorsorge, beide 1927).Ein weiteres Beispiel: Am 14. Dezember 1922 in Berlin, OZE-Vortrag von F. Z. Šneerson: „Ärztliche Pädagogik und das Schicksal der jüdischen heranwachsenden Generation“, in jiddischer Sprache. Fischl Schneersohn war Arzt, Psychologe und Schriftsteller, unter diesem Namen erschien im Jahr 2012 der Roman „Grenadierstraße“ in deutscher Übersetzung.
Am 11. November 1922 feierte die OZE im Logenhaus Berlin den 10. Jahrestag ihres Bestehens. Es gab Vorträge von dem OZE-Mitgründer in Russland, Moisei M. Gran: „10 Jahre OZE“ und von Philipp Maksovič Bljumental': »Evrejstvo pered licom boleznej i smerti« (=Das Judentum im Angesicht von Krankheit und Tod),zu Blumental': online und ein Konzert. Am 27. August 1923 führte OZE in Berlin eine „Erste Weltkonferenz zum jüdischen Gesundheitswesen“ durch.
In der Zeit der politischen Repressionen gegen Juden in Deutschland und Österreich betreute OSE in Frankreich viele jüdische Kinder, die aus Deutschland und Österreich fliehen mussten. Im Frühjahr 1942 befanden sich 1349 Kinder in OSE-Häusern. Unter maßgeblicher Verantwortung des russisch-französischen Psychiaters und Philosophen Eugène Minkowski wurden von diesen 311 Kinder über Lissabon in die USA geschickt.
Vom April 1943 bis 1944 wurde ein „Schmuggel“ von Kindern in der Schweiz organisiert, um besonders gefährdete Kinder zu schützen. Kinder wurden in Heimen befreundeter Hilfsorganisationen oder bei Privatpersonen untergebracht. OSE war auch im August 1942 maßgeblich an der „Nacht von Vénissieux“ beteiligt, bei der 108 Kinder aus dem Anhaltelager gerettet wurden.
Es wird geschätzt, dass OSE insgesamt etwa 5000 Kinder vor den Nazis gerettet hat.
Dem Reichssicherheitshauptamt galt OSE im Zusammenhang der Maßnahmen gegen Juden im „Altreich“ als feindliche Organisation, zumal sie eine Ortsgruppe in Berlin und bis zum Einmarsch der Deutschen eine solche in Danzig hatte.als „Gesellschaft für Gesundheitsschutz der Juden“; des RSHA zu OSE
Aufgaben nach dem Zweiten Weltkrieg Nach dem Krieg wurden auch Kinder und Jugendliche als Überlebende aus den Konzentrationslagern, als minderjährige Displaced Persons oder als Waisen jüdischer Eltern, weiter betreut. Zum Beispiel hat OSE ihre Emigration nach Israel organisiert, oft zusammen mit anderen karitativen Trägern.Dazu ausführlich Simone Gigliotti, Monica Tempian Hgg.: The young victims of the Nazi regime. Migration, the Holocaust and postwar displacement. Bloomsbury Academic, London 2016, passim (siehe Register) In den 1960er Jahren wurden Kinder aus Ägypten und Nordafrika versorgt. Heute kümmert sich OSE um kranke und behinderte Kinder.
Mitarbeiter Von 1980 bis 1985 war Vivette Samuel Generalsekretärin der OSE. Ab 2003 ist Jean-François Guthmann Präsident, Geschäftsführerin ist Patricia Sitruk. Das OSE hat etwa 650 Mitarbeiter und 100 ehrenamtliche Unterstützer.Gérard Foussier: Versteckte Kinder in Dokumente/Documents, Zeitschrift für den deutsch-französischen Dialog, 1/2016, S. 37.
Historisch spielte der Immunologe Alexandre Besredka, ein Arzt russischer Herkunft in Paris, eine wichtige Rolle in der OSE der Zwischenkriegszeit., Archiv. Seine Lebensjahre waren 1870 bis 1940
Liste von OSE-Kinderheimen während des Zweiten Weltkriegs (Auswahl) mini|Das Château de Chabannes war ein Kinderheim von OSE in Chabannes (Saint-Pierre-de-Fursac) in Vichy-Frankreich, in dem etwa 400 jüdische Flüchtlingskinder durch den damaligen Direktor, Félix Chevrier, und durch das Lehrerkollegium vor dem Holocaust gerettet wurden. 1999 im Dokumentarfilm „The Children of Chabannes“ von Lisa Gossels und Dean Wetherell dokumentiert (Filmmusik von Patrice Mestral).
Nach den Novemberpogrome 1938 erlaubte die französische Regierung die Aufnahme von 200 jüdischen Kindern aus dem Deutschen Reich. Die Federführung für die darauf basierenden Rettungsaktionen lag beim Comité Israélite pour les Enfants venant d’Allemagne et de l’Europe Centrale (CIE), das eng mit der OSE zusammenarbeitete. Ein Teil der Kinder, etwa 130, wurde von März 1939 bis Mai 1940 in dem der Familie von Édouard und Germaine de Rothschild gehörenden Château de la Guette in Villeneuve-Saint-Denis untergebracht, die übrigen Kinder in den ersten Heimen der OSE, der Villa Helvetia und dem Schloss La Chesnaie. Die Kinder aus dem Château de la Guette wurden 1940 in OSE-Heime verlegt.
Die ab dem zeitigenFrühjahr 1939 eingerichteten OSE-Kinderheime befanden sich meist in aufgelassenen Schlössern und Villen (Beispiele):. Zur Geschichte der OSE-Heime siehe vor allem die Publikationen von Katy Hazan. Château de ChabannesSiehe hierzu den Artikel in der englischsprachigen Wikipedia: :en:Château de Chabannes & Französische Webseite von Yad Vashem oder englische Webseite mit vielen Fotos und ausführlicher Geschichte. Château de Chaumont Château Le Couret in Saint-Laurent-les-ÉglisesSiehe dazu auch: AJPN: Le Couret durant la Seconde Guerre mondiale. Gelegentlich wird auch die Nachbargemeinde La Jonchère-Saint-Maurice als Standort von Le Couret genannt. Schloss La Chesnaie in Eaubonne Villa Helvetia, Montmorency (Val-d’Oise) Villa Mariana, Saint-Raphaël Château de la Hille, (fälschlich auch Château de la Mille), Nähe Pamiers Château du Masgelier in der Nähe von Le Grand-Bourg.Musée du Patrimonie de France: Château du Masgelier dans la Creuse. Zu dem dortigen Kinderheim existiert auch ein längerer Artikel in der französischsprachigen Wikipedia. Limoges Pouponnière de Limoges in der Rue Eugène VarlinEurope Remembers: Platz der Gerechten unter den Völkern in Limoges & AJPN: Pouponnière de Limoges Château de Mas-Jambot (heute Mas-Jambost), an der Straße nach Angoulême (heute D 941), heute Schule, Park, Rosengarten Château de Maubuisson, Saint-Ouen-l’Aumône Château de Montintin, in Château-Chervix, südlich von LimogesSiehe dazu auch den Artikel in der französischsprachigen Wikipedia: :fr:Château de Montintin & AJPN: Château de Montintin durant la Seconde Guerre mondiale Die Einrichtung bestand aus dem Hauptgebäude und zwei Nebengebäuden, von denen eines, La Chevrette, anfangs als Schlafsaal für die besonders frommen Kinder dienteKaty Hazan: (1) Les maisons d’enfants de l’OSE, später aber wohl als Unterkunft für die älteren Kinder, denen das Haus bessere Fluchtmöglichkeiten bei Razzien bot. Das Château de Montintin war 1940 eine Nachfolgeeinrichtung für einen Teil der in der Region Montmorency untergebrachten Kinder, die vor den vorrückenden deutschen Truppen in Sicherheit gebracht werden mussten. Château des Morelles, Broût-Vernet Beschreibung, Personen Les Tourelles, Soisy-sous-Montmorency Beschreibung, PersonenBekannt als letzter legaler Aufenthalt von Adele Kurzweil aus Graz, bekannt durch einen Roman von Manfred Theisen, 2009. Die Theodor Kramer Gesellschaft Wien verfügt über ein Foto von Adele mit einem anderen Mädchen, Dorli Löbl, beim Völkerballspiel in Les Tourelles 1939. Das Bild diente als Hintergrund bei einem Vortrag von Vera Freud am 15. November 2014 in Wien. La maison d'enfants de ChamonixCHILDREN'S HOMES IN FRANCE DURING THE HOLOCAUST: Chamonix Maison des Pupilles de la Nation in Aspet war ein staatliches Waisenhaus, geleitet von Henri Couvot. Die OSE konnte hier in Zusammenarbeit mit dem American Friends Service Committee (Quäker) nach der Deportation der Juden aus Baden und der Saarpfalz (Wagner-Bürckel-Aktion) 47 aus dem Camp de Gurs gerettete Kinder unterbringen.Brigitte und Gerhard Brändle: Jüdische Kinder im Lager Gurs: Gerettete und ihre Rretter*innen, herausgegeben von der IRG Baden, Karlsruhe 1920, S. 170 f. (Online)
Versteckte jüdische Kinder in Frankreich 1939–1945 Auf Ancestry steht eine Datenbank zur Verfügung, die auf einer Sammlung von OSE-Dokumenten aufbaut und es ermöglicht, nach jüdischen Kindern zu suchen, die während des Zweiten Weltkriegs von der OSE betreut, versteckt oder in sichere Länder gebracht werden konnten.Datenbank über von der OSE versteckte Kinder 1939–1945
Literatur Michèle Becquemin: Une institution juive dans la République, l’Oeuvre de Secours aux Enfants : pour une histoire du service social et de la protection de l’enfance. Éd. Pétra, Paris 2013, ISBN 978-2-84743-058-5. Laura Hobson Faure: L’œuvre de secours aux enfants et les populations juives au XXe siècle : prévenir et guérir dans un siècle de violences. Colin, Paris 2014, ISBN 978-2-200-28546-3. Katy Hazan: Le sauvetage des enfants juifs pendant l'Occupation, dans les maisons de l'OSE, 1938–1945 – Rescuing Jewish children during the Nazi occupation: OSE children’s homes, 1938–1945. Somogy Ed. d’Art, Paris 2008, ISBN 978-2-7572-0219-7.