Helikoptergeld ist eine Ausweitung der Geldmenge durch Geldschöpfung, bei der das neu geschaffene Zentralbankgeld direkt an Staat oder Bürger ausgezahlt wird. Helikoptergeld ist eine extreme Form expansiver Geldpolitik. Ziel dieser Geldpolitik ist es, durch vermehrte Konsumausgaben die Realwirtschaft anzukurbeln, ein angestrebtes Inflationsziel zu erreichen beziehungsweise Deflation zu vermeiden oder zu vermindern. Helikoptergeld hat historische Vorläufer, die teilweise auch praktisch umgesetzt wurden.
Das Konzept wird seit 2015 als Erweiterung zu bisherigen geldpolitischen Maßnahmen wie quantitativer Lockerung und Negativzins diskutiert, die die wirtschaftspolitischen Erwartungen nicht erfüllten.
Formen des Transfers Das durch Geldschöpfung erzeugte Zentralbankgeld kann den Bürgern direkt überwiesen werden. Konsumgutscheine sind eine indirekte Möglichkeit, das durch Geldschöpfung erzeugte Zentralbankgeld in Umlauf zu bringen. Eine andere Möglichkeit besteht darin, dass Regierungen mit dem erzeugten Geld die Steuern senken oder den Bürgern Steuern gutschreiben. Auch eine Reduktion von Krankenkassenprämien ist denkbar. Statt direkt an die Bürger können die Notenbanken das Geld auch an den jeweiligen Staat für den Haushalt überweisen. Dieser würde dann das Geld in Straßen oder andere Großprojekte investieren und so die Wirtschaft ankurbeln. In: Cash. 14. März 2016.So könnte das Konzept „Helikoptergeld“ funktionieren. In: Die Welt. 21. März 2016. Bei der Direktüberweisung an Bürger wäre das Problem zu lösen, wie man Informationen über Millionen Bankkonten zentral erfasst und wie Bürger ohne Girokonto berücksichtigt werden können.
In der britischen Tageszeitung The Guardian wurde vorgeschlagen, Maßnahmen gegen den Klimawandel über zinslose Klima-Anleihen mit einer Laufzeit von 100 Jahren zu finanzieren. Die Zentralbank würde dem UN Green Climate Fund diese Anleihen abkaufen und ihm auf diese Weise praktisch nicht rückzahlbares Geld zur Verfügung stellen.
Unterschied zu anderen Konzepten Quantitative Easing Von Quantitative Easing (Quantitativer Lockerung) unterscheidet sich der Transfer von Zentralgeld an Bürger oder Staat beim Helikoptergeld dadurch, dass das Helikoptergeld nicht wie bei der Quantitativen Lockerung an die Banken gegen Anleihen ausgezahlt wird, sondern direkt und ohne Umweg an den Bürger oder den Staatshaushalt. Die Bilanz der Zentralbank wird somit beim Helikoptergeld nicht vergrößert. Man spricht deshalb von „schuldfreien“ Auszahlungen der Zentralbank.
Bei Quantitativer Lockerung dagegen wechselt ein Wertpapier von der Geschäftsbank zur Zentralbank als Gegenleistung für das von der Zentralbank geschaffene und der Bank zur Verfügung gestellte Geld. Die Bilanz der Zentralbank wird also um den ausgegebenen Betrag vergrößert, zum einen auf der Passivseite für das ausgegebene Geld und zum anderen für den entsprechenden erhaltenen Gegenwert der Wertpapiere auf der Aktivseite.
Quantitative Easing for the People Die Zentralbanken zahlen beim PQE das neu geschaffene Geld nicht direkt an die Bürger aus, sondern finanzieren den Staatshaushalt oder von der Regierung veranlasste Investitionen. PQE schränkt demnach die Unabhängigkeit der Zentralbanken von wirtschaftspolitischen Entscheidungen ein, indem die Zentralbanken Haushaltsziele des Staates verwirklichen.
Monetarisierung von Staatsschulden Bei der Monetarisierung von Staatsschulden weist die Regierung die Zentralbank an, die Geldmenge um den Betrag zu erhöhen, der notwendig ist, um Schulden zurückzuzahlen. Dabei nimmt die Regierung eine schädliche Inflation in Kauf, durch die das Vertrauen der Bevölkerung gemindert und Vermögenswerte zerstört werden.
„Helikoptergeld“ im Gedankenexperiment Friedmans 1969 Der Ausdruck „Helikoptergeld“ wurde erstmals 1969 von Milton Friedman verwendet.Milton Friedman: Optimum Quantity of Money. Aldine Publishing Company, 1969, S. 4 ff. Nachdruck: Kampf gegen Deflation: Heikle Helikopter-Phantasien. In: Neue Zürcher Zeitung. 20. März 2016. In seinem modellhaften Gedankenexperiment zur Illustration der Grundprinzipien seiner monetären Theorie des Geldes stellte Milton Friedman die Frage, was geschehen würde, wenn eine Zentralbank das von ihr gedruckte Geld in einen Helikopter laden und über den Bürgern einer Modell-Gemeinde abwerfen würde: mini|hochkant|Milton Friedman, 2004
Im Unterschied zu den verbreiteten Interpretationen illustriert dieses Beispiel und sein Effekt bei Friedman nur die Neutralität der monetären Geldbasis (M2), also gerade keine Anreizfunktion für den Konsum.
Friedman setzte in seinem Beispiel zunächst außerdem voraus, dass jeder Mensch dieser Modell-Gemeinde nun doppelt so viel Geld habe wie vorher und es für immer behalten könne, er nahm dazu auch Vollbeschäftigung und Auslastung der Produktion und eine 0-Zins-Politik der Zentralbank an.
Durch die Verdopplung der Geldmenge entstünde nach Friedmans Beispiel lediglich eine Verdopplung der Preise, also eine von der Zentralbank gesteuerte exakt berechenbare Inflation, weiter nichts.Brachiale Methoden der Geldpolitik. In: Neue Zürcher Zeitung. 16. Februar 2016. Friedman illustrierte damit Hauptprinzipien seiner monetären Theorie, deren wichtigster Punkt die Quantitätstheorie Friedmans ist: Es gibt ein stabiles Niveau von Geldmenge und Preisen. Die Geldmenge hat seiner Theorie nach keinen Einfluss auf die Realwirtschaft, da beispielsweise auch bei einer Verdopplung der Preise die Menge der Güter gleich bleibt.
Das Konzept von Helikoptergeld ist hier also ein akademisches Gedankenexperiment,Helikoptergeld: Flugwetter für Geldpolitiker. In: Neue Zürcher Zeitung. 1. April 2016. das ähnlich einer Parabel der Erläuterung des Funktionierens seiner monetären Theorie des Geldes dient. Später wurde das didaktische Beispiel Friedmans in eine Metapher für eine gezielte zins- und kreditlose Ausweitung der Geldmenge durch Transferzahlungen an Bürger zur Ankurbelung der Nachfrage oder zur Inflationssteigerung uminterpretiert.
Helikopter-Geld im Vergleich zu Friedmanns Modell – CEPR-Studien In ihrem „Primer“ zu Helikopter-Geld, arbeiten die Lehrbuchautoren Stephen Cecchetti und Kim Schoenholtz von CEPR heraus, dass Helikoptergeld eine Form expansiver Fiskalpolitik auf der Basis von Zentralbank-Geld sei, nicht aber monetäre Geldpolitik, wie sie Friedmann konzipierte. Geldpolitik könne nur Zinsen, aber nicht die Geldbasis steuern. Diese werde von der Nachfrage nach Geld durch Konsumenten und Banken bestimmt. Die Zentralbank könne von sich aus die Geldbasis nicht vergrößern. Zentralbanken von heute zahlen Zinsen auf Einlagen der Banken, um die Zinshöhe in der Volkswirtschaft zu steuern. Wenn man Regierungshaushalt und Bundesbankhaushalt zu einer Staatsbilanz zusammenführt, erscheint Helikopter-Geld als fiskalische Erweiterung, die durch Zentralbankgeld finanziert wird und nicht durch Wertpapiere.
Schritt 1: Das Schatzamt stellt einen Schatzbrief für die Zentralbank aus und bekommt dafür ein Guthaben gutgeschrieben. Für beispielhafte 100 Dollar, die der Staat in Form eines Schatzbriefs an die Bundesbank übergibt, erhält der Staatshaushalt von der Bank 100 Dollar ausgezahlt. In der gesamten Staatsbilanz ergibt sich daraus keine Veränderung.
Schritt 2: Das Schatzamt gibt das Geld aus seinem Konto aus und verlagert so die Schuld der Zentralbank auf die Reserven der Geschäftsbanken. Dies führt auch zu einem Anstieg der erwarteten Steuereinnahmen als Anlage des Schatzamtes. Die 100 Dollar werden also von der Finanzbehörde des Staates an Bürger verteilt, zum Beispiel auf deren Konten überwiesen, oder für Infrastrukturmaßnahmen oder eine Steuerrückerstattung ausgegeben. Die 100 Dollar wandern so gesehen vom Regierungskonto auf das Konto einer Geschäftsbank.
Schritt 3: Die Geschäftsbanken wollen keine zusätzlichen Reserven und wechseln diese gegen Schatzbriefe. Damit reduzieren sie Zentralbankanlagen und Zentralbankschulden. Die Zentralbank begünstigt diesen Wechsel durch Anpassung der Zinsrate.
Schritt 4: Im Ergebnis steigt die Ausgabe von Schatzanleihen durch das Schatzamt, weniger jedoch die Menge von Zentralbankgeld.
So gesehen, verschwindet das Helikoptergeld schrittweise aus der Bilanz.
Die Autoren gelangen zu der Schlussfolgerung, dass bei niedrigen Zinsen Helikoptergeld genauso wirkungsvoll ist wie jede durch Bundesanleihen finanzierte Steuersenkung oder Infrastrukturinvestition in Kombination mit Quantitative Easing.
Geschichte Vorstellungen einer direkten Transferzahlung an Bürger oder einer Ausweitung der Geldmenge zur Staatsfinanzierung wurden schon vor der Diskussion um „Helikoptergeld“ von Major Douglas, dem Social Credit Movement und Silvio Gesell in seiner Freiwirtschaftslehre vertreten. Diese Konzepte wurden teilweise aufgrund der angeblichen Verbindungen oder Übereinstimmungen mit der Geldschöpfungspraxis sozialistischer oder faschistischer Regierungssysteme diskreditiert.Frances Hutchinson: Political Economy of Social Credit and Guild Socialism. Routledge, London 1997, ISBN 0-415-14709-3.Janine Stingel: Social Discredit: Anti-Semitism, Social Credit and the Jewish Response. McGill-Queen’s University Press, Montreal 2000, ISBN 0-7735-2010-4, S. 13.John L. Finlay: Social Credit: The English Origins. McGill-Queens University Press, Montreal 1972, ISBN 0-7735-0111-8, S. 105.
Die erfolgreiche Wirtschaftspolitik Korekiyo Takahashis, des „japanischen Keynes“, während der Weltwirtschaftskrise beruhte auf monetärer Staatsfinanzierung zur Ankurbelung der Wirtschaft und Abwertung des Außenwertes der Währung. Es gelang Takahashi, die schwere Depression Japans in den 30er Jahren durch Abkopplung der Währung vom Goldstandard und direkte Finanzierung der Staatsausgaben ohne erhebliche inflatorische Wirkung zu bewältigen.Richard J. Smethurst: Takahashi Korekiyo’s Economic Policies in the Great Depression and Their Meiji Roots. (PDF; 126 kB) auf eprints.lse.ac.uk.Richard J. Methurst: From Foot Soldier to Finance Minister: Takahashi Korekiyo, Japan’s Keynes (= Harvard East Asian monographs. 292). Harvard University Press, Cambridge 2007; Takahashi Korekiyo’s Fiscal Policy and the Rise of Militarism in Japan During the Great Depression. In: Bert Edström (Hrsg.): Turning Points in Japanese History. Japan Library, Richmond 2002.
John Maynard Keynes hatte in seinem Werk Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes vorgeschlagen, Geld in ungenutzten Bergwerken zu vergraben, wo es von Arbeitslosen ausgegraben werden könnte. Der Effekt wäre derselbe wie bei einer Zunahme der Goldgewinnung in einer Goldmine.
Anatole Kaletsky bezeichnete die Ausgabe von Geldgeschenken an die Bürger als „quantitative easing for the people“,Anatole Kaletsky: How about quantitative easing for the People? August 2012. ein Konzept, das 2014 auch von John Muellbauer unterstützt wurde.
Zur Bekämpfung der Finanzkrise ab 2007 sowie der darauffolgenden Eurokrise gingen viele Notenbanken zu einer stark expansiven Geldpolitik über. Als diese Maßnahmen nicht die gewünschte stimulierende Wirkung auf die Konjunktur zeigten, starteten verschiedene Notenbanken von reichen Ländern sogenannte Quantitative Lockerungs-Programme (oder QE, von englisch quantitative easing) und kauften im großen Stil private Anleihen und/oder Staatsanleihen auf. Da auch diese Maßnahmen noch nicht den gewünschten Wirtschaftsaufschwung brachten, führten mehrere Notenbanken Negativzinsen ein. Die Ausgabe von Helikoptergeld wäre eine weitergehende Maßnahme nach dem eingestandenen Scheitern aller bisher getroffenen Maßnahmen.
Eine Einführung von direktem Transfer von Zentralgeld wurde am ehesten für Japan empfohlen und erwartet.