mini|Buchseite aus dem Psalmenkommentar des Österreichischen Bibelübersetzers, Text mit Glossen Unter dem Notnamen Österreichischer Bibelübersetzer (ÖBü)Michael Hollenbach: Bibel fürs Volk – 200 Jahre vor Luther, Deutschlandfunk, 21. April 2016, abgerufen am 10. Januar 2024. ist der anonyme Verfasser einer mittelhochdeutschen Bibelübertragung des frühen 14. Jahrhunderts bekannt, die sich in das Klosterneuburger Evangelienwerk und das Schlierbacher Alte Testament aufgliedert. Seiner kommentierten Bibelübersetzung wird aufgrund des Umfangs und der sprachlichen Finesse eine bedeutende Rolle in der Geschichte der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen volkssprachlichen Laienbibeln eingeräumt, die ihren Höhepunkt in der Lutherbibel fand. In programmatischen Schriften forderte er 200 Jahre vor Luther, dass „die heilig schrifft den seligen krissten wirt geöffent“ und „ze deutsch pracht“ wird.nach Freimut Löser, Christine Stöllinger-Löser: Verteidigung der Laienbibel. Zwei programmatische Vorreden des österreichischen Bibelübersetzers der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts. In: Konrad Kunze, Johannes G. Mayer, Bernhard Schnell (Hrsg.): Überlieferungsgeschichtliche Editionen und Studien zur deutschen Literatur des Mittelalters. De Gruyter, Berlin 1989, S. 245 ff. (online bei Google Books, abgerufen am 25. März 2016)

Werküberblick und Verfasserfrage Heute werden dem österreichischen Anonymus Übersetzungen und Bearbeitungen des biblischen Stoffes sowie eine Reihe von apologetischen Traktaten und ein Fürstenspiegel zugeschrieben. Sein Werk umfasst nach derzeitigem Forschungsstand einerseits das sogenannte Klosterneuburger Evangelienwerk (KEW), das Schlierbacher Alte Testament (SAT), einen Psalmenkommentar; andererseits Schriften, die sich energisch gegen damalige häretische Umtriebe, vermutlich der Waldenser, zugleich gegen Orthodoxie und Aberglaube, aber auch gegen Juden richten: Vom Antichrist, Vom Jüngsten Tag und Gottes Gericht, Vom Irrtum der Juden und dem Unglauben der Philosophen und Ketzer und weitere Contra-Judaeos- und sich gegen Irrglauben richtende Traktate. Es handelt sich jedoch nach neueren Erkenntnissen dabei um exzerpierende Übertragungen aus dem lateinischen Werk des Mitte des 12. Jahrhunderts wirkenden Passauer Anonymus. Zur ersten Werkgruppe gehören wohl auch die eigenständig überlieferten glossierten Übertragungen der alttestamentlichen Bücher Proverbia und Ecclesiastes. Als Teil der Bibelübertragungen haben die Vorreden, die als Rechtfertigungsschriften des Autors für seine volkssprachlichen Übertragungen anzusehen sind, eine eigene Überlieferungsgeschichte. Beim Psalmenkommentar sind Kenntnisse des Verfassers über die exegetische Postilla litteralis von Nikolaus von Lyra evident.Kurt Gärtner: Klosterneuburger Evangelienwerk. In: Verfasserlexikon, Band 4, De Gruyter, Berlin 1983 (online bei Google Books, abgerufen am 25. März 2016)Freimut Löser: Augsburger DFG-Projekt–Antrag (Auszug), abgerufen am 25. März 2016

Der anonyme Verfasser rechnet sich selbst zu den „vngelernt layn“ (ungelernten Laien) und bezeichnet sich außerdem als nicht ordiniert: „wann ih niht geweiht pin vnd geordent gots wort zu predigen“nach Georg Steer: Die deutsche ‚Rechtssumme‘ des Dominikaners Berthold – ein Dokument der spätmittelalterlichen Laienchristlichkeit. In: Klaus Schreiner, Elisabeth Müller-Luckner (Hrsg.): Laienfrömmigkeit im späten Mittelalter. Formen, Funktionen, politisch-soziale Zusammenhänge., S. 236 (online bei Google Books, abgerufen am 25. März 2016) – es ist allerdings fraglich, inwieweit dies nur dem Bescheidenheitstopos entspricht. Er muss ob seines eleganten Stils und seiner Lateinkenntnisse über eine umfassende Bildung verfügt haben, weshalb er lange Zeit auch mit dem bedeutende Dichter Heinrich von Mügeln identifiziert wurde. Besonders für den Psalmenkommentar wurde eine Urheberschaft von Mügelns vermutet, die schon in einer alten Abschrift proklamiert wurde.Freimut Löser: Neues vom Österreichischen Bibelübersetzer. In: Ralf Plate, Martin Schubert (Hrsg.): Mittelhochdeutsch. Beiträge zur Überlieferung, Sprache und Literatur. De Gruyter, Berlin 2011 (Online als PDF, abgerufen am 25. März 2016) Textkritische Befunde legen jedoch eine Fehlannahme nahe.

Die Fundorte der meisten Handschriften und sprachliche Eigenheiten sprechen für eine Herkunft aus dem Herzogtum Österreich; Krems wird im Text erwähnt. Der Urheber, selbst kein ausgewiesener Theologe, verteidigt in den Vorreden zu einzelnen Kapiteln seinen Beweggrund, die Bibel dem Laien in der Volkssprache Deutsch zugänglich zu machen, wohl als Reaktion auf konkrete Angriffe. Er intendierte wohl die Schaffung einer größeren Volksnähe der katholischen Kirche, was ketzerischen Strömungen der Zeit entgegenwirken sollte. Der Anonymus scheint mächtige weltliche und geistliche Unterstützer gehabt haben, vermutet wird eine Nähe zu den Franziskanern. Die Verfasserfrage ist weiterhin ungeklärt. Ein Wolfhart wird in frühen Ausgaben genannt, unklar bleibt jedoch, ob es sich dabei um den Urheber oder nur um einen Überliefernden handelt.Kathrin Zinkant: Bibelübersetzung aus Mittelalter war Luther voraus. Süddeutsche Zeitung vom 25. März 2016, abgerufen am 25. März 2016

Klosterneuburger Evangelienwerk

mini|Illustration aus Codex Gen. 8 (um 1340): Die Frau des Räubers badet das Jesuskind vor einem Haus, die heilige Familie ruht aus.

Das Klosterneuburger Evangelienwerk (KEW) wird in der mediävistischen Forschung auf etwa 1330 datiert. Die früheste erhaltene Handschrift aus der Schaffhausener Stadtbibliothek (etwa 1340) gilt nicht als Erstfassung.

Das Klosterneuburger Evangelienwerk ist eine harmonisierte Evangeliendarstellung, deren inhaltlicher Aufbau chronologisch dem Leben Jesu folgt. Anders als Luther stützte sich der Übersetzer nicht auf die hebräischen und griechischen Originalquellen, sondern auf lateinische Übersetzungen wie die Vulgata, räumt jedoch auch nichtkanonischen Heiligenlegenden (Legenda aurea), Marienleben und z. B. dem apokryphen Nikodemusevangelium und auch mittelhochdeutschen Quellen einen relativ hohen Stellenwert ein. Das Evangelienwerk beinhaltet auch die ersten fünf Kapitel der Apostelgeschichte. Die Handschriften sind rubriziert, den Perikopen ist eine Rubrik mit kurzer deutscher Inhaltsdarstellung des folgenden Abschnitts und der lateinische Anfang der Perikope vorangestellt, eine kommentierende Glosse folgt.

mini|Illustration aus Codex Gen. 4 (um 1410). Oben: Jesu Geburt mit Ochs und Esel. Unten: Verkündigung an die HirtenVergleiche

In der Handschrift Gen. 8 (um 1340) der Stadtbibliothek Schaffhausen wird der Text durch aufwändige Buchmalereien begleitet. Auch die Handschrift der Stiftsbibliothek Klosterneuburg, Cod. 4, weist aufwendigen Buchschmuck auf.

Schlierbacher Altes Testament Das Schlierbacher Alte Testament (SAT) liegt in zwei Handschriften vor: In einer früheren aus der Stiftsbibliothek Schlierbach, und einer später entdeckten, aber vollständigeren aus der Stiftsbibliothek Melk. In der Schlierbacher Fassung sind die Bücher Genesis, Exodus, Tobias und Daniel enthalten, die Melker Handschrift erweitert das Inhaltsbild um das Buch Hiob. Es wird vermutet, dass auch die separat überlieferten Bücher Proverbia und Ecclesiastes zum Korpus gehört haben. Die Glossierung ist weniger umfangreich als im KEW.

Forschungsgeschichte Alfred Bergeler wies die Einzelwerke erstmals einem Verfasser zu, den er als Heinrich von Mügeln identifizierte, was nach dem heutigen Forschungsstand nicht zu halten ist. Kurt Gärtner machte sich um weitere Handschriftenfunde und Überblicksdarstellungen verdient, er sprach dem Klosterneuburger Evangelienwerk auch erstmals seine bedeutende Rolle zu: „Ihn dürfte man [...] mit einigen Einschränkungen sogar den Schöpfer einer ‚ersten deutschen Bibel‘ nennen.“Kurt Gärtner: Die erste deutsche Bibel? Zum Bibelwerk des Österreichischen Bibelübersetzers aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts. In: Horst Brunner, Norbert Richard Wolf (Hrsg.): Wissensliteratur im Mittelalter und in der frühen Neuzeit. In: Wissensliteratur im Mittelalter. Bedingungen, Typen, Publikum, Sprache (= Schriften des Sonderforschungsbereichs 226, Bd. 13). Reichert, Wiesbaden 1993, S. 289, zitiert nach Freimut Löser: Neues vom Österreichischen Bibelübersetzer. In: Ralf Plate, Martin Schubert (Hrsg.): Mittelhochdeutsch. Beiträge zur Überlieferung, Sprache und Literatur. De Gruyter, Berlin 2011 (Online als PDF, abgerufen am 25. März 2016) Weitere bedeutsame Quellenfunde sind unter anderem Gisela Kornrumpf zuzusprechen.

Die Werke des Österreichischen Bibelübersetzers sind momentan Gegenstand von Forschungsprojekten. Von 2005 bis 2012 fand an der Universität Augsburg unter Leitung von Freimut Löser ein Forschungsprojekt an den Traktaten und dem SAT statt.DFG-Projekt: Österreichischer Bibelübersetzer auf der Website der Uni Augsburg, abgerufen am 10. Januar 2024. 2016 begann ein von der GWK mit einem Budget von 4,5 Millionen Euro gefördertes Projekt zur Erforschung und Edierung des KEW. Es wird von der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaft betreut und geleitet von Freimut Löser (Augsburg), Martin Schubert (Essen-Duisburg) und Jens Haustein (Jena). Bis 2027 soll das Projekt ans Ziel kommen. 2023 erschien die kritische Ausgabe seines Alttestamentlichen Werks als erste der deutschen Bibelbearbeitungen des Österreichischen Bibelübersetzers in der Reihe Deutsche Texte des Mittelalters.„Alttestamentliches Werk“ erschienen, abgerufen am 10. Januar 2024.

Literatur

Forschung Gerd Dicke: Jesu erstes Wunder? Die Apokryphen-Anleihen des Österreichischen Bibelübersetzers, die ‘Infantia Salvatoris’ und die kanonische Disziplinierung der deutschen Bibel. In: Zeitschrift für deutsches Altertum 150 (2021), S. 143–219. Edith Kapeller: Der Österreichische Bibelübersetzer und die Kritik an und von ihm. In: Theisen, Maria (Hrsg.): Herzog Albrechts V. und die Auswirkungen der Hussitenkriege – Neue Aspekte (Fokus Kloster. Lebens- und Wissensräume religiöser Kulturen, Bd. 1). Böhlau, Wien 2024, S. 15–25. [open access: https://www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com/themen-entdecken/geschichte/geschichte-des-mittelalters/59338/herzog-albrecht-v-und-die-auswirkungen-der-hussitenkriege?c=1532] Gisela Kornrumpf: Österreichischer Bibelübersetzer. In: Wilhelm Kühlmann (Hrsg.): Killy Literaturlexikon. De Gruyter, Berlin 2010, S. 682 f. Freimut Löser, Christine Stöllinger-Löser: Verteidigung der Laienbibel. Zwei programmatische Vorreden des österreichischen Bibelübersetzers der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts. In: Konrad Kunze, Johannes G. Mayer, Bernhard Schnell (Hrsg.): Überlieferungsgeschichtliche Editionen und Studien zur deutschen Literatur des Mittelalters. De Gruyter, Berlin 1989, S. 245–313. [mit Edition der Vorreden] Freimut Löser, Christine Stöllinger-Löser: Neue Fragmente aus dem Werk des Österreichischen Bibelübersetzers. In: Rudolf Bentzinger, Ulrich-Dieter Oppitz, Jürgen Wolf (Hrsg.): Grundlagen: Forschungen, Editionen und Materialien zur deutschen Literatur und Sprache des Mittelalters und der Frühen Neuzeit. (Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur, Beihefte 18) S. Hirzel, Stuttgart 2013, S. 147–159. Freimut Löser: Neues vom Österreichischen Bibelübersetzer. Proverbia, Ecclesiastes und die Verteidigung der Laienbibel in der ‘Vorrede I’. In: Ralf Plate, Martin Schubert (Hrsg.): Mittelhochdeutsch: Beiträge zur Überlieferung, Sprache und Literatur. Festschrift für Kurt Gärtner zum 75. Geburtstag. De Gruyter, Berlin/Boston 2011, S. 177–199. Nadine Popst: got wil uns hail geben, das man uns der latein zu deutsch pring: Das werk des Österreichischen Bibelübersetzers. In: Vulgata in Dialogue 7 (2023), S. 49–56. [DOI: https://doi.org/10.25788/vidbor.v7i1.1187]

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